Johann und Perle
Johann, Johannchen, iss doch ein wenig! Auch das Wasser ist noch ganz voll… Du hast ja gar nichts getrunken? Was soll ich bloß mit dir machen?
Maren setzte sich auf die Stufe neben den Hund. Der große Schäferhund hob kurz den Kopf, ließ ihn aber gleich wieder auf die Pfoten sinken.
Ich weiß, dass du ihn vermisst… Ich auch! Wenn du wüsstest, wie sehr! Maren schluchzte, aber fasste sich gleich wieder.
Johann reagierte immer stark auf ihre Stimmung. Seit er vor sieben Jahren als tapsiger Welpe in ihrem Haus eingezogen war, gab es für Maren keine bessere Schulter zum Ausweinen. Er war der Einzige, der nie dumme Fragen stellte, die das Herz beunruhigten, sie nicht drängte, jedes Detail zu erzählen, und keine unnötigen Ratschläge gab. Er setzte sich einfach zu ihr, leckte die Tränen von ihren Wangen, und brachte ihr nach einer Weile sein Lieblingsspielzeug und die Leine. Dann gingen sie gemeinsam stundenlang spazieren. Ihr Vater nannte das immer den Kopf auslüften.
Damals hatte ihr Vater den unbeholfenen, lustigen Welpen angeschleppt.
Darf ich vorstellen: Johann. Auf dem Papier heißt er anders, aber bis man das ausspricht, bricht man sich die Zunge.
Die Mutter war entsetzt, während Maren lachte, als Johann sich mitten im Flur hinsetzte und verzweifelt mit dem Kopf wackelte, um zu verstehen, wo er hier gelandet war.
Jetzt ist es aus mit der Ruhe in diesem Haus… seufzte die Mutter und holte den Wischlappen, während der Vater Maren zublinzelte.
Ist er nicht toll?
Doch, absolut! Aber warum, Papa?
Der Arzt hat mir den Hund empfohlen. Er meinte, ich bräuchte lange Spaziergänge und positive Emotionen. Also: Zwei Fliegen mit einer Klappe. Du weißt ja, ich habe mir immer einen Hund gewünscht.
Ich weiß…
Irgendwann muss man seine Träume verwirklichen, meine Kleine. Jetzt ist es soweit.
Heute war Maren überzeugt, dass Johann das Leben ihres Vaters verlängert hatte. Die Ärzte hatten ihm kaum ein Jahr gegeben. Immer sportlich, immer gesund, war er selbst überrascht, als der Kardiologe nach dem Befund nur den Kopf schüttelte:
Leider kann ich Ihnen nichts Gutes sagen…
Der Vater wollte gar nicht lange zuhören, wie wenig Zeit ihm noch blieb. Er veränderte einiges, gab das Rauchen und die Sauna auf, aber ansonsten blieb alles beim Alten. Er gärtnert mit Leidenschaft, pflanzte Rosen und pflegte seine Apfelbäume, machte lange Spaziergänge und trainierte Johann mit Hingabe.
Ein Hund muss klug und gehorsam sein, nicht verzogen.
Maren seufzte. Ihr Vater hatte Johann auf alles vorbereitet nur nicht auf seinen Abschied. In jener Nacht, als ihr Vater gegangen war, wurde Maren von einem seltsamen, schaurigen Laut geweckt. Erst begriff sie gar nicht, dass Johann heulte. So etwas hatte sie von ihm noch nie gehört so viel Schmerz in diesem Laut, dass sie sofort wusste, was geschehen war, noch bevor sie richtig wach war. Sie rannte ins Schlafzimmer der Eltern, wo ihre Mutter mit dunklen, müden Augen bat:
Marenchen, bitte, nimm den Hund raus…
Kaum hörte er ihre Stimme, schwieg Johann, sah aufmerksam zu Inge, Marens Mutter, und legte sich dann neben das Bett des Vaters.
Er geht nicht, Mama. Lass ihn doch. Er hat Papa genauso geliebt.
Die nächsten Tage verschwammen zu einem Albtraum. Die Zeit raste, dann zog sie sich wieder ewig, und Maren hätte schreien können, damit es endlich vorbei ist.
Sie blieben im Haus am Stadtrand statt in die Wohnung zu ziehen.
Ich kann noch nicht, Maren. Ich will nicht. Hier ist er irgendwie noch da…
Mama! Maren umarmte ihre Mutter, voller Sorge um sie. Die Kopfschmerzen waren zurückgekehrt; Inge lag tage- und nächtelang in ihrem dunklen Zimmer, biß die Zähne aufeinander, um nicht zu stöhnen und ihre Tochter nicht zu verstören. Migräne hatte sie immer, aber solange ihr Mann krank war, ignorierte sie sie einfach. Jetzt fühlte Inge, dass der gesamte aufgestaute Schmerz der letzten Jahre sie auf einen Schlag erdrückte.
Maren lief unruhig um sie herum und wusste nicht, wie sie helfen sollte.
Es wird wieder besser, Marenchen. Hab Geduld.
Aber wann?! hätte Maren am liebsten geschrien, aber sie schwieg, da es ihrer Mutter ohnehin schon schlecht genug ging.
Johann hatte bisher das Haus gemieden, lag nur auf der Veranda, ab und zu trottete er in den Garten. Plötzlich jedoch kam er zurück und legte sich neben das Bett von Inge. Egal wie sehr Maren versuchte ihn wegzulocken, Johann wich keine Minute von der Mutter. Vier Tage verweigerte er das Futter, trank nur ab und zu Wasser aus dem Napf, den noch der Vater gekauft hatte. Am fünften Tag wachte Inge morgens auf und staunte: Der Kopf tat nicht weh, und zu ihrer Überraschung hatte sie fast die ganze Nacht geschlafen. Vorsichtig setzte sie die Füße auf den Boden und zuckte zusammen, als sie auf ein warmes, zotteliges Etwas traf.
Johann! Hast du mich erschreckt! Was machst du denn hier?
Der Hund hob den Kopf und sah Inge an. In seinem Blick lag etwas, das sie veranlasste, ihm dankbar über die breite Stirn zu streicheln:
Danke…
Sie tappte schwankend in die Küche. Maren fand sie wenig später auf der Treppe zur Veranda, mit einem alten Schwarzbrot und Senf bestrichen, vor Freude das beste Frühstück seit langem.
Mama…
Maren, es ist schlimm hier! Nichts mehr zu essen. Wovon hast du gelebt? Und Johann? Der ist halb am Verhungern!
Er frisst nicht, Mama. Mag nicht, egal, was ich versuche…
Johann, der neben Inge lag, murrte leise und machte die Augen zu.
Das geht schon viel zu lang so!
Papa hätte uns was erzählt… Stell Wasser hin und schau, ob noch Fleisch da ist. Wir müssen ihm Haferbrei kochen.
Nun versuchten zwei Frauen ihr Glück mit Johann. Doch er verweigerte weiterhin das Fressen. Schließlich stand Johann auf und trottete schwerfällig in den Garten. Maren und Inge tauschten einen besorgten Blick.
Wir müssen zum Tierarzt. Sonst verlieren wir ihn noch, sagte Inge entschieden. Hol das Auto, ich beeile mich.
Während Maren mit dem Tor hantierte, zog sich Inge schon an und trat auf die Terrasse.
Johann! Johannchen! Komm, Junge!
Nichts als Stille. Sie ging durch den Garten, über die Wege, die ihr Mann so liebevoll angelegt hatte. Die Apfelbäume bogen sich unter der Last der bald reifen Früchte. Er hatte so mit dem diesjährigen Ertrag geprahlt! Inge schüttelte sich, verbot sich die trüben Erinnerungen.
Ein Rascheln im Himbeergebüsch ließ sie stehen bleiben. Johann stand nahe am niedrigen Zaun und knurrte vor sich hin.
Was hast du denn da, Johann? Eine Ratte? Oder einen Igel?
Der Hund bellte drohend. Inge beugte sich näher. Im Gras bewegte sich etwas Winziges ein kleiner, noch blinder Katzenwelpe, kaum größer als eine Handfläche, maunzte leise, sodass Inge ihn erst nicht hörte. Johann wich erschrocken zurück, als sie den Fund vorsichtig an seine Nase hielt.
Was ist? Hast Angst? Dieses Winzling frisst dich nicht. Was machen wir jetzt, Johann? Der ist noch blind…
Johann schnupperte knurrend und ließ das Kätzchen, das nach Wärme suchte, an seiner Nase nuckeln. Inge schmunzelte darüber, wie entgeistert Johann dreinblickte, und hielt ihm den kleinen Findling näher.
Na, was sagst du?
Johann schnüffelte ein weiteres Mal und leckte das Kätzchen behutsam ab.
Verstanden. Komm, wir zeigen das Maren.
Maren staunte, als Mutter, Hund und Kätzchen gemeinsam zur Terrasse aufstiegen.
Mama, ich habe dich schon gesucht. Was ist das denn?
Eine neue Sorge, die uns Johann da ins Haus gebracht hat, sagte Inge und setzte das Kätzchen auf die oberste Stufe, wo Johann sich sofort daneben legte, es beschnupperte und versuchte, es zu wärmen.
Na super… Und was machen wir mit dem Glückspilz?
Erst mal füttern, denke ich. Johann scheint ja schon Ersatzpapa zu sein.
Das Kätzchen wurde für alle zum Segen. Johann blühte regelrecht auf. Nach einer ordentlichen Standpauke, die ihm Maren hielt, fraß er endlich wieder.
Du willst Vater werden? Dann iss gefälligst etwas! Eltern brauchen Kraft, verstanden? Wie willst du ein Kind großziehen, wenn du kaum auf den Pfoten stehst?
Schuldig wankte Johann zur Futterschüssel. Als das Kätzchen auf die Schüssel zusteuerte, knurrte er sogar kurz.
Aha, Erziehung setzt ein! Gut gemacht, Johann! Erleichtert sah Maren zu, wie er fraß. Sich eingestehen, dass es ohne das Katzenkind schlecht um Johann gestanden hätte, wollte sie dennoch nicht. Dickköpfig eben, die ganze Familie Hund eingeschlossen.
Inge übernahm das nächtliche Füttern, bestand darauf, dass Maren schlief.
Kind, du musst dein Examen machen und die Diplomarbeit schreiben. Ich komme mit dem Babysitten schon klar.
Das Kätzchen wuchs und es war bald klar: Es war ein Weibchen.
Wie nennen wir sie? Inge hielt das Kätzchen auf den Knien, während Johann, der sie ihr abnehmen wollte, weggeschubst wurde. Johann! Lass das Junge essen!
Keine Ahnung… Maren spielte mit dem Armband, das ihr Vater ihr einst geschenkt hatte einfach eine Kette kleiner Türkisperlen, aber sie liebte es und trug es seit dem Tod des Vaters ununterbrochen. Plötzlich riss der Faden und die Perlen rollten in alle Ecken. Ach Mist! Beinahe weinte sie.
Weinen bringt nichts! Neue Perle, neue Schnur aber diesmal eine stabilere! Weißt du was? Inge hob das satt gegessene Kätzchen und verkündete: Perle! Das passt, oder?
Erkennend, dass die Fütterung beendet war, packte Johann seine Tochter und zog sie zu seinem Platz. Dort putzte er das schlafende Kätzchen.
Niemals hätte ich gedacht, dass in so einem Hund väterliche Gefühle stecken könnten!
Ich auch nicht! Maren sammelte die letzten Perlen ein. Mama, findest du eine gute Schnur…
Weiter kam sie nicht. Johann stürzte plötzlich hinaus in den Garten.
Was ist los? Maren, geh nicht allein! Inge folgte ihr.
Johanns lautstarkes Gebell führte sie unter die größte Apfelbaumkrone.
Schon gut! lachte Maren, als sie die verschreckten Gesichter einiger Jungen im Baum sah, die sich vor Angst nicht zu rühren wagten.
Johann sprang unten, versuchte, an die Diebe heranzukommen.
Johann! Bei Fuß. Ruhe!
Die Jungen starrten ungläubig über die Gehorsamkeit des Hundes.
Ganz schön schlau…, murmelte der dreckigste der Jungen.
Na klar! Und was sucht ihr überhaupt in unserem Baum?
Verlegen schauten sie zu Boden, bis endlich einer murmelte:
Eure Äpfel sind lecker!
Noch sind sie grün…
Trotzdem lecker. Weißt du, mit Salz drüber…
Maren schmunzelte und hielt Johann am Halsband.
Und ihr hattet keine Angst vor dem Hund?
Früher lag euer Hund immer nur auf der Veranda, hat nie gebellt oder sich bewegt.
Ihr habt uns observiert? Maren runzelte die Stirn.
Nicht euch den Hund! Wie heißt er denn?
Johann. Kommt ihr runter?
Die kleinen Diebe schüttelten den Kopf.
Ihr braucht keine Angst haben. Johann bleibt sitzen, ich halte ihn fest.
Kommt schon! Inge winkte. Später dürft ihr Äpfelholzen, wenn sie reif sind. Heute gibt es erst mal frische Brötchen und Marmelade. Reicht das?
Die Jungen stürmten aus dem Baum. Johann betrachtete sie misstrauisch, ließ sich aber problemlos die Ohren kraulen.
Dürfen wir streicheln?
Hast du keine Angst mehr? Maren nickte. Nur zu.
Die Bande verdrückte den Rest der köstlichen Himbeermarmelade, die Inge im Sommer einkochte. Es war nicht viel geworden, aber der Anblick der eifrigen Esser ließ sie nur schmunzeln, reichte noch Brot und goss Tee nach.
Lasst es euch schmecken!
Und was ist das hier? fragte der freche Moritz und wies auf Perle, die sich zwischen Johanns Pfoten genüsslich putzen ließ.
Johanns Tochter, erklärte Inge. Hat er neulich gefunden.
Sieht aus wie Tante Gesines Katze.
Ach, das erklärt wohl, wie sie zu uns kam, meinte Inge. Gesine war die Nachbarin.
Aber nun riecht sie nach Hund. Ihre Mutter nimmt sie bestimmt nicht mehr zurück. Moritz nickte wichtig.
Und Johann gibt sie auch nie mehr her, lachte Inge. Satt geworden?
Ja, danke! riefen die Jungen durcheinander. Tante Inge, dürfen wir wiederkommen?
Aber sicher! lachte sie. Nur Marmelade ist aus!
Dafür sind die Brötchen lecker, sagte Moritz und rannte die Stufen hinunter. Wir gehen schwimmen!
Ist das nicht kalt?
Für uns nicht! Wir sind abgehärtet! Stimmts, Jungs?
Maren und Inge sahen der fröhlichen Truppe nach. Am nächsten Morgen wurde Inge von Johanns sanftem Bellen geweckt. Draußen hörte sie eigenartige Geräusche. Eingewickelt in ihren Wollschal trat sie auf die Veranda und musste lachen. Die ganze Bande, angeführt von Moritz, zupfte das Unkraut aus den Plattenwegen. Früher war das Vaters Job, nun war der Hof verwildert.
Guten Morgen, Tante Inge! Gibts wieder Brötchen? Moritz grinste breit.
Für diese Hilfe gibts Brötchen mit Rosinen!
Von nun an waren die Jungen Stammgäste. Bald begann die Schule, und Maren blieb häufiger in der Stadtwohnung, um morgens nicht so lange zu fahren. Inge knetete morgens Teig und wartete mittags auf ihre Helfer. Sie halfen im Garten, tranken danach lange Tee. Als sie hörte, dass Moritz Nachhilfe brauchte, schlug sie seiner Mutter vor, ihn zu unterstützen.
Ich war schließlich mein Leben lang Lehrerin!
Inge, ich kann mir keinen Nachhilfelehrer leisten… meinte Silvia verlegen.
Habe ich Geld verlangt? Das wäre eine Beleidigung! So, wie Moritz mir in letzter Zeit geholfen hat ich stehe tief in eurer Schuld!
Moritz war zunächst skeptisch, aber nachdem er die erste Eins im Diktat heimtrug, bockte er nicht mehr.
Perle wurde zu einer prächtigen Katze, flitzte durch Haus und Garten. Johann konnte mit dem Jungtier nicht mehr mithalten, hing aber an ihr und gestattete ihr sogar, an seine Futterschüssel zu gehen. Maren sagte zu ihrer Mutter:
Sie ist genau im richtigen Moment aufgetaucht, meinst du nicht? Wie ein kleiner, pelziger Schutzengel.
Der Herbst brachte Regen, und Inge dachte ans Zurückziehen in die Stadt. Aber dann gestand Maren verlegen, dass Florian, ihre große Liebe seit Schultagen, ihr endlich einen Antrag gemacht hatte.
Gut nur, Maren, dass Papa das Haus so schön gemacht hat. Die Wohnung ist für euch, ich bleibe hier mit Johann. So passt es für alle!
Aber Mama, schaffst du das alleine?
Wie alle anderen auch! Es wohnen viele Leute hier, auch im Winter. Bis in die Stadt ist es nicht weit. Du bist mobil, im Notfall gibts das Telefon. Keine Probleme, wo keine sind!
Im Spätherbst heiratete Maren ihren Florian, und zu Silvester erfuhr Inge, dass sie Oma werden würde. Singend bereitete sie das Festessen vor.
Johann, bring Perle raus! Sonst trete ich noch auf sie! Geht ein Stück spazieren!
Sie öffnete die Tür, fegte die Tiere hinaus, und atmete an der Schwelle die glasklare Kälte über Nacht hatte es geschneit, der Garten lag wie auf einer Weihnachtskarte da. Inge lachte, als sie sah, wie Perle tief im Schnee versank und Johann sich um sie kümmerte:
Pass gut auf sie auf, Johann! Sonst finden wir sie nachher nicht!
Drinnen stellte sie die Ente in den Ofen und backte die Lieblingsküchlein ihres Schwiegersohns.
Florian war ein besonnener, hilfsbereiter Mensch, von der Großmutter erzogen, nachdem er früh die Eltern verlor. Jeden Tag kam er nach der Schule zu ihnen. Auch Marens Schulfreund Moritz erinnerte Inge an Florian, dieselbe Güte, dieselbe Entschlossenheit.
Aus dir wird was, Moritz, wenn du so weitermachst.
Glauben Sie das? Moritz streckte verlegen die Zunge heraus, wie immer, wenn er sich konzentrierte.
Natürlich! Zeig mal, was du geschrieben hast…
Moritz Aufsätze las Inge immer wieder gern. Sie staunte, wie viele ungewöhnliche Gedanken in seinem Kopf umhersprangen. Wenn die Sätze auch noch durcheinanderpurzelten der Eifer zählte doppelt.
Das ist sehr gut! Nein, ausgezeichnet! Du bist klasse!
Als sie die Blechkuchen in den Ofen schob, hörte sie draußen plötzlich Johanns zorniges Bellen. Das klang anders lauter, drohender. Sie sah aus dem Fenster, wie Johann sich am Gartentor abarbeitete.
Was ist denn los? Johann! Was hast du? Schnell schlüpfte sie in ihre ausgelatschten Schuhe, warf sich ein Tuch um die Schultern.
Fast am Tor erstarrte sie. Johann war allein keine Spur von Perle.
Inge riss das Gartentor auf und ihr wurde eisig eine Meute streunender Hunde hatte sich am Zaun versammelt, Perle saß fauchend, das Fell gesträubt in der Ecke, umzingelt.
Johann wollte Perle verteidigen, aber Inge hielt ihn mit letzter Kraft fest.
Nicht, Johann! Sie zerreißen dich sonst!
Johann bellte sich heiser, als plötzlich ein Schneeball aus Nachbars Garten flog und traf den Leithund direkt an die Schnauze. Noch ein Schneeball, dann eine ganze Salve! Die fremden Hunde wichen erschrocken zurück. Im nächsten Moment knallte es: Jemand zündete Kracher. Johann nutzte den Moment, befreite sich, sprang zu Perle, stellte sich schützend vor sie, während die anderen Hunde flohen.
Moritz stand auf dem Zaun, lud den letzten Schneeball.
An unsere Perle lässt ihr die Pfoten! rief er empört.
Gott sei Dank, Moritz! Inge lehnte am Zaun, die Knie zitterten. Was machst du hier?
Wir haben Böller gezündet! Ist schließlich Silvester! Aber sagen Sie das nicht Mama, sonst schimpft sie!
Am Ende der Straße bog ein Auto ein Maren mit Florian. Moritz gluckste:
Ich bin dann mal weg! Tante Inge, gibts morgen auch Küchlein?
Es gibt Napoleonkuchen! Komm mit den Jungs, dann feiern wir richtig! Und Moritz…
Was denn? Er sprang schon fast vom Zaun.
Danke!
Moritz nickte, sprang hinunter und verschwand Richtung Dorf. Inge sah noch, wie Johann Perle am Nacken packte und sie in den Hof schleppte.
Ich besorge euch eine Leine! Mit deiner Erziehung klappts nicht, mein Guter.
Die verstörte Katze wich die ganze Nacht nicht von Johanns Seite und rührte sich nicht, nicht einmal für Maren. Erst als Maren erschöpft ins Bett fiel, kroch Perle zu ihr, rollte sich am Bauch zusammen. Maren legte schläfrig einen Arm um ihren Mann, den anderen um die Katze und verschlief, wie Johann leise hereinkam und sich zu ihren Füßen niederließ.
Zwei Jahre später stand Inge am Herd und rührte Marmelade. Sie blickte aus dem Fenster in den Garten, wo Maren und Moritz Äpfel sammelten.
Schläft sie noch? fragte sie nach der Enkelin, während sie rührte.
Sie schläft.
Soll ich mal schauen?
Lass, Mama. Da sind beide Nannys bei ihr.
Maren pflückte weiter. Inge drehte das Gas runter und trat auf die Veranda. Das Enkelkind schlummerte fest im Kinderwagen, Perle schnurrte an ihrer Seite, Johann lag lang ausgestreckt daneben. Er hob den Kopf und sah fragend zu Inge.
Alles gut, mein Junge! Schlafen lassen.
Sie kraulte Johann hinter den Ohren, strich über Perles Rücken, rückte das Laken zurecht und lächelte.





