Liebes Tagebuch,
Frau Alexandra von Hohenberg! Warten Sie! Gehen Sie nicht gleich, ich wollte Sie noch kurz sprechen! Neben einem auffällig teuren, makellos sauberen Auto auf dem Lehrerparkplatz stand eine elegant gekleidete Frau, wie aus einem Modejournal: perfekte Frisur aus dem Salon, makellose Maniküre, Puppengesicht, eine modische, kurze Silberpelzjacke, enge Stoffhosen, aus denen edle Stiefelspitzen hervorschauten vielleicht Lack, vielleicht glitzernd. Ich, mit meinem abgetragenen Mantel, der alten Leinen-Tasche, vollgestopft mit Heften, fühlte mich plötzlich wie das graue Mäuschen vom Dienst. Es fehlten nur noch die runden Hornbrillen und ein Spazierstock dann sähe ich aus wie die alte Buchhändlerin am Markt.
Verlegen presste ich die Tasche an mich, als könnte ich so den grauen Mantel mit dem bunten Flamingo-Muster auf der Einkaufstasche kaschieren.
Zu mir wollten Sie? Ich höre… entgegnete ich, trat ein paar Schritte zur Seite, weg vom gelb schimmernden Licht der Laterne auf dem Asphalt.
Ja, Sie! Mit welchem Auto fahren Sie? Die Pelzjacke scannt den Parkplatz. Zwei alte Golfs standen dort, erinnernd an die letzten Jahrhunderte der eine gehört dem Sportlehrer, der andere steht schon ewig hier, ich weiß nicht, wem er gehört. Die Mini-Cooper der Direktorin ist schon längst Richtung Grunewald abgebogen, wo Frau Agathe von Stein, unsere Chefin, ihr privates Häuschen mit Ziegelmauer hat. Sonstige PKW? Fehlanzeige.
Mit gar keinem. Ich nehme die U-Bahn. Was wollten Sie von mir? Entschuldigen Sie, mein Arbeitstag ist vorbei, ich muss los.
Ich tat so, als würde ich sie nicht erkennen, aber natürlich kannte ich sie sofort: Marina Eberhardt, meine ehemalige Mitschülerin, immer ein bisschen zu aufgesetzt, ein bisschen zu überlegen. Kaum jünger als ich, vielleicht jetzt üppigere Beine, aber dieselbe nörgelnde Stimme, diese Art, jedes Gespräch wie ein Gnadenakt zu behandeln…
Alexa, na komm, fang doch nicht schon wieder so an! Jetzt ließ sie die Maske fallen, trat näher. Du hast mich erkannt, oder? Musst gar nicht so die Nase rümpfen. Ist ja schon ewig her. Ehrlich gesagt spreche ich dich ja nicht als alte Klassenkameradin an, sondern als Lehrerin. Du hast meinen Tobi im Deutschunterricht, stimmts?
Wer ist denn Tobi? Ich fummelte meine Wollhandschuhe aus der Manteltasche, zog sie mit eiskalten Fingern über. Ich wollte einfach nur heim Tee kochen, in meiner kleinen Küche, die Hände um eine Glas-Tasse legen und Wärme spüren. Mein Kater Felix, mittlerweile mein treuer Gefährte aus dem Tierheim, würde erst brav neben mir sitzen und dann ungeduldig mit dem Schwanz auf dem Boden schlagen, bis ich endlich Zeit zum Spielen hätte. Auf dem Herd simmerte Buchweizen für morgen, im Nebenzimmer schlief schon meine Nina. Apropos, ich musste sie abholen! Gleich würde Frau Maria, ihre Erzieherin, wieder schimpfen, weil ich zu spät kam! Entschuldigen Sie, ich muss wirklich los, ich muss in die Kita. Kommen Sie am Donnerstag vorbei.
Ich wollte ihr entwischen, doch Marina Eberhardt gehörte nicht zu denen, die so schnell aufgeben.
Halt! Wohin so eilig? Stöckelabsätze klapperten, sie packte mich am Ärmel. Keine Angst, ich beiße nicht. Sie grinste, ihre Lippen kirschrot, fast wie ein Fischmaul. Ich fahr dich, komm, steig ein! Wir können uns im Auto unterhalten. Oder soll ich einfach zur Direktorin gehen? Du weißt, ich kenne sie.
Klar, das wusste ich. Marinas Mutter war früher schon das Durchsetzungswunder im Elternrat gewesen, kletterte überall die Äste hoch, wo andere noch nicht mal Wurzeln geschlagen hatten. Marinas Familie tauchte überall auf: Bürgermeisterball, Wettbewerbsfinale, Fernsehinterview und ihre Mutter sagte immer, nur die Kriminalnachrichten seien ihr »nichts für den Seelenfrieden«.
Und aus Marina war dieselbe ehrgeizige Macherin geworden. Wie die Mutter, so die Tochter…
Na schön. Übrigens, du siehst toll aus! Ich schalt mich innerlich. Wieso war ich schon wieder so unterwürfig bei dieser Frau?
Danke. Bei dir… läufts wohl beruflich nicht so? Aber sag schon, wohin soll’s gehen? Marina hüpfte ins Auto, nickte aufs Beifahrersitz. Oder magst du lieber hinten sitzen? Und zeigte wieder dieses gleißende Zahnpastalächeln.
Nee, lass gut sein, ich setz mich daneben. Nettes Auto. Steuerst du schon lange selbst? Ich schob mich verlegen ins Wageninnere. Ich war selten mit Privatwagen unterwegs, unser alter Skoda war kaputt und Taxi war zu teuer. Außerdem mochte ich Straßenbahnen nur nicht zu Stoßzeiten.
Seit zwanzig bin ich dabei. Mein Vater hatte mir damals seinen Fiat geschenkt, ich habe ihn im ersten Jahr gleich mal ramponiert. Aber wer macht nicht Fehler, was, Alexa?! Marina lachte auf. Sie gab Lichtzeichen, der Platzwart öffnete das Tor. Marinas BMW rollte elegant vom Parkplatz.
Ich fummelte ewig am Gurt herum, die Tasche rutschte von den Knien.
Was zupfst du da so rum? Platzangst? zischte Marina. Naja, ein bisschen bist du auseinandergegangen, Mutter. Liegt wohl an den Brötchen Lehrerzimmer, Einzelgängertum und so, hm?
Wieso Einzelgängerin? murmelte ich indigniert. Und das ist Oversize, was ich anhabe.
Jaja, Oversize extra erfunden zum Kaschieren! Aber Thema erledigt. Diese Läden sind ja voll von so was. Ich geb dir mal ‘ne Adresse von einem Designer, der macht dich flott. Sag mal, was war jetzt mit dem Einzelgänger-Ding? Marina blickte kurz rüber, fluchte dann laut, fuhr ein riskantes Ausweichmanöver, brüllte zum Fenster hinaus Über die Fahrweise der anderen.
Ich verkrampfte mich, wandte mich ab. Peinlich. Marina war schon immer laut und direkt, aber so? Ach Leben…
Als sie endlich wieder ruhig fuhr, bat ich: Marina, ich steige hier besser aus, es ist nicht mehr weit zu Fuß… Beim Versuch, die Tasche zu greifen, fielen die Hefte zu Boden.
Vorsicht! Wegen dir komme ich von der Spur ab! fuhr Marina mich an. Wo würdest du denn bitte aussteigen?! In der mittleren Spur? Alexa, du bist immer noch ein Träumerlein. So, jetzt mal zum Punkt: Wegen meinem Tobi der ist wirklich mein ganzer Sonnenschein, mein Goldstück, ein Superjunge wir müssen mal über seinen Unterricht reden. Ach ja, er heißt ja offiziell Tobias Eberhardt. Klingt doch nicht schlecht, oder? Sag mal: Klingt das gut, du als Deutschlehrerin?
Klingt solide. Eberhardt ist dein Sohn… murmelte ich. Er ist ja noch gar nicht so lange auf unserer Schule. Und der Vater… etwa… DER Eberhardt?
Ich wagte das eigentliche Wort nicht laut zu sagen. Dima. Das Herz zog sich zusammen, alles war wieder da, so schwer…
…Wir, kurz vor dem Abi, die Prüfungen vorbei, fünf Tage bis zum Abschlussball. Dima bekam Papas Auto. Die Mädchen auch ich saßen auf der Bank. Ich, ein bisschen abseits, mit Lernstoff beschäftigt.
Dima rief nach mir; Marina und die anderen turnten schon lachend im Auto, sie vorne wie eine Königin. Er war seit der Neunten verknallt in sie ob sie wirklich was hatten, wusste keiner.
Alexa! Lass die Bücher, komm, ich nehme dich mit!
Sein Blick. Ich war sofort hin und weg, Gänsehaut…
Komm schon, sonst drehst du noch durch vom Büffeln. Einmal mit uns an den See! Dima grinste.
Ich ließ mich überreden, stopfte mich zu den anderen ins Auto.
»Badesee? Ich hab doch keinen Badeanzug!« rief ich. Die anderen lachten. Dima fuhr los, bretterte übers Feld, wirbelte Staub auf. Mir wurde übel. Schon bald hielt ich’s nicht mehr aus.
Halt an… hauchte ich und stieg fast im Fahren aus. Ich musste mich übergeben, wollte weinen wie ein Kind aus Scham, weil ich nicht so war wie die anderen Mädels. Keine von denen, die zu viert in Unterwäsche an den See fahren, die ihren Schwarm küssen, wann immer sie mögen.
Dima reichte mir wortlos Wasser. Ich spülte mein Gesicht.
Vorne wird man weniger seekrank! sagte er.
War besetzt, murmelte ich, spülte Hände und Gesicht. Du bist zu schnell gefahren.
Ach Alexa, welcher Deutsche liebt kein schnelles Fahren? Kopf hoch!
Er wollte noch was sagen, aber das Gekicher der anderen Mädchen lenkte ihn ab. Kurz darauf saß er wieder am Steuer, Marina flüsterte ihm was ins Ohr.
Ich winkte ab, sie sollten ohne mich fahren. Sollten sie doch! Außerdem hatte ich an dem Tag furchtbare Wäsche an Baumwolle, ausgeleiert. So lieben es Mütter auf dem Markt, aber für uns Mädchen war das Peinlichkeit pur.
Igitt, Bender! Hast wohl Omas Erbe geplündert? So was trägt man heute ja nicht mehr! staunte Marina beim Umziehen im Schwimmbad.
Mama kaufte mir solche Unterwäsche, das andere war ihr zu »nuttig«, und es reichte nie fürs Schöne…
Einmal verliebte ich mich auf dem Markt in ein rosa Spitzen-Set, aber Mama zog mich fort »So was tragen nur die Flotten!«, meinte sie, und wir landeten bei kratziger Baumwolle adé Jugend…
Abiball: Dima, mein geheimer Schwarm, tanzte ein einziges Mal mit mir, als Dank dafür, dass ich ihm den Einser-Schnitt gerettet hatte. Freundschaftskuss. Mehr nicht. Wie ein Neffe die Erbtante küsst…
Danach heulte ich drei Tage, dann schickte Mama mich zu Tante Inge nach Mannheim zum Unkrautjäten und Pauken…
… Dima, ja, DER strahlte Marina jetzt siegessicher. Es war doch klar, dass er mich mal heiraten würde. Ach Alexa, du warst immer zu naiv hast nie was geahnt. Zwischen mir und Dimi, das war… ein ganz besonderes Band.
Hm…, nickte ich. Na schön.
Weißt du, was mein Anliegen ist? Warum drückst du meinen Tobi in Deutsch ständig schlechte Noten rein? Erst eine Drei, dann eine Vier…
Marina seufzte. Wir wollen nach Heidelberg, also Tobi soll. Ihm soll es besser gehen. Ich war selbst fünf Jahre an der Uni, aber kein Tag in dem öden Beruf! Ich habe mich gleich selbständig gemacht arbeitete erst als Friseurin von zuhause, dann Kosmetikerin, jetzt hab ich meinen eigenen Salon am Hackeschen Markt. Ich geb dir später eine Karte, komm doch mal vorbei, lass dich aufhübschen.
Lass mal, Marina. Das ist nichts für mich. Und Tobi? Der macht zu viele Fehler. Wie soll ich ihm eine Eins geben? Da ist nichts zu machen.
Ich seufzte. Verrückt, wie verschieden Leben sind. Ich paukte, graduiert in Literatur, träumte von Journalismus oder Lektorat, nun friste ich mein Dasein als Lehrerin, landete da, wo ich nie hinwollte. Ich kannte die Tricks nicht, war zu langsam, zu langsam im Kopf… Begabung? Ja, aber kein Geld. Die »Wende« hatte vieles zerstört. Gewitzte, Draufgänger, Unternehmerkinder kamen damals weiter. Aber wir?
Und Marina? Sitzt im BMW, Parfum Chanel, alles, was zählt! Ihr Salon ihr ganzer Stolz, ihr Einkommen beneidenswert. Und sie sieht blendend aus…
Ich zuppelte die Haare, suchte in der Manteltasche nach Labello. Es half nichts. Die Lippen, ständig trocken, rissig, ich kaue sie immer wieder auf.
Du hast es wohl noch nicht ganz verstanden, Alexa. Für Tobi, da kämpfe ich bis zum Letzten. Wenn du weiter auf ihn losgehst, bist du hier weg. Wir haben ihn nur auf diese Kirche-Schule geschickt, weil ihr Verträge mit den Unis habt. Er braucht das Zeugnis. Lass uns einfach in Ruhe, Alexa. Ich geh sonst zur Direktorin. Die ist ein Schisser, die setzt dich vor die Tür für dich ist der Job dein Leben, stimmts? Allein erziehend, ja? So, hier musst du raus. Bin doch nicht dein Taxi!
Sie war sichtlich angesäuert, wandte sich ab.
Ich stieg in den Nieselregen, die Schulhefte unter dem Arm.
Vergiss deine Unterlagen nicht, Frau Lehrerin! schrie sie mir nach. Noch immer im selben Block, wie ich sehe?
Mit quietschenden Reifen brauste sie davon; die Ladung Spritzwasser landete auf meinem Mantel.
Ich hastete zur Kita. Im beleuchteten Fenster stand Ninas kleine Gestalt, sie würde nächstes Jahr in die Schule kommen. Ich konnte mich immer noch nicht entscheiden, in welche. Die in der Nähe, oder die, an der ich arbeite?
Frau von Hohenberg, immer zu spät, ich sollte Überstunden abrechnen! Nina, hol schnell deine Sachen! schimpfte Frau Maria.
Es tut mir leid… stotterte ich. Ach, Marina würde bestimmt nie so reagieren. Sie hätte längst die Erzieherin zurechtgewiesen, irgendwie Grund genug gefunden und gewonnen. Aber das wäre unfair. So lebt man nicht. Nur sehr unglückliche Menschen…
Daheim bereitete ich das Abendessen, Nina hängte den Mantel auf, versuchte hartnäckig, die Flecken vom Vorabend zu entfernen.
Mama, das geht nicht raus… jammerte sie.
Ach, lass das, Mäuschen. Iss erst mal, danach wird gewaschen. Es gab noch keinen Fleck, den wir nicht rausgekriegt hätten!
Wenn man das Leben auch ausbleichen, auffrischen, glätten könnte! Tja, färben und fortwerfen, das wärs. Ich lächelte und goss Tee ein.
Felix, wie immer, saß bei uns auf dem Boden, zu müde, mit dem Schwanz zu klopfen.
Mama, wann kommt Papa wieder? fragte Nina erneut, teilte ihr Brötchen mit mir.
In zwei Wochen. Bald schon, mein Schatz! Ich lächelte.
Tobias war oft auf Geschäftsreisen, fehlte manchmal schmerzlich, doch er liebte seinen Job und brachte Nina immer ausgefallene Steinfiguren mit. Ihre Sammlung wächst stetig.
Was mach ich jetzt mit Tobi? Was bloß… fragte ich mich, während ich Hefte kontrollierte, fand keine Lösung. Ach, Hauptsache, morgen komm ich nicht zu spät!
Die Woche beobachtete ich Tobi genauer, rief ihn öfter an die Tafel.
Tobi, komm mal bitte zu mir, bat ich den molligen Jungen, Marinas ganzer Stolz.
Na, Frau von Hohenberg? Schon wieder ich? Schlagen Sie mich jetzt? machte er Witze.
Eigentlich war er ein netter Kerl, nur ein bisschen weich. Die Mama tat alles für ihn, wie sollte das anders werden?
Ach, Tobi, Quatsch. Worauf ich hinauswollte: Hast du dir schon überlegt, was du mal machen willst? fragte ich.
Naja, Mama möchte… murmelte er.
Mama weiß ich. Und du?
Ich? Ich würde gern Autos zusammenschrauben. Am liebsten eigener Betrieb. Ich Chef! Er grinste selig.
Chef muss schreiben können, Tobi. Immer schon so schwach in Deutsch gewesen?
Ja, schon immer. Marina hätte für ihn fast ein Attest geholt, dann gäbe es ohne viel Aufwand immer die »Dreier«. Sie verweigerte aber. Bloß kein »Attest«! Stattdessen wurden Lehrer mit Geschenken und Kosmetik-Terminen geködert, die Noten besserten sich schnell.
Da muss sich was ändern! Du bist nicht dumm, du liest also, lass mal was draus machen! forderte ich.
Tobi rollte mit den Schultern, versprach aber, es zu versuchen.
Morgen, siebte Stunde, Nachhilfe. Bist du dabei, Tobi?
Bin daaa, Frau von Hoooohenberg… nuschelte er, verschlang noch sein Pausenbrot. Danke…
Er kam, neugieriger als gedacht, löste Aufgaben besser als im Unterricht. Allein im Zimmer war er richtig fit.
Was da für Diagnosen?! Er ist doch nicht blöd, dachte ich später in der U-Bahn und malte ein kleines Herz ans Busfenster. Die Sonne lachte.
Marina beschwerte sich trotzdem bei der Direktorin, meine Überforderung ihres Sohnes. Ich wurde einberufen.
Ich überlaste ihn ja kaum! protestierte ich. Er braucht halt Hilfe, sonst bleibt er ein Sorgenkind!
Die Direktorin schürzte nur die Lippen. Marina hatte wohl gefordert, mich »einzunorden«. Aber was ist schon aus einer Kosmetiksalonbesitzerin geworden? Hörte sowieso niemand drauf!
Ich bin für alles offen, Alexa. Aber die Mutter… Die mag Sie nicht besonders, glaube ich. Sehen Sie zu, dass Sie nicht Ärger bekommen. Wenn er nicht mitmacht, schicken Sie ihn heim. Passen Sie auf sich auf! vertraute Agathe mir an. Verschwendete Liebesmüh!
Nein, das ist nie verschwendet! widersprach ich trotzig.
Es tat weh, zu wissen, dass Marina hinter meinem Rücken intrigierte aber so war sie eben. Meine Mutter sagte immer: Missgünstige Menschen wurden irgendwann selbst verletzt vielleicht stimmt das ja…
Der Freitag verging, Nina und ich kamen heim und aßen zu Abend.
Ich wollte gerade das Licht ausschalten, als es zweimal kurz klingelte.
Mama! Wer ist das? Lass niemanden rein, Mama! flüsterte Nina.
Keine Angst, mein Schatz! Ich schau erst! Ich schlich zur Tür, lugte durch den Spion.
Auf der anderen Seite wühlte jemand an der Tür schwer zu erkennen.
Wer ist da? Ich rufe die Polizei! rief ich.
Alexa! Bloß nicht! Ich bins… Gewinsel, Hektik, Stöckeltritte.
Ich öffnete.
Da stand Marina Eberhardt. Immer noch im Pelz, aber das Make-up verlaufen, Frisur verwuschelt wie ein plattgetretener Mopp. Tränenspuren sie sah verloren aus.
Entschuldige… Darf ich kurz reinkommen? Marina schluchzte. Dimi hat schon wieder zugeschlagen, Mama lässt mich nicht rein, sagt, ich soll nach Hause gehen. Bricht mir noch die Rippen, wegen dem Auto habs beim Einparken angekratzt. Alexa…
Sekundenlang starrte ich sie an, dann zog ich sie kommentarlos herein und schloss die Tür.
Du hast das Auto kaputt gemacht? Setz dich, ist egal. Magst du Tee? Hast du Hunger?
Plötzlich wurde ich hektisch, versuchte aufzuräumen, dann ließ ichs. Ja, das ist meine Wohnung, nichts Besonderes, keine grazile Autohalterin, aber: meine Welt, wie sie ist. Wem das nicht passt Pech gehabt!
Gerne… Tee… schniefte Marina. Lebst du immer noch so eng hier? musterte sie die Wohnung, begegnete Ninas strengem Blick. Oh, entschuldige… Und das ist deine Tochter?
Nina, sagte meine Kleine.
Marina, winkte Eberhardt und zog sich die Stiefel aus.
Dimi hat völlig den Verstand verloren. Firma pleite, paar Groschen gerettet, aber riesige Schulden. Früher hat er schon zugeschlagen, jetzt wirds schlimmer, plapperte Marina mit tränenerstickter Stimme, wischte sich die Augen. Ich halte durch, aber heute hab ich dich gesehen, Alexa… und bei dir wirkt alles so einfach und… irgendwie richtig. Sogar der alte Mantel, die Tasche ich hab mich so leer gefühlt wie nie. Damals dachte ich, ich hätte alles richtig gemacht, mit Dimi… Naja. Als er mich das erste Mal geschlagen hat, war ich schockiert. Mama sagte, so was käme mal vor, wegstecken. Dann kam Tobi, und ich blieb.
Aber du hast doch dein Geschäft?! fragte ich.
Der Salon war am Anfang nur Fassade, Dimi zahlte die Miete… Aber es hat Lange gedauert, bis ich unabhängig war. Ach, ich sollte gehen… Marina sprang auf.
Bleib hier! Wo ist Tobi?
Der schläft bei einem Freund, habe gesagt, er soll nicht heim. Was soll ich denn jetzt tun, Alexa? Sie weinte.
Lass dich scheiden. Dimi ist ein Feigling. Frag Serge, erinnerst du dich an Serge Wagner aus’m Gymnasium? Der arbeitet jetzt bei der Polizei. Der hilft dir.
Serge? Der, der im Flur auf Händen lief? Klar erinnere ich mich…
Hoff nicht auf Wunder, der ist glücklich verheiratet! Aber er hilft seinen Leuten. Ich ruf ihn morgen an. Leg dich hin, Marina, es ist spät…
Die ganze Nacht horchte Marina unruhig auf Geräusche. Dimi suchte sie nicht. Er schlief in der schicken Wohnung, die bald für die Schulden verkauft werden würde. Und wohin nun mit Marina? Tobi, der behäbige, wird auch nicht von der Kette springen…
Nach Monaten voller Scheidungsdramen half Serge, Dimi schwieg kleinlaut, die Wohnung ging drauf, die Schulden wurden beglichen. Marina behielt ihren Salon, Tobi und zwei gebrochene Rippen. Heidelberg? War vom Tisch. Tobi wurde Automechatroniker.
Zum Dank schenkte mir Marina ein neues Mantel elegant, auf Figur.
He, nee! So teuer, das nehme ich nicht! protestierte ich.
Aber Marina grinste nur traurig. Das Teuerste an dem Mantel sei sowieso ich selbst Menschen wie mich, so meinte sie, müsste es viel öfter geben. Als wir jung waren, hat sie mir das Leben manchmal schwer gemacht, jetzt, als Erwachsene, hätte sie mir beinahe wieder geschadet. Und trotzdem habe ich ihr geholfen. Dumme, liebe Alexa. Beste Freundin überhaupt!
Alexa, vergib mir bitte alles, ja? Marina seufzte.
Wofür? Dimi? Da sollte ich dir danken! Gott sei Dank bist du mir in die Quere gekommen, hast mich verschont! Wie wärs mit einem Tee?
Heute steht Marina oft vor meiner Tür, unterhält Nina während sie krank ist und bleibt immer öfter auf einen Tee da. Sie ist quasi Familie geworden, wie unser Felix, der sich in Marina verliebt hat. Zwei Einzelgänger haben sich gefunden. Ich war eifersüchtig auf den Kater, aber jeder braucht doch Liebe. Dann soll sie wenigstens Felix haben ich gönn’s ihr!




