Katze lag auf der Motorhaube und wollte nicht gehen: Geschäftsmann traute seinen Augen nichtEr versuchte, sie zu verscheuchen, doch die Katze schnurrte nur zufrieden und blieb reglos liegen.

Heinrich drückte den Knopf am Schlüsselanhänger, und das Auto blinkte mit den Scheinwerfern. Auf der Motorhaube des schwarzen Mercedes lag ein grauer Kater, und es war ihm völlig egal, ob die Alarmanlage heulte, ob der Besitzer fluchte oder was sonst in der Tiefgarage um sieben Uhr vierzig geschah.

Der Kater lag genau in der Mitte. Die Vorderpfoten ausgestreckt, den Kopf darauf gelegt, die Augen halb geschlossen. Als wäre es nicht die Haube eines fremden Wagens, sondern ein warmer Fenstersims im eigenen Zuhause. Das graue Fell auf dem schwarzen Lack wirkte absurd und gleichzeitig so selbstverständlich, dass Heinrich für einen Moment vergaß, warum er überhaupt in die Garage hinuntergestiegen war.

Er war wegen der Verhandlungen gekommen. In fünfundvierzig Minuten begann am anderen Ende der Stadt ein Treffen mit dem Lieferanten, von dem der Quartalsplan abhing. Die Aktentasche zog an seiner Hand. Schwer, aus Leder, gefüllt mit Ausdrucken, Diagrammen, zwei Exemplaren des Vertrags, auf jeder Seite eine Lasche, wo die Unterschrift hinmusste. Jede dieser fünfundvierzig Minuten war verplant: Garage, Aufzug, Flur, Händedruck. Und jetzt ein gestreifter Kater auf der Haube, mit einer Schnauze, die sagte: Ich bin hier der Chef.

Heinrich schlug sich mit der Hand auf den Oberschenkel. Schnippte mit den Fingern. Leise, aber bestimmt sagte er: „Husch.“ Das Summen der Lüftung trug alle Geräusche zu den Betonwänden, und der Kater rührte sich nicht. Nur ein Auge öffnete er, gelb und rund, blickte in Heinrichs Richtung und schloss es wieder. Mit einem Gesichtsausdruck, wie ihn Leute haben, die einem Werbeverkäufer die Tür vor der Nase zuschlagen.

Von der Haube ging eine schwache Wärme aus: Heinrich war gestern spät gekommen, fast um Mitternacht, und der Motor war über Nacht nicht völlig abgekühlt. Der Kater hatte offenbar ein warmes Plätzchen gefunden und sich eingerichtet. Logisch. Aber diese Logik half Heinrich nicht weiter, denn die Minuten vergingen, und der Kater blieb liegen. Und er lag nicht nur – er tat es mit einer Gelassenheit, die einen gleichzeitig zum Lachen und zum Anruf beim Tierfänger brachte.

Bernd, der Parkhauswächter, tauchte auf, als Heinrich schon die Nummer seines Fahrers wählte. Breitschultrig, in der Uniformjacke mit Reißverschluss, der Bart kurz und ungleichmäßig, als wäre er gemalt. Er trat näher, sah auf die Haube, öffnete den oberen Knopf seiner Jacke.

Sagte, dieser Graue sei jeden Morgen da. Schon seit über einer Woche. Komme früh, wenn die Garage noch leer sei, lege sich auf die Haube des Mercedes und bleibe. Bernd habe ihn ein paar Mal verscheucht, einmal mit dem Besen, einmal mit den Händen. Vergebens. Nach zehn Minuten sei der Kater zurückgekehrt und habe sich auf dieselbe Stelle gelegt. Als hätte ihm jemand erklärt, das sei seine Haube, und der Kater habe es geglaubt.

Heinrich senkte das Telefon. Ausgerechnet auf seinem Auto? In der Garage standen fünfzig andere. Bernd zuckte mit den Schultern, drehte den Schlüsselbund in den Fingern und bestätigte: nur auf Ihrem. Am BMW des Finanzdirektors ging er vorbei, am silbernen Mercedes aus der Rechtsabteilung, aber auf Ihren Mercedes legt er sich, als wäre es sein Zuhause. Bernd vermutete sogar, der Kater orientiere sich am Geruch, aber das klang wie ein Versuch, etwas zu erklären, das sich nicht erklären ließ.

Das war seltsam, und Heinrich mochte nichts Seltsames. Seltsames passte nicht in den Zeitplan, ließ sich nicht in Formeln fassen, hatte keinen Paragrafen im Vertrag. Er stellte die Aktentasche auf den Betonboden, zog den rechten Handschuh aus, trat an die Haube.

Der Kater fühlte sich warm an. Das Fell war weich, sauber, ohne Verfilzungen, ohne den fettigen Glanz von Streunern. Kein Straßenkater. Heinrich strich mit der Handfläche über den rötlichen Rücken, und der Kater fing an zu schnurren. Der Ton kam tief von irgendwo innen, gleichmäßig, wie ein kleiner Motor im Leerlauf. Der Kater drehte den Kopf ein wenig und drückte die Stirn gegen seine Handfläche. Ohne Angst, ohne Unterwürfigkeit. So machen es die, die an Hände gewöhnt sind.

Bernd bemerkte, das Tier sei ein Haustier, bestimmt kein Straßenkater. Und fügte hinzu: Er habe ein Halsband, dünn, aus Leder, unter dem Fell nicht gleich zu sehen. Er selbst habe es erst am dritten Tag gesehen, als der Kater ihn näher herangelassen habe.

Heinrich schob mit den Fingern das dichte Fell am Hals auseinander. Und tatsächlich: ein dünnes Lederband, weich von der Zeit, und daran ein metallener Anhänger so groß wie eine Ein-Euro-Münze. Abgenutzt an den Rändern, aber die Buchstaben waren noch lesbar.

* * *

Er hielt den Anhänger dicht vor die Augen. Die Buchstaben waren klein, im Kreis eingeprägt. Eine Adresse, Hausnummer, Wohnungsnummer. Ohne Telefonnummer, ohne Namen des Besitzers. Nur die Adresse.

Seine Hand blieb stehen.

Heinrich las noch einmal. Und ein drittes Mal. Die Buchstaben änderten sich nicht. Das Metall des Anhängers fühlte sich kalt an unter seinen Fingerkuppen, und der Kater hörte auf zu schnurren, als ob auch er auf etwas wartete.

Weberstraße 14, Wohnung 6.

Er kannte diese Wohnung. Er war darin aufgewachsen. Die Tapete im Flur hatte er zweimal gewechselt, noch als Teenager. Den Türgriff der Balkontür hatte er mit Draht geflickt, weil er jeden Frühling abfiel. Aus dem Küchenfenster sah man die Schule und die Pappel, die jeden Juni den Hof mit Flaum übersäte.

In dieser Wohnung lebte seine Mutter, Hildegard. Mit der er seit drei Jahren nicht gesprochen hatte. Drei Jahre, zwei Monate und eine bestimmte Anzahl von Tagen – aber die Tage zählte er nicht, denn wenn man zählt, heißt das, dass man sich erinnert, und wenn man sich erinnert, ist einem nicht gleichgültig, und er hatte sich eingeredet, dass ihm alles gleichgültig sei.

Sein Mund war trocken. Heinrich richtete sich auf, trat einen Schritt zurück, dann noch einen. Der Kater hob den Kopf und sah ihn an, und in diesem Blick war nichts Katzenhaftes. Nur Geduld. Wie von jemandem, der nicht zufällig gekommen war und so lange warten konnte, wie nötig war. Und nötig, so stellte sich heraus, war mehr als eine Woche.

Bernd fragte, ob alles in Ordnung sei, denn Heinrichs Gesicht war grau geworden. Heinrich hörte seine eigene Stimme von außen, als ob sie einem anderen gehörte. Er sagte:

– Schon gut. Ich weiß, wem dieser Kater gehört.

Die Worte klangen ruhig, aber die Finger, die gerade noch den Anhänger gehalten hatten, zitterten leicht, und er steckte die Hand in die Tasche.

Er setzte sich ans Steuer. Der Kater lag auf seinem Schoß, weil er ihn nirgendwo sonst hinstellen konnte. Heinrich hatte ihn vorsichtig von der Haube genommen, mit beiden Händen, wie man Zerbrechliches anfasst, und der Kater wehrte sich nicht. Er drückte sich nur an das Sakko und fing wieder an zu schnurren.

Die Aktentasche warf Heinrich auf den Beifahrersitz. Die Mappe mit den Unterlagen für die Verhandlungen rutschte aus dem unverschlossenen Schloss und legte sich fächerförmig über das Leder des Sitzes. Zwei Exemplare des Vertrags. Lieferpläne. Margenberechnung auf drei Seiten.

Noch vor einer halben Stunde hätte er jedes Blatt aufgesammelt und der Reihe nach sortiert. Jetzt sah er nicht einmal in die Richtung.

Der Kater hatte sich eingerollt, die Pfoten untergeschlagen, und die Wärme seines Körpers war durch den Stoff der Hose zu spüren. Heinrich saß so eine Minute, vielleicht zwei, die Hände auf dem Lenkrad, ohne den Motor zu starten. Im Innenraum roch es nach Leder und ein wenig nach Katzenfell, und dieser neue Geruch veränderte den ganzen Raum, machte das Auto nicht mehr zu einem Werkzeug, sondern zu etwas anderem. Etwas Lebendigem.

Drei Jahre. Sie hatten sich wegen Geld gestritten, wie das so geht. Heinrich hatte seiner Mutter eine Wohnung im Neubau gekauft, und sie hatte sich geweigert umzuziehen. Sie sagte, sie brauche keine Almosen von ihm, und er habe vergessen, woher er komme. Heinrich antwortete, er komme von dort, wo er ein Leben lang habe wegwollen. Dann knallte er die Tür zu.

Danach rief er eine Woche nicht an, dann einen Monat, dann wurde es zu spät. Weil er das Schweigen hätte erklären müssen. Und erklären konnte Heinrich nicht. Er konnte Verträge unterschreiben, Lieferketten aufbauen, Rentabilität bis zur zweiten Nachkommastelle berechnen. Er konnte „Das regeln wir“ und „Mach mal“ sagen, und die Leute standen auf und taten es. Aber seine Mutter anrufen und „Entschuldigung“ sagen, das konnte er nicht, weil dieses Wort irgendwo in seinem Hals stecken blieb und sich von dort nicht mehr bewegte.

Er holte das Telefon heraus. Öffnete den Chat mit dem Geschäftspartner. Tippte: „Sergej, die Verhandlungen verschiebe ich. Familiäre Gründe.“ Der Finger schwebte über der Senden-Taste. Der Vertrag, von dem das Quartal abhing. Die Boni der Manager. Die Reputation. All das lag auf einer Waagschale. Und auf der anderen lag ein grauer Kater, der höchstens vier Kilo wog.

Heinrich drückte auf „Senden“ und legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten. Eine Sekunde später vibrierte es. Die Antwort des Partners. Heinrich las sie nicht. Nicht, weil es unwichtig war, sondern weil genau jetzt, in diesem Augenblick, zwischen dem Lederlenkrad und dem grauen Kater auf seinem Schoß, etwas anderes wichtig war. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fand er kein Wort dafür.

Er öffnete die Aktentasche. Zog alle Papiere heraus, legte sie in einem Stapel neben sich. Die Tasche war jetzt leer und innen warm. Heinrich hob den Kater hoch und ließ ihn behutsam auf den Boden der Tasche gleiten. Der Kater drehte sich, legte sich hin und sah nach oben. Aus der Aktentasche, die achthundert Euro gekostet hatte, ragte ein grauer Kopf mit gelben Augen, und der Ausdruck dieser Augen sagte: Alles läuft nach Plan.

Heinrich drehte den Zündschlüssel.

Die Weberstraße sah fast genauso aus wie vor drei Jahren. Die Bank vor dem Hauseingang war in einer anderen Farbe gestrichen, ein neues Vordach über der Tür angebracht, und neben der Gegensprechanlage hing eine Liste der Wohnungen, ausgedruckt und schief laminiert, mit einer Luftblase in der Ecke. Heinrich wählte die 6, und die Tür klickte ohne Nachfrage. Vielleicht hatte seine Mutter den Knopf gedrückt. Vielleicht war das Schloss einfach kaputt. Er versuchte nicht, es herauszufinden.

Der Geruch im Treppenhaus war derselbe. Gekochte Kartoffeln. Leicht feuchter Putz. Und etwas Häusliches, das keinen Namen hat, aber das einem in die Rippen sticht, wenn man es wiedererkennt. Heinrich war drei Jahre nicht hier gewesen, aber er erinnerte sich an vieles. Er wusste, auf welche Stufe er treten musste, damit sie nicht knarrte. Er wusste, dass das Geländer im zweiten Stock wackelte. Er erinnerte sich an alles, wovon sein Kopf sich sechsunddreißig Monate lang bewusst abgewandt hatte.

Er stieg langsam. Die Aktentasche mit dem Kater in der rechten Hand, die linke glitt am Geländer entlang. Im zweiten Stock drang Musik aus einer Wohnung, leise, Radiomusik mit Rauschen. Jemand briet Zwiebeln, und der Geruch zog durch das Treppenhaus, vermischte sich mit den Kartoffeln.

Auf dem Treppenabsatz zwischen dem zweiten und dritten Stock stand ein Kinderwagen, mit Wachstuch bedeckt. Früher hatte hier sein Kinderwagen gestanden, dann sein Fahrrad, dann nichts mehr, dann war er ausgezogen. Die Farbe am Geländer war stellenweise abgeblättert, und darunter zeigte sich eine alte Schicht, grün, dick, mit feinen Rissen. Heinrich erinnerte sich an dieses Grün. Als Kind hatte er es mit dem Fingernagel abgekratzt, und seine Mutter schimpfte: „Schon wieder schmutzige Hände, schon wieder schwarze Fingernägel, was bist du nur für eine Strafe.“ Und er kratzte nicht aus Langeweile. Es gefiel ihm, dass unter einer Schicht eine andere lag, und er versuchte, bis zur allerersten zu gelangen, bis zu der, die aufgetragen worden war, als das Haus gebaut wurde. Bis zum Anfang.

Vierter Stock. Die Tür war mit braunem Kunstleder bezogen, das am Griff durchgedrückt war. In der oberen Ecke hing ein kleiner Kranz aus Trockenblumen, den es vorher nicht gegeben hatte. Heinrich blieb vor der Tür stehen. Der Kater in der Aktentasche bewegte sich und miaute kurz. Als wollte er sagen: Na los, jetzt reicht’s mit dem Stehen.

Er drückte auf die Klingel. Es war dieselbe, zweitönig, die zweite Note klang scheppernd.

Hinter der Tür blieb es still. Dann Schritte, klein, schlurfend. Und eine Pause. Lang, zäh, als ob der Mensch auf der anderen Seite stand und überlegte.

Der Riegel klickte.

Hildegard stand in der Türöffnung. Klein, eins fünfundfünfzig, in einer Schürze mit kleinen Pünktchen. Dieselbe Schürze. Oder eine gleiche, als Ersatz gekauft, weil die alte abgenutzt war. Sie sah ihren Sohn von unten an und schwieg.

Heinrich schwieg auch. Alle Worte, die er im Auto gesammelt, auf der Treppe zurechtgelegt, auf jeder Stufe ausprobiert hatte, waren weg. Keines war geblieben.

Sie senkte den Blick. Auf die Aktentasche. Aus der Tasche ragte ein grauer Kopf, und der Kater, als er die Besitzerin sah, miaute und versuchte herauszuklettern, kratzte mit den Pfoten am Leder.

Hildegard flüsterte:

– Felix.

Sie hielt inne. Und wiederholte leiser:

– Felix, du meine Güte.

Sie hob den Blick zu Heinrich.

– Also doch gekommen.

Und man wusste nicht, auf wen sie das bezog. Auf den Kater, der jeden Morgen das Haus verließ und mittags zurückkam. Oder auf den Sohn, der vor drei Jahren gegangen war und nie zurückkam. Vielleicht auf beide, denn beide kamen mit derselben Aktentasche, und das wäre komisch gewesen, wäre es nicht so treffend.

Aus der Wohnung strömte warme Luft. Es roch nach Kartoffeln. Irgendwo hinten murmelte der Fernseher, und die Stimmen darin waren vertraut, weil seine Mutter immer denselben Sender sah. Heinrich stand auf der Schwelle mit der Aktentasche, aus der ein grauer Kater lugte.

Die Aktentasche, in der am Morgen noch Verträge, Diagramme, Kalkulationen gewesen waren. Alles, was er für wichtig gehalten hatte, lag auf dem Ledersitz des Autos. Und das, was wirklich wichtig war, wog vier Kilo und schnurrte.

Hildegard trat zur Seite. Sie sagte nicht „Komm rein“. Sie sagte nicht „Endlich“. Sie trat einfach zur Seite.

Heinrich überschritt die Schwelle. Ohne die Schuhe auszuziehen, ohne die Tasche abzustellen. Seine Mutter sah auf seine Schuhe, und für einen Augenblick zog ein Ausdruck über ihr Gesicht, mit dem sie früher gesagt hatte: „Die Schuhe bleiben an der Tür, wie oft soll ich das wiederholen.“ Aber sie sagte nichts. Sie schüttelte nur leicht den Kopf, wie man den Kopf schüttelt, wenn man die Regeln beiseite wischt, weil es Wichtigeres gibt.

In der Küche pfiff der Wasserkocher. Ein einfacher, mit Pfeifaufsatz, wie in der Kindheit. Und dieses Pfeifen klang wie eine Stimme, die drei Jahre lang gerufen hatte und nun endlich erhört worden war.

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Homy
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Katze lag auf der Motorhaube und wollte nicht gehen: Geschäftsmann traute seinen Augen nichtEr versuchte, sie zu verscheuchen, doch die Katze schnurrte nur zufrieden und blieb reglos liegen.
Alles, was danach übrig bleibtEin verblasster Duft von Kiefern lag in der Luft, während das letzte Licht des Tages über den schneebedeckten Alpen glitzerte.