**Tagebucheintrag**
Oma gab dem Mann Geld für den Bus. Später kamen ungebetene Gäste zu ihr.
Edith hatte ihr ganzes Leben als Lehrerin gearbeitet und musste nun wegen ihrer kleinen Rente Gemüse auf dem Markt verkaufen. Ihr Schwiegersohn hatte eine neue Frau in die gemeinsame Wohnung gebracht, und ihre Tochter war mit dem Kind zur Mutter zurückgekehrt. Edith half ihr, so gut sie konnte.
Mama, es tut mir leid, dich so zu belasten. Du schuftest im Garten, auf dem Markt Du solltest dich ausruhen.
Ach, mein Kind. Solange ich noch Kraft habe, helfe ich dir und dem Enkel. Ihr beide seid ja auch nicht untätig den halben Garten habt ihr in zwei Tagen umgegraben! Allein hätte ich das nie geschafft, antwortete die Frau. Und Lina braucht neue Schuhe für die Schule. Soll sie etwa in alten Tretern zum Unterricht gehen?
So lebten sie, unterstützten einander und hofften, dass auch in ihrer Straße einmal die Sonne scheinen würde. Natürlich wäre es einfacher, wenn Elsa über Leichen gehen könnte, aber das war nicht ihre Art.
Eines Morgens machte sich Edith auf den Weg zum Markt. Ihr Standplatz war gut, Kunden kamen reichlich. Das fiel auch den anderen Händlern auf, darunter Ludmilla, eine Bekannte der ehemaligen Lehrerin. Und prompt besetzte diese Ediths Platz.
Warum schläfst du so lange? Tut mir leid, aber ich habe deinen Platz schon eingenommen. Ich brauche eine Stunde zum Aufbauen und noch eine zum Abbauen heute musst du dir also was anderes suchen, erklärte Ludmilla frech.
Edith stritt nicht. Das lag ihr nicht. Sie richtete ihren Stand ein Stück weiter ein, gerade als ihre Nachbarin Tanja neben ihr Platz nahm.
Und dein Schwiegersohn? Ist er noch nicht zurück?
Nein, seufzte Edith. Er hat jetzt sein eigenes Leben.
Die Jungen von heute wollen keine Familie, keine Kinder. Sie leben nur für sich. Meiner läuft immer noch in den Bergen rum und hat nicht mal eine Freundin, erzählte Tanja.
Im Gespräch verging die Zeit schnell. Nachmittags tauchte ein junger Mann auf, seltsam gekleidet.
Sitzt der etwa? Ludmilla starrte, und alle Händler blickten alarmiert zu dem Fremden.
Er ging direkt zu Edith. Mit leerem Blick griff er in seine Taschen und fragte:
Tante, ich hab kein Geld mehr. Könnten Sie mir ein paar Äpfel borgen?
Nimm doch, was solls. Aber warum hat so ein strammer Bursche wie du kein Geld?
Ich komme gerade von nicht allzu angenehmen Orten. Keine Sorge, ich bin kein Mörder. War jung und dumm, hab mich auf eine Frau eingelassen und schon saß ich im Knast.
Können deine Angehörigen nicht helfen? Warum bist du allein unterwegs?
Doch. Aber ich schäme mich, sie anzurufen. Will sie überraschen.
Und weit ist es noch?
Nach Freiburg.
Das ist ein weiter Weg!
Kurz darauf verschwand der Ex-Häftling. Der Bahnhof lag nah. Edith sah, wie er mit einem Busfahrer sprach, dann kam er zurück.
Tante leihen Sie mir bitte was. Sonst sehe ich mein Zuhause nie wieder. Ich schwöre, ich gebe es zurück, sobald ich Arbeit habe.
Wie viel brauchst du?
Fünfzig Euro.
Unter den entsetzten Blicken der anderen Händler zog Edith einen Schein heraus.
Du kannst doch nicht zu Fuß gehen. Hier.
Vielen Dank! Ich heiße Paul wie ist Ihr Name?
Edith.
Danke, Edith! Mit diesen Worten lief er zum Bus.
Bist du bescheuert, Edith? Der zahlt dir nie was zurück!, fauchte Tanja.
Man muss einander helfen. Wir sind doch keine Bestien.
Der da ist kein Mensch. Ein Knacki bleibt ein Knacki!
Edith ignorierte sie und packte ihre Sachen.
Am Wochenende bekam Elsa Fieber. Die Mutter sammelte Kräuter im Garten und pflegte sie, so gut sie konnte.
Die Enkelin kam abends mit einem Buch an und zupfte an Ediths Ärmel:
Oma, lies mir eine Geschichte vor?
Natürlich, mein Schatz.
Draußen begann es zu regnen. Während das Feuer im Ofen knisterte, deckte Elsa den Tisch. Plötzlich klopfte es.
Die Frauen wechselten Blicke. Sie erwarteten niemanden!
Darf ich? Ein Fremder stand in der Tür. Edith musterte ihn dann erkannte sie ihn.
Paul?
Ja, Edith. Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe. Viel ist passiert.
Bei deinen Augen hätte ich dich fast nicht erkannt!, lachte sie. Siehst du ja aus wie ein Graf! Anzug, rasiert eine Freude!
Setzen Sie sich doch zu uns, schlug Elsa schüchtern vor.
Beim Essen erzählte Paul seine Geschichte. Drei Jahre unschuldig im Gefängnis!
Jetzt bin ich wieder Oberarzt in der Klinik. Falls ihr mal Hilfe braucht kommt vorbei. Sein Blick hing an Elsa.
Eine Woche später hielt ein bekanntes Auto vor Ediths Haus. Paul stieg aus mit einem riesigen Blumenstrauß.
Tochter, schau aus dem Fenster! Dein Freier ist da, rief die Mutter und grinste. Wann feiern wir Hochzeit?
Elsa lachte, drückte Lina an sich und flüsterte: Sieh nur endlich ist das Glück auch zu uns gekommen.
**Was ich heute gelernt habe:** Manche Schulden werden nicht mit Geld zurückgezahlt, sondern mit einer zweiten Chance.





