— Du kommst nicht zur Beerdigung deiner Mutter. Ich brauche das Auto, — sagte ihr Mann. Vera stand auf, nahm ihre Tasche und ging. Für immer.

Das Telefon verstummte. Greta stand mitten in der Küche, das Gerät mit beiden Händen an die Brust gepresst. Tante Else hatte genau vier Minuten gesprochen – ihre Stimme trocken, sachlich, ohne eine einzige Träne.

Dieter saß auf dem Sofa. Der Fernseher plapperte leise im Hintergrund. Er drehte sich nicht einmal um, als Greta im Türrahmen erschien.

„Dieter. Tante Else hat angerufen. Meine Mutter ist vor einer Stunde gestorben.“

Er nickte. Fuhr mit dem Finger über den Bildschirm seines Handys – scrollte durch irgendetwas, das schon nicht mehr wichtig war.

„Mhm. Schade.“

„Ich muss fahren. Sofort. Zwei Stunden Fahrt. Gib mir die Autoschlüssel.“

Dieter legte das Handy weg. Nicht, weil er betroffen war – sondern weil er das Wort „Auto“ gehört hatte. Er sah zu ihr auf mit einem Ausdruck leichter Verärgerung, als hätte sie ihn gebeten, einen Schrank zu verrücken.

„Nein. Das Auto brauche ich. Meine Mutter hat mich gebeten, sie zu Tante Lotte zu fahren. Ich hab’s ihr letzte Woche versprochen.“

Greta rührte sich nicht. Das Licht aus der Küche fiel auf ihren Rücken, ihr Gesicht blieb im Schatten.

„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“

„Gehört schon. Aber sie ist doch schon tot. Was soll die Eile? Setz dich morgen in den Bus, kommst auch hin. Meine Mutter lebt noch. Sie wartet. Ich hab’s versprochen.“

Eine Sekunde. Zwei. Drei.

„Das ist dein Ernst?“

„Absolut. Meine Mutter lasse ich nicht hängen.“

Greta trat ins Wohnzimmer. Stellte sich direkt vor den Fernseher – so, dass Dieter ihr nicht ausweichen konnte. Er musste aufsehen.

„Ich bitte dich ein einziges Mal. Ein einziges. Denk nach, was du gerade gesagt hast. Und antworte neu.“

„Greta, mach keine Szene. Ich hab’s erklärt. Meine Mutter wartet, ich hab’s versprochen. Bei deiner Beerdigung läuft nichts weg über Nacht.“

„Meiner Beerdigung“, wiederholte sie langsam.

„Na ja, der Beerdigung. Du weißt, was ich meine. Du fährst morgen. Die organisieren das auch ohne dich, die Tante ist da, die Nachbarn.“

Greta beugte sich ein Stück vor.

„Weißt du, dass dies das letzte Mal ist, dass ich dich um etwas bitte? Nicht das zweite, nicht das dritte. Das letzte.“

„Herrgott, Greta. Du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Ein Tag! Einen einzigen Tag wartest du. Da stürzt nichts ein. Meine Mutter hat mich gebeten – ich fahre. Punkt.“

„Meine Mutter ist gestorben, Dieter. Und deine fährt zu Besuch, um Kaffee zu trinken.“

„Verdreh nicht die Tatsachen. Sie hat sich lange darauf gefreut, Lotte erwartet sie. Ich hab’s versprochen. Willst du, dass ich mein Wort breche?“

„Ich will, dass du dich erinnerst, mit wem du zusammenlebst. Und was dieser Tag für mich bedeutet.“

„Ich erinnere mich. Aber Ordnung ist Ordnung. Die Lebenden sind wichtiger.“

Greta richtete sich auf. Sie sah ihn an, als prägte sie sich sein Gesicht ein. Nicht mit Hass. Mit etwas Endgültigem.

„Gut“, sagte sie.

Dieses „Gut“ klang vollkommen ruhig. Ohne Groll. Ohne Schmerz. Ohne Beben. Dieter schenkte es keine Beachtung – er griff schon nach der Fernbedienung.

*

Greta ging in den Flur. Öffnete die oberste Kommodenschublade – die, die Dieter in sieben Jahren nie geöffnet hatte. Sie holte einen dicken Schnellhefter heraus: ihren Pass, den Eigentumsnachweis für die Wohnung, den Fahrzeugschein des Autos, die Bankunterlagen. Alles auf ihren Namen. Sie packte alles in ihre Tasche.

Sie nahm beide Autoschlüssel vom Haken. Zog die Jacke an. Schlüpfte in die Schuhe.

„Wo willst du hin?“, rief Dieter aus dem Wohnzimmer.

„Fahren. Mich von meiner Mutter verabschieden.“

„Womit denn? Ich hab’s dir gesagt – ich brauche das Auto!“

Greta öffnete die Wohnungstür. Dieter stand bereits im Flur – barfuß, die Fernbedienung in der Hand, mit einem lächerlichen Ausdruck gekränkter Besitzerwürde.

„Das Auto ist auf mich zugelassen. War es immer. Die Wohnung auch. Wenn ich zurückkomme, wird das Schloss ausgewechselt. Deine Sachen stelle ich an die Tür. Hol sie selbst oder ich werfe sie raus.“

„Was redest du da?“

„Ich rede nicht. Ich sage es dir. Klar und ein einziges Mal.“

„Greta, stopp. Stopp! Du kannst nicht einfach …“

„Dieter. Meine Mutter ist gestorben. Und du hast mir erklärt, du brauchst das Auto dringender – um deine Mutter zu ihrer Schwester zum Kaffeetrinken zu fahren. Das war alles, was ich hören musste. Zwischen uns ist nichts mehr. Pack deine Sachen.“

Die Tür fiel ins Schloss. Der Riegel schnappte ein. Unten knallte die Haustür. Nach einer Minute sah er vom Fenster aus, wie sie sich hinters Steuer setzte – ruhig, ohne Hektik, ohne Blick zurück. Sie startete den Motor. Fuhr aus dem Hof. Sah nicht einmal hoch.

Dieter stand mitten im Flur. Er wählte ihre Nummer – es läutete, niemand ging ran. Er schrieb eine Nachricht: „Gib mir das Auto zurück. Bist du verrückt?“ Gelesen. Stille. Noch eine: „Hör auf mit dem Unsinn. Meine Mutter wartet, ich muss los.“ Gelesen. Stille.

Zwanzig Minuten später klingelte sein Handy. Seine Mutter.

„Dieter, wann holst du mich ab? Lotte hat schon den Tisch gedeckt.“

„Mama, es gibt ein Problem. Greta hat das Auto genommen.“

„Was heißt genommen? Das ist doch euer Auto!“

„Formal … läuft es auf sie.“

„Na und? Du bist der Mann! Sag ihr, sie soll es zurückbringen!“

„Sie geht nicht ran. Ich ruf zurück.“

Er setzte sich aufs Sofa. Durchquerte die Wohnung. Alles sah noch genauso aus – Möbel, Vorhänge, Regale. Aber Greta hatte aus diesem Haus die Dokumente, die Schlüssel und sich selbst entfernt. Drei Dinge, auf denen alles beruhte.

Das Handy klingelte. Greta. Er griff danach.

„Greta! Endlich. Hör zu, lass uns ohne …“

„Halt die Klappe“, sagte sie. Leise und kurz wie ein Schnippen. „Ich sag es dir ein einziges Mal. Die Wohnung gehört mir. Meine Großmutter hat sie mir vererbt, die Papiere sind auf meinen Namen, das weißt du genau. Das Auto habe ich vor der Ehe gekauft. Das Geld auf der Karte ist meins – du hast in sieben Jahren keinen einzigen Euro zurückgelegt. Im Innenfutter deiner Jacke stecken zwanzig Euro – das reicht für ein Taxi für deine Mutter. Knapp, aber es reicht.“

„Greta, warte …“

„Das Schloss lasse ich heute wechseln, Nachbarin Frieda lässt den Handwerker rein. Deine Sachen packe ich zusammen. Sie stehen an der Tür. Zwei Tage. Dann kommen sie in den Müll.“

„Das kannst du nicht …“

„Doch. Jedes Papier. Jede Unterschrift. Alles gehört mir. Und du hast es in sieben Jahren nicht einmal geschafft, einen Wasserkocher auf deinen Namen anzumelden.“

„Das ist gemein!“

„Gemein ist, seiner Frau zu sagen, sie solle nicht zur Beerdigung ihrer Mutter fahren – weil du das Auto brauchst, um deine zum Kaffee zu kutschieren. Das ist gemein. Ich nehme nur, was mir gehört.“

Die Stille in der Leitung dauerte vier Sekunden.

„Greta, ich hab’s übertrieben. Ja, ich war blöd, hab’s dummdreist gesagt. Reden wir normal, wenn du zurück bist.“

„Zu dir komme ich nicht zurück. Wir sind durch. Ruf nicht mehr an.“

Freizeichen.

Dieter saß mit dem Handy in der Hand da. Wählte erneut – Teilnehmer nicht erreichbar. Noch einmal – dasselbe. Sie hatte seine Nummer blockiert.

Er griff in die Jackentasche. Zwei zerknitterte Zehn-Euro-Scheine. Sie hatte selbst das kalkuliert – genau genug, um das Taxi zu Tante Lotte und zurück zu bezahlen. Keinen Cent mehr.

Die Karte war leer – er prüfte es. Auf anderen Konten – null. Er hatte sich nie darum gekümmert. Ihm hatte gereicht, was Greta ihm gab. Die Wohnung – ihre. Das Auto – ihres. Das Geld – ihres. Er hatte sieben Jahre in einem fremden Haus gelebt und nie darüber nachgedacht.

Seine Mutter wartete am Hauseingang. Eine kleine Gestalt im grünen Mantel, ein Tütchen mit Mitbringseln für die Schwester in der Hand. Das Taxi hielt, sie stieg ein, sah sich im Wagen um.

„Taxi? Ernsthaft? Wo ist das Auto?“

„Bei Greta.“

„Dann hol es zurück!“

„Sie ist damit weggefahren. Für immer.“

Die Mutter schwieg. Starrte auf die Rückseite des Vordersitzes.

„Was heißt für immer?“

„Genau das. Sie ist gegangen. Sie hat gesagt, ich soll meine Sachen in zwei Tagen holen. Heute Abend wird das Schloss gewechselt.“

„Weswegen?“

„Weil ich ihr gesagt habe, sie soll nicht zur Beerdigung fahren. Ich hätte das Auto gebraucht, meinte ich.“

Die Mutter drehte sich zu ihm um. In ihren Augen – keine Reue. Ratlosigkeit. Sie begriff nicht, wie die Bitte, sie zu ihrer Schwester zu fahren, so enden konnte.

„Mann, Dieter, das hast du gesagt?“

„Ich hab nicht gedacht, dass sie so …“

„Hättest du denken müssen! Dass eine Frau ihre Mutter verliert und du sagst ihr ‚warte‘? Hast du sie noch alle?“

„Du selbst hast gefragt, ob ich dich fahre!“

„Ich hab dich gebeten, mich zu fahren. Ich hab nicht verlangt, dass du deine Frau nicht zur Beerdigung lässt! Das hast du dir selbst ausgedacht!“

Das Taxi fuhr durch die Stadt. Der Taxameter tickte. Dieter sah auf die Zahlen – sie stiegen, jeder Euro biss von seinem letzten Geld ab. Als der Wagen vor Tante Lottes Haus hielt, standen acht Euro auf dem Zähler. Zurück noch einmal so viel. Der Rest – für Essen. Vielleicht. Für einen Tag.

Die Mutter stieg aus. Drehte sich um. Das Tütchen mit den Mitbringseln zerknitterte in ihren Händen.

„Und wohin jetzt?“

„Zu dir. Wenn du mich lässt.“

„Ich hab ein Zimmer und eine Küche, Dieter. Ein Klappbett im Abstellraum.“

„Dann eben das Klappbett.“

Sie schüttelte den Kopf. Verschwand im Hauseingang. Die Tür fiel hinter ihr zu.

Dieter blieb auf dem Gehweg stehen. In der Tasche – zwölf Euro in Kleingeld und zerknitterten Scheinen. Auf der Karte – nichts. Hinter ihm eine Stadt, in der er keinen einzigen Quadratmeter mehr besaß.

Er zog das Handy heraus. Wählte Gretas Nummer. Es läutete. Dann die mechanische Stimme: „Der Teilnehmer ist nicht erreichbar.“

Er steckte das Telefon weg. Sah auf seine Hände – leer. Wie alles andere.

Greta aber stand in diesem Moment in der Mitte des Zimmers ihrer Mutter. Tante Else zur Rechten, die Nachbarn dahinter. Sie tat, was sie tun musste. Sie verabschiedete sich. Denn für sie verdienten die Toten nicht weniger Respekt als die Lebenden. Und ganz gewiss mehr als ein Ehemann, der in sieben Jahren nie begriffen hatte, neben wem er lebte.

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Homy
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— Du kommst nicht zur Beerdigung deiner Mutter. Ich brauche das Auto, — sagte ihr Mann. Vera stand auf, nahm ihre Tasche und ging. Für immer.
Im ganzen Restaurant herrschte plötzlich Stille, als eine Kellnerin sich zwischen die Familie eines Millionärs und die ältere Dame stellte, die sie zu bevormunden versuchten.