Klaus Hoffmann sah ihn um halb acht am Morgen.
Klaus stand am Fahrstuhl und hielt eine Katze. Er drückte sie mit beiden Armen an die Brust. Die Katze war grau, an einer Seite struppig und roch so stark nach Keller, dass Hilde einen Schritt zurückwich.
„Ach du lieber Himmel“, sagte sie. „Was ist denn das?“
Klaus antwortete nicht. Er sprach überhaupt selten mit den Nachbarn. Er drückte den Fahrstuhlknopf und starrte auf die Anzeige.
„Wo hast du den denn ausgegraben?“, stellte sie fest, statt zu fragen. „Der ist ja völlig verdreckt. Willst du den etwa mit nach Hause nehmen?“
„Ich habe fünf Monate nach ihm gesucht.“
Der Fahrstuhl öffnete sich. Klaus trat ein. Drückte die vier.
Hilde blieb im Treppenhaus stehen und sah zu, wie sich die Türen schlossen. Aber Klaus’ Gesicht war sehr froh. Er ließ die Katze nicht aus den Augen und rückte sanft ihre Pfoten zurecht, wenn sie sich bewegte.
Später erzählte sie der Nachbarin aus dem fünften Stock, dass er seltsam ausgesehen habe.
Aber warum – das erfuhr sie erst später.
Die Zettel tauchten im September auf. Klein, auf normalem Papier gedruckt, mit einem Foto. Das Foto zeigte eine Katze. Grau, gestreift, die Schnurrhaare auf einer Seite kürzer als auf der anderen. Darunter stand knapp „Vermisst“ und eine Telefonnummer.
Klaus klebte sie selbst. Früh morgens, vor der Arbeit, ging er mit einer Kleberolle und einem Stapel Zettel los. Er lief Laternenpfähle, Aushängekästen, Hauswände beim Supermarkt ab. Die Finger froren, das Klebeband haftete in der Kälte schlecht, er musste länger als sonst drücken.
Mieze war Ende August verschwunden. Kam einfach abends nicht heim. Das Küchenfenster stand offen.
Zuhause stand am Heizkörper ein Napf. Klaus ließ ihn stehen.
Die ersten zwei Wochen kamen Anrufe.
Leute meldeten graue Katzen. Gestreifte Katzen. Eine rotbraune, die sie auch noch anboten. Klaus fuhr zu jedem Anruf. Sah hin, schüttelte den Kopf, bedankte sich. Fuhr zurück.
In der dritten Woche rief eine Frau aus der Baustraße an, sagte, sie habe eine ähnliche bei den Garagen gesehen. Klaus fuhr abends nach der Arbeit hin, schon im Dunkeln. Lief zwischen den Garagen umher, mit der Taschenlampe seines Handys, leuchtete unter Türen, rief. Niemand kam heraus. Nur eine fremde Katze, schwarz, sah ihn unter einem Tor an und verschwand zurück in die Finsternis.
Im Oktober legte er sich ein Notizbuch an.
Er notierte Adressen, zu denen er gefahren war. Namen der Anrufer. Daten. Manchmal kurze Vermerke – „grau, aber jünger“, „nicht die richtige Farbe“, „Besitzer gefunden“. Die Seiten wurden mehr. Klaus blätterte abends manchmal im Heft, nicht lesend, nur blätternd.
Ein Kollege bei der Arbeit, Fritz, fragte einmal, was mit ihm los sei.
„Nichts“, sagte Klaus.
„Eben“, sagte Fritz und fragte nicht weiter.
Der November war nass, es wurde früh dunkel.
Klaus erweiterte das Suchgebiet. Lief durch Wohnviertel, einen Block weiter, zwei. Ging in fremde Häuser, sah auf Fensterbänke, unter Treppen. Fragte manchmal Leute auf den Höfen. Die meisten schüttelten den Kopf, ohne stehenzubleiben. Eine alte Frau am dritten Hauseingang sagte, sie habe im September eine ähnliche am Trafokasten gesehen, aber genau wisse sie es nicht.
Klaus bedankte sich. Ging zum Trafokasten. Stand da. Nichts. Natürlich.
Hilde erwischte ihn einmal im Treppenhaus und sagte, es sei genug, fünf Monate seien vorbei, er solle sich eine andere nehmen. Sie meinte es nicht böse.
„Keine andere“, sagte Klaus.
„Dann eben nicht“, sagte sie.
Er nickte und ging zur Treppe. Hilde sah ihm nach und dachte, dass manche Leute sich wirklich wegen nichts und wieder nichts aufreiben.
Im Dezember hörten die Anrufe fast auf.
Die Zettel wurden nass, vergilbten, lösten sich hier und da. Klaus klebte sie neu. Druckte neue, ging morgens mit der Kleberolle los. Er hatte gelernt, die Rolle unter dem Arm zu halten und mit einer Hand abzurollen, während die andere den Zettel festdrückte.
Am dritten Januar hörte er ein Geräusch.
Leise. Kaum wahrnehmbar. Irgendwo hinter der Kellertür, der unter dem ersten Hauseingang. Klaus blieb stehen. Lauschte. Das Geräusch wiederholte sich nicht.
Er stand eine Minute. Dann ging er zum Hausmeister, um den Schlüssel zu holen.
Der Hausmeister, Herr Schäfer, suchte lange nach dem Schlüssel, fand den falschen, dann den richtigen. Fragte, was Klaus im Keller verloren habe. Klaus sagte es. Herr Schäfer sah ihn an, wie man jemanden ansieht, dem man besser nicht widerspricht, und gab den Schlüssel.
Die Tür öffnete sich mühsam, ein Geruch von feuchtem Beton, altem Holz und etwas anderem schlug ihm entgegen. Klaus schaltete die Taschenlampe ein und trat ein.
Der Keller war lang und niedrig.
Klaus ging langsam, leuchtete unter Rohre, hinter alte Kisten, an der Wand entlang. Der Lichtstrahl erfasste mal ein rostiges Fahrrad ohne Rad, mal einen Stapel Bretter, mal eine weggeworfene Liege mit eingedrückter Seite. Es roch nach Nässe und Kalk. Irgendwo tropfte es, selten und gleichmäßig, wie eine Uhr.
„Mieze“, sagte Klaus.
Sagte es leise. Nicht als Ruf, sondern eher, wie man die Dunkelheit prüft, bevor man hineingeht.
Niemand antwortete.
Er ging weiter, vorbei an einem Verteilerkasten, vorbei an alten Heizkörpern, die an der Wand standen. Der Lichtstrahl bewegte sich langsam. Klaus beeilte sich nicht. In fünf Monaten hatte er gelernt, sich nicht zu beeilen, wo Eile sinnlos war.
„Mieze.“
Wieder Stille. Nur das Tropfen irgendwo. Nur das Summen der Rohre über ihm, warm, staubbedeckt.
Er erreichte die hintere Wand und blieb stehen. Leuchtete in die Ecke. Dort standen Kisten, drei oder vier, übereinandergestapelt, und zwischen ihnen und der Wand war ein dunkler Raum, schmal wie ein Spalt. Klaus hockte sich hin. Leuchtete hinein.
Zwei Augen fingen das Licht.
Er bewegte sich nicht. Sah nur. Das Herz tat etwas Seltsames, nicht laut, aber spürbar, als hätte es einen Schritt ausgesetzt und dann wieder eingeholt.
„Mieze“, sagte er. Ganz leise.
Die Augen verschwanden nicht. Aber die Katze kam auch nicht heraus. Sie saß im Spalt zwischen den Kisten und der Wand und starrte in das Licht der Taschenlampe. Klaus senkte den Strahl ein wenig, um sie nicht zu blenden. Dann setzte er sich auf den Boden. Direkt auf den Beton, ohne an seine Kleidung zu denken, ohne an irgendetwas zu denken.
Er setzte sich einfach. Und wartete.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war.
Es war kalt. Der Beton zog die Wärme schnell und gleichmäßig durch die Jacke. Klaus bewegte sich nicht. Er hielt die Taschenlampe zur Seite, damit es im Spalt nicht ganz dunkel war, aber auch nicht in die Augen. Manchmal sprach er leise. Nicht rufend, nicht überredend. Er sprach einfach, wie man spricht, wenn die Stimme da sein soll.
„Kalt ist es hier bei dir“, sagte er. „Fünf Monate. Hätte nicht gedacht, dass du hier bist.“
Aus dem Spalt kam kein Laut.
„Ich bin überall rumgelaufen. War in der Baustraße, nachts. Da sind Garagen, kennst du nicht. Habe das ganze Notizbuch vollgeschrieben.“
Irgendwo tropfte es im Dunkeln. Die Rohre summten.
„Zu Hause steht der Napf. Ich habe ihn nicht weggeräumt.“
Er hörte ein Rascheln, bevor er die Bewegung sah. Die Katze kam langsam aus dem Spalt. Nicht direkt auf Klaus zu, sondern erst zur Seite, an den Kisten entlang, schnupperte, blieb stehen. Klaus bewegte sich nicht. Sah zu. Die Katze war dünn. Eine Seite struppig, das Fell war nicht nachgewachsen. Auf einer Seite des Gesichts waren die Schnurrhaare kürzer. Links.
Sie war es.
Die Katze machte noch einen Schritt. Dann noch einen. Dann trat sie an Klaus’ Bein und stupste den Kopf gegen sein Knie. Einmal. Wie zur Probe. Und blieb neben ihm stehen.
Klaus hob nicht sofort die Hand. Er saß erst einfach da. Dann ließ er langsam, vorsichtig, seine Handfläche auf den Katzenkopf sinken. Mieze wich nicht zurück. Sie kniff nur die Augen zu, und darin lag etwas so Einfaches, dass Klaus die Luft wegblieb.
Er weinte nicht. Er saß einfach auf dem kalten Beton im Keller seines eigenen Hauses und hielt die Hand auf dem Kopf der Katze, nach der er fünf Monate gesucht hatte. Und die Katze stand neben ihm und schwieg. Sie war schon immer wortkarg gewesen.
Aufzustehen war schwerer als sich hinzusetzen.
Die Beine waren eingeschlafen, und Klaus richtete sich langsam auf, indem er sich an den Kisten abstützte. Mieze trat einen Schritt zurück und beobachtete ihn. Klaus stand auf, blieb stehen. Er hatte gelesen, dass Katzen innerhalb von zwei Wochen verwildern und die Menschen vergessen können. Und hier – fünf Monate. Dann hockte er sich wieder hin, diesmal in die Hocke, und nahm die Katze auf den Arm.
Mieze wehrte sich nicht. Sie war leicht, viel leichter als früher. Klaus drückte sie an seine Brust und spürte unter der Handfläche das kleine, schnelle Herz schlagen.
Sie gingen denselben Weg zurück zum Ausgang. Vorbei an der Liege, vorbei am rostigen Fahrrad, vorbei am Verteilerkasten. Klaus hielt die Taschenlampe in einer Hand, mit der anderen drückte er die Katze an sich. Mieze bewegte sich nicht. Nur einmal wechselte sie die Pfoten, um sich bequemer zu setzen, und wurde dann wieder still.
An der Tür blieb Klaus stehen.
Dann stieß er die Tür auf und trat hinaus.
Auf dem Hof war Morgen. Grau, Januar, ohne Sonne. Der Schnee lag alt und zusammengesackt, mit schwarzen Spuren entlang des Weges. Klaus blinzelte im Licht.
Er stand an der Tür und hielt Mieze.
Da sah Hilde sie.
Zuhause war es warm.
Klaus zog sich im Flur die Schuhe aus, ohne die Katze loszulassen. Dann setzte er sie doch vorsichtig auf den Boden, wie man etwas Zerbrechliches abstellt. Die Katze senkte sofort die Nase zum Boden und ging die Wand entlang. Langsam, mit Pausen. Sie beschnupperte die Fußleiste, die Ecke, das Bein des Beistelltischs. Prüfte.
Klaus stand da und sah zu.
Mieze erreichte die Küche. Blieb an der Türschwelle stehen, zuckte mit einem Ohr. Dann ging sie hinein. Klaus folgte.
Der Napf stand am Heizkörper, wo er immer gestanden hatte. Leer, sauber, am Rand ein wenig staubig. Die Katze ging darauf zu, beschnupperte ihn. Stand eine Sekunde darüber. Dann trat sie zurück und setzte sich neben den Heizkörper, die Seite an das warme Eisen gelehnt.
Klaus öffnete den Kühlschrank. Drin war ein wenig gekochtes Hühnchen. Er löste ein Stück ab, legte es in den Napf. Seine Hände gehorchten nicht sofort, die Finger waren noch kalt.
Mieze aß langsam. Nicht gierig, wie Hungrige fressen, sondern bedächtig. Klaus saß neben ihr auf dem Boden, den Rücken an der Wand. Sah zu.
Danach lief Mieze durch die ganze Wohnung. Prüfte jede Ecke, jedes Zimmer, jede Fensterbank. Dann kam sie ins Wohnzimmer zurück, sprang aufs Sofa und rollte sich dort ein, wo sie früher immer geschlafen hatte. Links vom Kissen, an der Armlehne.
Klaus ließ sie nicht aus den Augen.
Fünf Monate hatte er gesucht, an Laternenpfählen gefroren, zu fremden Anrufen gefahren, mit der Taschenlampe zwischen Garagen umhergeirrt. Und Mieze saß im Keller unter dem ersten Hauseingang. Zwanzig Meter von der Tür entfernt. Wovon hatte sie gelebt? Wahrscheinlich von Mäusen. Wie lange hätte sie noch durchgehalten, wenn nicht durch einen glücklichen Zufall ihr leises „Miau“ Klaus’ Ohren erreicht hätte?
Klaus hätte lange darüber nachdenken können. Aber er tat es nicht.
Er löschte das Licht im Flur, ging ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa neben die Katze. Mieze öffnete ein Auge, sah ihn an und schloss es wieder. Draußen vor dem Fenster wurde es dunkel.
Alle waren zu Hause. Manchmal ist das Wichtigste nicht die Weite der Suche, sondern die Stille des Findens.





