HandtäschchenSie öffnete das Handtäschchen und fand darin einen vergilbten Liebesbrief, der vor Jahrzehnten in Wien geschrieben worden war.

Annegret Schneider lässt sich auf der freien Bank nieder, nachdem sie sich vergewissert hat, dass sie sauber ist und ihrem hellen Kleid nicht einmal ein Staubkorn droht. In der Hand hält sie die neue weiße Handtasche. Hier im Kurhotel ist es inzwischen Gewohnheit, nach dem Abendessen eins der hübschen Kleider anzuziehen und einen Spaziergang zu machen. Die meisten Gäste zeigen ihre Garderobe. Eine Frau hat es so gesagt: „Wo kann man seine schönen Kleider schon ausführen, wenn nicht im Urlaub? Zu Hause gibt es keinen Anlass.“

Aus dem Augenwinkel sieht Annegret, dass Jürgen Brandt herantritt und sich gemächlich neben sie setzt. „Schweigen wir zusammen“, sagt er mit leiser, eindringlicher Stimme; einer Stimme, die ganz zur Stille der Umgebung und zur schönen Landschaft passt. Unter dem beigefarbenen Sakko trägt er ein weißes Hemd, die Hose ist makellos gebügelt, das dunkle Haar sitzt, als käme er gerade aus dem Friseursalon. Das Silbergrau an den Schläfen tut seinem Erscheinungsbild keinen Abbruch, sondern verleiht ihm eine gewisse Souveränität und Solidität.

Schon vor zwei Tagen ist Annegret aufgefallen, dass er sie bei jeder Begegnung auf eine besondere Weise ansieht und sie unter den anderen Damen hervorhebt. „Wie schön Sie das gesagt haben: gemeinsam schweigen“, bemerkt sie, angetan von dem Satz. „Mit Ihnen, Anni, ist sogar Schweigen angenehm, obwohl ich immer gern rede.“ Jürgen dreht sich halb zu Annegret, um die hübsche Brünette ganz in seinen Bann zu ziehen. Annegret gefällt ihm vom ersten Augenblick an.

Auch sie wendet sich ihm zu und lässt ihren warmen Blick auf ihm ruhen. „Übrigens habe ich Sie gestern beim Tanzabend erwartet, aber Sie sind nicht gekommen … Mögen Sie nicht tanzen?“ „Doch, ich tanze gern, aber gestern bin ich spazieren gegangen. Die Luft am Abend ist noch frischer, da möchte man nur atmen und atmen.“ „Ich wusste nicht, dass Sie Abendspaziergänge lieben.“ Jürgen berührt fast unmerklich ihre Hand. Annegret spürt ein leichtes Kribbeln. Jürgens braune Augen sehen sie hoffnungsvoll an.

„Ich möchte Sie heute Abend zu einem ganz privaten Spaziergang einladen“, fährt er fort. „Ich habe den Weg selbst entdeckt. Dort hat man einen herrlichen Blick auf die Berge. Aber ich hatte niemanden, mit dem ich das Gefühl der Schönheit teilen konnte … Jetzt gibt es jemanden: Sie.“ Dabei drückt er leicht Annegrets Hand, als wolle er ein Zeichen für sein weiteres, beharrliches Werben setzen.

„Warum nicht?“, denkt Annegret. „Es ist nur ein Spaziergang. Und allein weit zu laufen ist ohnehin unsicher; mit einem Mann an der Seite ist man sicherer unterwegs.“ Sie sieht ein Paar an der Bank vorbeigehen; die beiden reden lebhaft miteinander, und man merkt, dass sie sich hier im Kurhotel kennengelernt haben und die Zeit nun genießen. „Was haben Sie für eine schöne Hand, Anni“, haucht Jürgen fast. Er rückt noch näher und betrachtet ihr Profil.

Sie will nicht fragen, ob er verheiratet ist; hier sind die meisten nicht frei und rechtfertigen ihre Flirts mit dem Wunsch nach Neuem und nach neuen Eindrücken. Doch gerade ist es ihr wunderbar angenehm, mit einem Mann auf der Bank zu sitzen, dem sie offensichtlich gefällt und der ausgerechnet sie unter allen hervorgehoben hat.

„Kommen Sie, gehen wir jetzt gleich ein Stück“, schlägt er vor. „Wir unterhalten uns, und am Abend lade ich Sie ins Café ein.“ Dabei reicht er Annegret elegant den Arm und hilft ihr auf. Sie stimmt ohne Umschweife zu, nimmt die weiße Handtasche und hakt sich bei Jürgen unter. Nach wenigen Schritten schwingt sie die Tasche sorglos wie ein junges Mädchen und lässt sie fallen. Die Tasche landet in einer kleinen Wasserpfütze, die der Regen hinterlassen hat. Anni erschrickt bei dem Anblick: Das schneeweiße Täschchen liegt im Schmutz.

„Macht nichts, gleich ist sie wie neu“, sagt Jürgen und legt die Tasche vorsichtig auf den Rasen. Annegret holt Servietten heraus und reibt. Aber trübe Streifen bleiben. „Ich wasche sie auf dem Zimmer ab“, sagt Annegret. „Dann warte ich auf dich“, bietet Jürgen an. Oder besser so – er ist schon zum Du übergegangen: „Ich warte nach dem Abendessen auf dich, hier auf der Bank … Einverstanden?“ Sie nickt und eilt zu ihrem Zimmer, die Tasche weit von sich haltend, um sich nicht zu beschmutzen.

Annegret wäscht die neue weiße Handtasche gründlich; sie hat sie eigens vor der Abreise ins Kurhotel gekauft. Die Spuren sind verschwunden, und doch kommt es ihr vor, als wäre die Tasche irgendwie schmutzig geworden, als hätte sie etwas von ihrer Neuheit eingebüßt. Sie denkt an Jürgens Angebot, an den Abendspaziergang, an seinen Blick, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt, und ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt zurück. Zum ersten Mal in dieser Woche stellt sich ein Gefühl ein, das sie selbst beunruhigt. Plötzlich vergleicht sie ihre Beziehung zu Jürgen, die auf den ersten Blick völlig harmlos ist, mit der in den Schmutz gefallenen Handtasche.

Das Telefon klingelt. „Mama, Malte und Bastian lassen mich nicht in Ruhe arbeiten“, hört sie die Stimme ihrer jüngeren Tochter und dazu Gelächter. „Was macht ihr denn da?“, fragt sie ihre Tochter und kehrt dabei in die Realität zurück. „Anni, ich bin es“, meldet sich ihr Mann Bernd Schneider. „Ich habe die Enkel mitgebracht. Wir wollten einen Kuchen backen, aber Gesa protestiert und sagt, wir beschmieren die ganze Küche.“ „Bernd, hol den Kindern doch beim Bäcker etwas Leckeres, und wenn ich komme, backe ich einen Kuchen oder sogar eine Torte.“ „Komm bald, wir vermissen dich alle“, sagt Bernd. Dann fügt er leise hinzu: „Und ich am meisten. Wenn du willst, steige ich jetzt sofort ins Auto und komme dich abholen.“ „Es ist nicht mehr lange, haltet durch. Ich vermisse euch auch. Gib mir mal Gesa.“

Sie spricht noch mit der Tochter, dann mit den Enkeln, und als sie ihrem Mann gesagt hat, dass sie ihn liebt, merkt sie, dass sie zum Abendessen zu spät kommt. Sie zieht sich schnell um, nimmt die Handtasche, dreht sie in den Händen und stellt fest, dass kein Schmutzfleck zu sehen ist. „Jetzt ist es gut“, sagt sie zu sich selbst. Und sie braucht überhaupt nicht zu einem Spaziergang mit irgendeinem Jürgen zu eilen. Das hat sie erkannt, als sie die schmutzige Handtasche mit ihrer sich anbahnenden Romanze verglichen hat.

Annegret spürt, wie sehr sie ihren Mann, ihre Kinder und ihre Enkel vermisst. Eigentlich ist sie weggefahren, um Abstand zu gewinnen, doch jetzt freut sie sich über ihre Stimmen, und sie wäre am liebsten jetzt zu Hause, um zuzusehen, wie ihr Mann den Enkeln einen Kuchen backt. Sie erinnert sich, wie Bernd sie zum Geburtstag mit einem kulinarischen Meisterwerk überraschen wollte. Seine unbeholfenen Handgriffe waren komisch, aber auch liebenswert und erfüllten sie mit Wärme.

„Ich nehme nicht den Bus“, beschließt sie. „Ich sage Bernd, er soll kommen und mich abholen, wenn die Kur vorbei ist. Dann zeige ich ihm, wie schön es hier ist, und wir gehen zusammen spazieren. So eine schmutzige Handtasche brauchen wir nicht.“Sie steckt die weiße Handtasche in den Schrank und zieht sich dennoch um – kein neues Kleid, sondern das bequeme, das sie schon kennt, das nach zu Hause riecht. Als sie an der Bank vorbeikommt, sitzt Jürgen noch da. Er steht erwartungsvoll auf, das Lächeln schon auf den Lippen. Annegret bleibt stehen und sagt leise: „Der Spaziergang wird heute nichts. Ich habe gemerkt, dass ich ihn lieber mit einem anderen machen möchte – mit dem, der zu Hause auf mich wartet.“

Jürgen nickt langsam. „Ich hätte es mir denken können. Du hast etwas an dir, das nicht hierhergehört.“ Er lächelt müde. „Dann viel Glück, Anni.“ Sie schüttelt sanft den Kopf. „Das brauche ich nicht. Ich hab es schon.“

Auf dem Zimmer ruft sie Bernd an. „Weißt du was? Die Kur ist nur halb so schön ohne dich. Wenn du willst, kommst du übermorgen, und wir fahren gemeinsam nach Hause.“ Im Hintergrund hört sie Gelächter und Geschirr. „Ich bring dich um jeden Preis“, sagt Bernd. „Und für den Kuchen hier hat es gereicht. Die Enkel sagen, er schmeckt nach Abenteuer.“ Sie lacht und spürt, wie die Wärme durch den Hörer zu ihr fließt.

Zwei Tage später sitzt sie auf derselben Bank, die weiße Handtasche liegt nicht neben ihr. Stattdessen hat sie nur ihre Hände im Schoß – frei, leicht, bereit. Ein Auto hält, Bernd steigt aus, den Mantel schief, die Haare vom Fahrtwind zerzaust, aber die Augen strahlen. Sie steht auf und geht ihm entgegen.

„Da ist sie ja, meine schönste Anschlussreise“, sagt er und nimmt sie in den Arm. Sie legt den Kopf an seine Schulter. „Weißt du, was ich hier gelernt habe?“, fragt sie. „Hm?“ „Dass man eine schmutzige Handtasche sauber waschen kann. Aber was man wirklich liebt, das trägt man nicht in der Hand. Das trägt man im Herzen – und da bleibt es. Auch wenn niemand zusieht.“ Bernd drückt sie fester. „Dann lass uns heimfahren. Der Kuchen von morgen braucht dich.“

Sie gehen zum Auto, nicht als Kurhospatienten, nicht als Verliebte im ersten Rausch, sondern als zwei Menschen, die wissen, wo der andere hingehört. Annegret sieht sich nicht noch einmal um. Die Berge bleiben zurück, die Abendspaziergänge, die Eleganz, das Silbergrau an Jürgens Schläfen – alles wird klein, dann unsichtbar.

Im Wagen liegt auf dem Beifahrersitz eine kleine, etwas unsortierte Tüte aus der Bäckerei. „Für dich“, sagt Bernd. „Weil ich weiß, dass du diese Teilchen magst – auch wenn sie nicht perfekt sind.“ Annegret lächelt und nimmt ein heraus. Es ist zerbrochen. Sie isst es trotzdem. „Perfekt ist das nicht“, sagt sie. „Nein“, sagt Bernd. „Aber es ist richtig.“

Und das, findet Annegret, ist das schönste Ende, das eine Woche im Kurhotel haben kann: nicht ein Neuanfang mit jemandem, der einem gefällt – sondern die Heimkehr zu jemandem, bei dem man man selbst sein darf. Die weiße Handtasche bleibt im Hotelzimmer. Sie hat sie vergessen. Es ist ihr ganz einerlei.

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Homy
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