Kleine Schritte – Mit Zuversicht den Alltag in Deutschland meistern

Kleine Schritte

Warum, mein Sohn? Warum du und nicht ich? Lydia Schneider öffnete die Augen, stellte wie so oft ihre Frage ins Leere und seufzte, zog sich die Bettdecke über den Kopf.

Der Morgen brachte ihr keine Freude mehr. Eigentlich war ihr gar nichts mehr geblieben, das Freude machen konnte. Wie sollte eine Mutter leben, wenn ihr Sohn nicht mehr da war? Es tat schon weh zu atmen ans Leben war nicht mehr zu denken.

Noch eine schlaflose Nacht war vergangen. Verloren in der Vergangenheit, ein weiteres Mal Abschied nehmend. Am liebsten wäre Lydia ihr selbst kopfüber in die Dunkelheit der Vergangenheit gefolgt, wenn sie dadurch wenigstens ihr Leid vergessen könnte.

Der Kater, der neben ihr geschlafen hatte, stupste Lydia mit seinen Pfoten an, zunächst einmal, dann wieder. Er schnurrte und machte damit klar, dass der Morgen längst angebrochen war.

Ich stehe ja schon auf, murmelte Lydia und schlug widerwillig die Decke zurück.

Der Kater war die einzige Erinnerung, die ihr vom Sohn geblieben war. Ein mageres Katerchen, aufgelesen von Jonas vor der Kaserne, hatte Lydias Kollege Elias ihr gebracht.

Hier. Jonas hat gesagt, falls was passiert, soll ich ihn dir geben

Was ist denn passiert? Lydia nahm die sonderbare Gabe ohne nachzudenken aus Elias Hand. Ich weiß immer noch nicht alles.

Jonas war ein Held Er hat uns alle gerettet. Einen guten Sohn hast du großgezogen, Lydia!

Da brach es zum ersten Mal aus Lydia heraus und sie weinte.

Nicht geweint hatte sie, als sie die Nachricht erhielt, dass ihr Sohn fort war. Nicht beim Abschied. Die Leute hatten sie misstrauisch angesehen und getuschelt, konnten nicht begreifen, wie eine Mutter keine Tränen vergießen konnte über ihr einziges Kind. Nicht einmal geweint hatte sie, als ihre Schwester ihr vorwarf, das Geld, das sie nach Jonas Tod bekam, nicht mit der Familie zu teilen.

Niemand verstand, dass sie nicht weinen konnte. Ihre Seele war zu Eis erstarrt. Sie atmete nicht mehr richtig, sie lebte nicht mehr, hörte nicht mehr, was um sie herum geschah. Es gab keinen Grund mehr. Alles war mit Jonas gegangen…

So dachte Lydia, bis sie von ihm Nachricht bekam. Mager, ein wenig zerzaust, sehr laut und doch überaus zutraulich. So wurde er ihr übergeben von dem, der dabei war, als Jonas sich aufrichtete, um die Aufmerksamkeit von den Verwundeten abzulenken, denen er erste Hilfe geleistet hatte, um sie zu retten, und sein eigenes Leben dabei gab…

Und was mache ich jetzt mit dir, Kleiner? Lydia streichelte das Katerchen und endlich weinte sie. Sie ließ ihre Tränen wenigstens einen Teil des Schmerzes fortwaschen, der sich wie Ruß in ihrer Seele gesammelt hatte.

Lydia wusste: Jonas hätte nicht anders gekonnt. Von klein auf war ihm bewusst, dass das Menschenleben das Kostbarste ist. Er hatte gesehen, wie seine Eltern im Krankenhaus arbeiteten, Tag und Nacht. Er war stolz auf seinen Vater, dessen Hände so viele Menschenleben gerettet hatten, dass er irgendwann nicht mehr mitzählen konnte. Jonas hatte selbst Arzt werden wollen, aber entschied sich dann anders was Lydia anfangs nicht verstand und nicht billigte, sie flehte ihn sogar an, es sich noch einmal zu überlegen.

Mutter, so muss es sein! Ich werde dort gebraucht.

Selbst da hatte sie nicht geweint. Sie hatte ihn nur zum Abschied gesegnet, ihn gebeten, auf sich aufzupassen und nicht unnötig zu riskieren.

Und jetzt, jetzt weinte sie, das Katerchen im Arm, mit der anderen Hand umklammerte sie das T-Shirt des fast fremden jungen Mannes, Elias, der sie so sehr an ihren Sohn erinnerte durch sein schüchternes Lächeln, das kaum zu sehen war, und dieses kratzige, so vertraute “Mutter!”.

Warum auch immer: Jonas hatte sie immer so genannt. Nicht Mama, nicht Muttchen sondern Mutter.

Du bist für mich wie die Heimat! Einzig für alle Zeit! Mutter klingt stolz. Weißt du, wie so eine Königin am Fluss steht und in die Ferne schaut. So schön ist das!

Jonas liebte Geschichte und Lydia wusste das Bild und die Zärtlichkeit, die in dem Wort Mutter lag, sehr zu schätzen.

Elias verstand ihr Bedürfnis. Er nahm sie in den Arm, tröstete sie, bis das Katerchen zu jammern anfing, um Aufmerksamkeit buhlte.

Er hat Hunger, sagte er zur Entschuldigung, wischte Lydias Tränen ab. Die Reise war lang.

Lydia begann zu räumen, stellte Milch warm. Immerhin lenkte das sie für einen Moment ab.

Er aß, wie Jonas es immer getan hatte hastig, als müsse er irgendwo hin, mit einem Hunger, der Lydia ansteckte. Auch sie nahm ein Stück Brot, spürte zum ersten Mal seit langem wieder so etwas wie Hunger. Seit dem Tod ihres Sohnes musste sie sich zum Essen zwingen.

Die zwei Stunden, die Elias noch bleiben konnte, waren natürlich viel zu kurz, um alles zu erzählen, zu fragen. Immer wieder wollte Lydia genau wissen, wie Jonas seine letzten Stunden verbracht hatte und hielt dabei das Katerchen, ohne zu begreifen, dass ihr Leben nun eine neue Wendung bekam.

Von diesem Moment an war das schnurrende Fellknäuel ihr morgendlicher Wecker. Ab sofort musste Lydia früh aufstehen, um für ihren tierischen Gast zu sorgen. Das Katerchen bestand aber darauf, dass sie zugleich ihr eigenes Frühstück machte er lief um sie herum, maunzte, bis sie sich mit an den Tisch setzte, und erst dann begann er selbst zu fressen.

Nun mach mal halblang, Butz! Die Nachbarn schlafen noch!

An den neuen Tagesablauf gewöhnte sich Lydia recht schnell und merkwürdigerweise tat er ihr gut. Morgens gab es immer etwas zu tun, und abends war sie so müde, dass kaum noch Raum blieb für trübe Gedanken.

Das Leben in der Wohnung, in der Jonas aufgewachsen und so viel Erinnerung geblieben war, fiel ihr dennoch schwer. Die Familie auch die entfernteren Verwandten meldeten sich plötzlich wieder, kamen zu Besuch, aber das machte Lydia keine Freude. Sie wusste, dass diese Besuche meist nur ein Ziel hatten: das Geld, das sie für Jonas Tod bekommen hatte.

Lydia hatte stets ein Auge darauf gehabt, wie es ihrer Familie ging, wusste, wer wann geboren, wer heiratete, wem es schlecht ging. Sie hatte geholfen, wo und wie sie konnte. Nun wurde jedoch von ihr viel mehr erwartet.

Lydia, du bist doch allein! Was willst du mit so viel Geld? Wir haben doch Kinder!

Beim ersten Mal, als das ihre jüngere Schwester sagte, wusste Lydia nicht, was sie antworten sollte. Sollte sie sagen, dass sie sich freut, dass die Nichten und Neffen am Leben sind, aber Jonas

Nein. Das konnte sie nicht sagen. Das wäre falsch gewesen. Also schwieg sie und zog damit nicht nur den Unmut ihrer Schwester, sondern der ganzen Verwandtschaft auf sich.

Du bist seltsam! Könntest so viel für deine Familie tun, aber hockst auf dem Geld, das du für deinen Sohn bekommen hast, wie ein Hund auf seinem Knochen! Jonas hätte das nie verstanden!

Nach diesen Worten wachte Lydia auf, schaltete ihr Handy aus, schloss die Tür ab und brach jeden Kontakt ab mit denen, die nie wirklich begriffen hatten, wie es in der Seele einer Mutter aussieht, die ihr einziges Kind verloren hat.

Zunächst wollte sie alles Geld einem Kinderheim oder einer Stiftung geben, doch ihre Freundin Greta riet ihr davon ab.

Lass, Lydia! Warte! Triff keine Entscheidung in deiner Trauer. Gib dir Zeit. Weißt du noch, was Jonas gesagt hat? Alles zu seiner Zeit!

Ja das hat er gesagt

Dann halte dich daran! Kleine Schritte weiter, Lydia! Ich weiß, es ist schwer, aber Jonas hätte nie gewollt, dass du ständig weinst!

Ach Greta, ich vermisse ihn so! Wenn ich ihn wenigstens eine Minute lang noch sehen, ein einziges Wort wechseln könnte! Ich kann nicht glauben, dass er einfach weg ist! Dass seine Träume, seine Wünsche einfach weg sind! Nein, ich glaube es nicht! Er lebt!

Solange du ihn im Herzen trägst, lebt er!

Und wenn ich ihn vergesse? Für einen Moment erschrak Lydia. Und wenn ich auch irgendwann gehe? Was dann?

Greta antwortete nicht. Sie nickte stumm auf die Briefe, die auf Jonas Schreibtisch lagen die Briefe seiner Kameraden und all jener, die er gerettet hatte. Das genügte Lydia, um sich ein wenig zu beruhigen.

Jonas hatte nicht umsonst gelebt! Daran würde man sich erinnern.

Und doch warum tut es so weh?

Der Alltag zog dahin. Lydia stand morgens auf, ging zur Arbeit, fütterte den Kater, erledigte ihren Haushalt und glaubte, nichts würde sich mehr in ihrem Leben ändern. Aber sie sollte sich irren. Das Treffen, das ihr Leben wenden sollte, hatte das Schicksal für einen besonderen Tag vorgesehen.

An jenem Abend war Lydia später als gewöhnlich auf dem Heimweg. Wieder hatte sie sich in der Notaufnahme mit Papieren aufgehalten der Beruf ließ ihr keine Ruhe. Als sie bemerkte, wie spät es war, rief sie ein Taxi.

Der Fahrer, ein junger, redseliger Mann, unterhielt sie auf der ganzen Fahrt, erzählte Geschichten, wie er privat eigentlich ein erfolgreicher Unternehmer sei, für den das Taxifahren nur ein Zeitvertreib ist, weil er sich sonst langweilt.

Lydia schmunzelte, stellte ein paar Fragen warum sollte sie seine Fantasie nicht beflügeln? Sie dachte dabei an Butz, der sie gleich zu Hause mit seinem Gezeter empfangen würde so spät war sie noch nie nach Hause gekommen, seit sie die Katze hatte.

Vor dem Haus zahlte Lydia in Euro, wollte aussteigen, da fiel ihr eine seltsame Szene auf. Auf einer Bank, neben ein paar Koffern und einem Kinderwagen, saß eine Frau mit einem Baby im Arm. Ein etwa fünfjähriger Junge klammerte sich an ihre Seite.

Merkwürdig , murmelte Lydia, worauf der Fahrer fragte, ob sie noch etwas brauche. Nein, nein, danke! Fahren Sie ruhig!

Einen Moment! Der Fahrer sprang aus, öffnete ihr die Tür, reichte ihr galant die Hand. Nur für Sie! Sie sind wunderbar!

Lydia lächelte, stieg aus, fragte:

Weil ich mitgeredet habe?

Weil Sie mich haben reden lassen!, sagte er plötzlich ernst. Meine Mutter sagt, ich kriege nie meinen Mund zu.

Fantasie bewegt die Welt, antwortete Lydia. Denken Sie darüber nach! Und danke, dass Sie mich wohlbehalten nach Hause gebracht haben.

Sie winkte ab und ging zum Hauseingang, immer den Blick auf die Frau dort gerichtet.

Was hielt Lydia in diesem Moment zurück?

Vielleicht die Haltung der Frau? Wie sie ihre Schultern hängen ließ und das Kind schützend umfing. Oder der Blick des Jungen, der ungewöhnlich still neben seiner Mutter stand nicht quengelte wie so viele übermüdete Kinder, sondern ruhig, wachsam die Umgebung absicherte.

Später konnte Lydia nicht sagen, was sie letztlich bewog, hinzugehen, aber sie sprach die Frau an.

Warten Sie auf jemanden? Wurden Sie nicht abgeholt?

Die Frau hob langsam, fast widerwillig den Kopf.

Nein. Niemand wartet auf uns, sagte sie schlicht.

Wie das? Haben Sie kein Ziel? Sie haben doch Kinder!

Nein, schüttelte die Frau erneut den Kopf und wiegte das Baby, das nicht daran dachte, aufzuwachen, und dann plötzlich rollten Tränen über ihre Wangen.

Diese Tränen, hilflos, leise und Lydia so vertraut, ließen sie handeln.

Sie sind bestimmt durchgefroren! Kommen Sie. Es ist längst Schlafenszeit für die Kinder! Kommen Sie mit mir!

Die Frau reagierte sofort, schützte instinktiv den Jungen, stellte sich zwischen ihn und Lydia.

Schon dieser einfache Reflex reichte, damit Lydia ahnte, welches Schicksal diese Frau an den Rand ihrer Welt getrieben hatte.

Keine Angst! Ich lebe allein. Sie können mit den Kindern bei mir übernachten. Danach sehen wir weiter. Besser, als mit den Kindern auf der Bank zu frieren …

Haben Sie keine Angst?, fragte die Frau und wischte sich verstohlen die Nase.

Wovor?, lächelte Lydia traurig. Vor Ihnen? Glauben Sie mir, ich habe nichts mehr zu fürchten. Das Schlimmste ist schon passiert. Nun kommen Sie morgen früh sieht alles klarer aus.

Die folgende Stunde war geprägt von eifriger Geschäftigkeit. Gäste mussten untergebracht, Kinder gefüttert und gebadet, die Mutter durfte endlich duschen. Erst als später alles still geworden war, Lydia ins Bett kroch, das Katerchen an ihre Brust gedrückt, bemerkte sie, dass sie nicht einmal nach den Namen ihrer Gäste gefragt hatte.

Na, das kann ich ja morgen noch klären!, dachte Lydia und schloss die Augen.

Zum ersten Mal seit Jonas Tod schlief Lydia ohne Tabletten, ohne Angst, ohne Tränen. Selbst Butz verstummte irgendwann, als er merkte, wie ruhig sie atmete so ruhig wie noch nie, seit er eingezogen war.

Ihr Morgen begann damit, dass sie die Augen öffnete und erschrocken vor einem kleinen Jungen stand. Für einen Moment dachte Lydia, sie träume so sehr erinnerte der verschlafene Wirbelwind an ihren Jonas als Kind.

Bist du meine Oma?, fragte der kleine Kerl, während er den Kater hinterm Ohr kraulte.

Nein, Kleiner, Lydia streichelte ihm sanft über den Kopf. Warum bist du schon wach? Es ist doch noch früh!

Mama ist aufgestanden. Ich auch. Haben Sie Zeichentrickfilme?

Lydia stand schließlich auf, überlegte hastig, wie sie den Jungen beschäftigen konnte doch dieser fand sich schnell zurecht, spielte begeistert mit Butz Lieblingsspielzeug, einer Federangel, während Lydia mit der Mutter in der Küche sprach.

Ihre Besucherin war schon am Herd.

Verzeihen Sie, ich musste für das Baby Milch machen. Ich hab ein bisschen gewirtschaftet wollte Sie nicht wecken

Kein Problem! Es sollten ja nicht alle hungern. Lydia winkte ab. Ich habe gestern gar nicht nach Ihrem Namen gefragt, noch mich vorgestellt. Also ich bin Lydia Schneider.

Ich heiße Anna. Anna Sommer. Und die Jungs das sind Paul und Simon.

Darf ich fragen, wie Sie mit den Kindern nachts draußen waren?

Anna wandte sich für einen Moment ab, setzte sich dann an den Tisch und blickte Lydia in die Augen.

Ich erzähle es Ihnen ich habe es noch niemandem erzählt. Aber Ihnen kann ich es sagen. Man hat mich rausgeworfen.

Wer? Warum?

Meine Schwiegermutter. Jetzt ist sie es nicht mehr …

Was ist geschehen? Hat Ihr Mann Sie verlassen?

Nein. Es ist anders Mein Mann war Fernfahrer…

Anna verstummte, kämpfte gegen die Tränen.

War Anna?, fragte Lydia sanft.

Er ist ums Leben gekommen Am Steuer eingeschlafen. Ich hab ihn immer gebeten, Pausen zu machen! Aber er hörte nicht auf mich! Zwei Söhne und er passt nicht auf sich auf Wie kann man so fahren?!

Natürlich nicht!

Aber alles ist so schwer

Was ist schwer, Anna?

Es ist schwer zu erklären. Ich bin ja auch Mutter. Habe zwei Söhne, und wer weiß, wie sehr ich sie vermissen werde, wenn sie groß sind…? Ich kann nicht schwören, dass ich nicht auch mal so werde wie meine Schwiegermutter. Als wir eigene Wohnung hatten, wurde sie irgendwie anders. Immer klug und freundlich gewesen. Dann kam mein Mann müde aus dem Fernverkehr zurück, hätte sich ausruhen sollen, aber nichts da, sie wollte was erledigt haben, rief ständig an, warf mir vor, wenn ich ihn schlafen ließ. Ich hab ihr sogar angeboten, sie selbst zu fahren ich fahre ja Auto aber nein! Ihr Sohn sollte sich kümmern. Aber ich wollte nie im Weg stehen lass ihn doch zuerst ausruhen, dann kann er fahren!

Schuldest du ihr etwas?, fragte Lydia behutsam.

Nein! Auf keinen Fall! Aber die Erschöpfung addiert sich. Als Paul klein war, hab ich alles geschafft, solange er schlief. Simon ist ganz anders. Vielleicht hab ich ihn nicht so fröhlich erwartet, wie Paul, vielleicht liegt es an etwas anderem, jedenfalls ist es mit ihm schwer. Er weint, gibt mich kaum frei. Jetzt schläft er, und ich bin froh. Zum ersten Mal seit Langem einen Moment für mich.

Hat Oma nie geholfen?

Doch. Paul hat sie immer mal genommen. Aber mit Simon nein, wollte nicht, kannte ihn kaum und hatte Angst, was falsch zu machen. Ich versteh das sogar.

Anna, warum waren Sie draußen? Erzählen Sie alles, verheimlichen Sie nichts!

Das tu ich auch nicht!, Anna lächelte traurig. Sie haben mich mitten in der Nacht hereingebeten, keine Angst gehabt, nicht mal gefragt, wie ich heiße. Da verschweige ich jetzt nichts mehr. Es war einfach: Mein Mann ist gestorben, fürs Mieten hatte ich kein Geld mehr. Die Vermieterin bat mich zu gehen. Warum, weiß ich nicht wir hielten alles ordentlich. Die Gegend ist gut, Kindergarten und Schule sind nah. Wir dachten immer, wir sparen was, kaufen dann eine Wohnung Aber jetzt ist alles anders. Die Schwiegermutter sie schob mich und die Kinder ab. Sagte, ich sei Schuld, dass ihr Sohn tot ist … Anna weinte laut. Ist das gerecht? Soll sie mich ruhig hassen, aber doch nicht die Enkel! Es sind doch ihre Enkel!

Lydia fragte nicht weiter. Sie stand leise auf, füllte ein Glas Wasser, nahm Anna in den Arm wie ein Kind.

Ruhig, mein Schatz. Jeder geht anders mit Verlust um. Deine Schwiegermutter ist überfordert. Gib ihr Zeit.

Und wenn nicht?

Dann kommt sie selbst zu Schaden. Du hast deine Söhne, sie Lydia seufzte. Sag, warum warst du an meinem Haus?

Ich wollte ganz in der Nähe ein Zimmer mieten, war schon verabredet, aber als ich ankam, war es schon vergeben Jetzt muss ich was anderes suchen

Musst du nicht, Lydia wiegte Anna am Kopf. Bleib hier, bis du weiterweißt.

Das kann ich nicht!, wehrte Anna ab.

Doch, das kannst du. Du bist Mutter. Du musst an die Kinder denken!

So bekam Lydia Schneider neue Aufgaben.

Erst brachte sie Anna und die Kinder in Jonas altem Zimmer unter und half ihnen, sich einzuleben. Dann nahm sie allen Mut zusammen und fuhr zu Annas Schwiegermutter, um mit ihr zu sprechen.

Das Gespräch war nicht einfach, aber Lydia fand die richtigen Worte für eine Mutter, die ihren Sohn verloren, aber vielleicht ihre Enkel wiedergewinnen konnte. Anna blieb erst einmal bei Lydia.

Lass Zeit vergehen und die Wogen sich glätten. Trefft euch erst über die Kinder, dann sehen wir weiter.

Diese Entscheidung erwies sich als richtig. Zwei Jahre später fand Anna eine Arbeit, gab Simon in die Obhut der Großmutter, bis der Kitaplatz frei wurde.

Grund für die Eile war die Wohnung, die Anna kaufte mit Lydia als Bürgen für die Bank. Lydia hatte ihr angeboten, ihr die Wohnung zu schenken, doch Anna bestand darauf, sie nur als Kredit zu nehmen.

Für das Startgeld leihe ich Geld aber nicht geschenkt!

Du hast doch Kinder, Anna!

Und sie haben eine Mutter! Sie haben mir schon Arbeit und ein Dach organisiert das reicht! Den Rest schaff ich allein!

Du bist stur!

Habs von Ihnen!, lachte Anna. Meine Kinder haben jetzt zwei Omas was kann man Besseres wollen? Das Schicksal war so großzügig das reicht für hundert Jahre!

Lydia sagte nichts mehr. Sie wusste, dass, wenn die Zeit kam, Paul und Simon eine gute Ausbildung und vielleicht sogar ein Zuhause erben würden dafür würde sie sorgen, ob Anna es nun mochte oder nicht.

Denn wenn Lydia heute die Augen aufschlug, weinte sie nicht. Sie streichelte Butz, blickte auf Jonas Foto und nickte, als würde sie seinem stillen Blick antworten:

Ich lebe, mein Junge. Ich lebe gut. Ich gebe mein Bestes. Mit kleinen Schritten komme ich dir näher. Ich weine nicht mehr. Ach, naja ein bisschen vielleicht. Das darf sein… Anna schimpft immer, aber wenn sie an ihren Mann denkt, weint sie auch. Die Jungs wachsen heran … Paul so klug, genau wie du damals. Immer neugierig tausend Fragen pro Minute! Das ist gut, oder? Das glaube ich jedenfalls! Und Simon so anhänglich, das kann man kaum beschreiben! Butz liebt ihn noch mehr als mich! Also, mein Schatz ich lebe! Hab keine Sorgen um mich. Wenn die Zeit reif ist, sehen wir uns wieder. Daran glaube ich fest.

Butz tapst sie mit der Pfote an, fordert sie zum Alltag auf, und Lydia lächelt bereit für einen neuen Tag.

Ich stehe ja schon auf Noch einmal blickte Lydia aus dem Fenster. Die Sonne brach zaghaft durch die grauen Wolken, ein sachter Neubeginn nach so langer Dunkelheit. Leise Stimmen aus Annas Wohnung mischten sich mit Pauls fröhlichem Lachen Kinderstimmen, bunt und ungebändigt. Butz sprang aufs Fensterbrett, streckte sich wohlig und legte den Kopf gegen ihren Arm.

Lydia atmete tief ein. Sie spürte: Etwas war geheilt, nicht vergangen, aber verwandelt. Sie hatte gelernt, dass Schmerz sich nicht befehlen lässt aber dass er sich wandelt, wenn man ihn teilt. Es gab kein Zurück mehr in die Zeit davor, aber es gab ein Weiter, im Hier, im Jetzt.

Sie strich Butz über das Fell. Komm, mein Freund, es gibt Frühstück. Und während sie die Tür öffnete, bat Paul drüben um Milch für sein Kakaoglas, Simon plapperte mit Anna, und Lydia summte ein altes Schlaflied, das Jonas gemocht hatte. Es war ein Moment voller kleiner Freuden.

Vielleicht waren es diese kleinen Schritte, die das Leben ausmachten: zu vergeben, zuzuhören, jemanden hereinzulassen, das eigene Herz wieder zu öffnen, obwohl es Narben trug. Die Trauer war da, ein stiller Schatten, doch auch die Liebe und sie war stärker.

An diesem Morgen legte Lydia die Hand auf Jonas Foto, lächelte und flüsterte: Danke, dass du mir gezeigt hast, dass Liebe weitergeht. Immer und überall.

Draußen erblühte der Tag. Und Lydia ging ihm entgegen noch immer trauriger als früher, aber auch reicher. Und irgendwo, im Schnurren von Butz und im Lachen der Kinder, wusste sie: Das Leben war ihr nicht genommen. Es war neu geschenkt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Kleine Schritte – Mit Zuversicht den Alltag in Deutschland meistern
Die Katze rannte am Ufer entlang und schrie. Dann schloss sie die Augen, hob den Kopf und ging geradeaus – denn dort waren ihre einzigen Freunde. Und was bedeutete ihr Leben ohne sie? Verzweifelt ruderte sie mit den Pfoten… Gemeinsam saßen sie zu dritt am Rand der hohen Klippe und blickten auf den endlosen Ozean. Jeder wippte auf eigene Weise: der Mensch – mit dem lebendigen Bein, das andere war aus Metall, der Hund mit dem fröhlich wedelnden Schwanz, die Katze nachdenklich mit dem Schwanzende. Eigentlich schwang jeder etwas: Pfote, Schwanz oder Prothese. Währenddessen versank die Sonne so weit draußen im Wasser, dass es wirkte, als würde ein glühender Kessel hinter dem Horizont brodeln. Besonders fest glaubte daran die Katze – alles erschien ihr immer lebendiger und dramatischer. Alexander war einst Weltmeister – ein Star der Surfwelt, Vorbild für alle, sein Name in Zeitungen und auf glitzernden Partys. Er gab Prominenten Unterricht, unterhielt Werbeverträge, seine Surfschule war legendär. Unterricht leisteten sich nur Wohlhabende. Alexander hatte Rettungsschwimmer angestellt, Aussichtsplattformen gebaut und das Wellenparadies wie gezähmt. Seine festen Begleiter zu Hause waren nur der Hund Benno und die Katze Minka. Benno, der aufgeweckte Rote, spielte gern im Schaum der Brandung – für ihn Vergnügen, kein Sport. Minka, das einst hilflose Kätzchen, war durch Benno zur Familie geworden. Sie wurde von ihm nicht nur als Freund, sondern als Kind geliebt. Minka hasste das Meer, saß zu den Trainings stets abseits, wachsam, beobachtend. Am schicksalhaften Tag versuchte sie, Alexander zu warnen, sich ihm in den Weg zu stellen, zerrte an seiner Hose, doch er lachte und stieg aufs Brett. Benno folgte ihm, Minka versuchte den Hund zurückzuhalten, doch vergeblich. Eine Welle spülte sie zurück, während draußen im Wasser ein Hai aus dem Nichts auftauchte und Alexanders Bein ergriff. Rettungsschwimmer zogen ihn heraus; Minka und Benno brachte man ins Haus. Nach Monaten kehrte Alexander mit einer Prothese zurück, stand bald wieder auf dem Brett – und wurde zum neuen Medienhelden. Aber Minka ließ ihn nie wieder ruhig aufs Wasser zugehen, warnte immer energischer, doch Alexander ignorierte es. An einem stürmischen Tag wurde Minka ganz verzweifelt, stellte sich in den Weg, klammerte sich in Bennos Ohr, doch der Hund ließ nicht ab. Minka blieb zurück, schrie, presste die Augen zu und warf sich schließlich selbst ins Wasser – aus Liebe zu ihren Freunden. Sie kämpfte mit den Wellen, drohte zu ertrinken – bis Benno sie rettete. Zusammen mit Alexander schafften sie sie ans Ufer. Was keiner ahnte: Im Hintergrund jagte ein Haifischrudel die Surfer. Nur Alexander überlebte, seine Rettung nur durch die Warnung und das Opfer von Minka und Benno möglich. Die Surfschule schloss, der Strand blieb leer, Alexander wagte sich nie wieder ins Wasser – nicht aus Angst, sondern aus Respekt vor dem, was seine Freunde jedes Mal durchlebten. Nun sitzen sie zu dritt auf der Klippe, Alexander schwingt sein Bein und die Prothese, Benno liegt eng an ihn geschmiegt, Minka döst zufrieden. Sie haben einander gerettet. Manchmal vermisst Alexander sein altes Leben – doch er weiß: Diese zweite Chance verdankt er ihnen. Und ein drittes Mal wird es nicht geben. Die Abendsonne taucht das Meer unter der Steilküste in rosafarbenes Licht – das Wasser glitzert, brodelt und schlägt leise Wellen…