Es war einmal vor langer Zeit, als Helga ihrem Mann eine Überraschung bereiten wollte. Sie kehrte drei Stunden früher von ihrer Familie zurück, doch als sie die Wohnung betrat, konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten.
Helga blickte aus dem Zugfenster und dachte an ihre Mutter. Drei Tage hatte sie bei ihr verbracht, sie mit Hühnersuppe versorgt und Medikamente gegeben. Erst gestern war das Fieber gesunken.
Du hättest noch einen Tag bleiben sollen, hatte die Mutter am Morgen gesagt.
Heinz ist allein zu Hause, Mutti. Bestimmt hat er schon Hunger.
Nun im Zug bereute sie, nicht auf sie gehört zu haben. Doch Heinz hatte jeden Abend angerufen, nach der Mutter gefragt und sich über den leeren Kühlschrank beschwert. Seine Stimme klang seltsam müde, irgendwie abwesend.
Ich vermisse dich, hatte er gestern vor dem Schlafengehen gesagt.
Helga hatte gelächelt. Zweiunddreißig Jahre verheiratet, und er vermisste sie immer noch. Ein guter Mann, dachte sie.
Der Zug ruckelte. Die Frau gegenüber knabberte Sonnenblumenkerne und las einen Krimi. Auf dem Cover umarmte eine schöne Frau einen Mann im Anzug. Helga warf einen Blick auf ihr Spiegelbild im Fenster. Falten, graue Haaransätze. Wann war sie bloß so alt geworden?
Fahren Sie zu Ihrem Mann? fragte die Mitreisende.
Ja. Nach Hause.
Ich zu meinem Liebhaber, kicherte die Frau. Mein Mann denkt, ich sei bei meiner Schwester.
Helga errötete und drehte sich weg. Wie konnte man so etwas nur sagen?
Das Telefon vibrierte.
*Wie gehts? Wann kommst du?*, schrieb Heinz.
Helga sah auf die Uhr. Noch vier Stunden bis München. Sie wollte ehrlich antworten, überlegte es sich dann aber anders. Es sollte eine Überraschung werden. Sie würde ihm ein Abendessen kochen. Er würde sich freuen.
*Morgen früh bin ich da. Ich vermisse dich auch.*
Heinz schickte sofort ein Herzchen.
Draußen flogen Felder und Dörfer vorbei. Helga holte ihre Thermoskanne mit Tee aus der Tasche. Die Mutter hatte sie ihr vollgegossen und Butterbrote eingepackt. Immer noch wie ein Kind behandelte sie sie.
Du bist so dünn geworden, mein Mädchen. Bestimmt kümmert sich dein Heinz nicht darum, ob du isst.
Mutti, ich bin siebenundfünfzig.
Und ich? Du bleibst trotzdem mein kleines Mädchen.
Helga kaute ihr Brot mit Wurst und dachte an die Mutter. Sie lebte noch immer in der Wohnung, in der Helga aufgewachsen war. Der Vater war vor fünf Jahren gestorben. Die Mutter wollte nicht zu ihnen in die Stadt ziehen.
Ihr habt euer eigenes Leben, sagte sie immer. Ich will nicht im Weg stehen.
Aber sie stünde nicht im Weg. Helga liebte es, sich um andere zu kümmern. Erst die Eltern, dann Heinz, dann die Kinder. Sie hatte als Lehrerin gearbeitet, doch als Klaus geboren wurde, war sie zu Hause geblieben. Später kam Anja dazu. Und irgendwann war sie einfach Hausfrau geworden.
Wozu brauchst du Arbeit? hatte Heinz damals gesagt. Ich verdiene genug. Kümmere dich lieber um den Haushalt.
Und das tat sie. Dreißig Jahre lang. Kochen, waschen, putzen. Die Kinder großziehen, zu Kursen bringen. Heinz Hemden bügeln, Socken stopfen.
Die Kinder waren ausgezogen. Klaus arbeitete in einer anderen Stadt, hatte eine eigene Familie. Anja war verheiratet, hatte ein Enkelkind geboren. Nun war Helga selbst Oma.
Und was jetzt?
Der Zug bremste. Helga packte ihre Sachen, verabschiedete sich von der Mitreisenden. Auf dem Bahnsteig war es laut, voller Menschen. Der Bus nach Hause brauchte eine halbe Stunde.
Während der Fahrt stellte sie sich vor, wie Heinz sich freuen würde. Er dachte, sie käme erst morgen. Aber sie war heute hier. Vielleicht würde sie noch schnell einkaufen gehen gutes Fleisch, junge Kartoffeln. Ein schönes Abendessen, den Tisch decken.
Im Supermarkt nahm sie alles, was sie brauchte. Die Kassiererin lächelte:
Feiern Sie ein Fest?
Nein, nur so. Mein Mann wartet.
Die Tüten waren schwer. Sie schleppte sie mühsam bis zum Haus. Im Fahrstuhl holte sie Luft. Die Schlüssel suchte sie lange, wühlte in ihrer Tasche.
Endlich öffnete sie die Tür.
Heinz, ich bins!, rief sie. Ich bin da!
Stille. Er schlief wohl schon. Es war spät, fast zehn.
Helga stellte die Tüten ab, zog den Mantel aus. Das Licht brannte. Seltsam. Heinz schlief nie bei Licht.
Sie ging zum Schrank, um den Mantel aufzuhängen und blieb stehen. Vor der Tür standen Schuhe. Damenschuhe. Schwarz, mit Absatz. Schick, glänzend.
Heinz?, flüsterte sie.
Ihr Herz schlug schneller. Vielleicht waren es Anjas? Die Tochter hatte einen Schlüssel. Aber warum hätte sie nicht Bescheid gesagt?
Aus der Küche drang leises Lachen. Frauenlachen.
Helga erstarrte. Das war nicht Anja. Eine fremde Stimme.
Heinz, du bist so witzig, sagte die Frau.
Helga kommt erst morgen. Wir haben Zeit, antwortete er.
Helga lehnte sich an die Wand. Ihre Knie wurden weich. Was war das? Wer war diese Frau?
Und wenn sie früher kommt?, fragte die Unbekannte.
Kommt sie nicht. Sie hält sich immer an Absprachen.
Sie lachten. Helga schloss die Augen. Die Luft blieb ihr weg.
Leise schlich sie zur Küche. Die Tür stand einen Spalt offen. Sie spähte hinein.
Am Tisch saß Heinz im Hausanzug. Sein Haar war zerzaust, er lächelte. Gegenüber eine junge Frau, vielleicht dreißig. Blond, hübsch. Sie trug einen Morgenmantel. Helgas Morgenmantel.
Auf dem Tisch standen zwei Kaffeetassen, eine Torte, Pralinen. Heinz hielt ihre Hand.
Lena, du bist wunderbar, sagte er leise.
Lena? Wer war Lena?
Und deine Frau? Du hast gesagt, du liebst sie. Die Frau neigte kokett den Kopf.
Das tue ich. Aber das ist anders. Mit dir fühle ich mich jung.
Helga krallte sich an der Tür fest. Die Welt drehte sich. Zweiunddreißig Jahre Ehe. Zweiunddreißig Jahre Vertrauen. Und er…
Heinz…, flüsterte sie.
Sie fuhren herum. Heinz erbleichte, der Mund stand offen. Die Frau sprang auf, zupfte am Morgenmantel.
Helga? Du… du kommst doch erst morgen…, stammelte er.
Wer ist das?, zeigte Helga auf die Blonde.
Das… das ist Lena. Die Nachbarin. Aus Nummer 52.
Die Nachbarin? Helga starrte die Frau in ihrem Morgenmantel an. Meinen Morgenmantel trägt die Nachbarin?
Ich geh besser, murmelte Lena. Heinz, ruf mich an.
Bleib!, schrie Helga. Erklär mir, was hier los ist!
Lena blieb stehen. Ihr Gesicht zeigte Schuld aber nicht zu viel.
Wir haben nur… geplaudert, sagte sie. Heinz hat mir geholfen. Mein Wasserhahn war kaputt.
Der Wasserhahn? Helga lachte hysterisch. In meinem Morgenmantel hast du den Wasserhahn repariert?
Helga, beruhige dich, Heinz stand auf. Es ist nichts passiert. Lena hat um Hilfe gebeten, ich bin rübergegangen. Dann hat sie Kaffee angeboten. Wir haben geredet…
Geredet? Händchen gehalten? In meinem Morgenmantel?
Ich habe meine Sachen gewaschen, sagte Lena leise. Heinz hat mir den Mantel gegeben, damit ich mich nicht erkälte.
Meinen Mantel gegeben! Helga konnte nicht aufhören. In meiner Wohnung! An meinem Tisch! Während ich meine kranke Mutter gepflegt habe!
Heinz kam näher.
Helga, schrei nicht. Die Nachbarn hören es.
Die Nachbarn? Sie wich zurück. Du denkst an die Nachbarn? Und an mich hast du gedacht, als du mit dieser… dieser…
Es ist nichts passiert! Heinz packte sie an den Schultern. Ich schwöre dir, nichts!
Helga sah ihm in die Augen. Panik, Angst. Und Lügen. Zweiunddreißig Jahre sie konnte sein Gesicht lesen.
Lass mich los, sagte sie leise.
Helga…
Lass mich los!
Er ließ sie gehen. Seine Hände zitterten.
Ich geh dann, murmelte Lena und huschte zur Tür.
Bleib!, brüllte Helga. Zieh erst meinen Mantel aus!
Helga, hier vor mir?, versuchte Heinz sich dazwischenzustellen.
Schämst du dich jetzt?, Helga stieß ihn weg. Vorhin war es dir egal, mit ihr Kaffee zu trinken!
Lena zog den Morgenmantel aus und warf ihn auf den Stuhl. Darunter trug sie Jeans und einen Pullover.
Tut mir leid, sagte sie und rannte hinaus.
Die Haustür knallte.
Helga setzte sich, verbarg ihr Gesicht in den Händen. Keine Tränen. Nur Leere. Ein schwarzes Loch, wo einst ihr Herz gewesen war.
Helga, lass uns vernünftig reden, setzte sich Heinz neben sie. Ich erkläre alles.
Erklär.
Lena hat wirklich um Hilfe gebeten. Ihr Wasserhahn tropfte. Ich bin rüber, habe ihn repariert. Sie hat Kaffee angeboten.
Um zwei Uhr nachts?
Es war neun.
Und jetzt ist es eins! Helga hob den Kopf. Vier Stunden Kaffee?
Heinz schwieg. Sein Gesicht war rot, schweißig.
Heinz, ich bin nicht dumm, sagte sie leise. Zweiunddreißig Jahre Ehe. Ich weiß, wenn du lügst.
Es ist nichts passiert! Wir haben nur geredet! Sie ist allein, hat niemanden zum Reden!
Und du? Hast du mich nicht?
Mit dir rede ich über den Alltag. Über die Enkel, deine Mutter. Mit ihr… über das Leben.
Helga stand auf. Ihre Brust brannte.
Über das Leben? Und ich? Bin ich kein Leben? Bin ich Möbel?
So meinte ich das nicht…
Wie meinst du es dann? Helga schlug mit der Faust auf den Tisch. Dreißig Jahre zu Hause! Für dich! Für die Kinder! Mein Studium, meine Karriere alles! Und du sagst, mit mir ist es langweilig!
Helga, beruhige dich…
Ich werde mich nicht beruhigen! Sie lief wie ein gefangenes Tier umher. Ich bügle deine Hemden, wasche deine Socken, koche dein Essen! Und du plauderst mit Nachbarinnen über das Leben!
Es ist nur eine…
Nur eine? Nur Lena? Wie viele waren es vor ihr?
Keine!
Lügner! Sie trat dicht an ihn heran. Wie oft bist du länger geblieben? Wie viele Dienstreisen? Konferenzen? Besprechungen?
Das war Arbeit!
Arbeit? Wie Lena heute Arbeit war?
Heinz senkte den Kopf.
Helga, ich liebe dich. Ehrlich. Du bist mir das Wichtigste.
Wichtig? Wie ein teures Möbelstück? Wie ein alter Schrank?
Sag das nicht…
Was soll ich sagen? Endlich kamen die Tränen. Mein ganzes Leben habe ich dir gegeben! Mein ganzes! Und du? Jagst jungen Frauen nach?
Das tue ich nicht! Lena ist von selbst…
Von selbst was? Ist sie zu dir gekommen? Hat meinen Mantel angezogen? Deine Hand genommen?
Heinz schwieg.
Antworte! schrie Helga. Von selbst?
Wir sind erwachsen… Es war beidseitig…
Beidseitig! Helga griff sich ans Herz. Also wolltest du! Also hast du daran gedacht!
Helga, bitte…
Ich will wissen! Wie lange geht das schon? Wie lange?
Ein halbes Jahr…
Ein halbes Jahr! Helga sackte auf den Küchenboden. Ein halbes Jahr hast du mich belogen! Mich jeden Abend geküsst, mir gesagt, du liebst mich! Und bist zu ihr gegangen!
Ich bin nicht zu ihr gegangen! Wir haben uns selten gesehen!
Selten? Also doch gesehen! Helga kroch zur Tür. Es ist aus! Alles!
Wohin willst du?
Weiß nicht! Irgendwohin! Nur nicht hier!
Helga stand auf, ging zum Flur. Heinz folgte ihr.
Helga, bleib! Lass uns morgen reden! Mit klarem Kopf!
Mit klarem Kopf? Sie zog den Mantel an. Jetzt muss ich mein ganzes Leben mit klarem Kopf leben!
Geh nicht, ich bitte dich!
Sie drehte sich um. Heinz stand in Unterhose und Hemd da. Glatze, Bäuchlein. Erbärmlich.
Weißt du was?, sagte sie. Geh zu deiner Lena. Redet über das Leben.
Helga knallte die Tür zu, rannte die Treppe hinunter. Den Aufzug nahm sie nicht. Aus Angst, er würde sie einholen.
Draußen war es kalt. Wohin? Zu Anja konnte sie nicht zu spät, sie würde den Enkel wecken. Zur Mutter war es zu weit, der letzte Zug war weg.
Sie erinnerte sich an Erika. Ihre Freundin wohnte im Nachbarviertel. Sie rief an.
Helga? Was ist passiert?, Eriks Stimme war verschlafen.
Erika, kann ich zu dir kommen? Bitte.
Natürlich. Was ist los?
Erzähle ich später.
Im Bus dachte sie nach. Zweiunddreißig Jahre. Ein ganzes Leben. Und was blieb? Leere. Und Schmerz.
Erika empfing sie im Morgenmantel, zerzaust.
Setz dich, ich mache Tee. Erzähl.
Helga erzählte alles. Erika hörte zu, schüttelte den Kopf.
Arschloch, sagte sie knapp. Alle Männer sind Arschlöcher.
Erika, ich weiß nicht, was ich tun soll.
Was gibts da zu überlegen? Scheidung.
Aber wir sind so lange zusammen…
Genau deshalb denkt er, du erträgst alles.
Die Nacht verbrachte sie wach. Lag auf Eriks Sofa und dachte nach. Erinnerte sich an alles. Wie sie sich kennengelernt hatten, geheiratet. Wie die Kinder gekommen waren. Wie Heinz immer arbeiten war, sie zu Hause.
Wann hatte er sich entfernt? Vor zwei Jahren? Sie dachte, es sei das Alter. Die Midlife-Crisis.
Dabei hatte er sich einfach verliebt.
Am Morgen rief sie Anja an.
Mama, was ist los? Papa hat angerufen, sucht dich.
Sag Papa, ich bin bei Tante Erika. Und dass ich nachdenke.
Worüber?
Erklär ich später, mein Schatz.
Heinz rief den ganzen Tag an. Helga ging nicht ran. Abends kam er zu Erika.
Ist Helga hier?, fragte er an der Tür.
Ja, Helga trat in den Flur. Was willst du?
Reden. In Ruhe reden.
Reden.
Helga, ich habe Schluss gemacht mit Lena. Es ist vorbei.
Aha. Bis zur nächsten Lena.
Es gibt keine nächste! Ich schwöre es!
Helga sah ihn an. Müde Augen, zerknittertes Hemd. Ehrlich, vielleicht. In diesem Moment.
Heinz, ich habe nachgedacht, sagte sie leise. Ich bin siebenundfünfzig. Vielleicht lebe ich jetzt mal für mich.
Wie für dich?
Einfach so. Arbeiten. Die Welt sehen. Überlegen, was ich will. Nicht nur, was du willst.
Helga, wir sind doch eine Familie…
Familie? Sie lachte bitter. Familie ist, wenn man sich respektiert. Nicht wenn einer lebt und der andere für ihn.
Ich werde dich respektieren!
Weißt du was, Heinz? Lass uns eine Weile getrennt leben. Jeder denkt über sein Leben nach.
Ist das das Ende?
Es ist eine Pause. Wenn du merkst, dass ich es bin, die du willst nicht nur eine Haushälterin dann komm. Wenn nicht… Helga zuckte mit den Schultern. Dann wars das.
Heinz stand stumm. Dann nickte er.
Gut. Aber ich kämpfe um dich.
Mal sehen.
Er ging. Erika umarmte Helga.
Gut gemacht. Richtige Entscheidung.
Ich habe Angst, Erika.
Klar hast du Angst. Aber es ist ehrlich.
Helga setzte sich ans Fenster. Draußen regnete es. Ein neues Leben begann. Mit siebenundfünfzig. Seltsam. Aber vielleicht nicht schlecht.
Morgen würde sie Arbeit suchen. Dann zur Mutter fahren, mit ihr reden. Lange nicht mehr.
Und dann? Vielleicht würde Heinz sich ändern. Vielleicht würde sie merken, dass es auch ohne ihn geht.
Hauptsache, sie lebte jetzt auch für sich. Nicht nur für andere.
Der Regen prasselte gegen die Scheibe. Helga lächelte. Zum ersten Mal seit Stunden.





