Lukas öffnete die Wohnungstür mit seinem Schlüssel, trat in den Flur und rief: – Mama! – vom Türrahmen. – Wir haben Gäste! Und sie haben riesigen Hunger! In der Küche raschelte etwas und Geschirr klirrte. – Zieht eure Mäntel aus, – drängte er die Gäste. – Noch zehn Minuten! Sekunden später kam Lukas’ Mutter aus der Küche, sah die Fremden an und erstarrte vor Schreck! – Wer ist das, mein Sohn? – flüsterte sie.

Danke, Mama, sagte Lukas, stand vom Esstisch auf und streckte sich. Ich geh’ noch ein bisschen rausfahren. Keine Sorge, ich fahre vorsichtig und das Auto ist abends kaum noch zu haben.

Jetzt hast du ein Auto und hängst ständig dran. Es wird Zeit, dass du dich trennst und heiratest!, rief seine Mutter.

Mama, lass das, zog Lukas zu ihr und umarmte sie. Du weißt doch, wie sehr ich mir mein eigenes Fahrzeug geträumt habe. Ich cruise ein bisschen, clear den Kopf und denke an die Familie ehrlich.

Na gut. Du bist fast dreißig und spielst noch mit dem Spielzeugauto, strich die Mutter ihm liebevoll über das Haar. Hau dich jetzt in die Beine.

Lukas verließ das Treppenhaus, ging zu seinem Wagen und wischte die flauschigen Schneeflocken vom Frontglas. Rechts hatte er lange nicht mehr geparkt, sein Vater hatte ihm erlaubt, den alten Familienwagen zu benutzen. Das Fahrgefühl war ihm schon vertraut, doch das vollständige Glück, ein eigenes Auto zu besitzen, hatte er noch nicht ganz erlebt.

Er hatte lange dafür gespart, dann lange überlegt und jetzt fuhr er jeden Abend durch die Stadt, mancherorts sogar auf die Autobahn. Hielt er jemandem auf der Straße an, fuhr er mit, ohne Geld zu verlangen.

Er setzte sich ans Lenkrad, drehte den Schlüssel und genoss das tiefe Grollen des Motors. Dann stellte er das Radio auf und rollte langsam aus dem Hof.

Im Scheinwerferlicht glitzerten die Schneeflocken. Der Winter hatte dieses Jahr plötzlich zugeschlagen, und nur wenige Tage später lag ein dicker, weißer Teppich auf den Straßen.

Lukas fuhr ziellos durch die Gassen. Auf einer davon sah er eine Frau mit einem kleinen Kind.

Er drehte die Lautstärke des Radios runter, hielt an und ließ das Fenster zur Beifahrerseite leicht sinken.

Können Sie mich zur Bauarbeiterstraße fahren?, lugte die Frau neugierig herein.

Sie war jung und sympathisch.

Steigen Sie ein, nickte Lukas und zeigte auf den Beifahrersitz.

Wie viel kostet das? Wir kommen ja nicht allzu weit, fragte sie, lehnte sich ebenfalls ans Fenster.

Keine Sorge, von hübschen Mädchen nehme ich kein Geld, erwiderte er mit einem Augenzwinkern. Doch sah er, wie sie ängstlich vom Fenster zurückwich, und beruhigte sie schnell.

Fünf Euro passen? Dann los, lachte er.

Die junge Frau öffnete die Hintertür, ließ den fünfjährigen Sohn aussteigen und setzte sich dann selbst daneben. Lukas fuhr auf die Hauptstraße.

Wie viele Pferdestärken hat Ihr Auto?, fragte der kleine Junge von hinten.

Pferdestärken?, hakte Lukas verwirrt nach. Keine Ahnung

Wie bitte?, protestierte der energische Passagier.

Weißt du, ich habe das Auto gewählt, weil es hübsch aussieht und bequem ist. Die Motorleistung war für mich nicht das Wichtigste. Und du, verstehst du das?, sagte Lukas ernsthaft.

Verstehe, antwortete der Junge geschäftstüchtig.

Wie heißt du, kleiner Autokenner?, neckte Lukas.

Fritz. Und Sie?

Ach du meine Güte, ich bin Lukas. Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht die Hand schütteln. Lukas lachte, während er mit dem Jungen plauderte.

Genug, Fritz. Stör nicht den Onkel, sagte die Mutter.

Lass sie reden. Ihr Sohn ist ein feiner Kerl, schaute Lukas im Rückspiegel zur jungen Frau und merkte, wie sein Herz plötzlich warm wurde.

Die nächtliche Stadt leuchtete von Schaufensterlichtern und Straßenlaternen. Noch ein Monat bis Weihnachten, doch das Fest lag bereits in der Luft.

Halten Sie vor diesem Haus, bat die Frau vom Rücksitz.

Vielleicht doch direkt zur Einfahrt?, überlegte Lukas und blickte erneut in den Rückspiegel, doch die Frau sah zur Seite.

Lukas stoppte sein Fahrzeug vor dem langen, neunstöckigen Wohnblock.

Die Frau stieg aus, hielt die Tür fest und wartete auf ihren Sohn.

Fritz, beeil dich, drängte sie ihn.

Kommst du morgen zu mir?, fragte der Junge mit tränenerstickter Stimme.

Ich hol dich am Sonntag ab. Und Tränen? Spart euch, ich habs eilig, sagte die Mutter.

Fritz schälte sich mühsam aus dem Sitz, Lukas stieg aus dem Auto.

Hier, bitte, reichte die Frau ihm fünf Euro.

Lukas nahm das Geld, faltete es halb und steckte es in die Jackentasche.

Ich bewahre das als Talisman, sagte er ernst und reichte Fritz die Hand, der endlich aus dem Auto kam. Machs gut.

Machs gut, legte Fritz seine kleine, warme Hand in Lukas große Handfläche.

Genug, wir gehen. Oma wartet schon, zog die Mutter den Jungen hinter sich.

Ein paar Schritte weiter drehte Fritz sich um, und Lukas winkte ihm.

Aus einer parkenden Fläche kam ein Mann, küsste Fritz Mutter und streckte dem Jungen die Hand entgegen. Doch dieser wendete sich abrupt ab.

Mama hat ein Date, und der Kleine ist eifersüchtig. Und die Freundschaft zwischen ihm und dem Freund der Mutter klappt nicht, dachte Lukas und musste darüber schmunzeln.

Lukas setzte sich wieder ins Auto, drehte die Lautsprecher auf. Im Innenraum lag ein zarter Duft von Parfüm.

Er warf einen Blick in den Rückspiegel, als säße die junge Frau noch hinten doch da war niemand.

Er fuhr weiter, die Musik begann zu nerven, also wechselte er die Radiowelle.

Das Bild der jungen Frau blieb ihm im Kopf: gewöhnlich, sympathisch. Was hatte sie denn an ihm so gerührt?

Vor ein paar Jahren hatte er sich in eine ältere Frau verliebt, die bereits eine große Tochter hatte. Er hatte ihr einen Antrag gemacht und sie zu seiner Mutter vorgestellt.

Sie ist älter, hat ein Kind. Du bist jung und gut aussehend such dir nicht noch jemand Jüngeres, sonst bereust du es, hatte seine Mutter geredet, als die Beziehung zerbrach.

Seine Mutter hatte sich Sorgen gemacht, dass sie das Glück ihres Sohnes zerstört hatte. Lukas hatte nie wirklich eine Beziehung, die sein Herz berührte, bis auf diese Frau. Sie heiratete jedoch wieder ihren früheren Mann, und das ließ ihn zurück.

Jetzt fuhr er oft an dem Haus vorbei, zu dem er Fritz mit seiner Mutter gebracht hatte. Er fuhr die Straße hin und her, die er damals für sie ausgewählt hatte, und dachte an die zufällige Mitfahrerin und ihren Sohn. Er kannte die Hausnummer, könnte im Innenhof nachfragen, wer dort wohnt vielleicht wüsste jemand, wo die Großmutter von Fritz lebt.

Er stellte sich vor, was er ihr sagen würde, wenn er sie besuchte. Vielleicht hätte der Mann, der vor dem Haus wartete, inzwischen ein gutes Verhältnis zu ihr.

Er fuhr durch die Stadt, sah die junge Frau, hoffte auf ein glückliches Wiedersehen

Die Vorweihnachtszeit war in vollem Gange. Die Mutter drehte morgens in der Küche, die Fenster zeigten einen prächtigen Weihnachtsbaum.

Lukas schlief aus, half seiner Mutter beim Salatschneiden, holte aus dem Schrank das festliche Geschirr. Als es dunkel wurde, fühlte er sich wie von einer unsichtbaren Hand nach draußen gerissen.

Mama, der Schnee fällt, das ist ja wie im Märchen. Ich fahre noch ein Stück, sonst schlafe ich ein und verpasse das Abendessen.

Wohin willst du?, erschrak die Mutter. Noch drei Stunden bis zum Fest

Kurz, ich schaffe das. Keine Sorge, sagte er und zog sich warm an.

Der Wagen war von weichem Schnee bedeckt. Lukas stieg in die gekühlte Kabine, schaltete die Heizung ein. Die Stadt war still, die Straßen leer, nur ein paar Nachtschwärmer hasteten zum Festmahl.

In den Fenstern leuchteten Lichter, Menschen machten letzte Vorbereitungen für die Silvesternacht.

Am Straßenrand stand ein großer, etwas zerzauster Mann im abgewetzten Mantel. Lukas hielt an, der Mann setzte sich, etwas protzig, auf den Rücksitz.

In seiner Tasche klirrte etwas. Als er ausstieg, drückte er Lukas zweihundert Euro zu die Fahrt war kurz, aber das Glück war groß.

Zur Weihnachtszeit wird jeder plötzlich großzügig, grinste Lukas, nahm das Geld trotzdem an.

Kurz darauf fuhr er noch eine weitere Gruppe. Sie stritten die ganze Strecke, aber Lukas lehnte ihr Geld dankend ab.

Erfreut, fast ungläubig, dankten sie ihm lange und verließen das Auto fröhlich, um zu Besuch zu gehen.

Später fuhr er die ruhige Gasse hin, wo er zuvor Fritz und seine Mutter abgesetzt hatte. Er betrachtete die Fenster und dachte, dass hinter einem von ihnen die Familie an einem Tisch sitzt und jemand anderes

Er fuhr die gewohnte Route zur Wohnung von Fritz Großmutter.

Plötzlich sah er sie! Sie gingen ihm den Bürgersteig hinauf.

Er erkannte sie am beigen Mantel und der gestrickten weißen Mütze mit Bommel.

Daneben trottete der traurige Fritz. Sein Herz schlug freudig.

Lukas bremste, stieg aus. Auch die beiden hielten an und sahen ihn misstrauisch an.

Erkennen Sie mich nicht?, dachte er.

Setzen Sie sich, ich bringe Sie, wohin Sie wollen. Heute gilt ein festlicher Sondertarif kostenlos, sagte er.

Sie gingen zum Auto, Lukas streckte dem Jungen die Hand entgegen.

Hallo, Fritz.

Der Junge sah erst zu seiner Mutter, dann legte er seine kleine Hand in Lukas ausgestreckte Handfläche.

Hast du deine Handschuhe zu Hause vergessen? Setz dich schnell rein.

Fritz und seine Mutter nahmen die Rückbank ein.

Erkennen Sie mich nicht? Ich brachte Sie doch vor einem Monat hierher, sagte Lukas, während er im Rückspiegel die Frau ansah.

Ihre Augen waren rot vor Tränen.

Wohin wollen Sie denn? fragte er.

Zum Bahnhof, sagte die Mutter.

Fritz schwieg, saß still.

Noch weniger als eine Stunde bis Neujahr. Jetzt fahren Sie nirgends hin. Und warum? Ich weiß nicht, was passiert ist, aber an so einem Abend darf man nicht weinen. Oder, Fritz?, richtete sich Lukas an den Jungen.

Wir wollten zur Oma zum Fest, dann stritten wir uns, flüsterte er.

Fritz!, rief die Mutter.

Macht nichts. Weißt du was? Wir fahren nicht zum Bahnhof. Warte!, rief Lukas, hielt die Mutter zurück, die schon die Tür öffnen wollte. Denk an den Jungen. Er friert. Lass ihn nicht ohne Fest verkommen.

Was geht dich das an? Bring uns zum Bahnhof, wiederholte sie.

Meine Mutter hat so viel gekocht, dass man davon ein ganzes Dorf veressen könnte. Alles ist lecker, glaub mir, ich habe probiert. Wir fahren zu mir, feiern hier. Also, Fritz?

Ja!, jubelte Fritz. Mama, fahren wir?

Einverstanden. Wohin geht die nächtliche Fahrt? Meine Mutter würde sich freuen. Alle Tränen und Groll sollen wir dieses Jahr abschütteln und das neue Jahr mit einem Lächeln beginnen.

Lukas drehte das Radio wieder auf.

Das ist Schicksal. Und was noch? Das Lied bleibt dasselbe. Und man sagt, Wunder gibts nicht, dachte er.

Er hielt das Auto vor dem Haus.

Okay, schnell aussteigen, wir haben wenig Zeit, sagte er.

Wow!, rief Fritz und rannte los zur Einfahrt.

Lukas öffnete die Wohnungstür mit seinem Schlüssel und ging den Flur hinunter.

Mama!, rief er von der Türschwelle. Wir haben Gäste! Und sie wollen unbedingt essen!

Ein Rascheln und das Klirren von Geschirr kam aus der Küche.

Zieh deine Jacke aus, drängte er die Besucher. Zehn Minuten bleiben!

Kurz darauf kam Lukas eigene Mutter aus der Küche. Sie starrte die Fremden an und blieb wie versteinert stehen.

Wer ist das, mein Sohn?, murmelte sie nur.

Lukas lächelte verschmitzt.

Das ist meine Mutter, Antonia Maria, sagte er. Und das hier, Mama, das ist Fritz und, blickte er zur jungen Frau, die ohne Mantel und Mütze stand, zierlich, jung und ganz reizend.

Heike, flüsterte sie unbeholfen.

Mama, lad Fritz und Heike zum Tisch ein, rief Lukas fröhlich und führte die Gäste ins Wohnzimmer.

Als alle am festlichen Tisch Platz genommen hatten, drehte Lukas die Lautstärke des Fernsehers hoch.

Ich habe aus Gewohnheit noch einen Teller extra auf den Tisch gestellt, sagte Antonia mit Tränen in den Augen. Ich kann nicht glauben, dass dein Vater nicht mehr da ist

Mama, bist du auch hier? Warum weint ihr alle? Lasst uns doch endlich diese Köstlichkeiten probieren!

Lukas öffnete eine Flasche Sekt, goss aus und stand vom Tisch auf. Alle, sogar Fritz, hoben ein funkelndes Kristallglas mit Saft.

Prosit Neujahr!, rief er feierlich.

Auf neue Freundschaften!, piepste Fritz mit dünner Stimme, und alle lachten.

In der Silvesternacht saßen vier Menschen, von einem unsichtbaren Schicksal zusammengeführt, an einem Tisch. Keiner von ihnen wusste noch, dass ihre Wege von nun an für immer verflochten sein würden.

Und jeder bekam, was er sich im Stillen gewünscht hatte.

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Homy
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Lukas öffnete die Wohnungstür mit seinem Schlüssel, trat in den Flur und rief: – Mama! – vom Türrahmen. – Wir haben Gäste! Und sie haben riesigen Hunger! In der Küche raschelte etwas und Geschirr klirrte. – Zieht eure Mäntel aus, – drängte er die Gäste. – Noch zehn Minuten! Sekunden später kam Lukas’ Mutter aus der Küche, sah die Fremden an und erstarrte vor Schreck! – Wer ist das, mein Sohn? – flüsterte sie.
Das belegte Brötchen fiel nicht einfach herunter – es wurde mit solcher Wucht vom Tresen geschleudert, dass es sich drehend auf den schmutzigen Boden landete, der laute Knall durchschnitt das Donnern des Unwetters, während draußen der Regen auf das Tankstellendach prasselte