Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Schicksal meiner Freundin Inge und ihrer kleinen Tochter Liselotte ein ungewöhnliches Stück meiner eigenen Geschichte wurde.
Vor vielen Jahren hatten wir uns alle für einen kurzen Urlaub an die spanische Mittelmeerküste, nach Mallorca, entschlossen. Dort, zwischen Sonne und Palmen, wurde Liselotte geboren ein zartes, hellhäutiges Mädchen mit dunklen, funkelnden Augen.
Inge arbeitete Vollzeit, während Liselotte noch ein Baby war, doch am Abend suchte Inge immer wieder nach einem kleinen Ausgleich vom Alltag. Manchmal brachte sie ein Bekannter nach Hause; meine Mutter bemerkte das, mischte sich jedoch nie in Inges Angelegenheiten.
Als Liselotte fünf Jahre alt war, verkündete Inge plötzlich, dass sie zu einem Mann ziehen wolle, von dem Liselotte noch nichts wusste. Sie bat mich, dass meine Tochter bei mir leben dürfte. So musste ich meine Arbeit reduzieren, auf ein spärliches Grundeinkommen von 400Euro im Monat umsteigen. Inge half gelegentlich mit ein wenig Geld, das sie auf meine ECKarte übertrug.
Liselotte sehnte sich nach ihrer Mutter. Oft stand sie am Fenster, lauschte jedem Geräusch im Treppenhaus und zuckte zusammen, sobald etwas vorbeiging. Inge tauchte immer seltener auf, schickte nur noch Geldüberweisungen.
Eines Tages beschloss sie, ihre Tochter zu besuchen. Sie kaufte ein paar Geschenke, Süßigkeiten und kam am späten Nachmittag, gerade als Liselotte nach dem Bad im Schlafanzug vor dem Fernseher saß und die Sendung Gute Nacht, kleine Freunde schaute.
Als Liselotte die Stimme ihrer Mutter hörte, sprang sie von der Couch, lief zu Inge und umarmte sie fest:
Mami, ich hab dich sooo vermisst! Ich lieb dich!
Inge, die ein wenig wankte, flüsterte: Liselotte, bitte lass mich los, mein Rücken tut weh. Ich hab dich auch lieb.
Doch das Kind hielt sich so fest, dass Inge kaum die kleinen Hände lösen konnte. Schließlich umklammerte Liselotte die Beine ihrer Mutter:
Gehst du nicht mehr? Du lässt mich nie wieder los? Wir bleiben jetzt für immer zusammen?
Inge versuchte, beruhigend zu sagen: Hab noch etwas Geduld, meine Kleine, bald holt dich Mama ab. Jetzt muss ich aber los.
Ich stand in der Küche, Tränen liefen in Strömen, während Inge hastig einen Verband aus der Hausapotheke holte. Sie verabschiedete sich mit einem lauten Türknallen. Liselotte saß am Boden, die Hände klammerten sich an ihre Knie. Sie weinte nicht, starrte nur ins Leere.
Mami liebt mich doch nicht, sie hat mich im Stich gelassen. Und einen Vater habe ich nie, flüsterte das Mädchen. Alle anderen haben einen, ich nicht.
Da trat meine Mutter, die Großmutter, zu ihr und hob sie behutsam vom Boden:
Du hast mich, Kind, das ist das Wichtigste.
Liselotte kuschelte sich an sie, legte ihren Kopf auf deren Schulter und bat:
Oma, erzähl mir das Märchen vom Hahn und dem Fuchs?
Natürlich, mein Schatz. Jetzt lege ich dich hin und erzähle dir die Geschichte.
Ich winkte Inge zum Abschied zu, sie erwiderte den Blick mit einem müden Nicken.
Möge Gott meiner Schwiegermutter Gesundheit schenken, damit sie das Mädchen großziehen kann, und vielleicht findet Inge noch einmal zu ihrem Gewissen zurück. Im Leben geschehen merkwürdige Dinge.
Auch aus meiner eigenen Jugendzeit ist mir eine Geschichte im Gedächtnis geblieben: Eine Frau verließ ihren Mann, ohne ihm von ihrem Kind zu erzählen. Ein Jahr später kam die Wahrheit ans Licht, als die Mutter medizinische Hilfe brauchte. Der Mann, als er erfuhr, wie die Frau ihr Kind im Stich gelassen hatte, verließ sie und meinte, solch eine Mutter könne er nicht für seine zukünftigen Kinder akzeptieren.
Trotz solcher Erlebnisse bleibt die Hoffnung, dass das Gute irgendwann triumphiert.




