Die Nadja – nein, jetzt heißt sie Greta – stand vor dem Spiegel im kleinen Brautraum, wo es nach Haarspray, fremdem Parfüm und frischen Rosen roch. Draußen rauschte ein Juliregen, dünne Rinnsale liefen über die Scheibe, und auf der Fensterbank lagen zwei Stecknadeln, die sie einfach nicht ins Brautkleid stecken konnte.
Frau Müller hielt ihr ein Blatt Papier vor. Weiß, fest, mit einer akkurat gefalteten Ecke. In der anderen Hand hielt sie einen Kugelschreiber mit goldener Kappe.
„Was ist das?“, fragte Greta.
Sie lächelte so, wie Verkäufer lächeln, wenn sie wissen: Die Ware hat einen Mangel, aber der Kunde hat schon fast zugestimmt.
„Eine ganz normale Familienvereinbarung. Klaus hat es dir erklärt.“
Klaus stand an der Tür in einem dunkelblauen Anzug. Gutaussehend, glattrasiert, mit einer Ansteckblume am Revers. Greta hatte sie heute Morgen selbst festgesteckt und dabei gelacht, dass er sich mehr vor der Nadel fürchte als vor dem Heiraten.
Jetzt lachte er nicht.
„Greta, fang nicht an“, sagte er. „Wir haben alles besprochen.“
„Wir haben besprochen, dass du nach der Hochzeit zu mir ziehst“, sagte Greta. „Und dass deine Mutter nicht gekränkt wird. Alles andere hast du ohne mich besprochen.“
Frau Müller zog leicht die Augenbrauen hoch.
„Was für eine Schärfe. Klaus, ich hab dir doch gesagt: Wir hätten das früher klarstellen müssen.“
Sie legte das Blatt auf den Tisch neben das Ringkästchen. Es war nicht einmal echtes Anwaltspapier, sondern eher eine Leine, mit der man sie direkt vor der Standesamtlichen führen wollte. Der Inhalt passte in ein paar Zeilen: Nach der Hochzeit verkaufe Greta ihre Wohnung, und das Geld fließe in den Kauf einer großen Wohnung für die „neue Familie“. Gekauft werden sollte auf Klaus’ Namen. Warum – das stand nicht da. Offenbar hielt man es für selbstverständlich.
Greta sah ihr Spiegelbild. Das weiße Kleid saß perfekt. Klar. Sie hatte es selbst genäht, nachts, wenn in der Werkstatt die Maschinen verstummten und sie endlich Zeit für sich hatte. Die Spitze an den Ärmeln hatte sie drei Wochen lang ausgesucht. Die Taille zweimal geändert. In diesem Kleid war nichts zufällig.
Außer dem Bräutigam, wie sich herausstellte.
„Die Wohnung habe ich gekauft, bevor ich Klaus kannte“, sagte Greta. „Die verkaufe ich nicht.“
Klaus stieß sich von der Tür ab und kam näher.
„Greta, hör auf, an deinen Wänden zu kleben. Das ist eine Einzimmerwohnung. Wollen wir da unser Leben lang hausen?“
„Ich bin nicht gegen eine größere Wohnung. Ich bin dagegen, dass meine verkauft wird – auf deinen Namen und nach den Anweisungen deiner Mutter.“
„Mama meint es gut.“
„Für wen?“
Frau Müller seufzte.
„Für alle. Meine Beine tun mir weh, es ist schwer für mich allein. Klaus ist mein einziger Sohn. Du als Ehefrau solltest weiterdenken, nicht nur an deine Fäden, Stoffe und den Hocker am Fenster.“
Mit dem Hocker meinte sie ihre Arbeitsecke. Dort stand eine alte Nähmaschine, schwer, gusseisern, die sie zusammen mit dem ersten richtigen Auftrag von der Besitzerin eines geschlossenen Schneiderateliers bekommen hatte. Auf dieser Maschine hatte sie fremde Mäntel gesäumt, Schulkleider genäht, Kleider nach schlechten Käufen umgearbeitet – und dann das Geld für die Anzahlung auf die Wohnung zusammengespart.
Klein. Hartnäckig. Ihr Eigentum.
Klaus wusste das alles. Hatte sogar mal gesagt:
„Ich liebe, dass du alles alleine machst. Mit dir habe ich keine Angst.“
Jetzt stellte sich heraus: Angst hatte er nicht vor ihr, sondern auf ihre Kosten.
„Ich unterschreibe nichts“, sagte Greta.
Frau Müller hörte sofort auf zu lächeln.
„Wozu dann das ganze Theater?“
„Welches Theater?“
„Das weiße Kleid, die Gäste, das Restaurant. Du willst in die Familie kommen, aber der Familie nichts geben?“
Greta sah Klaus an. Sie wartete darauf, dass er wenigstens sagte: „Mama, hör auf.“ Oder dass er ihr einfach das Blatt wegnahm.
Er schwieg.
Hinter der Tür ging jemand vorbei, lachte, Gläser klirrten. Wahrscheinlich schenkte man den Gästen schon Sekt ein. Gretas Freundin Lina hatte eine Nachricht geschickt: „Wo bleibst du? Der Standesbeamte wird nervös.“ Greta antwortete nicht. Das Handy lag neben dem Strauß aus weißen Pfingstrosen, die plötzlich wie Weißkohl aussahen.
„Klaus“, sagte Greta leise. „Hast du von diesem Papier gewusst?“
Er zupfte an seiner Manschette.
„Was stellst du dich so an? Das Papier ist nur, damit alle Ruhe haben. Du würdest später zurückziehen, anfangen zu zögern. Und wir haben schon eine Abmachung mit Leuten.“
„Mit welchen Leuten?“
Frau Müller sah schnell zu ihrem Sohn. In diesem Moment bekam Greta zum ersten Mal richtig Angst. Nicht vor dem Papier. Nicht vor dem Gespräch. Sondern vor der Tatsache, dass es bereits eine Antwort gab, und die würde schlimmer sein, als sie dachte.
Klaus verzog das Gesicht.
„Ich habe die Wohnung einem Bekannten gezeigt. Er ist bereit zu warten. Ein guter Preis. Tu nicht so, als wäre das ein Verbrechen.“
„Du hast meine Wohnung einem Käufer gezeigt?“
„Dramatisiere nicht. Ich war doch oft da. Ich habe einen Schlüssel.“
Greta spürte, wie es in ihrer Brust kalt und leer wurde. Der Schlüssel. Genau den hatte sie ihm im Frühling gegeben, als sie krank war und ihn bat, Medikamente zu bringen. Er hatte ihn dann behalten.
„Du hast einen Fremden in meine Wohnung gelassen?“
„In unsere zukünftige Wohnung“, unterbrach er. „Und hör auf mit dem Ton.“
Frau Müller schob Greta den Kugelschreiber hin.
„Greta, eine kluge Frau klammert sich nicht an eine Kiste mit Balkon, wenn man ihr ein normales Leben anbietet.“
In diesem Moment erinnerte sich Greta daran, wie Agathe, ihre erste Lehrmeisterin in der Werkstatt, ihr beigebracht hatte, eine falsche Naht aufzutrennen.
„Schone den Faden nicht, Greta. Wenn es beim ersten Stich schief läuft, zieht sich der Fehler durch das ganze Kleidungsstück. Trenne lieber gleich auf, als später über den verdorbenen Stoff zu weinen.“
Damals dachte Greta, sie meinte Röcke.
Klaus nahm das Ringkästchen, öffnete es, holte ihren Ring heraus und drehte ihn zwischen den Fingern.
„Lass uns diesen Streit beenden. Jetzt gehst du raus, lächelst, wir lassen uns trauen, und zu Hause reden wir in Ruhe.“
„Zu Hause?“, wiederholte Greta. „In welchem Zuhause?“
„In deinem. Vorläufig.“
Dieses „vorläufig“ war der letzte Faden.
Greta nahm den Ring aus seiner Hand. Klein, glatt, golden. Sie hatten ihn zusammen ausgesucht. Eigentlich hatte Klaus ihn ausgesucht, und sie hatte zugestimmt, weil sie zu müde zum Streiten war. Damals hatte er gesagt:
„Schlicht steht dir.“
Dabei hätte sie sich nur gewünscht, dass er sie einmal fragte, was ihr gefalle.
Sie ging zum Fenster. Es stand einen Spalt offen, weil es im Raum stickig geworden war. Unten, unter dem Vordach, standen die nassen Autos der Gäste. Auf der Fensterbank zitterte ein Wassertropfen.
Frau Müller trat näher.
„Was tust du da?“
Greta drehte sich zu ihnen um. Zu der Frau, die im Geiste schon ihre Möbel in Gretas Wohnung gestellt hatte. Zu dem Mann, der geglaubt hatte, mit dem Stempel im Pass würde Greta bequemer, weicher und leiser werden.
„Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt soeben eine Braut, eine Wohnung und den letzten Rest meiner Achtung verloren!“ Sie schleuderte den Ehering aus dem Fenster.
Er traf das Blech der Regenrinne, klirrte und verschwand irgendwo im nassen Grün unter den Fenstern.
Frau Müller schrie auf, als hätte Greta nicht den Ring, sondern ihre Pläne für einen ruhigen Lebensabend weggeworfen.
Klaus erbleichte.
„Bist du verrückt geworden?“
„Nein. Endlich zu Verstand gekommen.“
Greta raffte den Saum ihres Kleides, um nicht auf die Spitze zu treten, und ging zur Tür.
„Greta!“ – Klaus packte sie am Arm. „Da draußen sind Gäste. Meine Kollegen. Deine Mutter ist gekommen. Du blamierst uns alle.“
Sie sah auf seine Finger an ihrem Handgelenk.
„Lass los.“
„Wir reden darüber.“
„Du hast schon alles gesagt.“
Er ließ nicht sofort los. Drückte erst fester zu, als wolle er prüfen, wie viel von der alten, gehorsamen Greta noch in ihr steckte. Dann ließ er los. Rote Male blieben auf der Haut zurück.
Im Flur fing Lina sie ab. Sie trug ein lila Kleid und hatte etwas verschmierte Wimperntusche von der Feuchtigkeit.
„Wo bleibst du? Alle warten. Oh … was ist passiert?“
„Es wird keine Hochzeit geben.“
Lina sah über Gretas Schulter, erblickte Klaus und Frau Müller mit dem Zettel in der Hand, und verstand sofort, nicht durch Worte, sondern durch die Gesichter.
„Komm“, sagte sie.
„Warte. Sag meiner Mutter, sie soll sich keine Sorgen machen.“
„Sag es ihr selbst. Sie steht an der Garderobe und spürt schon, dass etwas nicht stimmt.“
Gretas Mutter stand tatsächlich an der Garderobe. Klein, in einem dunkelblauen Kostüm, mit einer Handtasche, die sie mit beiden Händen vor sich hielt. Sie sah Greta und fragte nicht: „Wie konntest du?“ Fragte nicht: „Was sagen die Leute?“ Sie kam nur näher und strich Greta eine Locke aus dem Gesicht.
„Hat er dir wehgetan?“
Greta nickte.
„Geh dich umziehen. Ich rede mit den Gästen.“
„Mama, es ist kompliziert.“
„Kompliziert ist, wenn der Schnitt nicht passt und die Bestellung morgen fällig ist. Das hier ist einfach nicht dein Mensch.“
Das Kleid zog Greta in der Abstellkammer des Restaurants aus, wohin Lina ihr ein einfaches Leinenkleid und Sandalen gebracht hatte. Der Reißverschluss hakelte, die Spitze verfing sich in den Haaren. Greta ruckte, und ein dünner Faden am Ärmel riss.
„Vorsichtig“, sagte Lina.
„Soll er reißen.“
„Schade. Du hast so viel Arbeit reingesteckt.“
Greta betrachtete den weißen Stoff, die sauberen Nähte, die Reihe winziger handgenähter Knöpfe.
„Nicht schade. Das Kleid kann nichts dafür.“
Lina hängte es auf einen Bügel. Es schwang leicht, als hätte es geseufzt.
Am Eingang des Restaurants lärmten die Gäste. Jemand empörte sich, jemand flüsterte, jemand versuchte ein Taxi zu rufen. Frau Müller sprach laut:
„Das Mädchen hat Nerven. Wir regeln das schon.“
Gretas Mutter antwortete so ruhig, dass Greta es sogar durch die Tür hörte:
„Das Mädchen hat eine Wohnung und einen eigenen Kopf. Ihr Sohn dagegen hat ein Problem mit Respekt.“
Greta verließ das Haus durch den Lieferanteneingang. Der Regen hatte fast aufgehört. Die Luft roch nach nassem Asphalt und Linden. Lina wollte mitkommen, aber Greta bat:
„Nicht. Ich möchte allein sein.“
„Kommst du klar?“
„Ich hab’s schon geschafft.“
Sie fing ein Taxi am Nachbarhof ein. Der Fahrer sah sie im Rückspiegel an: Leinenkleid, Brautfrisur, der Strauß weißer Pfingstrosen auf dem Schoß.
„Hat das Fest nicht geklappt?“, fragte er vorsichtig.
„Im Gegenteil, es hat rechtzeitig aufgehört.“
Er fragte nicht weiter.
Zu Hause holte sie als Erstes den Ersatzschlüssel von der Hausmeisterin, den sie für Notfälle hinterlegt hatte, und ging hoch. Die Tür öffnete sich leise. In der Wohnung war alles so, wie sie es liebte: auf dem Tisch am Fenster lag ein Maßband, über der Stuhllehne hing eine noch unfertige Jacke, auf der Fensterbank stand ein Basilikumtopf. Ihr Leben. Klein, stellenweise eng, aber nicht fremd.
Sie zog den alten Schließzylinder aus der Tür und legte ihn auf die Handfläche. Der Nachbar aus dem dritten Stock hatte ihr mal gezeigt, wie man ihn wechselt, als ihr Schlüssel klemmte. Sie hatte damals gelacht:
„Ich soll lieber Kleider nähen als Schlösser schrauben.“
Er hatte geantwortet:
„Eine Frau in ihrer eigenen Wohnung sollte beides können.”
Der neue Zylinder lag in der Kommodenschublade. Sie hatte ihn gekauft, nachdem Klaus eines Morgens ohne Vorwarnung gekommen war, die Tür mit seinem Schlüssel geöffnet und gesagt hatte:
„Überraschung!“
Damals hatte sie geschwiegen. Nur die Schachtel unter die Wäsche gelegt. Offenbar hatte ihr Kopf schon alles gewusst, nur ihr Herz war hinterhergehinkt.
Den Zylinder wechselte sie lange. In der Zeit hätte sie ein Kleid anpassen können, aber mit dem Metall kämpfte sie wie eine Anfängerin. Der Schraubenzieher rutschte ab, die Schraube fiel, die Finger schmerzten. Doch als der neue Schlüssel im neuen Zylinder drehte, lächelte Greta zum ersten Mal an diesem Tag.
Das Handy vibrierte ununterbrochen. Klaus. Frau Müller. Unbekannte Nummern. Dann Nachrichten.
„Mach keine Schande, komm zurück.“
„Die Gäste fragen, was sie sagen sollen.“
„Ich komme vorbei, mach auf.“
„Du musst dich erklären.“
Sie schaltete den Ton aus.
Sie hatte niemandem mehr etwas zu erklären.
Klaus kam, als der nasse Hof draußen zu dunkeln begann. Erst klingelte er an der Sprechanlage. Dann klopfte er. Dann sprach er durch die Tür.
„Greta, mach auf. Wir sind erwachsen. Wir müssen das regeln.“
Sie saß auf dem Boden neben der Nähmaschine und trennte den Saum des Brautkleides auf. Nicht weil sie ihn nicht hörte. Sondern weil ihre Hände zum ersten Mal an diesem Tag eine klare Aufgabe hatten.
„Ich weiß, du bist zu Hause“, sagte er. „Mach kein Theater.“
Sie fuhr fort, die Naht mit der kleinen Schere zu öffnen, sorgsam, um den Stoff nicht zu beschädigen.
„Meine Schlüssel passen nicht mehr“, seine Stimme veränderte sich. „Hast du das Schloss gewechselt?“
Greta schwieg.
„Greta, das ist nicht mehr lustig.“
Die Schere schnappte. Der Faden gab nach.
„Mach wenigstens auf, damit wir reden können!“
Sie trat an die Tür, nahm aber die Kette nicht ab.
„Rede.“
„Weißt du, was du angerichtet hast? Leute sind gekommen, Mama wäre fast umgefallen. Du hast mich zur Witzfigur gemacht.“
„Das hast du selbst geschafft.“
„Wegen eines Zettels? Wegen einer blöden Wohnung?“
„Nicht wegen der Wohnung, Klaus. Sondern weil du schon entschieden hattest, wie viel mein Leben wert ist.“
Draußen atmete er hörbar ein.
„Ich wollte eine Familie.“
„Nein. Du wolltest einen bequemen Tausch: meine Wohnung gegen deine Ruhe.“
„Du verdrehst alles.“
„Geh.“
„Ich gehe nicht, bis wir uns einig sind.“
„Dann rufe ich den Hausmeister und den Polizeinotruf.“
Er verstummte. Dann schlug er mit der flachen Hand gegen die Tür. Nicht fest, aber genug, dass der Spiegel im Flur erzitterte.
„Du wirst es bereuen.“
„Bereits jetzt nicht mehr.“
Die Schritte entfernten sich nicht sofort. Er stand noch einen Moment, hoffend, dass sie vor ihrer eigenen Entschlossenheit Angst bekäme. Dann schlug die Aufzugstür zu, und in der Wohnung wurde es still.
Greta kehrte zum Kleid zurück. Sie schnitt die lange Schleppe ab. Dann löste sie die Spitze von den Ärmeln, legte sie beiseite. Der weiße Stoff legte sich auf den Tisch, fügsam und sauber. Man konnte alles daraus machen: ein hübsches Kleid für ein Mädchen, ein Futter für eine Jacke, einen Bezug für die Schneiderpuppe. Nicht jeder Stoff war schuld daran, dass man ihn zweckentfremden wollte.
Als in der Werkstatt das erste Licht anging, stand Greta bereits am Zuschneidetisch mit einer Tüte in der Hand. Agathe saß am Fenster und trank Tee aus einem Glas im Halter.
„Na?“, fragte sie, ohne aufzusehen.
„Es gab keine Hochzeit.“
„Sehe ich. Bei Bräuten, die eine Hochzeit hatten, ist der Gang anders. Du gehst wie jemand, der eine Nähmaschine aus einer brennenden Scheune gerettet hat.“
Greta stellte die Tüte auf den Tisch.
„Kann ich das hier auseinandernehmen?“
„Muss wohl sein.“
Agathe kam, betastete den Stoff.
„Gute Arbeit.“
„War sie.“
„Gute Arbeit bleibt gut. Nicht die Naht war falsch, Greta. Der Mensch hat sich geirrt, der glaubte, das Kleid mache dich zu seinem Besitz.“
Sie setzten sich nebeneinander. Agathe trennte die Seitennaht auf, Greta nahm die Knöpfe ab. Keine lauten Gespräche. Nur das sanfte Knirschen der Fäden und das Trommeln des Regens auf dem Blechdach.
Die Mutter rief an, als Greta die Spitze zu einer ordentlichen Rolle wickelte.
„Wie geht es dir?“
„Lebendig. Wütend. Aber okay.“
„War er da?“
„Ja. Ist nicht reingekommen.“
„Gut.“
„Mama, schämst du dich für mich?“
Sie klang fast empört.
„Ich schäme mich, dass ich dich nicht früher gefragt habe, ob du glücklich bist. Alles andere ist keine Schande.“
Greta kehrte im feinen Nieselregen nach Hause zurück. Vor dem Haus stand Frau Müller. Ohne Schirm. Die Haare hatten sich aus der Frisur gelöst, ihr Gesicht wirkte grau.
„Greta“, sagte sie. „Wir müssen reden.“
„Müssen wir nicht.“
„Du bist jung, heißblütig. Du verstehst nicht, was du tust. Klaus leidet.“
„Soll er sich dran gewöhnen.“
Frau Müller presste die Lippen zusammen.
„Die Wohnung wird dich nicht glücklich machen.“
„Vielleicht. Aber sie wird mich nicht bitten, mich für die Bequemlichkeit eines anderen zu verkaufen.“
„Du bist grausam.“
„Nein. Ihr habt zum ersten Mal einen Korb bekommen und nennt das Grausamkeit.“
Sie trat einen Schritt näher.
„Klaus ist ein guter Mensch.“
„Dann soll er gut werden – ohne meine Wohnung.“
Frau Müller wandte sich ab. Wahrscheinlich hätte sie gern etwas Scharfes gesagt, Gewohntes, Stechendes. Aber der Hof war leer, es gab kein Publikum, und die Worte verloren die halbe Kraft.
„Er hat dich geliebt“, sagte sie schließlich.
„Liebe kommt nicht mit einem Papier zur Unterschrift vor dem Standesamt.“
Greta ging an ihr vorbei und ins Haus.
Sie kamen nicht wieder. Klingelten noch ein paar Mal, dann hörten sie auf. Das Restaurant und die Gäste wurden ohne sie geregelt. Klaus ließ seine Kartons vom Balkon durch den Nachbarn holen, kam nicht einmal zu ihr hoch. Gab die Schlüssel zurück, die ohnehin nichts mehr aufschlossen.
Greta hatte gedacht, es würde mehr wehtun. Aber der Schmerz war wie ein Nadelstich: scharf, ärgerlich, aber sofort war klar, wo die Nadel steckte und wie man sie rauszieht.
Die Wohnung vergaß Klaus allmählich. Seine Tasse mit der Aufschrift „Chef im Haus“ verschwand. Greta brachte die Hausschuhe raus, die er sich selbst gekauft und an der Tür zurückgelassen hatte, als Zeichen des künftigen Einzugs. Sie nahm den Kalender von der Wand, in dem er das Hochzeitsdatum mit rotem Marker eingekreist hatte. An seine Stelle hängte sie eine hölzerne Garnspule, die sie in der Werkstatt gefunden hatte. Groß, nachgedunkelt, mit einer Kerbe an der Seite. Irgendwie passte sie besser an Gretas Wand als jeder Kalender.
Das Kleid warf sie nicht weg. Aus dem festen Atlas nähte sie einen Bezug für die Nähmaschine. Aus der Spitze einen Vorhang für das kleine Fenster in ihrer Arbeitsecke. Die Knöpfe legte sie in ein Einmachglas. Die Schleppe lag lange separat, bis Greta wusste, was sie damit anfangen sollte.
An einem tag ohne Aufträge holte sie einen schmalen Holzstuhl ans Fenster. Denselben, auf dem Klaus oft gesessen hatte, am Handy tippend und sagend:
„Greta, wen interessieren diese Umarbeiten? Such dir lieber einen richtigen Job.“
Der Stuhl war stabil, nur die Sitzfläche war abgenutzt. Greta bezog ihn mit dem Stoff der Brautschleppe. Der weiße Atlas spannte sich glatt, ohne Falten. Am Rand setzte sie eine schmale Naht. Keine Rosen, keine Spitze, keine Schleifchen. Nur eine saubere, helle Fläche.
Als der Stuhl fertig war, stellte sie ihn neben die Nähmaschine. Setzte sich, trat aufs Pedal und hörte den gleichmäßigen Lauf des Mechanismus. Die Maschine nähte sicher, als habe auch sie darauf gewartet, dass der überflüssige Lärm aus der Wohnung getragen würde.
Auf dem Tisch lag ein neuer Auftrag: ein schlichtes blaues Kleid für eine Frau, die bei der Anprobe gesagt hatte:
„Ich möchte eins, in dem ich ganz ich selbst sein kann.“
Greta lächelte. Das war eine klare Aufgabe.
Draußen hellten sich die Dächer nach dem Regen auf. Irgendwo im Gras vor dem Restaurant lag wahrscheinlich noch ihr Ring. Vielleicht hatte ihn der Hausmeister gefunden. Vielleicht war er unter einen Busch gerollt. Es war ihr egal. Der Ring war ein Versprechen gewesen, das es nie gegeben hatte. Aber der Stuhl am Fenster war für einen Platz, den sie sich selbst freigehalten hatte.
Greta senkte das Nähfüßchen auf den Stoff und zog die erste Naht.
Von da an passte sie sich nie wieder einem fremden Schnittmuster an.





