– Wohnung wird zusammen mit Katze verkauft, – sagten die Erben und senkten den PreisAls das neue Paar das Haus betrat, sprang die schlaue Katze geschmeidig auf den Küchentisch und schnurrte, während sie die Schlüssel behutsam zwischen die Zähne biss.

Immobilienmaklerin Maren Schneider legte den Hörer auf und starrte ein paar Sekunden auf ihr Handy, als wäre das Gerät selbst Schuld.

In zweiundzwanzig Jahren ihres Berufs hatte sie Wohnungen verkauft, die mit Schulden belastet waren, in denen bereits Verwandte eingetragen standen, in denen kalte Leitungen rauschteten und die einen Blick auf den Friedhof boten. Einmal sogar mit einem Papagei, der in drei Sprachen fluchte. Aber dass ein Kater als Belastung im Kaufvertrag aufgeführt wird, das war ihr noch nie begegnet.

Gut, ich wiederhole die Konditionen, murmelte sie zu sich selbst, während sie ihr Notizbuch durchblätterte. Zweizimmerwohnung, Friedrichstraße, drittes Stockwerk, 62 Quadratmeter. Eigentümerin verstarb im Januar. Erben Sohn und Tochter aus Köln. Möchten schnell verkaufen. Katze wird nicht abgeholt, nicht ins Tierheim gebracht, Euthanasie ist tabu. Katze ist inklusive.

Sie seufzte und fügte der Anzeige eine Zeile hinzu, die jeden Anwalt aus dem Gleichgewicht bringen würde: Kater ist im Preis enthalten. Verhandlungsbasis.

Die erste Besichtigung war am Samstag.

Maren öffnete die Tür und ließ die Interessentin hinein eine hochgewachsene Frau um die fünfundfünfzig, gekleidet in einen grauen Mantel. Sie schritt über die Schwelle und blieb stehen. Die Wohnung roch, wie es in den Häusern riecht, in denen ein einsamer, betagter Mensch lange gelebt hat: Lavendelseife, alte Bücher, ein Hauch von Baldrian.

Gisela Petersen, stellte sich die Frau vor, ohne die Hand zu reichen. Sie schaute sich um. Und wo ist Ihr Bonus?

Der Kater saß auf der Fensterbank im großen Zimmer ein riesiger, rot-weißer Riese. Er blickte Gisela Petersen unbewegt an, in seinen Augen lag weder Angst noch Neugier, nur eine müde, endlose Geduld.

So schauen jene, die schon zu oft ausgesetzt wurden.

Gisela ging schweigend durch die Wohnung, streifte mit dem Finger über die Buchrücken im Regal Chekhov, Paustovsky, Astafjew, schon abgegriffen bis zu den losen Einbänden. Sie warf einen Blick in die Küche, wo an der Wand ein herausnehmbarer Kalender vom siebzehnten Januar hing. Auf der Fensterbank standen drei vertrocknete Geranien. Und ein Napf. Sauber, leer, exakt an der gleichen Stelle wie das linke Bein des Hockers.

Wird er hier gefüttert?, fragte sie, ohne sich umzudrehen.

Von der Nachbarin, antwortete Maren. Theresa Klose aus der 36Zimmerwohnung. Sie kommt zweimal täglich. Die Erben zahlen ihr dafür. Wenig, aber es wird gezahlt.

Gisela kehrte ins Wohnzimmer zurück. Der Kater hatte seine Position nicht verändert er saß mit gesenkten Vorderpfoten auf der Fensterbank und blickte in den Hof. Dort schwankten kahl die Tannen im Februarwind, und zwischen ihnen schob sich eine Frau mit einem Kinderwagen.

Wie heißt er?

Graf, sagten die Erben.

Graf, wiederholte Gisela ohne Emotion.

Der Kater drehte den Kopf nicht.

Sie rief drei Tage später zurück.

Frau Schneider, ich habe nachgedacht. Die Lage ist gut, die UBahn nah. Aber der Preis liegt immer noch über dem Markt, selbst mit dem Aufpreis. Und die Wohnung bräuchte Renovierung Tapeten, Linoleum. Ich würde zuschlagen, wenn Sie noch dreihundert Euro nachlassen.

Ich versuche zu verhandeln.

Die Erben senkten den Preis um zweihundert Euro. Gisela stimmte zu.

Die Abwicklung dauerte drei Wochen. Gisela kam noch zweimal zur Wohnung mit Maßband und Notizblock. Sie maß Wände, notierte, kalkulierte. Der Kater beobachtete. Beim zweiten Mal kniete sie am Fenster, prüfte die Heizung, und Graf sprang vom Fenstersims, kam einen halben Meter heran und setzte sich nicht näher.

Nun, hallo, sagte sie zu ihm.

Graf blinzelte, einmal, langsam, und wandte sich ab.

Theresa Klose aus der 36Zimmerwohnung war eine kleine, knochige Frau mit ängstlichen Augen. Sie wartete am Tag der Schlüsselübergabe vor der Tür auf Gisela.

Sind Sie die neue Eigentümerin?

Ich hoffe es.

Ich erzähle Ihnen etwas über Graf. Nina Weber, die vorige Mieterin, war ein Engel. Vor zehn Jahren hatte sie ihn aufgenommen, als er noch verfilzt am Treppenabsatz lag. Sie fütterte ihn, er verließ sie keinen Zentimeter.

Theresa schwieg, dann flüsterte sie:

Als sie im November auf der Küche zusammenbrach, kam ein Rettungswagen, die Tür wurde aufgebrochen, und er lag neben ihr. Er verließ nicht ihren Kopf. Er verließ sie nicht.

Gisela stand im Türrahmen, hielt ein Bündel neuer Schlüssel drei Stück: zwei für die Schlösser, eins für den Briefkasten, in den niemand mehr blickte.

Er ist nicht gefährlich, fuhr Theresa fort. Er kratzt nicht, beschädigt keine Möbel. Aber er lässt sich nicht anfassen. Zwei Monate füttere ich ihn, und er kam nie zu mir. Er frisst, wenn ich das Haus verlasse. Ich stelle die Schüssel hin und er verschwindet hinter der Tür. Ich kehre zurück sie ist leer. Vor mir aber nie.

Vielleicht hat er Angst.

Er hat keine Angst. Er wartet. Jeden Abend, gegen sechs, setzt er sich an die Tür und schaut. Nina kam immer um sechs von ihrem Spaziergang zurück.

Gisela zog am Samstag um. Sie hatte nur wenig Besitz, war es gewohnt, kompakt zu leben. Zwanzig Jahre Krankenschwester in der Kardiologie, dann Assistenzärztin, dann Kündigung, dann ein Zimmer in einem alten Plattenbau im Berliner Stadtteil Marzahn, das ihr Knie und die Seele schmerzte. Eigenes Heim war ein Traum, der fast zu einem Plan geworden war. Das Geld hatte sie acht Jahre lang beiseitegelegt.

Die Umzugshelfer brachten ein Sofa, zwei Schränke, Kisten mit Geschirr. Graf war verschwunden. Gisela fand ihn im Abstellraum er hatte sich hinter dem Bügelbrett versteckt, saß dort mit gesenkten Ohren, riesig und unbeweglich.

Ich verstehe, sagte sie zu ihm. Es ist schwer für dich. Für mich auch.

Sie stellte die leere Schüssel wieder an das linke Hockerbein, genau dort, wo sie zuvor gestanden hatte, und schloss die Küchentür.

Am Morgen war die Schüssel leer.

Ein Monat verstrich. Sie lebten parallel dieselben Wände, doch in verschiedenen Welten.

Gisela wachte um sechs, trank Kaffee in der Küche und ging zur Schicht. Sie nahm eine Stelle in der Poliklinik an der Pankowstraße an, nicht mehr Kardiologie, natürlich, aber nach einem Jahr Arbeitslosigkeit blieb keine Wahl.

Graf erschien in der Küche nur, wenn das Schloss klickte. Sie wusste das, weil sie jeden Abend ein Haar lang, ergrauend quer über die Schüssel legte. Wenn das Haar am Boden lag, hatte er gegessen.

Abends saß sie im Sessel am Fenster und las dieselben Bücher, die von Nina übrig geblieben waren. Chekhov war voll von Bleistiftnotizen: feine, ordentliche Schrift am Rand, Ausrufezeichen, manchmal ein einzelnes Wort: ja, genau, bei mir auch. Gisela las die Notizen und fühlte etwas Seltsames, kein Kummer, sondern Wiedererkennung. Als hätte eine Frau, die sie nie getroffen hatte, ihre Gedanken geteilt.

Graf saß zu dieser Zeit im Flur, nicht im Zimmer am Eingang. Jeden Abend, punkt6Uhr, wartete er.

Ende März erkrankte Gisela. Das Grippevirus brachte ihr in einer Nacht 39Grad, Halsschmerzen, Gliederschmerzen. Sie rief zur Arbeit, schluckte Paracetamol und legte sich hin. Aufstehen, um zu essen, war unmöglich. Aufstehen, um den Kater zu füttern, ebenso.

Graf, flüsterte sie heiser aus dem Schlafzimmer. Entschuldige, ich schaffe es gerade nicht.

Stille.

Sie sank in einen schweren, klebrigen Schlaf, das Gehirn summte. Aufwachen bedeutete ein Druck auf den Beinen nicht stark, nur ein warmes, gleichmäßiges Gewicht.

Graf lag zu ihren Füßen, zusammengerollt wie ein Pfannkuchen, blickte sie unbewegt an, ernst, aufmerksam. Zum ersten Mal seit einem Monat war er nicht im Flur, nicht im Abstellraum, nicht hinter dem Bügelbrett. Er war hier.

Gisela rührte sich nicht. Sie fürchtete, dass er sich bewegen und verschwinden könnte. Sie starrte ihn an, er starrte zurück, und zwischen ihnen herrschte ein Schweigen, in dem keine Worte mehr nötig waren, weil alles bereits gesagt war.

Du weißt es schon, hauchte sie.

Graf drückte die Ohren zusammen, legte den Kopf auf seine Pfoten und schloss die Augen.

Er ging nicht.

Drei Tage lag sie krank, und drei Tage lag er an ihren Füßen. Nur zum Napf ging er hin, wenn sie endlich aufzustehen vermochte, um Futter zu geben, und dann zurück. Am dritten Tag, als das Fieber gesunken war und Gisela in der Küche, eingehüllt in eine Decke, mit einer Schale Hühnersuppe saß, sprang Graf auf den Hocker, setzte sich neben sie und schnurrte.

Leise, mit rauer Stimme, als hätte er das Schnurren verlernt und erinnere sich jetzt wieder daran.

Gisela stellte die Schale hin, zog die Brille ab, streckte langsam die Hand aus Handfläche nach oben.

Graf schnupperte ihre Finger, stupste mit der Stirn gegen die Handfläche.

Sie weinte. Nicht aus Rührung sie weinte, weil ihr plötzlich klar wurde: Sie hatte ein fremdes Leben gekauft, fremde Bücher und einen fremden Kater, weil ihr eigenes nicht ausgereicht hatte. Und er blieb im fremden Leben mit einer fremden Frau, weil er keinen Platz mehr hatte. Zwei Belastungen, zwei Aufpreise, zwei überzählige Wesen, die im Preis inbegriffen waren.

Nun saßen sie in der Küche, ein fünfzehnjähriger Kater und eine sechsundfünfzigjährige Frau, und beide spürten die Wärme.

Graf schnurrte, und Gisela hielt ihre Hand auf seinem schweren Kopf und dachte, dass das vielleicht das ist das Ungefragte, das nicht gesucht, das plötzlich kommt.

Im Mai entfernte Gisela die alten Tapeten, das dünne braune Blumenmuster, das die Wohnung dunkler machte, und strich die Wände in warmes Milchweiß. Das Linoleum ließ sie vorerst, das Geld reichte nicht, aber das war jetzt egal. Die Wohnung fühlte sich nicht mehr fremd an. Sie merkte es kaum, wann das passierte.

Ninas Bücher blieben im Regal. Gisela fügte ihre eigenen hinzu ein paar, etwa einhalb Dutzend. Chekhov mit den Bleistiftkritiken blieb am selben Platz. Manchmal öffnete sie ihn abends und las nicht die Geschichten, sondern die Randbemerkungen fremde ja, genau, bei mir auch und nickte.

Die vertrockneten Geranien warf sie weg, als sie einzog; man kann sie nicht retten. Jetzt pflanzte sie neue, auf dieselbe Fensterbank, wo Graf am ersten Besichtigungstag gesessen hatte. Jetzt saß er dort seltener, öfter im Sessel neben ihr oder auf ihrem Schoß, wenn der Abend lang und das Buch gut war.

Um sechs Uhr ging er nicht mehr zur Tür.

Im Juni begegnete Maren Schneider zufällig Gisela in der Lidl an der Friedrichstraße. Gisela stand Schlange, ein Beutel Katzenfutter und eine Packung Kefir in der Hand.

Wie gefällt Ihnen die Wohnung?, fragte Maren. Regretieren Sie etwas?

Nein, antwortete Gisela.

Und der Kater?

Gisela schwieg, drehte das Futter von einer Hand zur anderen.

Wissen Sie, Frau Schneider, sagte sie, sie hätten den Preis nicht senken sollen. Sie hätten ihn erhöhen müssen.

Maren lachte. Gisela jedoch nicht. Sie machte keinen Scherz.

Zuhause wartete Graf im Flur, an den Schuhen. Das war jetzt sein neuer Platz. Und als das Schloss klickte, hob er den Kopf, blinzelte einmal, langsam.

So empfangen sie jene, die wirklich erwartet werden.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

– Wohnung wird zusammen mit Katze verkauft, – sagten die Erben und senkten den PreisAls das neue Paar das Haus betrat, sprang die schlaue Katze geschmeidig auf den Küchentisch und schnurrte, während sie die Schlüssel behutsam zwischen die Zähne biss.
Nacht am Abgrund