Deine Zeit ist um, sagte der Mann und deutete auf die Tür.
Schon wieder dieser Gestank! Ich habe dich gebeten, nicht in der Wohnung zu rauchen! Inge riss die Fenster im Wohnzimmer auf und wedelte wütend mit den Vorhängen. Herrgott, sogar das Sofa stinkt. Was werden Lydia und ihr Mann denken, wenn sie zum Abendessen kommen?
Was sollen sie denn denken?, erwiderte Markus und drückte demonstrativ seine Zigarette im Aschenbecher aus. Dass hier ein normaler Mann wohnt, der ab und zu raucht. Große Sache.
Normale Männer, Markus, rauchen auf dem Balkon oder draußen. Sie vergiften ihre Familie nicht mit Qualm. Mir brummt der Kopf davon.
Jetzt gehts los. Markus rollte mit den Augen. Fünfundzwanzig Jahre hast du mit einem Raucher gelebt, und plötzlich tut dir der Kopf weh. Vielleicht ist es die Menopause, Ingechen?
Inge erstarrte, die Lippen zusammengepresst. Dieses Thema ihr Alter und alles, was damit zusammenhing kam immer öfter zur Sprache, als wolle er sie gezielt verletzen. Und irgendwie traf er immer ins Schwarze.
Was hat das damit zu tun?, wandte sie sich zum Fenster, um die aufsteigenden Tränen zu verbergen. Ich verlange einfach ein bisschen Respekt. Ist es so schwer, auf den Balkon zu gehen?
Respekt? Markus schnaubte. Und wo bleibt dein Respekt mir gegenüber? Nach der Arbeit möchte ich mich einfach in meinen Sessel setzen, Tee trinken und rauchen. Nicht wie ein Schuljunge hin und her rennen. Es ist schließlich mein Haus!
Unser Haus, korrigierte Inge leise.
Na gut, unseres, gab Markus widerwillig zu. Aber die Miete zahle ich. Und die Renovierung. Und deinen neuen Pelzmantel habe ich auch bezahlt.
Inge atmete tief durch. Dieses Argument kannte sie schon. Ja, sie hatte die letzten fünfzehn Jahre nicht gearbeitet erst wegen der Kinder, dann wegen der Schwiegermutter, dann dann hatte sie sich einfach an den Hausfrauenalltag gewöhnt. Und Markus nutzte das gegen sie.
Ich will keinen Streit, sagte sie müde. Ich bitte dich nur, auf dem Balkon zu rauchen. Lydia hat Asthma, das macht es ihr schwer.
Schon gut, gab Markus überraschend nach. Für deine kostbare Lydia gehe ich heute auf den Balkon. Aber nur heute.
Er stand auf und ging ins Schlafzimmer, warf noch über die Schulter:
Übrigens, ich verstehe nicht, warum du sie eingeladen hast. Morgen habe ich ein wichtiges Meeting und brauche Schlaf, nicht deine langweiligen Freunde.
Es sind nicht einfach Freunde, widersprach Inge. Michael ist Bibliotheksdirektor. Er könnte mir mit einer Stelle helfen.
Markus blieb in der Tür stehen und drehte sich langsam um:
Mit was für einer Stelle?
Inge wurde unsicher. Sie hatte geplant, es später zu besprechen, wenn alles sicher war. Jetzt musste sie erklären.
Ich möchte in der Bibliothek arbeiten, sagte sie mit fester Stimme. Dreimal die Woche, halbtags. Die Kinder sind groß, du bist den ganzen Tag weg
Und wer macht dann den Haushalt?, unterbrach er. Wer kocht, putzt, wäscht?
Ich schaffe das schon, versuchte Inge zu lächeln. Die Kinder kommen selten, ich muss nicht viel kochen
Dafür kommt deine Mutter jede Woche, brummte Markus. Und erwartet Kuchen und Suppen.
Mama hilft mir!, entgegnete Inge. Außerdem kommt sie nicht so oft.
Mir egal, winkte Markus ab. Aber die Arbeit das ist Unsinn, Inge. Du bist siebenundvierzig. Bleib zu Hause, sticke oder lies deine Bücher.
Meine Bücher? Inge spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Markus, ich habe Germanistik studiert! Mit Auszeichnung! Ich habe Literatur unterrichtet, bevor ich in Elternzeit ging!
Und was bringt das jetzt?, setzte er sich wieder. Das ist zwanzig Jahre her. Heute gelten andere Regeln. Mit deinem alten Abschluss findest du nichts.
In der Bibliothek, beharrte Inge. Ich brauche kein Vermögen. Ich brauche eine Aufgabe. Austausch. Das Gefühl, noch etwas wert zu sein nicht nur als Putzfrau und Köchin.
Danke, verzog Markus das Gesicht. Also ist Haus und Familie nichts wert? Keine würdige Beschäftigung für eine so kluge Frau wie dich?
Das habe ich nicht gemeint, seufzte Inge. Lass uns später reden. Jetzt müssen wir uns auf die Gäste vorbereiten.
Sie ging in die Küche, ihr Herz klopfte. Jedes Gespräch mit Markus endete im Streit. Irgendwann hatte es angefangen dieses Gefühl, als sprächen sie verschiedene Sprachen. Er hörte ihr nicht mehr zu.
Früher war alles anders gewesen. Sie hatten sich im Germanistikstudium kennengelernt beide voller Leidenschaft für Literatur. Markus schrieb Gedichte, Inge bewunderte sie. Dann kam die Hochzeit, die Kinder zuerst Katharina, dann Thomas. Markus bekam eine Stelle im Verlag, verdiente gut. Inge blieb zu Hause mit den Kindern, dem Haushalt, den Büchern, die immer seltener wurden.
Sie hatte nicht bemerkt, wie Markus sich veränderte. Wie aus dem romantischen Studenten ein zynischer, müder Mann wurde, der kaum noch nach ihren Gedanken fragte. Als sie es merkte, war es zu spät. Sie waren Fremde unter einem Dach.
Lydia und Michael kamen pünktlich um sieben. Der korpulente Mann mit Vollbart diskutierte mit Markus über Politik, während die zierliche Lydia Inge in der Küche half.
Wie ist die Stimmung?, fragte Lydia beim Salatschneiden. Habt ihr über die Stelle gesprochen?
Er ist dagegen.
Was erwartest du? Männer mögen keine Veränderungen schon gar nicht, wenn sie ihren Komfort stören.
Aber es ändert doch nichts, holte Inge die Auflaufform aus dem Ofen. Ich mache alles wie immer, nur drei Mal die Woche für ein paar Stunden weg.
Für ihn ist das der Weltuntergang, lachte Lydia. Stell dir vor: Er kommt heim und du bist nicht da!
Beide lachten, und Inge spürte, wie die Anspannung wich. Lydia strahlte eine Ruhe aus, die ihr guttat.
Das Essen verlief friedlich. Markus war charmant, scherzte sogar. Inge entspannte sich vielleicht würde alles gut.
Übrigens, wandte sich Lydia an Inge. Hast du Markus von unserer Idee erzählt?
Welche Idee?, blickte Markus auf.
Ähm, Inge zögerte. Ich könnte einen Literaturkreis für Kinder leiten. In der Bibliothek.
Und wann soll das beginnen?, seine Stimme wurde scharf.
Nächsten Monat, antwortete Lydia unbefangen. Zweimal die Woche, je zwei Stunden. Ganz wenig.
Interessant, legte Markus die Gabel weg. Hättest du das nicht erst mit mir besprechen können?
Ich habe es heute versucht, sagte Inge leise.
Ich erinnere mich nicht an ein Gespräch, wandte er sich an die Gäste. Inge will unbedingt arbeiten. Aber in ihrem Alter ist das unklug.
Wieso?, fragte Michael erstaunt. Inge ist hochgebildet. Solche Leute brauchen wir.
Mag sein, nickte Markus. Aber sie hat Pflichten. Gegenüber ihrer Familie. Ihrem Mann.
Markus, Inge errötete vor Scham. Nicht vor Gästen.
Warum nicht?, er musterte alle. Ich bin gegen die Arbeit meiner Frau. Punkt.
Eine peinliche Stille folgte. Lydia blickte hilflos zu Michael, der hastig das Thema wechselte:
Vorzüglicher Auflauf! Könntest du Lydia das Rezept geben?
Der Rest des Abends verlief in gezwungener Höflichkeit. Als die Gäste gegangen waren, begann Inge schweigend abzuräumen.
Wie lange hättest du mir deine Pläne verschwiegen?, Markus stand in der Tür.
Ich habe nichts verschwiegen. Ich wollte den richtigen Moment abwarten.
Wann wäre das gewesen? Wenn du schon angefangen hättest?
Markus, warum regst du dich so auf?, sie drehte sich zu ihm. Es ist nur ein Job. Kein Verbrechen.
Für mich ist es Verrat, schnitt er ihr das Wort ab. Wir waren uns einig: Du kümmerst dich um den Haushalt, ich verdiene das Geld. So war der Deal.
Das war vor zwanzig Jahren!, rief Inge. Die Kinder sind groß! Ich will mich nützlich fühlen!
Fühlst du dich hier nutzlos?, er trat näher. Sag es direkt: Ist dir die Rolle als Ehefrau zu langweilig? Willst du Freiheit? Neue Bekanntschaften?
Wovon redest du?, Inge war fassungslos. Es geht um Selbstverwirklichung!
Ach, Selbstverwirklichung, er unterbrach sie. Ich kenne diese Frauen. Erst der Job, dann Affären, dann die Scheidung.
Mein Gott, Markus, sie traute ihren Ohren nicht. Glaubst du ernsthaft, ich würde in einer Bibliothek mit staubigen Büchern und alten Damen fremdgehen?
Ich sage nur: Ich bin dagegen. Punkt.
Etwas in Inge brach. Das war das Ende. Das Ende der Hoffnung, vielleicht sogar ihrer Ehe.
Weißt du was?, sagte sie ruhig. Ich werde trotzdem anfangen. Morgen rufe ich Michael an.
Markus starrte sie an: Wie bitte?
Ich nehme die Stelle an. Nicht wegen des Geldes. Sondern weil ich wieder ein Mensch sein will nicht nur Anhängsel von Küche und Wohnzimmer.
Aha. Er nickte langsam. Du hast also ohne mich entschieden.
Ich wollte mit dir entscheiden. Du hast nicht zugehört.
Fein. Er drehte sich um und ging.
Inge hörte, wie er durch die Wohnung stapfte. Dann kam er zurück mit ihrer Handtasche und dem Mantel.
Deine Zeit ist um, sagte er und zeigte auf die Tür. Wenn du ohne mich entscheidest, kannst du auch ohne mich leben. Raus.
Inge zog den Mantel an, nahm die Tasche. Alles kam ihr unwirklich vor.
Das ist dein Ernst? Du wirfst mich wegen eines Bibliotheksjobs raus?
Ich werfe dich raus, weil du unseren Deal gebrochen hast. Weil du deine Wünsche über die Familie stellst.
Sie atmete tief ein und trat zur Tür. Dann drehte sie sich noch einmal um:
Weißt du, was das Traurigste ist, Markus? Du hast nie gefragt, warum mir das wichtig ist. Du hast einfach befohlen als wäre ich dein Eigentum, nicht deine Frau.
Und warum?, fragte er herausfordernd.
Weil ich Angst habe, allein zu bleiben, flüsterte sie. Angst, dass du eines Tages nicht nach Hause kommst. Dass du bei dieser jungen Lektorin bleibst, mit der du seit Monaten Überstunden machst. Und ich sitze in der leeren Wohnung ohne Job, ohne Geld, ohne Sinn. Weil ich alles der Familie gegeben habe. Dir.
Markus wich zurück: Was redest du da? Welche Lektorin?
Claudia, sagte Inge ruhig. Sie ruft dich jeden Abend an. Manchmal gehst du auf den Balkon, damit ich nichts höre. Aber die Wände sind dünn, Markus. Und ich höre gut.
Sie ging hinaus und schloss leise die Tür. Im Treppenhaus war es still, nur von oben klang gedämpfter Jazz.
Inge ging langsam die Stufen hinab, trat in die kühle Nachtluft. Plötzlich spürte sie eine seltsame Erleichterung. Als fiele eine Last von ihren Schultern, die sie jahrelang getragen hatte.
Sie griff zum Handy und wählte Lydias Nummer:
Lydia? Ich bins. Entschuldige die späte Störung Ja, wir haben geredet. Kann ich zu dir kommen? Gleich jetzt?
Auf dem Weg zur Bushaltestelle dachte sie darüber nach, wie seltsam das Leben war. Noch heute Morgen war sie sicher gewesen, ihr Leben in dieser Wohnung zu verbringen. Jetzt ging sie ins Ungewisse und fühlte sich freier als je zuvor.
Das Telefon in ihrer Tasche klingelte. Markus Name blinkte auf. Inge zögerte eine Sekunde dann lehnte sie ab und schaltete das Gerät aus.
Ihre Zeit war wirklich um. Die Zeit der Angst, des Schweigens, des Wartens. Jetzt begann etwas Neues unsicher, aber ihr eigenes. Und sie war bereit dafür.
Am Ende erkannte sie: Manchmal muss man gehen, um sich selbst wiederzufinden.





