Mutter” oder “Mama

**Tagebucheintrag**

Kurt heiratete mit vierundzwanzig. Seine Frau, Heike, war zweiundzwanzig. Sie war das einzige und späte Kind eines Professors und einer Lehrerin. Bald kamen zwei Jungen im Abstand von einem Jahr, etwas später eine Tochter. Die Schwiegermutter ging in Rente und kümmerte sich um die Enkel.

Zwischen Kurt und ihr herrschte ein seltsames Verhältnis. Er nannte sie stets mit vollem Namen: “Gertrud Elisabeth.” Sie antwortete mit distanziertem “Sie” und sprach ihn immer formell an. Es gab keinen Streit, doch in ihrer Gegenwart fror Kurt innerlich. Aber man muss ihr lassen: Sie mischte sich nie ein, sprach stets respektvoll und hielt sich aus den Eheproblemen heraus.

Vor einem Monat ging die Firma, in der Kurt arbeitete, pleite. Beim Abendessen warf Heike hin: “Mit Mamas Rente und meinem Gehalt können wir nicht ewig haushalten, Kurt. Such dir was.”

Einfach gesagt! Dreißig Tage lang lief er vergeblich von Bewerbung zu Bewerbung. Aus Frust trat er eine leere Bierdose weg. Zum Glück schwieg die Schwiegermutter noch, aber ihre Blicke sprachen Bände.

Vor der Hochzeit hatte er zufällig ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter belauscht.

“Heike, bist du sicher, dass er der Richtige ist?”
“Mama, natürlich!”
“Du weißt nicht, worauf du dich einlässt. Wäre dein Vater noch da…”
“Lass das, Mama! Wir lieben uns, alles wird gut!”
“Und die Kinder? Kann er sie ernähren?”
“Ja, Mama!”
“Es ist noch nicht zu spät, Heike. Denk nach. Seine Familie…”
“Ich liebe ihn!”
“Na ja, hoffentlich bereust du es nicht!”

“Jetzt ist es soweit”, dachte Kurt bitter. Die Schwiegermutter hatte es vorausgesehen.

Nach Hause wollte er nicht. Er hatte das Gefühl, Heike tröstete ihn nur oberflächlich: “Morgen klappts doch bestimmt!” Ihre Mutter seufzte schweigend, und die Kinder fragten spöttisch: “Papa, schon was gefunden?” Das alles noch einmal zu hören unerträglich!

Er schlenderte am Rheinufer entlang, setzte sich auf eine Parkbank und fuhr spätabends zum Gartenhaus, wo die Familie von Mai bis Oktober lebte. Ein Fenster war noch erleuchtet Gertrud Elisabeths Schlafzimmer. Leise schlich er hin. Plötzlich zuckte der Vorhang. Kurt duckte sich und setzte sich versehentlich auf einen Baumstumpf.

Die Schwiegermutter blickte hinaus: “Kurt ist noch nicht da. Hast du ihn angerufen, Heike?”
“Ja, Mama. Er ist nicht erreichbar. Wahrscheinlich hat er wieder nichts gefunden und lungert rum.”

Gertrud Elisabeths Stimme wurde eisig: “Sprich nicht so über den Vater deiner Kinder!”
“Och, Mama, jetzt übertreib nicht! Ich glaub, Kurt drückt sich nur rum und sucht gar nicht richtig. Seit einem Monat hängt er mir auf der Tasche!”

Zum ersten Mal in sechs Jahren hörte Kurt, wie seine Schwiegermutter laut auf den Tisch schlug und die Stimme erhob: “Unverschämt! So redest du nicht über deinen Mann! Was hast du versprochen, als du ihn heiratetest? In guten wie in schlechten Zeiten! Ihn zu stützen!”

Heike plapperte entschuldigend: “Mama, verzeih. Reg dich nicht auf, bitte. Ich bin nur müde. Es tut mir leid.”
“Geh schlafen”, sagte Gertrud Elisabeth erschöpft.

Das Licht erlosch. Sie ging unruhig hin und her, schob den Vorhang zur Seite und starrte in die Dunkelheit. Dann hob sie die Augen zum Himmel und bekreuzigte sich andächtig: “Herrgott, Allbarmherziger, beschütze den Vater meiner Enkel, den Mann meiner Tochter! Lass ihn nicht verzweifeln. Hilf ihm, hilf meinem Jungen!”

Sie flüsterte und weinte.

In Kurts Brust wuchs eine glühende Wärme. Niemand hatte je für ihn gebetet! Nicht seine strenge Mutter, die ihre ganze Kraft der Parteiarbeit gewidmet hatte, nicht sein Vater, der verschwand, als Kurt fünf war. Er wuchs in Krippe und Hort auf, dann Schule und Ganztagsbetreuung. Im Studium jobbte er sofort seine Mutter verachtete Müßiggang.

Die Wärme breitete sich aus, stieg höher, drang nach außen in Form seltener Tränen. Er erinnerte sich, wie Gertrud Elisabeth frühmorgens aufstand und die Kuchen backte, die er liebte, wie sie deftige Eintöpfe kochte, ihre Knödel einfach himmlisch waren. Sie pflegte die Kinder, putzte, pflanzte Gemüse, kochte Marmelade ein, bereitete knackige Gurken und Sauerkraut für den Winter vor…

Warum hatte er das nie gewürdigt? Warum nie Danke gesagt? Er und Heike hatten einfach gearbeitet und Kinder bekommen, als wäre das selbstverständlich. Oder dachte nur er so? Einmal, als sie alle eine Dokureihe über Neuseeland sahen, hatte Gertrud Elisabeth beiläufig erwähnt, sie träume davon, dieses ferne Land zu besuchen. Und er hatte gescherzt, es sei ihr dort zu warm eine Frau aus Eis würde schmelzen…

Lange saß Kurt noch da, den Kopf in den Händen.

Am nächsten Morgen betrat er mit Heike die Terrasse zum Frühstück. Auf dem Tisch: Kuchen, Marmelade, Tee, Milch. Die Kinder strahlten. Er sah seine Schwiegermutter an und sagte sanft: “Guten Morgen, Mama.”

Sie zuckte zusammen und antwortete nach einer Pause: “Guten Morgen, Kurtchen.”

Zwei Wochen später fand Kurt eine Stelle. Ein Jahr darauf schickte er Gertrud Elisabeth trotz Protest nach Neuseeland.

**Was ich gelernt habe:** Manchmal ist die größte Liebe die, die schweigt bis sie laut werden muss.

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Homy
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