Die ungezeugte Alte nicht mehr einmal eine alte Frau, sondern nur noch ein halbes Weib, sagte meine Schwiegermutter, während Gretchen seufzte und bitter lächelte.
Hör nicht zu, rief die halb taube Nachbarin Frau Schubert laut und plötzlich, denn Gott weiß, was er tut. Du bist noch zu jung, um Kinder zu bekommen, er sieht alles voraus.
Aber, Frau Schubert wie kann er das sehen? Wir leben ja schon fünf Jahre zusammen. Ich sehne mich so nach einem Kind, flossen Tränen über Gretchs Wangen. Sie sprach selten darüber, hielt den Schmerz still im Herzen. Jetzt war sie zurück in ihr Heimatdorf, zehn Kilometer entfernt, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen, und setzte sich mit der alten, halb tauben Nachbarin zum Gespräch zusammen.
Das ist wahr wahr ist der Kummer. Doch nicht wir finden die Kinder, sondern sie finden uns. Halte durch, Mädel.
Die Hunde im Dorf bellten, die Spatzen zwitscherten. Die vertrauten Dorfschnitte waren längst verstummt. Das Dorf Oberwies im bayerischen Hinterland war fast tot. Die krummen Fachwerkhäuser neigten sich zur Flussmündung, als wollten sie ein letztes Gebet dort hinlegen.
Gretchen machte sich auf den Weg nach Hause, zu ihrem Mann in das größere Dorf Mittelheim. Sie musste vor Morgengrauen aus Oberwies hinaus. Die nächtlichen Wälder und Felder hatten ihr immer Angst eingejagt ein kindlicher Schrecken aus alten Zeiten.
Gretchen war hier geboren. Vor sechs Jahren blieb ihr Vater nach dem Krieg tot und ihre Mutter früh gestorben. Sie arbeitete als Melkerin auf dem örtlichen Bauernhof.
Als sie ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte, war es Juni. Es war ihr siebtes Sommer, das erste Jahr, in dem sie auf dem Hof arbeitete. Der Weg zum Hof war weit, doch sie lief gern dorthin, obwohl ihre Hände anfangs vom melken schmerzten.
Eines Morgens traf sie ein schräger Regen auf dem Weg. Der Himmel verdunkelte sich, Wolken hüllten alles ein, das Donnern dröhnte dumpf. Alles wirkte schief, nach rechts gekrümmt.
Gretchen tauchte unter ein Holzschuppen am Rande des Dorfes, direkt am Waldrand. Sie setzte sich auf die Veranda, ließ ihr langes dunkles Haar zu einem lockeren Zopf zusammen und drückte den Regen aus den Strähnen. Plötzlich erspähte sie durch die schrägen Regenbänder einen schwarzen, karierten Jungen in einer an den Körper geklebten Hemdbluse und knielangen Hosen, der zu ihr lief.
Der Junge sprang unter das Dach, sah sie und grinste breit:
Ein Geschenk! Ich bin Klaus, und wer bist du?
Gretchen zuckte zusammen, ihr Herz pochte, das Grau des Regens umhüllte sie. Sie schwieg und rückte ein Stück zurück.
Hast du vom Blitz getroffen? Oder bist du von Geburt an stumm? neckte er.
Nicht stumm. Mein Name ist Gretchen.
Frierst du? Willst du Wärme? fuhr er fort, doch hielt Abstand, Der Regen hat den ganzen Hügel abgeflacht. Ich bin vom MTS.
Er scherzte noch eine Weile, dann wurde er aufdringlicher, sodass Gretchen erschrocken aufstand. Ihr dünnes Kleid klebte am Leib das reizte ihn noch mehr. Sie rannte im Regen davon, das Herz hämmerte, während sie immer wieder zurückblickte.
Der Wald, über den dunkle Wolken hingen, wirkte bedrohlich.
Später kam Klaus Nikifor als Aushilfsherdenführer. Gretchen sah ihn mit einem Anflug von Ärger an, doch dann begann er, ihr ernsthaft nachzujagen. Offenbar hatte diese Begegnung Spuren hinterlassen.
Die Ehe mit Johann tauchte für Gretchen wie ein Strom aus Freude auf, doch die Zukunft in der fremden Gemeinde war unklar. Die Schwiegermutter war mürrisch und krank, delegierte gern Aufgaben, blickte jedoch aufmerksam auf alles.
Auch wenn das Leben nicht immer süß war, gab Gretchen nicht auf. Sie war fleißig, zäh, doch die Vorwürfe der Schwiegermutter nagten an ihr. Sie war ohne Mitgift gekommen, war Waisenkind, nichts weiter.
Nach einiger Zeit beruhigte sich die Schwiegermutter, sah Gretchen als tüchtige Stieftochter. Weitere Vorwürfe blieben aus. Ein Jahr verging, dann das zweite, doch eine Schwangerschaft blieb aus.
Du bist verdorben, du Kindlose! Ohne Enkel ist unser Haus leer, schimpfte die Schwiegermutter. Gretchen weinte an Klaus’ Schulter, während die Schwiegermutter weiter schimpfte.
Gretchen suchte selbst den Arzt, schlich heimlich zum Pfarrer des Nachbardorfs, trank Kräutertees, die von den Kirchgängern gegen Unfruchtbarkeit empfohlen wurden.
Das Leben ging weiter. Das Haus der Nikifors war nicht ärmlich, doch nach dem Krieg war alles knapp.
Eines Morgens brachte Klaus einen halben Sack nasses Getreide.
Ach, Kolja, bitte nicht sonst wird es gemeldet, jammte die Mutter.
Alle ziehen, nicht nur ich. Beruhige dich, Mutter
Gretchen versuchte Klaus davon abzuhalten, solche Dinge zu tun, doch er brachte immer wieder Abfälle vom Hof mit.
Nachts schlief Gretchen schlecht. Ohne Licht setzte sie sich im Bett hin, zog die Beine an und wartete auf den Mann.
Eines Tages beschloss sie, ihn zu treffen. Sie fand den Rock, das Oberhemd und den Kittel, entdeckte unter dem Bett hohe Gummistiefel, schnappte sich den braunen Mantel ihres Mannes und trat auf die Veranda. Der Novemberwind stieß durch die offenen Türen, schwere Regentropfen brannten ihr Gesicht.
Wo war er in dieser nassen Stunde? Ihre Beine trieben sie zum Dorfrand, wo die Fenster dunkel blieben und sogar die Hunde sich versteckten. Der anhängliche Welpe Fritz, den sie zärtlich liebte, folgte ihr nicht. Gretchen ging, den Blick nach vorn gerichtet, suchte ihren Mann, und blieb vor einer alten Scheune am Dorfrand stehen.
Weiter ging es nur ins Feld. Das nächtliche Feld und der Wald hatten sie immer gefürchtet. Sie entschied, kurz zu warten und dann zurückzugehen.
Der Regen trommelte auf die kalte Erde, mal heftig, mal monoton. Durch das Rauschen hörte Gretchen ein leises Frauenlachen. Es kam von der Scheune.
Sie horchte und erkannte Klaus’ Stimme. Zuerst freute sie sich, trat zur Scheune, doch dann erstarrte sie er war nicht allein.
Der Regen ließ Stimmen hin und her schwingen. Sie hörte eine weibliche Stimme die von Katja, einer Nachbarin aus dem benachbarten Dorf, die ebenfalls auf dem Hof arbeitete.
Zu Beginn war Katja lebhaft, fröhlich und redselig, träumte vom Stadtleben, von einem reichen, glatzköpfigen Mann. Sie sang beim Fest:
Geh hin, Haus, geh hin, backen, geh hin, und die Gans
Ich bin das einzige Mädchen der Mutter, die Anführerin!
Doch kürzlich hatte ihre Fröhlichkeit gedimmt. Sie war nicht mehr so gesprächig, und die Frauen auf dem Hof flüsterten, sie sei eifersüchtig auf den verheirateten Mann.
Gretchen dachte, sie sei aus der Stadt, doch was, wenn diese Eifersucht Klaus betraf?
Der Regen peitschte über die Scheune, Katja stürzte, verhedderte sich im nassen Strohhaufen, ihr Rock eine alte Militäruniform verhedderte sich in ihren Beinen. Sie rannte nach Hause, fiel und rutschte im Schlamm.
Zuhause wusch sie sich in der Badewanne, schäumte das Becken voll. Sie sang: Wir waschen den Dreck, Fenja, wir waschen.
Alles, was sie im Haus hatte, war ihre Liebe zu ihm und seine Liebe zu ihr. Doch das war nichts. Vielleicht sah sie die Liebe nie mit eigenen Augen, nur im dumpfen Regengeräusch, oder aus der tiefen, weiblichen Hoffnung, dass sie ihm nicht treu sein könne.
Als Klaus in die Badewanne schaute, sagte sie nichts. Sie wartete bis zum nächsten Tag.
Am frühen Morgen kamen zwei Polizisten und der Vorsitzende des Agrarbetriebs. Die Mutter schluchzte, klammerte sich an den Kragen des Vorsitzenden. Der Vater begleitete still seinen Sohn, blickte misstrauisch auf die ungebetenen Gäste. Gretchen half, den Mann zu tragen, hob die trauernde Schwiegermutter vom Boden.
Vierzehn Dorfbewohner wurden abgeführt, ins Verwaltungsgebäude gebracht. Die Menge drängte sich bis zum Mittag an die Mauern, übergab Säcke, Kisten Ein Lastwagen fuhr herbei, lud alle Verhafteten in den Laderaum und fuhr in die Stadt zum Gerichtsgebäude.
Gretchen drehte sich um. Unter den Birken stand Katja.
Der Arrest erschütterte das ganze Dorf. Über das Geschehene zu reden, war verboten; die Häuser schlossen sich wie verschlossene Augen. Die Schwiegermutter fiel in ihr mütterliches Kummergrab, der Schwiegervater wurde schwach und verstarb. Tage vergingen, Gretchen schlief kaum.
Sie blieb weder Frau noch Verlassene des Mannes. Das Mitgefühl und die Angst um den Mann überwogen Eifersucht und Zorn. Ein Aufbegehren war unmöglich; eine verstoßene Ehefrau wurde in anderen Kolchosen kaum willkommen. Über eine Scheidung mit Klaus wurde nicht gesprochen.
Einige Tage später kehrte Gretchen, erschöpft von der Farm, mit einer Kelle Milch nach Hause, öffnete die Tür und sah Katja am Tisch, die die Hände unter einem dicken Bauch gekreuzt hatte. Vor ihr saßen Schwiegervater und Schwiegermutter, die Köpfe gesenkt. Katja sah geradeaus, klapperte mit der Zunge, während die Alten den Blick senkten.
Guten Tag, sang Katja.
Und Ihnen auch gute Gesundheit, erwiderte Gretchen.
Gretchen, sagte die Schwiegermutter freundlich und ungewohnt, Katja fuhr in die Stadt, besuchte dort unsere Verwandten Olga und Nina, deren Vater dort ist und ihr Mann Oskar.
Gretchen stellte den Milchkübel auf das Feuer, wusch die Hände am Spülbecken, lauschte.
Gretchen, das Verfahren war, unser Kolja bekam zehn Jahre! Denk darüber nach, sagte die Schwiegermutter und reichte ein Taschentuch, drückte es an die Augen und weinte.
Gretchen fiel auf die Bank.
Wie zehn Jahre?
Die haben sie als Staatsverbrecher verurteilt, fast allen zehn Jahre. Sie wurden alle auf einer Liste verurteilt.
Gott!, hauchte Gretchen ungläubig.
Die Schwiegermutter schluchzte, ihr Herz brannte. Gretchen tröstete sie:
Mama, das kann nicht sein. Vielleicht denken sie noch nach, vielleicht lassen sie uns frei Sie wollen uns Angst einjagen und dann freigeben.
Wer wird sie jetzt freilassen? Du bist doch ein Narr, Gretchen! Jetzt geht es Schritt für Schritt. Ich sage dir, sie haben uns gerichtet, Gericht ist Gericht, sagte Katja überzeugt.
Sie diskutierten weiter, hörten die Stimme des Schwiegervaters, der Tee einschenkte.
Genug!, schrie Katja, schlug auf den Tisch, alle sprangen hoch, und rief: Der Besitzer schweigt, ich sage: Kolja wollte mich heiraten, wollte sich scheiden, aber kam nicht dazu. Mein Kind wird von ihm kommen, und ich will es nicht alleine großziehen. Mein Vater lässt mich nicht zurück, er hat das gehört. Ich dachte, wir heiraten, er vergibt. Doch so war es nicht, also komme ich zu euch, um euren Enkel zu betreuen.
Katja spuckte die Worte heraus, wartete auf Gretchens Reaktion Überraschung, Protest, Tränen Doch Gretchen saß still auf der Bank, die Hände auf einem aus Militärtaschenstoff gefertigten Rock, und starrte aufs Holz.
Die Schwiegermutter platzte zuerst:
Unser Haus, wir entscheiden, der Enkel kommt. Und Kolja Was ist mit ihm? Lass Katja hier bleiben, das ist unser Entschluss. Das Kind soll im Haus wachsen.
Gretchen nickte, antwortete: Ich habe nichts dagegen. und begann, die Milch zu sieben.
Katja und der Schwiegervater gingen, um Dinge zu holen. Die Schwiegermutter wartete auf Katja.
Wo legen wir das Bett? Auf dem Dachboden, denn das Kind braucht ein Eckchen.
Gretchen brachte einen Haufen Stroh aus dem Hof, breitete ihn auf dem Küchenboden aus, deckte ihn mit einer selbstgesponnenen Decke ihr Bett, fast wie das von Fritz im Stall.
Die Tage wurden kürzer, kälter. Die Schwiegermutter erkrankte den ganzen Winter über. Katja schloss sich ihr an, manchmal sogar freundete sie sich mit ihr an und beschützte sie.
Gretchen stand oft am Fenster, sah den weißen Wald über dem Fluss und dachte über ihr Schicksal nach. Sie konnte nicht zurück in ihr Dorf; die Bauernhäuser pfiffen im Wind, und der Weg zur Arbeit war zehn Kilometer im eisigen Frost.
Sie erinnerte sich oft an ihre Mutter. Was würde sie jetzt sagen, wenn sie die Schande sah, in der ihre Tochter lebte? Zwei Frauen im Haus eines Mannes wer sei die wahre Herrin? Ihre Mutter war eine stolze, selbstbewusste Frau, keine Untertanin.
Der Winter zog dahin, nur ein im Januar geborenes Kind brachte ein wenig Freude.
Im tiefsten Frost brachte der Schwiegervater das Baby zur Welt, ein Junge namens Emil, in einer Trage aus Stroh. Gretchen versuchte, das Kind nicht zu sehr zu betrachten, ihr Herz schmerzte, weil sie nicht die Mutter war, obwohl sie betete und Heilmittel nahm.
Doch unverwirklichte Mutterschaftsgefühle banden sie an das Kind.
Alles ist für Kolja, sag, Gretchen, erinnerte die Schwiegermutter.
Ja, er , bestätigte Gretchen.
Meistens kümmerte sich Katja um den Jungen, doch Gretchen bemerkte, dass das Kind Katja weniger interessierte als seine eigene Zukunft.
Und jetzt? Weiter verrotten im Kolk? Ich wollte doch Laborantin werden, eine Ausbildung im Kreiszentrum machen. Kolja wird nie zurückkommen, was soll ich tun?
Auf dem Hof geschahen Veränderungen. Vier zweiZimmerHäuser wurden abgerissen, neue Familien zogen ein. Ersatzmilchmagdener kamen, gesprächig, fremd, aber fleißig. Es entstanden freie Tage. Eine neue Frau, Vera, freundete sich mit Gretchen an.
In ihrer Freizeit sprach Vera: Was machst du hier? Dein Haus ist ja nicht fröhlich.
Gretchen erzählte ihr ihre Geschichte das Haus war alles andere als heiter. Vera staunte. So etwas wie eine Ehefrau und Geliebte unter einem Dach, das habe ich nie gehört.
Geh weg, riet sie.
Was sagst du, Vera? erwiderte Gretchen, Ich habe keinen anderen Platz. Wer soll das hier ohne mich regeln?
Emil wuchs, krabbelte, stand dann auf den Knien und drückte sich an Gretchen, zog an den Haaren, küsste die Wangen, lachte, während Fritz, der Welpe, um sie herum tobte. Gretchen liebte den Jungen, und Katja förderte das, obwohl sie streng und manchmal grausam war.
Am 1. Mai bereitete Gretchen Kuchen zu. Sie füllte einen gusseisernen Topf mit vier Schaufeln Mehl, kehrte zurück ins Haus und knetete den Teig. Katja wollte zu einem Dorffest gehen, zog weiße Perlen an und lief davon. Die Schwiegermutter setzte sich zu Gretchen, hielt Emil im Arm.
Gretchen, ich muss dir etwas sagen, begann die Schwiegermutter, DuUnd während die Sonne hinter den schneebedeckten Alpen verschwand, flüsterte Gretchen leise, dass das nächste Kapitel ihres Lebens erst im Morgengrauen beginnen würde.





