Taschen

Taschen

Mama, nicht schon wieder deine Taschen! Und warum redest du dauernd vom Testament? Wozu brauchst du das jetzt? Du bist doch noch gar nicht so weit! Julia starrt ihre Mutter erbost an und deutet mit dem Finger zur Zimmerdecke. Da oben hast du noch nichts zu suchen! Hier wirst du gebraucht!

Sie ignoriert das Beharren ihrer Mutter, Elisabeth, schüttelt den Kopf und knetet weiter den Teig. Der Küchentisch wackelt unter ihren kräftigen Händen, während die beiden Katzen, Max und Liese, erschrocken von der Küche auf die Terrasse flüchten. Sie spüren: Die Chefin ist schlecht gelaunt.

Doch, Julchen! Ich will das so. Dinge gehören geregelt! Elisabeth schaut den katzen hinterher und wendet sich wieder den Äpfeln zu. Das Küchenmesser gleitet durch das makellose Obst, das so duftet, als hätte es allen Glanz des herbstlichen Gartens in sich aufgesogen. Der Garten, der um das alte Landhaus von Julia schillert, ist bereits bunt.

Das Haus ist ein Erbstück vom Großvater. Geräumig, alt, mit knarrenden Dielen nachts scheint es, als würde das Fachwerkhaus selbst seufzen. Geheimnisse flüstern durch graue, steile Ecken, von denen viele selbst den neuen Besitzern unbekannt bleiben.

Als Kind hat Julia fast jede Sommerwoche hier verbracht, und immer wieder entdeckt sie beim Durchstreifen neue Winkel: eine kleine verborgene Tür auf dem Dachboden, eine halbverfallene Bank hinter üppigen Rosensträuchern. Das Haus wirkt, als lebe es ganz für sich, unabhängig von den Streitereien und den Familien, die unter seinem Dach wechselten, seit es Anfang des 20. Jahrhunderts vom Urgroßvater einem bekannten Schriftsteller erbaut wurde. Damals lebte hier eine große Sippe: Onkel, Tanten, Nichten, Cousinen keiner konnte genau sagen, wer wie eigentlich verwandt war. Aber irgendwie fühlte sich jeder zugehörig, solange der Urgroßvater lebte.

Nach seinem Tod änderte sich alles schlagartig. Die dritte Frau des Schriftstellers, die viel für ihn empfand, aber nicht immer verstand, wies nach einem heftigen Streit außer ihrer Mutter und den Söhnen alle Verwandten aus dem Haus. Sie habe genug von dieser WG, erklärte sie eisig das Entsetzen bei der Familie war groß.

Leonie, wie kannst du nur? Vati hätte nie

Vati ist nicht mehr da! schnitt Leonie das Gespräch ab. Nun bin ich hier die Chefin!

Die restlichen Verwandten zogen still ab. Das Haus schien alt zu werden, es ächzte und seufzte, schien nachts den Schlaflosen mit seinen Geräuschen Angst zu machen. Kein Lachen mehr in den langen Dielen. Keine Kaffee-Runden auf der großen Veranda, keine herzlichen Worte für jeden, der die Tür öffnete. Der Mittelpunkt, der alle zusammenhielt, fehlte, und nichts war mehr, wie es war.

Leonie selbst blieb nicht lange Herrin des Hauses. Zuerst entzweite sie sich mit ihrer Mutter, dann stritt sie den ältesten Sohn aus dem Haus. Der Jüngere, für den es kein Entrinnen gab, blieb einsam zurück. Er liebt das Wasser und stirbt schließlich, von einem Motorboot auf dem nahegelegenen See erfasst. Leonie, längst im Streit mit ihrem Schattenkind, erfährt es erst Tage später. Die abgewiesenen Tanten und Onkel hatten schon längst für alles gesorgt.

Mit einem halblauten Dankeschön huschte Leonie bei der Trauerfeier herum, nahm nichts zu essen und trank zu viel, jammerte über die ganze Welt, nur nicht über sich selbst.

Du musst wieder bei mir wohnen! forderte sie ihren älteren Sohn, Matthias, auf.

Nein, Mama. Ich habe meine eigene Familie. Meine Frau erwartet unser Kind. Deshalb ist sie nicht mitgekommen.

Familie?! Ich bin deine Familie! Hast du das vergessen?! Ich habe einen Sohn verloren!

Und ich meinen Bruder! antwortet Matthias trocken. Und hör auf zu schreien, das bringt ihn auch nicht zurück.

Leonie heult hemmungslos, sucht Halt bei ihrer Mutter. Aber auch die wendet sich ab.

Du hast doch selbst alle vertrieben, Leonie! Und jetzt jagst du auch deinen Ältesten noch fort. Weißt du, dass du Oma wirst? Das ist dir noch gar nicht klar!

Welches Enkelkind?! Ich habe deine Frau nie gesehen und weiß überhaupt nicht, was das für eine Person ist! Vielleicht ist sie gar nicht von dir schwanger!

Hör auf, Leonie! Ich weiß, du bist traurig, aber das gibt dir kein Recht, so zu reden. Ich will das nicht mehr hören!

Dann geht doch! Ihr habt mich alle verlassen! Obwohl ich immer alles für euch getan habe!

Was denn, alles? Die Stimme der Mutter ist düster und warm vor Schmerz, so dass selbst Leonie kurz inne hält. Überleg doch mal, wen du verlassen hast. Vielleicht findest du jemanden wieder, wenn du dich erinnerst. Ich habe dich zu sehr verhätschelt. Nach Papas Tod warst du erst drei, und ich dachte zu streng darf ich nicht sein, damit du es leichter hast. Aber ich habe dir damit geschadet.

Ach, komm! Und wenn du gemeckert hättest, dann wäre ich ein besserer Mensch? Unsinn! Mir fehlt nichts und hat nie gefehlt! Und mit Matthias rede ich noch!

Tu das nicht! schärft die Mutter, auf einmal ganz fest. Lass ihn. Sonst verlierst du ihn ganz und gar!

Mir egal! Ich bin eh schon allein! Leonie bricht schluchzend zusammen.

Und wen liebst du?

Die Frage fängt Leonie unvorbereitet. Während sie über die Antwort nachdenkt, dreht sich die Mutter um und geht. Leonie grübelt bis zum Ende der Trauerfeier, findet aber keine rettenden Worte.

Matthias versucht beim Abschied noch ein letztes Mal, Kontakt zu knüpfen. Vergeblich.

Du wirst schon sehen, dass ich Recht hatte!

Womit, Mama? Warum bist du so verbittert?

Weißt du was? Hau ab! Und komm mir nie wieder unter die Augen! schreit Leonie und erschreckt sich selbst, so hysterisch war sie nie.

Das Taxi-Tür knallt, mit einem letzten müden Blick auf das alte Landhaus fährt Matthias zurück nach Hamburg. Nach Versöhnung mit der Mutter sieht es nicht aus. Wenige Wochen später, nach einer langen Nacht mit Schnaps, geht Leonie im Morgengrauen raus und wird von einem Auto erfasst. Während Matthias und die Großmutter aus München anreisen, tauchen plötzlich wieder sämtliche entfernt Verwandte auf sie organisieren die Beisetzung neben ihrem Mann und bedauern sie aufrichtig. Dass sie den ersten Enkel nie gesehen hat, merkt fast niemand.

Dieser Enkel Sebastian sieht seiner verstorbenen Großmutter auffallend ähnlich. Trotz aller Strenge versuchen seine Eltern, ihm Liebe und Verantwortung nahezubringen, doch es gelingt nur bedingt.

Sofort nach der Hochzeit trennt Sebastian sich von seiner ersten Frau, wirft ihr Untreue vor, ohne Grund. In Elisabeth entdeckt er dann die große Liebe, doch auch hier dauert das Glück nicht lange. Nach fünf Jahren wird ihre Tochter geboren: Julia. Das Mädchen hat dunkle Augen, schwarze Haare vollkommen anders als der blaue, hellhaarige Vater.

Wie kann das sein, Elisabeth?! Wie konnte aus mir so ein dunkles Kind werden?! Erklär das bitte! fordert er seine Frau unter Tränen.

Kein Argument, Fotos aus Kindertagen oder Ähnlichkeit mit Julias Großmutter können seine Zweifel zerstreuen.

Ihr wollt mich nur mit Elisabeth verkuppeln! brüllt Sebastian verzweifelt auf der Veranda des alten Hauses. Das lasse ich nicht zu! Sie muss gehen!

Das reicht jetzt! Matthias, der lang genug dem Theaterspiel zusieht, zieht die Reißleine. Julia bleibt hier, so lange Elisabeth das will. Lissi, geh rein! Du sollst dich nicht aufregen! Du, mein Junge, pack lieber und fahr wieder nach Hamburg.

Ich wohne, wo ich will! bockt Sebastian.

Oh nein! Das Haus steht auf meinen Namen, ich bestimme. Denk nach, Sebastian, sonst stehst du eines Tages wirklich ganz allein.

Besser allein als betrogen! Sebastian knallt die Tür und ist weg.

Elisabeth bleibt. Mit ihrer Tochter bleibt das alte Landhaus ein geborgener Ort; hier liegt Julias frühe Kindheit voller Geborgenheit, Großmutters Märchen und Opas Angelausflügen im Apfelgarten. Der Vater fehlt, aber Julia hat ihn nie erlebt, deswegen weiß sie auch nicht, weshalb sie ihn vermissen sollte.

Ein Jahr später zieht Elisabeth mit ihrer Tochter und ihrem zweiten Mann nach Dresden, wo dieser eine Arbeitsstelle angenommen hat. Der Kontakt zu Großmutter und Großvater hält, bis der Stiefvater stirbt und Elisabeth wieder nach Deutschland, zurück nach Berlin, zieht. Die ehemaligen Schwiegereltern sind alt, Sebastian sucht immer noch sein Lebensglück vergeblich, stürzt sich immer neu in Beziehungen, aber bleibt allein.

Elisabeth renoviert mit Tatkraft das alte Landhaus und zieht die Schwiegereltern ein.

Hier ist es gesünder, die Luft, die Ruhe, frisch und modern.

Lissi, du hast deine Wohnung verkauft! Hast du alles ausgegeben? fragt Matthias, als er durch die frisch restaurierten Zimmer spaziert.

Nein, keine Sorge. Mein Mann hat gut verdient, wir kommen klar. Und ich arbeite ja auch dazu spreche ich inzwischen auch Chinesisch, die Aufträge laufen. Wenn wir hier angekommen sind, will ich für Julia eine Eigentumswohnung kaufen.

Gütiger Himmel, was für ein Glück! Großmutter umarmt Julia. Unsere Familie ist wieder beisammen!

Nur eines trübt das Glück: Sebastian, der, wenn er seine Eltern besucht, jeden Kontakt zur Tochter ablehnt. Alle Bitten der Mutter bleiben wirkungslos.

Julia wird älter, macht ihr Abitur, heiratet. Großmutter steckt ihr den Brautschleier ins schwarze Haar, Opa führt sie durch den alten Garten zum Altar. Der Herbstgarten strahlt, Julia lacht, Elisabeth wischt verstohlen eine Träne fort, als Sebastian doch zur Hochzeit erscheint, überredet von seinen alten Eltern.

Ich werde alt! murmelte er entschuldigend.

Das werden wir alle, Sebastian, sagt Elisabeth schlicht.

Nach der Heirat verlässt Sebastian sofort die Feier, beginnt aber, hin und wieder im Haus aufzutauchen, wenn Julia mit ihrer Familie zu Besuch ist.

Weitere Jahre vergehen, Julia wird Mutter. Matthias erlebt noch die Urenkel, dann stirbt auch er.

Und wieder zeigt Sebastian seinen alten Sturkopf:

Das Haus gehört mir!

Aber Opa Matthias hat es Julia vererbt.

Egal! Ich fechte das Testament an!

Sebastian, was hast du denn davon?! Du bist grau, du hast niemanden, außer Julia! ruft Elisabeth verzweifelt. Alles, was du hast in welche Taschen willst du das stecken?! Denk an deine Enkel, statt dauernd Streit zu suchen!

Ich weiß nicht mal, ob sie wirklich meine Tochter ist!

Dann gehen wir vor Gericht! Oder besser: machen wir doch endlich den Test!

Sebastian schweigt, nickt langsam.

Natürlich bestätigt der Test die Vaterschaft. Kurz darauf erfährt Sebastian von seiner schweren Krankheit.

Es ist bald vorbei für mich, Lissi, gesteht er Elisabeth, während sie gemeinsam Gemüse für den Winter einkocht.

Elisabeth ist erschüttert, zerbricht ein Glas, die Urenkel beginnen auch zu weinen, verunsichert von der sonst so starken Großmutter, die den grantigen alten Mann umarmt.

Wieso sagst du das erst jetzt?

Sag ich doch. Aber hör auf zu weinen! Es reicht doch so schon!

Kann man nichts mehr tun?

Die Ärzte sagen nein.

Vielleicht irren sie sich. Wir schauen noch. Elisabeth zieht die Schürze ab, nimmt ihre Enkel in den Arm, schickt sie nach draußen.

Statt zweier Monate, wie die Ärzte es erwartet haben, lebt Sebastian fast noch ein Jahr. Im alten Haus findet er Ruhe und Zeit, nachzudenken. Elisabeth ist einfach da. Keine Bitterkeit mehr in ihrem Herzen.

Danke, Sebastian.

Wofür?

Wäre ich dir nicht begegnet, hätte ich vielleicht nie das echte Glück erlebt.

Ich habe dir so wehgetan

Und ohne das hätte ich meinen Mann nie getroffen

Du hast ihn geliebt?

Ja. Und er mich. Vielleicht sogar mehr. Und er war für Julia ein richtiger Vater.

Warum habt ihr kein Kind bekommen?

Ich habe es versucht, aber es ging nicht. Zwei Kinder verloren, dann Verbot der Ärzte. Ich dachte, er würde mich verlassen. Aber er sagte, wir haben doch unsere Tochter, das reicht.

Er war ein guter Mann

Der Beste.

Ich, na ja, nicht

Sind wir nicht alle keine Engel? Das Gute ist, dass du das jetzt wenigstens siehst.

Meinst du, Julia vergibt mir?

Sie hat dir schon längst vergeben.

Und du?

Auch.

Du warst immer ein bisschen verrückt

Du ein Dickkopf.

Wahrscheinlich.

Er stirbt an einem Spätsommertag, einschlafend im Schaukelstuhl auf der Veranda. Elisabeth ist kurz in der Küche, findet ihn mit einem friedlichen Lächeln. Sie ruft sofort Julia an, die ihre Mutter in Tränen findet.

Mama, warum weinst du?

Weil ich ihn doch mochte. Weil auch ein schwieriger Mensch jemanden verdient hat, der um ihn trauert.

Warum hast du Mitgefühl? Nach allem

Julia, lass gut sein. Er ist fort Und ich trauere nicht nur um ihn.

Sondern?

Um mein Leben. Um meine erste Liebe. Um die Menschen, die mir halfen. Um deine Großeltern. Ich vermisse sie sehr.

Ich auch

Dein Vater Auch sie mochten ihn, auch wenn er schwierig war. Sie wollten, dass es ihm gut geht

Er wusste das nicht.

Nein. Er dachte, Menschen sind einsame Wölfe. Aber Wölfe leben im Rudel. Hätte er das früher verstanden, wäre vielleicht alles anders gekommen. Doch nun ist es zu spät.

Taschen, nicht wahr, Mama? Julia umarmt sie.

Ja, Julia. Wo dein Vater jetzt ist, braucht er keine mehr

Das Testament bestimmt Julia als Erbin. Doch sie hält Rücksprache, als sie erfährt, dass ihr Vater noch einen weiteren Sohn hinterließ, nie anerkannt, von ihm und der ganzen Familie vergessen. Die Mutter des Jungen wollte nie etwas mit Julia zu tun haben, doch Julia findet ihren Bruder, als sie die Unterlagen sichtet.

Da waren Fotos. Und das hier

Sie legt einer Frau, die ihrer Mutter erstaunlich ähnlich sieht, alte Briefe ihres Vaters vor.

Sie haben ihm geschrieben, dass Sie ein Kind erwarten.

Er hat nie geantwortet.

Ich weiß. Und Sie gaben dem Jungen Ihren Nachnamen?

Ja.

Später sandten Sie ihm Fotos Sie hofften, er meldet sich?

Ja, es war naiv.

Im Gegenteil. Ohne die Briefe hätte ich nie von meinem Bruder erfahren.

Was wollen Sie?

Dass es gerecht zugeht. Mein Bruder hat auch ein Recht aufs Erbe.

Wirklich? Warum Ihnen das wichtig?

Weil es fair ist.

Und wieder atmet das alte Haus auf. Der Holzboden ächzt unter Kinderfüßen, das Treppengeländer summt, Gelächter flutet die Räume, und die Familie versammelt sich am großen Tisch auf der Veranda. Julias Mann bringt den alten Samowar vom Dachboden, blankgeputzt, dampfend zieht der Tee Wärme durch das Haus.

Mama, mehr Äpfel brauchst du nicht! ruft Julia und beobachtet die Kinder im Garten. Willst du wirklich zwei Kuchen backen?

Einen für die Kinder, einen für uns. Jetzt haben wir genug Leute, Julchen!

Das stimmt. Wie schön!

Das Testament

Bitte, Mama, nicht heute! Julia reckt sich, öffnet die Terrassentür und atmet die herbe, rauchige Herbstluft. Alles zu seiner Zeit! Wir sind gesund, zusammen Was braucht es mehr? Das ist jetzt wichtig. Zumindest heute, okay?

Ja Elisabeth nickt, hält die Tochter fest und lauscht.

Das alte Haus knarzt zustimmend mit der Treppe, die Gäste kommen durch das Gartentor, der Wind rauscht, und das Glück zieht in die Räume ein.

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Homy
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