— Eltern — meine Wohnung, mir — eine Mietwohnung? Nein, Liebling, dir — eine Mietwohnung, und mir — Freiheit!

Hier könnte ein Schrank an unserer Wand stehen, sagte Margarete Arndt verträumt und fuhr mit dem Blick durch das Wohnzimmer. Wir müssten nur den Sessel wegräumen, er ist ohnehin unbequem. Und wohin willst du ihn stellen, Liselotte?

Elisabeth zuckte die Schultern. Sie hatte nicht sofort begriffen, dass die Frau keine Innenarchitektin aus einer Fernsehshow war, sondern ihre Schwiegermutter. Und dass hier ihre, also Liselottes, Wohnung bedeutete die Wohnung, die sie mit ihrem eigenen Geld gekauft hatte, nach achtundzwanzig Jahren Sparen, FreelanceProjekten, Verzicht auf Kaffee und auf eigene Ausgaben.

Ich glaube, ich setze mir die Haare auf den Kopf, antwortete sie langsam und stand vom Sofa auf. Ich habe das nicht verstanden. Zieht ihr jetzt um?

Nein, wir reden nur, sagte Margarete Arndt mit einem Lächeln, in dem mehr Triumph als Wärme lag. Ich und mein Mann Dieter haben nur geschaut. Was? Eine geräumige Wohnung, DesignerRenovierung. Die Mietwohnung ist uns zu eng, und nach Pauls dummer Autounfall stehen die Schulden da, die er nicht begleichen kann. Und du verstehst Familie ist Familie.

Das Wort Familie ließ Margarete Arndt so aussprechen, als gehöre Elisabeth nicht automatisch dazu.

Du bist doch klug, Liselotte, du hast ein Einkommen, du wirst nicht untergehen. Wir sind schon alt wo sollen wir sonst in den Mietwohnungen herumirren?

Ihr seid doch erst 65, erwiderte Elisabeth trocken. Das ist noch kein Rentenalter, das ist aktives Altern. Ihr löst Kreuzworträtsel, fahrt aufs Land. Was hat das mit meiner Wohnung zu tun?

Margarete Arndt biss sich auf die Lippe, verkniff die Zähne und zog ihr bewährtes Argument hervor.

Ich habe dir übrigens diesen Mann zur Ehe gegeben. Und er hat dich unterstützt, als du wegen deiner Anämie im Krankenhaus lagst. Jetzt, wo sein Bruder in Schwierigkeiten ist drehst du dich ab?

Als sein Bruder mit dem Vaterauto gegen einen Laternenmast fuhr, während die fremde Frau auf dem Beifahrersitz saß, Elisabetts Stimme bebte, hat mich niemand angerufen, um zu fragen, ob wir nicht zu euch ziehen sollen, während Paul seine moralischen und finanziellen Wunden leckt.

Liselotte, meldete sich Dieter, der bis dahin in der Küche stand und so tat, als wäre er beschäftigt. Wir reden nur. Die Eltern stellen keine Ansprüche.

Elisabeth ging zur Tür und flüsterte:

Während ihr diskutiert, lebe ich. In meiner Wohnung, die ihr offenbar in ein Studentenwohnheim nach dem heiligen Paul verwandeln wollt. Das geht nicht.

Nur nicht zu schreien, dachte sie, atmete tief ein und ging ins Schlafzimmer.

Dieter und sie sprachen drei Tage lang nicht. Wenn er doch kam, hieß es: Braucht ihr etwas vom Markt? oder Hast du nicht vergessen, dass am Samstag Mamas Geburtstag ist? Sie nickte schweigend oder tat, als hätte sie nichts gehört. In der Wohnung hing eine zähe, klebrige Stille, nicht die ruhige, sondern die, in der jede Wand eine heimliche Wut verbirgt.

Am Samstag geschah alles.

Lis, sagte Dieter und starrte aus dem Fenster, als wolle er gleich springen. Ich verstehe, dass es für dich hart ist. Aber deine Eltern haben keine Wahl. Der Kredit liegt auf dem Vater. Die Wohnung ist bereits zum Verkauf gestellt. In einem Monat stehen sie auf der Straße. Und du

Was soll ich?

Du bist stark, du findest einen Ausweg. Wir könnten für ein paar Monate in eine Mietwohnung ziehen. Danach überlegen wir weiter.

Zuerst wollte sie ihn mit der Pfanne treffen, dann ihn umarmen. Am Ende fragte sie nur:

Du willst also, dass ich mein Zuhause verlasse, weil deine Eltern wieder einmal ihre Kinder nicht im Griff haben?

Das ist nicht so. Wir haben einfach mehr Möglichkeiten für dich.

Ich habe mehr Verstand. Ich habe ihn nicht in fremde Autos geschoben, wie dein Bruder, und ich habe nicht zugelassen, dass seine Frau ohne Absprache einziehen darf, schnitt Elisabeth spöttisch zurück. Weißt du, Dieter, soll ich dir einen Rat geben, wie es besser läuft?

Wie denn?

Pack deine Sachen und verschwinde mit ihnen.

Er erstarrte. Zum ersten Mal seit ihrer gemeinsamen Zeit. Sie sah in seinem Gesicht keinen Ehemann, keinen Beschützer, keinen Verwandten. Sie sah nur einen Schatten.

Ich gehe nicht, hauchte er. Das ist auch mein Zuhause.

Das ich mit meinem Geld gekauft habe.

Aber wir sind doch Familie, Liselotte. Familie bedeutet doch Opfer, oder?

Opfer werden dir aufgezwungen, nicht gestellt. Weißt du, was der Unterschied zwischen einem Opfer und einer Dummheit ist? Das Opfer hat eine Wahl.

Sie schrie nicht, weinte nicht. Sie griff nach dem Koffer seinem Koffer und stellte ihn im Flur ab.

Du kannst gehen, wohin du willst. Eine Einzimmerwohnung mieten, bei deiner Mutter einziehen, sogar bei deinem Bruder auf dem Dach schlafen. Das hier bleibt mein Haus. Und du und deine großherzige Mutter mit dem Kommod kannst hier nie wieder rein.

Er ging ohne Gepäck, mit Augen wie ein geschlagener Hund, und sagte zum Abschied:

Du wirst es bereuen. Niemand lebt ewig allein.

Sie sah ihm nach und dachte: Ich bin nicht allein. Ich habe mich selbst. Du aber weißt nicht einmal, mit wem du es zu tun hast.

Am Abend klopfte jemand an die Tür. Liselotte öffnete vor ihr stand Suse, eine alte Freundin.

Was ist los mit dir? drängte Suse, umarmte sie mit einer Hand. Noch letzte Woche hast du gesagt: Suse, er ist gar nicht so schlecht. Und jetzt?

Elisabeth goss sich ein Glas Wein ein.

Jetzt ist er wie seine Mutter ein Kommod und Pläne für mein Schlafzimmer.

Suse lachte.

Du wusstest doch, dass seine Mutter eine Furie ist. Warum hast du dich überhaupt darauf eingelassen?

Er wirkte vernünftig.

Vernünftig war das Stichwort. Liselotte, wollen wir nach Süden fahren? Du hast ja jetzt einen unfreiwilligen Urlaub.

Ich bleibe hier. In meiner Wohnung. Mit einem Glas. Und wenn sein Kommod kommt, werfe ich ihn vom Balkon. Vom dritten Stock.

Suse lachte, dann wurde es plötzlich still.

Und wenn er zurückkommt?

Liselotte blickte auf den Wein, drehte die Gedanken der Woche durch.

Dann kaufe ich eine Bohrmaschine und knacke das Zahlenschloss, das nur ich kenne.

Am Samstag, genau um zehn Uhr, stellte Liselotte den Wasserkocher auf und bereitete sich mental auf einen Tag ohne Männer, Verwandte und deren Möbelfantasien vor, als es an der Tür klopfte.

Ein Kurier von MyMedi, dachte sie, wegen des Mixers.

Sie öffnete und erstarrte.

Im Türrahmen stand Margarete Arndt mit einem Koffer. Hinter ihr schritt Paul, Dieters Bruder, schlank in Jogginghosen, das Gesicht halb müde, halb hoffnungsvoll. Neben ihm ihr Vater, Paul Petersen, klein, kahlköpfig, mit dem Blick eines Rentners, dem das Leben schon 1987 zugrunde ging.

Guten Morgen, sagte die Schwiegermutter, als hätten sie einen Tee verabredet. Wir bleiben nicht lange. Nur ein paar Monate, bis die Wohnung verkauft ist.

Elisabeth schwieg, weil ihr keine Worte mehr blieben.

Liselotte, setzte Paul Petersen ein, entschuldige bitte, das ist nicht unsere Schuld. Wir haben uns mit deiner Schwiegermutter geeinigt, sie lässt uns rein, aber gerade wird renoviert. Und Dieter meinte, du hättest nichts dagegen, dass wir hier wohnen.

Dieter? fuhr Liselotte endlich. Hat er das gesagt, bevor oder nachdem ich ihn rausgeschmissen habe?

Habt ihr euch gestritten? fragte Margarete Arndt klagend, während sie die Schwelle überschritt. Wir wollen das doch friedlich lösen. Liselotte, sei nicht böse. Wir sind doch Familie.

Familie im fremden Apartment, dachte sie.

Paul begann, den Koffer zu tragen. Der Schweiß roch nach Zigaretten und nach einer Werkstatt von vorgestern.

Paul, zieh den Koffer nicht über die Schwelle, schrie Margarete. Das ist ein schlechtes Omen.

Ein Omen ist, wenn man hereinkommt, nicht, wenn man das ganze Haus besetzt, flüsterte Liselotte, doch niemand hörte ihr zu.

Sie setzten sich. Paul ließ sich aufs Sofa fallen, stellte die Beine auf den Couchtisch. Paul Petersen musterte den Balkon und fragte:

Hier darf man rauchen?

Hier darf man schweigen, erwiderte Liselotte. Und schnell gehen.

Margarete nahm aus ihrer Tasche ein Glas Hauspickles, einen Beutel Buchweizen und Ausstecher.

Ich habe etwas von zu Hause mitgebracht, damit ihr nicht alles selbst erledigen müsst. Wir wohnen zusammen menschlich muss es sein. Ich mag Ordnung. Und ich habe ein Händchen dafür, dass alles wächst!

Meinen Sie die Kartoffeln in der Badewanne? entgegentönte Liselotte. Oder den Kaktus im Kochtopf? Ich erinnere mich.

Liselotte, lass den Sarkasmus. Es ist gerade hart für alle. Aber du und Dieter müsst zusammenhalten. Ich bin die Mutter. Es liegt mir am Herzen.

Ihr habt es uns nicht leicht gemacht, als ihr sonntags Borschtsch auftraten, obwohl ich um Ruhe bat. Ihr habt mir geraten, den Job zu wechseln, weil Lehrer sind sicher. Und ihr kamt ohne Vorwarnung mit Koffern in meine Wohnung. Das nennt man Eindringen, Margarete Arndt. Spielt ihr Krieg gegen mich?

Paul meldete sich zu Wort:

Liselotte, du weißt doch, wir haben momentan nirgends ein Bett. Dein Bruder hat gesagt, du bist verständnisvoll.

Dein Bruder lag falsch. Du ebenso.

Liselotte griff zum Telefon und wählte Dieter. Er nahm nach dem dritten Klingeln ab.

Hallo, ich kann gerade nicht, Besprechung

Klar, Besprechung. Ich habe hier deine Familie, Koffer, deinen Bruder, deine Mutter und deinen Vater. Hast du mir gesagt, dass ich nichts dagegen habe?

Stille. Eine lange, klebrige Stille wie Kaugummi unter dem Schuh.

Ich dachte, ihr einigt euch. Du bist nicht grausam, du hast ein großes Herz

Ja. Und jetzt fehlt ein großes Loch. Das wars. Du bist frei, von mir und von dieser Wohnung. Viel Glück am neuen Ort. Und vergiss nicht deine Mutter hat eine leichte Hand, besonders an den Regalen.

Er legte auf.

Am Abend hatte sich Margarete Arndt eingelebt.

Liselotte, wir dachten, wir könnten im Schlafzimmer schlafen? Und du im Wohnzimmer?

Nein.

Du bist allein, wir drei.

Genau. Drei gegen einen das war mein ganzes Leben lang der Traum. Aber nein.

Du bist zu egoistisch, sagte die Schwiegermutter. Eine Frau muss weich sein.

Und ein Mann muss ein Zimmer mieten, wenn er erwachsen ist. Oder einen Frauen mit Wohnung heiraten, wie mein Mann.

Du hast dich aufgegessen, schnappte Margarete. In deinem Alter lebt keiner allein.

Und ihr lebt im Alter auf Kosten anderer. Lustig, nicht?

Am nächsten Montag fuhr Liselotte zur Arbeit mit dem einzigen Gedanken, die ganze Truppe zu vertreiben, bevor es zu spät wird.

Im Eingangsbereich stoppte sie eine Aufseherin, Nina Bauer.

Liselotte, ein junger Mann kam zu dir. Er sagte, er sei vom Wohnungsamt. Er wollte deine Nummer. Ich habe sie nicht gegeben.

Vom welchem Amt?

Keine Ahnung. Er war aber gutaussehend und trug einen Rucksack. Und im Rucksack ein Plastikkommod! Stell dir das vor.

Elisabeth verstand zunächst nicht, dann dämmerte es ihr: Das Kommod.

PlastikKommod. Margarete Arndt. Das war ein Zeichen.

Noch am selben Abend klopfte sie an die Tür ihrer Nachbarin unten, Ursula, die immer unzufrieden nörgelte.

Ursula, ich bitte dich: Wenn du Schreie, Lärm oder den Duft von Borschtsch hörst, ruf die Polizei. Ich habe eine Invasion.

Invasion?

Verwandte meines ExEhemanns. Sie wollen hier einziehen.

Mist, nickte die alte Frau. Ich helfe dir.

Am nächsten Morgen rief Liselotte die Polizei.

Ein Polizist kam, ein Leutnant, der eher wie ein müder Hausmeister wirkte.

Guten Tag, ich habe eine Anzeige, dass Sie illegal in der Wohnung wohnen.

Wie kommt das? kreischte die Schwiegermutter.

Sind Sie Eigentümer? fragte er, während er die Unterlagen durchblätterte.

Nein aber das ist meine Schwiegertochter!

Schon geschieden, sagte Liselotte. Hier die Papiere.

Margarete Arndt wurde blass. Paul duckte sich ins Bad. Paul Petersen hustete. Der Leutnant nickte.

Sie haben eine Stunde, um auszuziehen, oder wir vermerken das als Hausbesetzung.

Nach anderthalb Stunden verließen sie schweigend das Haus, ohne Abschied.

Margarete warf zum Abschied:

Du wirst noch merken, wie einsam es wird.

Liselotte schloss die Tür, setzte sich auf den Boden und lachte.

Einsamkeit bedeutet, mit Leuten zu leben, die dich nicht hören. Jetzt war Stille, und der Wasserkocher sprang nur, wenn sie es wollte.

Sie stand auf, ging ins Schlafzimmer und bemerkte im Eck ein kleines, plastisches KinderKommod mit einem Zettel:

Damit du dich erinnerst: Wir kommen zurück. In Liebe, M.A.

Eine Woche später stand die Wohnung sauber wie ein Operationssaal nach einer Desinfektion. Liselotte schloss die Tür mit innerer Befriedigung ab. Am Abend trank sie Tee in völliger Ruhe, ohne Paul auf dem Sofa und ohne den Geruch von gekochten Innereien.

Manchmal lauschte sie dem Treppenhaus, besonders samstags, wenn Nachbarn tuschelten, dass Margarete bei einer Cousine in Birkenau eingezogen sei, dort mit einem Balkon ohne Verglasung und einer Katze, die wütend starrte.

Das Kommod hatte sie nicht weggeworfen. Sie stellte es ins Abstellzimmer, weil nun ja, es darf bleiben. Symbol.

Am Samstag, exakt um sieben Uhr abends, während Liselotte Gläser spülte, um Ordnung zu halten, klopfte es erneut.

Nur nicht sie, nicht die Gerichte, nicht ein neuer temporärer Verwandter dachte sie und ging zur Tür.

Dieter stand dort in neuen Jeans, ein Strauß Nelken in der Hand, als wäre er zur Beerdigung gekommen. Hinter ihm seine Mutter, in einem Mantel mit Pelzkragen, das Gesicht angespannt, als wäre sie von einem Psychiater abgeführt worden.

Und neben ihr eine Blondine, rundlich, mit langen WimperDoch als Dieter die Tür öffnete und die Nelken niederlegte, erkannte Liselotte, dass das wahre Erbe nicht das Haus, sondern ihre eigene unerschütterliche Freiheit war.

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Homy
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