Steh früher auf und koche Mama die Suppe, befahl der Ehemann. Wer aus ihr geboren ist, soll die Suppe für Mama kochen.

Hey, stell dir vor, ich muss dir heute was erzählen das ist schon fast wie ein täglicher SeifenoperMarathon, nur dass er bei uns zu Hause stattfindet.

Liselotte sitzt gemütlich in ihrem Lieblingssessel, eine Tasse Apfelsaft mit Zimt in der Hand, und starrt gedankenverloren auf den Fernseher. Es ist Freitag, neunUhr abends, und die Endcredits einer neuen Serie laufen, aber ihr geht’s gar nicht darum ihr Kopf ist schon voll mit dem kommenden Samstag. Ja, wieder ist es soweit: das alljährliche Ritual, wenn die Schwiegermutter vorbeikommt.

Fünf lange Ehejahre haben diese Samstage in einen echten SurvivalCourse verwandelt. Jede Woche, wie ein Fluch, den man nicht abschalten kann.

Anfangs war alles noch ganz harmlos und sogar süß. Die Schwiegermutter Hedwig kommt einmal im Monat vorbei ein bisschen quatschen, nach den Enkeln fragen, ein bisschen plaudern. Klaus, ihr Mann, sagte damals ganz ernsthaft:

Mama ist allein, schon etwas betagt. Der Vater ist schon zehn Jahre weggegangen. Lass uns ihr ein bisschen Aufmerksamkeit schenken, sie moralisch unterstützen.

Liselotte war sofort einverstanden. Schließlich gehört Respekt zu den Älteren, sagt man ja immer.

Doch dann, ganz leise, hat sich alles gewandelt.

Zuerst kamen die kleinen Nörgeleien beim Haushalt. Beim allerersten Besuch hat Hedwig ihren Sohn in den Flur gerufen:

Klauschen, mein Lieber, wer putzt denn bei euch den Boden eigentlich?

Liselotte macht das, kam die Antwort, ganz überrascht von der Frage.

Komisch, warum liegen dann noch Kratzer im Linoleum? Und die Staubschicht an den Fußleisten?

Seit diesem Tag verwandelt sich Liselotte jedes Mal, wenn Hedwig anklopft, in eine übermotivierte Reinigungskraft. Sie schrubbt stundenlang, bis zum siebten Schweiß.

Erstens wäscht sie den Boden zweimal erst mit starkem Reiniger, dann trocken polieren. Dann staubt sie überall: Möbel, Bücherregale, sogar Heizkörper und Fußleisten. Das Bad glänzt danach wie ein Spiegel dank spezieller Reiniger.

Klaus versucht, das Ganze zu erklären: Mama ist von klein auf an makellose Sauberkeit gewöhnt, bei ihr war immer alles wie in einem Museum.

Liselotte schnauft: Und was soll das heißen, ich sei jetzt eine Schmutzfink?

Nee, natürlich nicht, beruhigt Klaus. Du bist einfach naja, etwas entspannter im Haushalt.

Entspannt das klingt ja fast nach Kompliment, wenn du zehn Stunden am Tag in einer Bank sitzt, dich mit nervösen Kunden, Berichten und Chefvorstellungen herumschlagen musst.

Aber Liselotte hält durch. Familie heißt doch Kompromisse, nicht wahr?

Nach einem Jahr geht Hedwig immer öfter vorbei zuerst alle zwei Wochen, dann jeden einzelnen Samstag, ohne Ausnahme.

Ihr ist zu langweilig allein in der leeren Wohnung, erklärt Klaus verständnisvoll. Zum Glück hat sie einen Platz, wo sie die Seele baumeln lassen kann.

Baumeln lassen das klingt fast nach Urlaub, nur dass bei uns der Urlaub ausschließlich die Schwiegermutter ist. Und Liselotte rackert sich wie ein Pferd auf dem Feld.

Dann kam das neue Programm: Hedwig will nicht mehr nur Fernsehen und Kekse. Sie verlangt Ausflüge, Shoppingtouren, neue Blusen.

Klauschen, mein Junge, wollen wir doch mal woanders hingehen und mir eine neue Bluse anschauen?, singt sie jedes Mal die gleiche Zeile. Sonst wird mein Kleiderschrank ja ganz alt.

Klar, Mama! Sofort! Liselotte, mach dich fertig.

Und so stolpert Liselotte durch stickige Einkaufszentren, trägt endlose Kleiderständer, steht geduldig hinter den Umkleidekabinen.

Hedwig ist eine echte Anspruchs­händlerin probiert fünf bis sieben Teile, kauft am Ende nur eins, oder geht frustriert ohne Kauf wieder.

Früher haben die Leute noch gut genäht, schimpft sie. Heutzutage ist alles nur noch Plastik.

Wollen wir’s woanders probieren?, schlägt Liselotte müde vor.

Genau! Da gibt’s bestimmt bessere Qualität.

Und wieder nur lange Schlangen an den Kassen.

Klaus mischt sich nicht ein. Er hat immer wichtigere MännerAufgaben: Fußball im TV, Kaffeekränzchen in der Garage, das Auto waschen oder Angeln gehen.

Ihr Frauen habt doch viel mehr Spaß an so was, philosophiert er. Ich würde euch nur noch mit meinen Ratschlägen nerven.

Nach einer anstrengenden Arbeitswoche in der Bank, durch das ShoppingMarathon mit der quälenden Schwiegermutter, ist das tatsächlich interessant zumindest für den Rest der Woche.

Doch das war noch lange nicht das Ende der GeduldstestSession.

Gestern kam Liselotte nach einem extrem langen Arbeitstag nach Hause. Der Quartalsbericht für die Zentrale, ein NotfallMeeting mit den Bankchefs, ein Aufreger mit einem schwierigen Kunden ihr Kopf qualmt, die Beine halten kaum noch das müde Gerippe.

Klaus liegt entspannt auf dem Lieblingssofa, schaut gerade die neueste KrimiSerie, nippt gemütlich an einem Tee und knabbert ein Stück Butterkeks.

Wie war dein Tag?, fragt er, ohne vom Bildschirm wegzuschauen, wo gerade ein VerfolgungsjagdTempel läuft.

Müde bis in die Knochen, gesteht Liselotte, lässt sich in den Sessel fallen.

Alles klar, ruh dich aus. Übrigens, Mama kommt morgen früh.

Weiß ich, murmelt Liselotte kurz.

Hör zu, steig morgen früher auf, mach Mama die Suppe. Sie kommt vom Schrebergarten müde und hungrig. Und bitte aus FreilandHuhn du weißt ja, Mama hat jetzt Magenprobleme. Sie braucht richtig leckere Brühe, kein LadenChemiezeug.

Liselotte wirkt verwirrt:

FreilandHuhn?

Ja, auf dem Wochenmarkt gibts gute Händler. Tante Lotte hält dort frische Hühner. Hauptsache, sie sind warm und lebendig. Gefrorenes Hähnchen aus dem Supermarkt ist kein Essen, das ist nur Gerippe.

Um wie viel Uhr soll ich das Huhn holen?

Früh, halb sieben. Der Markt öffnet um sechs, du bist bis acht wieder zu Hause. Mama kommt meistens gegen neun.

Warum fährst du nicht selbst?

Ich würde gern, aber du kennst dich besser aus. Und Suppe kochen ist ja eigentlich Frauensache. Ich will doch endlich mal ein bisschen ausschlafen.

Liselotte geht still ins Bad, putzt sich lange die Zähne und überlegt, wie unfair das Leben ist. Klaus plant, bis zum Mittag zu schlafen, sie muss um halb sieben aus dem Bett, quer durch die Stadt, drei Stunden am Herd stehen.

Stell dir einen Wecker, ja? ruft Klaus aus dem Wohnzimmer.

Welchen Wecker?, fragt Liselotte verwirrt.

Damit du morgens nicht verschläfst. Mama kommt ja normalerweise um neun.

Sie schaut mit Zahnbürste im Mund aus dem Bad:

Willst du selbst einen Wecker stellen?

Wozu? Ich muss morgen nicht kochen.

Klaus: Ich koche ja nicht.

Liselotte sagt nüchtern: Okay, und stellt keinen Wecker.

Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür um sieben zehn, draußen graut noch, ein leichter Herbstregen trommelt ans Fenster.

Wer könnte das sein?, murmelt sie verschlafen, tastet nach ihrem Bademantel.

Hier ist die Hedwig!, ruft eine bekannte Stimme fröhlich.

Ihr Herz macht einen Sprung das ist die Schwiegermutter, und das viel früher als sonst.

Sie öffnet die Tür. Hedwig steht im Eingangsbereich, zwei große Einkaufstaschen, ein leichtes Frühlingsmantelchen, frisch und voller Energie.

Liselotte, guten Morgen! Riecht es hier schon nach Suppe? Oder bin ich zu früh?

Liselotte schluckt schwer. Suppe? Das hat sie erst gestern erst gehört.

Keine Suppe, keucht sie.

Ach!, sagt Hedwig verwirrt. Klaus hat doch gesagt, du steigst früher auf

Klaus schläft.

Hedwig geht unbeirrt rein, legt den Mantel ab, legt die Taschen ab.

Kein Problem, Liebes! Dann fahren wir gleich zum Markt, holen das frische Huhn. Klaus meinte, es muss FreilandHuhn sein, nicht das Chemiezeug.

Liselotte steht im Bademantel da, fühlt, wie das Herz in der Brust zu kochen beginnt.

Ich fahr nicht zum Markt.

Wie bitte? Und die Suppe?

Die Suppe soll der kochen, der sie bestellt hat.

Aber Klaus arbeitet die ganze Woche! Er muss doch auch mal entspannen!

Und ich muss auch arbeiten. Und entspannen.

Hedwig setzt sich an den Küchentisch, scheint ein langes Gespräch zu planen:

Liselotte, verstehst du nicht? Der Arzt hat mir gesagt, ich muss gleich morgens etwas Warmes. Mein Magen ist schwach!

Verstehe ich, aber warum muss das jetzt mein Problem sein?

Fünf Minuten später stolpert Klaus, noch im zerknitterten T-Shirt, verschlafen herein.

Mama! Schon da?

Klauschen! Wo ist die Suppe? Liselotte sagt, sie fährt nicht zum Huhn.

Klaus starrt verwirrt auf Liselotte:

Hast du das nicht gestern gesagt? Steh früher auf und mach Mama die Suppe.

Liselotte dreht sich langsam zu ihm um, wischt sich die Hände am Geschirrtuch und schaut ihm in die Augen.

Lass die Mama die Suppe kochen, die sie bestellt hat.

Stille breitet sich in der Küche aus. Hedwig erstarrt. Klaus öffnet den Mund, schließt ihn wieder.

Was hast du gesagt?, fragt er leise.

Was ich schon lange denke.

Liselotte!, protestiert die Schwiegermutter. Wie kannst du so etwas sagen!

Ganz einfach, erwidert Liselotte. Mit dem Mund.

Aber ich bin doch deine Schwiegermutter!

Und was? Macht das mich zu deiner Hausangestellten?

Hausangestellte?, wirft Klaus ein. Mama ist doch Familie!

Deine Familie. Deine Mutter. Du sollst ihr doch kochen.

Ich kann das nicht!

Lern doch im Internet, da gibts tausend Rezepte.

Aber du bist doch Frau!, stottert Klaus.

Stimmt. Und du, bist du ein Außerirdischer?

Hedwig versucht zu beruhigen: Liselotte, ich verstehe, du bist müde. Aber Familienpflichten

Wessen Pflichten?, schnippt Liselotte. Meine? Oder eure?

Ich bin eine alte Frau

die gern auf die Hobbyausflüge geht, in die Stadt fährt, Unterhaltung verlangt. Nicht gerade alt.

Wie wagst du es!, faucht die Schwiegermutter.

Fünf Jahre habe ich das ertragen, es reicht.

Liselotte geht zum Herd, schaltet den kleinen Kocher an und macht sich eine Schüssel Haferflocken.

Was machst du da?, fragt Klaus.

Ich mache mir Frühstück. Haferbrei.

Und wir?

Ihr seid erwachsene Leute.

Liselotte, das ist nicht richtig!, schimpft Hedwig.

Was ist nicht richtig? Dass ich nicht kostenlos als Hausangestellte arbeite?

Ich bin doch deine Mutter!

Dann übernehmt ihr eure Mutterpflichten. Füttert euren Sohn.

Ich will nicht in deiner Küche kochen!

Klaus setzt sich, schaut ratlos zu seiner Mutter.

Mama, wollen wir ins Café gehen?

Café ist teuer, runzelt Hedwig die Stirn. Und schadet dem Magen.

Dann mach zu Hause was.

Aber ich will nicht!

Ich kann gar nicht kochen!, bricht Klaus aus. Liselotte, du musst dich um die Familie kümmern!

Um meine eigene Familie ja. Aber nicht um fremde Tanten.

Meine Mama ist keine fremde Tante!

Für mich ist sie fremd. Ich bin nie mit ihr aufgewachsen, habe sie nicht gewählt.

Hedwig fängt an zu weinen:

Wie grausam!

Grausam ist, fünf Jahre lang jemanden wie eine Dienstmagd zu behandeln, sagt Liselotte.

Wo gehst du hin?

Meinen eigenen Dingen nach. Ihr seid erwachsen, regelt das.

Sie geht ins Bad, das heiße Wasser spült die Erschöpfung von fünf Jahren weg.

Und da bleiben nur Klaus und Hedwig in der Küche zurück, die sich jetzt fragen, wie sie eine einfache Suppe oder zumindest einen Brei kochen sollen

Na, das wars von meiner Seite. Ich dachte, du hast ein bisschen Gelächter und ein bisschen Tränen nötig. Bis bald!

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Homy
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Steh früher auf und koche Mama die Suppe, befahl der Ehemann. Wer aus ihr geboren ist, soll die Suppe für Mama kochen.
Ich habe meinen Mann überraschend in seinem Büro besucht und sofort verstanden, warum er immer so lange arbeitet