Nein, nein und nochmals nein! Karoline hob verzweifelt die Hände. Ich kann einfach nicht zur Hochzeit kommen, Luisa! Du weißt doch, dass Markus seit Monaten diesen Angelausflug mit seinem Kumpel Bernd plant. Die haben alles vorbereitet ich kann das nicht einfach absagen.
Aber es ist Annikas Hochzeit! Luisa stellte ihren Kaffeebecher empört ab. Deine beste Freundin seit dem Studium! Sie wird dir das nie verzeihen. Was kann wichtiger sein als ihre Hochzeit?
Für Markus ist das heilig, seufzte Karoline. Er macht so selten etwas ohne mich. Den ganzen Frühling hat er davon geredet, neue Angelausflüge gekauft, ein Zelt besorgt. Ich kann ihn nicht hängen lassen.
Aber Annika schon? Luisa schüttelte den Kopf. Sie hat extra das Datum so gewählt, dass du aus deinem Dresden kommen kannst. Der Tisch ist bereits bezahlt, und ihr steht beide auf der Gästeliste.
Karoline strich sich nervös eine Haarsträhne hinter das Ohr. Dieser Konflikt quälte sie seit Tagen. Einerseits Annikas Hochzeit, ihre Freundin seit Uni-Zeiten. Andererseits Markus lang geplanter Angelausflug mit seinen Freunden. Und ausgerechnet alles am selben Wochenende.
Vielleicht komme ich allein? schlug sie unsicher vor. Ich erkläre es ihr Annika wird es verstehen.
Natürlich wird sie das, schnaubte Luisa. Und dann ist sie ihr Leben lang beleidigt. Erinnerst du dich noch, wie sie damals sauer war, als du vor drei Jahren ihren Geburtstag vergessen hast?
Das war etwas anderes, widersprach Karoline. Das war einfach nur Vergesslichkeit hier geht es um einen guten Grund.
Ach ja, Angeln, spottete Luisa. Gut, entscheide selbst. Aber sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.
Das Gespräch mit Luisa hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Auf dem Heimweg grübelte Karoline über die Situation. Vielleicht sollte sie noch einmal mit Markus reden? Ihm erklären, wie wichtig ihr diese Hochzeit war? Aber ihr Mann hatte sich so auf den Angelausflug gefreut, so lange auf dieses Wochenende hingearbeitet … Es wäre egoistisch, ihn jetzt umzuplanen.
Markus empfing sie in der Diele und half ihr aus dem Mantel. Er roch frisch, und etwas Köstliches duftete aus der Küche.
Abendessen ist fertig, verkündete er lächelnd. Dein Lieblingsgericht Pasta mit Meeresfrüchten. Wie war dein Tag?
Ganz okay, erwiderte Karoline und drückte ihm einen dankbaren Kuss auf die Wange. War mit Lui unterwegs, sie lässt grüßen.
Beim Abendessen kam unweigerlich das Wochenende zur Sprache.
Bist du wirklich einverstanden, dass ich zum Angeln fahre? Markus musterte sie besorgt. Wenn dir die Hochzeit so wichtig ist, kann ich auch hierbleiben.
Nein, nein, beeilte sie sich zu antworten. Fahr nur. Ihr habt das so lange geplant. Ich verstehe das schon.
Ganz sicher? Er wirkte immer noch beunruhigt. Bernd meint, der Empfang dort ist miserabel ich werde vielleicht nicht erreichbar sein. Aber ich versuche, Nachrichten zu schicken, wenn es geht.
Alles gut, beruhigte sie ihn. Genieß dein Wochenende, fang viele Fische. Ich fahre wahrscheinlich trotzdem zu Annika ich kann sie nicht hängen lassen. Allein halt, ich erkläre ihr, dass du angeln bist.
Markus nickte, doch in seinem Blick blitzte etwas wie Erleichterung auf. Karoline schob es darauf, dass er sich freute, seinen lang ersehnten Trip nicht absagen zu müssen.
Am Freitagmorgen ging es hektisch zu. Markus packte seine Angelausrüstung, überprüfte Zelt und Schlafsack und telefonierte ständig mit Bernd, um letzte Details abzustimmen.
Vergiss die Rute nicht, du Anglerheld, scherzte Karoline, während er suchend durch die Wohnung lief, um seine Taschenlampe zu finden. Und viel Glück beim Fang!
Danke, Schatz. Er zog sie fest an sich. Pass auf dich auf und sei nicht traurig. Und gratulier Annika von mir.
Mach ich, erwiderte Karoline und barg ihr Gesicht an seinem Hals, um seinen vertrauten Duft einzuatmen. Ohne dich wirds nicht halb so lustig.
Du wirst trotzdem eine schöne Zeit haben, küsste er sie auf den Scheitel. So, ich muss los. Bernd wartet schon unten mit dem Auto.
Bringst du was mit? fragte sie, als sie ihn zur Tür brachte.
Natürlich! Er zwinkerte ihr zu. Wir machen ein richtiges Festmahl draus!
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, spürte Karoline eine seltsame Leere. Drei Tage ohne Markus. Sie waren selten getrennt, selbst im Urlaub reisten sie immer zusammen. Aber es würde schon gehen das Wochenende würde schnell vergehen. Zumal morgen die Hochzeit war, da gab es genug Ablenkung.
Abends rief sie Annika an und erklärte die Sache mit Markus. Die Freundin nahm es zum Glück verständnisvoll auf.
Hauptsache, du kommst, sagte sie. Ohne dich wäre es keine richtige Hochzeit. Und Markus sehen wir eh selten das überleben wir schon.
Bis morgen dann, lächelte Karoline. Und nochmal alles Gute. Du wirst die schönste Braut sein!
Der ganze Samstag verging mit Vorbereitungen. Sie musste sich fertigmachen, ein Geschenk besorgen und ihr Outfit aussuchen. Karoline entschied sich für ein elegantes blaues Kleid, das ihr hervorragend stand, machte eine förmliche Frisur und legte besonderen Wert auf ihr Make-up. Ein letzter Blick in den Spiegel sie war zufrieden. Sie sah frisch und ansehnlich aus.
Von Markus kam früh eine kurze Nachricht: Alles gut angekommen, Zelt steht. Empfang wirklich schlecht. Küss dich, schönen Tag!
Sie lächelte und tippte zurück: Viel Erfolg beim Angeln! Ich liebe dich.
Die Hochzeit fand in einem noblen Restaurant in Berlin-Mitte statt. Karoline kam etwas zu spät der Verkehr in der Hauptstadt war wie immer eine Katastrophe. Als sie den Saal betrat, war die Zeremonie bereits vorbei, und die Gäste nahmen an den Tischen Platz.
Karoline! Annika, strahlend im weißen Brautkleid, stürzte auf sie zu. Endlich! Ich dachte schon, du kommst auch nicht!
Wie könnte ich diesen Tag verpassen? Umarmte sie die Freundin fest. Du siehst einfach märchenhaft aus! Simon ist ein Glückspilz.
Danke, Liebes, strahlte Annika. Schade, dass Markus nicht konnte. Aber ich verstehe Männer und ihr Angeln, das ist heilig.
Er lässt gratulieren und entschuldigt sich, sagte Karoline. Und verspricht, das irgendwie wiedergutzumachen.
Annika führte sie zu ihrem Tisch, wo bereits ihre gemeinsamen Freunde aus Studienzeiten saßen Luisa mit ihrem Mann, Hanna mit ihrem Partner, Tim mit seiner neuen Freundin. Das Wiedersehen milderte Markus Abwesenheit etwas. Es wurden Toasts ausgesprochen, gelacht und erzählt die Stimmung war herzlich und fröhlich.
Wo ist dein besseres Stück? erkundigte sich Tim bei Karoline. Er verpasst so ein Ereignis?
Beim Angeln mit seinen Kumpels, antwortete sie. Das war lange geplant, konnte nicht abgesagt werden.
Angeln im April? Tim hob die Augenbrauen. Etwas früh, oder?
Warum? zuckte Karoline mit den Schultern. Frühjahrsangeln soll toll sein, sagt Markus. Aber ich kenne mich da nicht aus.
Na, der Angler weiß es wohl besser, grinste Tim, doch sein Blick verriet etwas Seltsames.
Der Abend nahm Fahrt auf. Nach dem Bankett begann das Unterhaltungsprogramm Spiele, Tanz, eine Live-Band. Karoline hatte sich dank des Sekt und der fröhlichen Gesellschaft schon etwas entspannt, als sie bemerkte, dass sich einige Gäste um einen Tisch drängten, wo jemand einen Livestream auf dem Handy zeigte.
Oh, das ist Kathi sie streamt für Instagram! rief Luisa. Komm her, Karo, dann sehen dich alle, die nicht kommen konnten.
Karoline trat an den Tisch, wo eine Freundin gerade den Livestream moderierte.
Und hier ist Karoline, Kommilitonin der Braut! kommentierte Kathi und richtete die Kamera auf sie. Sag mal Hallo!
Hallo allerseits, lächelte Karoline verlegen in die Kamera. Die Hochzeit ist großartig, schade, dass nicht alle da sein können.
Zeigen wir mal die Stimmung! Kathi drehte das Handy und filmte den Saal, tanzende Gäste, das Brautpaar beim Tortenanschnitt. Oh, wer tanzt da hinten? Ist das etwa Markus?
Karoline blickte automatisch in die Richtung, die Kathi angedeutet hatte. Am anderen Ende des Saals, an der Bar, tanzte tatsächlich ein Mann, der Markus verblüffend ähnlich sah. Selbst im Halbdunkel erkannte sie seine Silhouette, seine typischen Bewegungen, das helle Hemd, das er zu besonderen Anlässen trug.
Das kann nicht Markus sein, lachte Karoline nervös. Mein Mann ist angeln. Hundert Kilometer entfernt.
Doch, das ist er! rief Kathi und zoomte mit der Kamera heran. Schau!
Auf dem Handybildschirm war deutlich Markus Gesicht zu erkennen ihr Ehemann, der eigentlich jetzt mit der Angel am See sitzen sollte. Er lachte und unterhielt sich mit einer Frau, die Karoline nicht kannte, die ihm aber offensichtlich vertraut war, wie ihr entspanntes Geplauder verriet.
Karoline spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Ein Rauschen füllte ihre Ohren, und eisige Kälte breitete sich in ihrer Brust aus. Das musste ein Irrtum sein, eine Täuschung. Ihr Markus konnte nicht hier sein, nicht auf Annikas Hochzeit, wo er doch mit Bernd angeln war.
Markus! rief sie, und ihre Stimme klang unnatürlich hoch.
Er drehte sich bei ihrem Ruf um, und ihre Blicke trafen sich durch den ganzen Saal. Sekunden später veränderte sich sein Gesichtsausdruck verlegen, erschrocken. Er sagte etwas zu seiner Begleiterin und verschwand Richtung Ausgang.
Wie in Trance folgte Karoline ihm, ohne die verwunderten Blicke ihrer Freunde zu beachten. Alles kam ihr unwirklich vor, wie ein seltsamer Traum nach zu viel Sekt.
Karo, warte, Markus holte sie im Flur vor dem Ausgang ein. Ich kann alles erklären.
Was soll ich mir erklären lassen? Sie fand endlich ihre Stimme wieder. Dass du mir was vom Angeln vorgelogen hast? Dass du hier bist, auf Annikas Hochzeit, wo du angeblich nicht sein konntest? Und wer ist diese Frau?
Es ist nicht das, was du denkst, fuhr er sich durch die Haare und vermied ihren Blick. Können wir irgendwo in Ruhe reden?
Ich möchte keine Ruhe, platzte es aus ihr heraus. Ich will die Wahrheit wissen, hier und jetzt. Warum hast du mich belogen?
Markus warf einen Blick über die Schulter. Sie waren allein im Flur, aber aus dem Saal drang Musik, und jeder Moment konnte jemand herauskommen.
Gut, seufzte er. Es gab keinen Angelausflug. Ich habe dich tatsächlich belogen, aber nicht aus dem Grund, den du dir ausmalst.
Aus welchem Grund dann? Karoline verschränkte die Arme, um das Zittern zu verbergen.
Ich habe eine Überraschung für dich vorbereitet, sagte er leise. Für unseren Hochzeitstag nächsten Monat.
Eine Überraschung? Sie musterte ihn ungläubig. Auf der Hochzeit meiner Freundin, wo du angeblich nicht hingehen konntest?
Genau, nickte er. Ich habe mich mit Annika und Simon abgesprochen. Wir haben einen musikalischen Auftritt geprobt ich und die Frau, die du gesehen hast. Sie ist Sängerin und hat mir mit dem Gesang geholfen. Ich wollte dir an unserem Jubiläum etwas vorsingen, ein richtiges Geschenk machen. Und bei Annikas Hochzeit sollten wir proben, vor Publikum.
Und dafür hast du dir die Angelgeschichte ausgedacht? Karoline konnte es immer noch nicht fassen. Anstatt mir einfach die Wahrheit zu sagen?
Wenn ich gesagt hätte, ich gehe ohne dich zur Hochzeit, hättest du sicher was geahnt, lächelte er schuldbewusst. Ich wollte, dass es eine echte Überraschung wird. Stell dir vor, wie du dich gefreut hättest, wenn ich plötzlich für dich gesungen hätte!
Du hast mich belogen, um mich zu überraschen? Karoline griff sich an den Kopf. Ernsthaft?
Ich weiß, es war dumm, er legte vorsichtig die Hände auf ihre Schultern. Verzeih mir. Ich dachte nicht, dass du allein zur Hochzeit gehen würdest. Als Annika es mir sagte, bin ich in Panik geraten sollte ich nun fernbleiben oder hoffen, dass wir uns in dem großen Saal nicht begegnen?
Und wie hättest du die Hochzeitsfotos erklärt, auf denen du tanzt? fragte Karoline, deren Zorn langsam verflog.
Keine Ahnung, gestand er. Ich hab nicht bis zu Ende gedacht. Bin wohl ein miserabler Verschwörer.
In diesem Moment öffnete sich die Saaltür, und Annika trat in den Flur.
Da seid ihr ja! rief sie. Markus, wir dachten schon, du bist abgehauen. Wir müssen den Auftritt noch proben!
Du wusstest Bescheid? Karoline drehte sich zu ihr um. Du hast mit meinem Mann gemeinsame Sache gemacht?
Natürlich, lächelte Annika reumütig. Es ist doch so eine romantische Überraschung! Markus wollte etwas Besonderes für dich tun, und wir haben nur geholfen. Bist du böse?
Karoline sah von Annika zu Markus. In seinen Augen lag aufrichtige Reue und die Hoffnung auf Vergebung.
Ich weiß nicht, ob ich böse bin oder nicht, gestand sie. Aber ich bin schockiert. Dieser ganze Geheimniskram wegen eines Liedes?
Nicht irgendein Lied, widersprach Markus. Unser Lied. Das, zu dem wir auf unserer Hochzeit getanzt haben.
Oh Gott, Karoline spürte, wie ihr Ärger schmolz und Zärtlichkeit an seine Stelle trat. Du bist ein furchtbarer Geheimnisträger, aber … das ist wirklich süß.
Also verzeihst du mir? fragte er hoffnungsvoll.
Unter einer Bedingung, sie zwinkerte ihm verschmitzt zu. Ich will das Lied jetzt hören. Jetzt, wo die Überraschung eh verraten ist.
Aber ich bin nicht bereit! protestierte Markus. Wir haben nur geprobt!
Macht nichts, lächelte Karoline. Ich bin ein sehr nachsichtiges Publikum.
Und ich bestehe darauf! mischte sich Annika ein. Es ist schließlich meine Hochzeit, und ich will die Darbietung sehen. Aber danach lasse ich euch in Ruhe, damit ihr alles besprechen könnt.
Eine halbe Stunde später stand Markus, knallrot vor Verlegenheit, mit dem Mikrofon in der Mitte des Saals, neben sich die Sängerin. Die Musik setzte ein tatsächlich ihr Hochzeitslied, und Karoline spürte, wie ihr die Tränen kamen.
Markus sang nicht perfekt, verhakte sich manchmal in den Texten, aber mit so viel Gefühl, mit so viel Liebe in den Augen, die nur sie suchten, dass es besser war als jede perfekte Darbietung.
Als der Song endete, brandete Applaus auf, und Karoline trat einfach auf ihren Mann zu und umarmte ihn fest.
Du bist unglaublich, flüsterte sie ihm ins Ohr. Und ich liebe dich so sehr.
Auch mit meiner dämlichen Lüge? Er zog sie an sich.
Gerade deswegen, lächelte sie. Weil sie zeigt, was du alles tust, um mich glücklich zu machen.
Später, im Taxi auf dem Heimweg, wirkte Markus immer noch reumütig.
Ich wollte wirklich nur das Beste, sagte er und hielt ihre Hand. Habe es fast versaut.
Dafür haben wir jetzt eine Geschichte für die Enkel, kicherte Karoline. Wie Opa zum Angeln fuhr und Oma ihn im Livestream auf einer Hochzeit sah.
Klingt wie ein Roman, lachte auch er. Ich verspreche, keine Geheimnisse und Überraschungen mehr.
Bloß nicht, schüttelte Karoline den Kopf. Behalt die Überraschungen bei. Denk dir nur nächstes Mal eine bessere Ausrede aus. Angeln im April zu auffällig, wie Tim schon sagte.
Wird gemacht, nickte er. Übrigens … wir könnten trotzdem noch zum echten Angeln fahren, wenn du möchtest. Bernd hat uns beide schon lange eingeladen.
Unter einer Bedingung, grinste sie verschmitzt. Du singst für mich am Lagerfeuer. Und diesmal ohne professionelle Hilfe.
Markus verzog das Gesicht, nickte aber.
Alles für meine geliebte Frau. Selbst wenn ich damit jeden Fisch im See verscheuche.
Und sie lachten beide, wissend, dass diese verrückte Geschichte sie nur noch enger zusammengeschweißt hatte.





