Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ein rostfarbener Kater, den ich später Möps nannte, unablässig den Bahnsteig des Hamburger Hauptbahnhofs durchstreifte. Er stoppte stets vor Reisenden, bohrte sich mit neugierigen Blicken in ihre Augen, als wolle er den einen Menschen ausfindig machen, auf den er seit langem wartete. Sobald er merkte, dass er sich geirrt hatte, fauchte er leise, zog sich geknickt zurück und schritt davon, als wäre er beleidigt.
Einige Tage lang beobachtete mich dieser verwilderte Geselle. Ich, ein hochnäsiger, grauhaariger Rentner namens Friedrich Schneider, kehrte nach Dienstreisen stets mit dem Fernverkehr zurück. Beim Einsteigen fiel mir der flauschige Wanderer sofort ins Auge er wirkte keineswegs verspielt, in seinen Augen lag eine tiefe Sehnsucht.
Möps ließ mich nur ein paar Schritte nahkommen, blickte mir direkt ins Gesicht, als wolle er etwas fragen, und wandte sich dann wieder ab, misstrauisch gegenüber allem. Doch der Hunger kennt keine Vorsicht. Nach fünf Tagen, als der Kater erschöpft und knurrend um Nahrung flehte, kniete ich mich hin, bot ihm einen Klecks saure Sahne und ein kleines Stück Milchzopf. Zittrig aß er, ohne den Blick vom meinem abzuwenden.
Einige Tage später war Möps ein wenig zu Kräften gekommen, und ich beschloss, ihn nach Hause zu bringen. Kaum hatte ich das Türchen geöffnet, sprang er zurück auf den Bahnsteig, als fürchte er sich, den falschen Weg zu gehen. Wieder schlängelte er sich entlang der Gleise, miaute und starrte in die Gesichter vorbeiziehender Passagiere, als sähen die Fenster seiner Erinnerung.
Da beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich wandte mich an einen mir bekannten Bahnmitarbeiter, setzte mich dann mit einem Bier, einer Portion Brezeln und einem Stück Kartoffelknödel in die kleine Kantine. Gemeinsam sahen wir uns die Aufnahmen der Überwachungskameras an. Wir fanden den Moment, in dem ein junger Mann, ein Reisender, den Zug bestieg und Möps stürzte gerade vor der Abfahrt vom Waggon. Das Foto druckten wir aus und stellten es im Netz ein, doch zunächst blieb die Resonanz aus.
Schließlich nahm ich unbezahlten Urlaub eine ganze Woche und folgte der Route des Zuges, stets Möps im Tragetaschenkäfig bei mir. Anfangs jaulte der Kater laut, während er versuchte, auszubrechen. Doch die Mitreisenden im Abteil, die von der Geschichte hörten, boten ihm Brot, Würstchen und etwas Käse an. Nach und nach beruhigte sich Möps; er begriff, niemand wolle ihm Schaden zufügen, und der Bahnhof, zu dem sein vermeintlicher Besitzer zurückkehren sollte, lag längst hinter uns.
Eines Morgens ließ Möps den Käfig frei, kletterte zu mir und legte seinen Kopf auf mein Knie, als wäre ich sein einziger Halt. An jeder Haltestelle klebten wir Plakate mit der Bitte um Hilfe bei der Suche. Es war ein mühseliges Unterfangen die Zeit verstrich schneller, als wir erwartet hatten.
Die erste Woche verging, dann die zweite, das Geld schwand, doch ich fuhr weiter. Ein Aufgeben bedeutete, den vertrauensvollen Blick des Katers zu verlieren. Eines Abends, als ich die sozialen Medien durchscrollte, blieb ich stehen: Hunderte von Menschen verfolgten Möps Schicksal, schickten Geld, Lebensmittel, Decken und ermutigende Worte.
Auf den Bahnsteigen erschienen plötzlich Helfer, die mich erkannten, mir Packungen, Futter und Kleidung reichten. Manch einer stand schweigend da, bis ich weiterzog, und flüsterte: Halten Sie durch. Ich war es nicht gewohnt, Hilfe anzunehmen mein ganzes Leben war ich ein Einzelgänger, doch plötzlich schien die ganze Nation den kleinen Kater zu lieben, als wäre er unser aller Symbol.
Die Mitreisenden im Abteil streichelten Möps, er wurde zum erfahrenen Fahrgast. Er legte den Kopf auf meine rechte Wade, ließ die Krallen ausfahren und klammerte sich an meine Hose, damit er nicht vom Ruck der Bahn fiel. Ich zog die Krallen nur ein wenig zurück, um den Schmerz zu lindern.
Abends stiegen wir in den letzten Waggon, traten ins offene Speisewagen-Deck und standen dort, während ich den Kater mit beiden Händen umschloss, um ihn vor dem Ausrutschen zu bewahren, und ihm den Sonnenuntergang über den Schienen zeigte. Das Rattern der Räder, der Wind, die endlose Gleisstrecke das wurde unser gemeinsames Leben.
Alles gut?, flüsterte ich leise. Möps erwiderte mit einem kurzen, zufriedenen Mrr.
Plötzlich ertönte eine Benachrichtigung. Eine Blogleserin, die meine Berichte über die Reise verfolgte, hatte den Besitzer gefunden. Sie schrieb, dass in der großen Stadt Köln, am Dombahnhof, genau der Mann aus dem Foto warten würde.
Ein seltsames Ziehen erfasste mich, nicht Freude, sondern Leere. Die Mitreisenden jubelten, als wäre es ihr eigener Kater, feierten, aßen, tranken und lachten.
Nur ich saß still, strich Möps rötliches Fell, hörte sein Schnurren und flüsterte leise etwas Eigenes. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich: Nach all den Jahren der Suche nach einem Herrn erkannte ich, dass ich selbst sein Zuhause geworden war.
Der Zug rollte in die Metropole Köln ein. Ich hielt den Kater fest, suchte den richtigen Saal, der voll von Journalisten und Fotografen war. Eine Art Veranstaltung, dachte ich.
Plötzlich rief jemand: Möps! Möps! Ein kurzer, nicht besonders großer Mann mit rundem Bauch kam auf uns zu. Möps zuckte zusammen, doch dann sprang er höher, direkt auf meine Brust, kaute sich mit den Pfoten an meinem Hals fest. Die Frau lächelte, streichelte seinen Rücken:
Er hat mich nie geliebt, sagte sie leise. Aber machen Sie sich keine Sorgen, nickte sie zu den Kameras, das geht nicht um uns, sondern um Sie.
Ich war überrascht, dann verwirrt.
Ich habe meinen Mann an eine andere Stadt geschickt, um Geschichten zu erzählen, erklärte die Frau. Wir haben erkannt, dass wir kein Recht haben, ihn von Ihnen zu fordern. Auch wenn er einst unser war, ist das jetzt nicht mehr so.
Sie reichte mir einen dicken Umschlag.
Hier sind Rückfahrkarten, Geld und ein bisschen was, das die Kolleginnen gesammelt haben. Bitte streiten Sie nicht. Wenn ich ohne Video zurückkomme, wird mich mein Chef auffressen.
Sie steckte den Umschlag in die Innentasche meines alten Sakko, gab mir einen großen Beutel voller Brötchen und Leckereien.
Kommen wir, ich begleite Sie zum Zug. Der Abschied ist bald, sagte sie und führte mich durch die Menschenmenge. Sie filmte alles mit dem Handy, um es später zu zeigen.
Als wir im Wagen saßen, streichelte sie Möps noch einmal, küsste mich auf die Wange und ging.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Kurz darauf kam ihr Mann, wischte sich den Make-up von der Stirn und sagte: Alles erledigt, sie werden uns noch lange warten lassen. Sie flüsterte: Entschuldige unser Täuschungsmanöver, Gott, für die Lüge. Dann küsste sie ihren Mann. Andernfalls würde er ewig durch das Land fahren, bis er alt wird mit dem Kater. Wir haben sein Leiden beendet.
Lüge aus Güte, nickte ihr Mann. Lass sie nach Hause fahren. Das ist richtig.
Ich wollte den Besitzer finden, sagte sie, doch wenn ich ihn nicht fand, wird ihn niemand finden. Er umarmte sie.
Du hast das Richtige getan. Sie fuhren gemeinsam nach Hause, ein stilles Versprechen im Herzen.
Sie verschwanden in der Menschenflut, wie Wasser im Lärm des Flusses.
Im Wagen hörte man wieder das rhythmische Rattern der Räder. Die Reisenden kannten den neuen Namen: ein grauer, hochgewachsener Mann und sein roter Kater, den sie nun Möps nannten.
Möps, das ist dein Name, sagte ich. Möps blickte mich überrascht an, doch es schien, als würde er zustimmen: Der Name war jetzt egal, wichtig war, wer an meiner Seite war.
Er legte seinen großen, roten Kopf auf meine Wade, kratzte leicht in meine Jeans, und schlief friedlich ein, wissend, dass ihn niemand mehr allein lassen würde.
Der Wagen rumpelte, die Menschen jubelten. Jede Rolle war erfüllt: Der Kater fand einen Menschen, der ihn nie verließ, und der Mensch fand ein Zuhause, das er nie gesucht hatte.
Bitte richtet euch nicht zu hart gegen die Frau. Manchmal ist eine Lüge das einzige Mittel, um das Richtige zu tun.
So denke ich zurück, mit einem Lächeln auf den Lippen, an jene lange Reise, die uns beide zusammenführte.




