– Also, was ist nach dem Fest noch übrig? Ich muss meine Tochter noch füttern! – Tante Veronika musterte den Tisch mit gieriger Besorgnis.
Niklas blickte auf seine Tante, Veronika Schmidt, und unterdrückte mit Mühe eine scharfe Erwiderung. Die Gäste saßen noch am Tisch, und sie hatte bereits drei Plastikbehälter aus ihrer Handtasche gezogen.
Auf dem großen Teller lagen noch ein paar Stücke des Bratens, daneben standen Salate und ein fast ganzer Kuchen.
– Tante Veronika, wir haben noch nicht einmal Tee getrunken, – erinnerte Niklas. – Warten Sie wenigstens bis zum Ende des Abends.
– Ach, störe ich euch etwa? Trinkt ruhig euren Tee. Ich nehme nur ein bisschen mit, damit Tanja nach der Arbeit etwas zu essen hat. Sie muss heute bis neun arbeiten, die Arme, schafft es nicht einmal, sich ein Abendessen zu kochen, mein armes Mädchen.
Tanja war neunundzwanzig Jahre alt. Sie lebte getrennt und verdiente ihr eigenes Geld, und zwar nicht schlecht.
Veronika Schmidt griff nach dem Fleisch, aber Wolfgang Peters schob die Platte zu den Gästen hinüber.
– Die Leute essen noch. Wenn alle gehen, sehen wir weiter, was übrig bleibt.
– Wolfgang, ist dir ein Stück Fleisch etwa zu schade? – empörte sich die Tante.
Niklas bemerkte, wie seine Mutter den Blick abwandte. Julia Schmidt versuchte stets, die Angewohnheiten ihrer jüngeren Schwester zu übersehen.
Sobald sich jemand aus der Familie empörte, bat sie sofort darum, nicht kleinlich zu sein und die Beziehungen nicht wegen des Essens zu verderben.
So lief es fast bei jedem Familienfest ab. Veronika Schmidt kam mit einer billigen Schachtel Pralinen oder sogar mit leeren Händen, setzte sich dafür als Erste an den Tisch. Sie suchte sich die besten Stücke aus, ließ sich die Salate reichen und holte nach dem Abendessen ihre Behälter hervor.
Einmal hatte die Tante die Hälfte des Kuchens weggenommen, bevor die Gastgeber ihn überhaupt anschneiden konnten. Ein anderes Mal verlangte sie, vier Portionen vom Hauptgericht einzupacken – angeblich wollte ihre Tochter Tanja ihre Freundinnen damit verwöhnen.
Wolfgang Peters war damals sehr wütend geworden, aber seine Frau hatte ihn schnell in die Küche gezogen.
– Wolfgang, fang nicht vor den Gästen an, um Himmels willen! Veronika ist beleidigt, dann ruft sie einen Monat lang nicht an.
– Soll sie doch ein Jahr schweigen! Warum müssen wir auch noch ihre erwachsene Tochter durchfüttern?
– Ach, hör schon auf, das Essen bleibt doch sowieso übrig! Ist das so schlimm? Soll sie doch nehmen.
Niklas schwieg nur seiner Mutter zuliebe. Sein jüngerer Bruder Artur hielt sich ebenfalls zurück, obwohl er nach jedem Familientreffen schimpfte, dass die Tante mehr in ihre Tasche stopfte, als drei Gäste zusammen aßen.
Der sechzigste Geburtstag der Mutter rückte näher. Niklas hatte beschlossen, ihr etwas wirklich Wertvolles zu schenken und über mehrere Monate dafür gespart.
Im Juweliergeschäft wählte er goldene Ohrringe mit schlichten hellen Steinen aus. Artur sah das Foto auf dem Handy und war sofort Feuer und Flamme: Er fand im Katalog einen Anhänger derselben Serie.
Während sie mit zitternden Fingern die Ohrringe anlegte, reichte Artur den Anhänger. Als sie erkannte, dass es ein Set war, war die Mutter völlig gerührt, umarmte ihre Söhne und begann wie üblich zu jammern, dass sie zu viel Geld ausgegeben hätten.
– Na, lass mal sehen, – Veronika Schmidt griff ungeniert nach den Etuis. Sie begutachtete lange die Punze, kratzte mit dem Fingernagel am Verschluss. – Habt ihr wohl ein Vermögen ausgegeben? Sind die Steine wenigstens echt?
– Es ist Gold, alles steht auf der Karte, – schnitt Niklas ihr das Wort ab. – Hauptsache, es gefällt Mama.
Die Tante ließ den Blick über ihre Schwester schweifen, dann wandte sie sich mit einem leichten Lächeln an ihren Neffen:
– Also, Niklas. In drei Monaten habe ich meinen runden Geburtstag. Ich erwarte dasselbe Set. Nur sollen die Steine grün sein, etwa Smaragde! Die passen zu meinen Augen.
Schweigen senkte sich über den Tisch. Niklas dachte zuerst, das sei ein schlechter Witz, aber die Tante drehte völlig ernst die fremde Schachtel in ihren Händen.
– Warum zum Teufel sollte ich Ihnen Gold kaufen? – fragte er direkt.
– Wie bitte? „Warum”? – Veronika Schmidt zog überrascht die Augenbrauen hoch. – Ich bin die leibliche Schwester deiner Mutter! Mir stehen auch teure Geschenke zu.
Niklas ließ in Gedanken seine Kindergeburtstage Revue passieren. Von der Tante hatte er meist Socken, einen Becher oder eine Packung Butterkekse bekommen.
Zu seiner Volljährigkeit kam sie sogar mit einer leeren Grußkarte und bat ihn dann, sie quer durch die Stadt zu fahren – das Benzin hatte damals mehr gekostet als ihre „Aufmerksamkeit”. Aber jetzt sprach sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als hätte sie sein Studium finanziert.
– Sie sind nicht meine Mutter, – sagte Niklas mit fester Stimme. – Ihre Geschenke sollen Ihre eigenen Leute aussuchen.
– Tanja hat es im Moment schwer, – fand die Tante sofort eine Ausrede. – Ich werde von dem Mädchen kein Gold verlangen. Aber du bist ein junger Mann mit Geld, du könntest ruhig etwas Respekt vor Älteren zeigen.
Die Mutter versuchte, die Wogen zu glätten, obwohl man ihrem Gesicht ansah, wie unangenehm ihr die Situation war:
– Veronika, hör auf zu scherzen. Lasst uns lieber Tee bestellen, der Kuchen wird gebracht.
– Was für Scherze, Julia? Der Mutter also Gold, und die leibliche Tante wird übergangen? Ich erwarte das Set zu meinem Geburtstag! Artur kann auch was dazulegen, wenn ihr hier alle so reich seid.
Artur legte die Gabel beiseite und schnaubte:
– Wieso sollen wir ausgerechnet Ihre Wünsche finanzieren?
– Weil Verwandte alle gleich behandeln sollten! Julia kriegt Ohrringe und einen Anhänger! Also, wenn ihr mir nichts schenken wollt, dann nehme ich eben den Anhänger! Julia, dir reichen doch die Ohrringe!
Veronika Schmidt griff mit ihrer Hand ungeniert direkt nach dem Hals ihrer Schwester. Die Mutter wich zurück. Bei Niklas brannte eine Sicherung durch – all die aufgestaute Wut der letzten Jahre brach aus ihm heraus.
– Versuchen Sie gerade ernsthaft, meiner Mutter ihr Geschenk abzunehmen? – Niklas packte das Handgelenk seiner Tante. – Haben Sie ihr überhaupt jemals etwas Teureres geschenkt als diese Geschirrtücher?
– Sei nicht frech zu mir! – fauchte Veronika Schmidt zurück. – Ich habe andere Einkünfte. Und überhaupt, es kommt auf die Aufmerksamkeit an!
– Aber fremdes Geld zu zählen, das können Sie meisterhaft. Sie kommen zu jedem Fest mit leeren Händen, stopfen sich als Erste den Bauch voll und schleppen dann das Essen in Behältern nach Hause!
– Und immer müssen Sie sich hinter Tanja verstecken, die längst ein erwachsener Brocken ist und sich ihr Abendessen selbst kaufen kann!
Das Gesicht der Tante bekam rote Flecken. Sie schob ihren Stuhl geräuschvoll zurück und wandte sich an ihre Schwester:
– Julia! Hörst du, wie dein Grünschnabel mit mir redet? Bring ihn zur Vernunft! Er macht dich vor allen lächerlich!
Die Mutter blickte hilflos zwischen ihrem Sohn und ihrer Schwester hin und her. Niklas erstarrte, erwartete das Übliche:
– Niklas, nun hör schon auf, leg dich nicht mit ihr an…
Aber dann ergriff der Vater das Wort.
– Niklas hat recht, – sagte er mit Nachdruck. – Ich habe nur Julias wegen geschwiegen. Du kommst nicht zu uns wie zu Verwandten, sondern wie in eine kostenlose Ausgabestelle zum Mitnehmen.
– Ach, ist das so? Ihr habt euch abgesprochen? – Veronika wandte sich an ihren jüngeren Neffen. – Willst du jetzt auch anfangen zu zählen, wie viel ich gegessen habe?
– Ich kann Sie daran erinnern, wie Sie das Essen von meinem Geburtstag weggenommen haben, bevor die Gäste überhaupt am Tisch saßen, – brummte Artur. – Und dann haben Sie noch geschmollt, weil man Ihnen nicht die ganze Torte mitgegeben hat.
– Undankbare! – kreischte die Tante. – Julia, was hast du da großgezogen? Keinen Respekt vor Älteren!
Sie riss heftig ihre Tasche an sich, zog die Plastikboxen aus der Tüte und begann wütend, Aufschnitt hineinzustopfen.
– Wenn ich euch störe, nehme ich wenigstens das Essen für Tanja mit! Sie kann doch nichts dafür!
Niklas trat ruhig näher, nahm ihr den Behälter aus der Hand und schüttete die Wurst zurück auf die Platte.
– Heute ist Mamas Geburtstag und keine Ausgabestelle der Tafel! Sie werden hier nichts mitnehmen.
– Gib das her, du Lümmel! – schrie Veronika. – Ihr habt mich gedemütigt, mir kein Geschenk gegeben und jetzt lasst ihr mich auch noch hungern? Gib mir das Fleisch zurück, das war für Tanja!
Die Gäste am Tisch saßen wie versteinert, einige unterdrückten mühsam ihr Lachen. Niklas sah zu seiner Mutter – er fürchtete, sie würde gleich in Tränen ausbrechen.
Aber die Mutter öffnete langsam den Verschluss an ihrem Hals, legte den Anhänger vorsichtig in das Samtetui zurück und hob den Blick zu ihrer Schwester.
– Weißt du, Veronika… Ich bin müde. Ich bin es müde, bei jedem Fest auszurechnen, wie viel Essen du in deine Taschen gestopft hast.
– Ich bin es müde, meinen Mann und meine Söhne anzufahren, damit sie deine Eskapaden ertragen, nur damit wir uns nicht streiten. Niklas hat recht! Du hast unsere Güte für Schwäche gehalten.
Die Tante stockte. Mit einem solchen Widerstand von ihrer stets nachgiebigen Schwester hatte sie offensichtlich nicht gerechnet.
– Du… du stellst dich auf ihre Seite? Ich bin doch deine leibliche Schwester!
– Sie sind mir nicht fremd, Veronika. Das sind mein Mann und meine Kinder! Pack deine Sachen und geh.
– Dann gebt mir wenigstens das Hauptgericht für das Kind mit! – forderte die Tante, leiser zwar, aber immer noch wütend.
Der Vater zog schweigend sein Handy hervor, rief ein Taxi und schob ihr dann die Tüte mit den Geschirrtüchern hin.
– Nimm deine Tasche und diesen Plunder wieder mit. Der Rest bleibt auf dem Tisch.
– Keinen Fuß werde ich mehr in dieses Haus setzen! Geizhälse! – fauchte die Tante und schnappte sich ihre Sachen.
Die Tür des Restaurants fiel krachend ins Schloss. Die Mutter blickte noch einige Sekunden lang zur Tür, dann seufzte sie tief.
– Mama, es tut mir leid, – sagte Niklas leise und setzte sich neben sie. – Ich wollte dir den Abend nicht verderben. Aber verdammt, es musste einfach raus.
– Du hast gar nichts verdorben, mein Sohn, – lächelte sie schwach und streichelte seine Hand. – Ich war nur naiv. Ich hätte sie schon längst in ihre Schranken weisen müssen.
…Ein paar Tage später tauchte die Tante auf, als wäre nichts gewesen. Niklas saß in der Küche, als das Telefon seiner Mutter klingelte und eine laute Stimme aus dem Lautsprecher drang:
– Julia, hallo. Habt ihr nach dem Geburtstag noch etwas zu essen übrig?
Die Mutter schloss die Augen, atmete aus, aber diesmal zitterte ihre Stimme nicht.
– Veronika, selbst wenn etwas übrig wäre – dir würde ich es nicht geben. Du bist hier willkommen, wenn du lernst, die Gastgeber zu respektieren, anstatt unser Haus als kostenloses Restaurant zu betrachten.
Zu Tante Veronikas Geburtstag schickte Niklas ihr nur morgens eine kurze SMS. Gold, das versteht sich, schickte niemand.
Veronika Schmidt wartete noch lange darauf, zum nächsten Familienfest eingeladen zu werden, aber die Mutter strich sie einfach von der Gästeliste. Und das wird wohl noch eine Weile so bleiben…
Was meint ihr, hatten die Verwandten recht? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und gebt einen Like!




