FindelkindErwachsen geworden, kehrte das Findelkind eines Tages zurück, um das Dorf vor der drohenden Flut zu retten.

Morgens, kurz nach dem Aufwachen, hatte Therese Müller einen komischen Traum: Ihr kleiner Sohn, Fritzchen, stand auf der Stufe und klopfte an die Tür. Sie riss die Decke vom Kopf, schlüpfte barfuß aus dem Bett und rannte zur Haustür.

Kaum hatte sie die Stufe erreicht, war sie völlig erschöpft, lehnte sich an den Türrahmen und blieb regungslos stehen. Stille. Niemand war zu sehen. Solche Träume hatte sie häufig, und jedes Mal hatte sie sofort die Tür aufgestoßen und in die dunkle Nacht geschaut. Auch jetzt öffnete sie die Tür weit und starrte in die nächtliche Schwärze. Das Zwielicht und die Ruhe umgaben sie, das Herz pochte wie wild. Sie setzte sich auf die Stufe, versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen, und plötzlich hörte sie ein leises Geräusch: ein Kichern, ein Rascheln.

Schon wieder das Kätzchen vom Nachbarn, das sich im Brombeerstrauch verheddert, dachte Therese und lief, um das kleine Fellknäuel zu befreien wie so oft. Doch diesmal war es kein Kätzchen. Sie zog an einem Stück Stoff, das aus dem Busch ragte. Es war eine alte, bunte Babydecke, und als sie fester zog, erstarrte sie: Auf einer Ecke der Decke lag ein winziges Baby. Ganz nackt, kaum ein Stückchen Kleidung, ein kleiner Junge.

Der Bauchnabel war noch nicht verheilt, also war das Kind höchstens ein paar Tage alt. Es war zu schwach, um zu schreien, ganz feucht, erschöpft und offensichtlich hungrig. Als Therese das Kind aufhob, ließ es ein schwaches Quietschen hören. Ohne nachzudenken drückte sie es an sich, rannte zurück ins Haus, schnappte eine saubere Bettdecke, wickelte den Kleinen ein, legte eine warme Decke darüber und machte schnell Milch. Sie wusch die Flasche, fand noch einen alten Sauger, den sie aus der Zeit hatte, als sie ein Zicklein gemolken hatte.

Der Kleine schnappte nach der Milch, erstickte ein wenig vor Gier, und dann, satt und warm, schlief er ein. Die Morgendämmerung brach an, doch Therese bemerkte kaum das Licht. Sie war über vierzig, im Dorf nannten die jungen Leute sie schon Tante Therese. Ihren Mann und ihren Sohn hatte sie im Krieg verloren, und seitdem war sie ganz allein. Das Alleinsein war schwer zu ertragen, das bittere Schicksal drückte ständig auf sie, und sie lernte, nur auf sich selbst zu vertrauen. Jetzt stand sie da, wusste nicht, was zu tun war. Sie sah den schlafenden Jungen, lauschte seinem sanften Schnarchen und dachte, sie sollte die Nachbarin fragen. Also ging sie zu Gisela.

Gisela führte ein ruhiges Leben, ganz ohne Krieg, ohne Verluste. Sie lebte für sich, ihre Beziehungen kamen und gingen, und sie ließ sich nicht ans Herz legen. An diesem Morgen stand Gisela in ihrem Türrahmen, ein leichter Schal um die Schultern, die Sonne wärmte ihr Gesicht. Nachdem Therese ihr vom nächtlichen Fund erzählt hatte, zuckte Gisela nur mit den Schultern und sagte:

Na und? Warum sollte das dich beschäftigen? Und sie ging ins Haus. Therese sah aus dem Augenwinkel, wie das Fenster sich bewegte ein weiterer Besucher war wohl über Nacht drübergekommen. Wozu das alles?, murmelte sie leise.

Zurück zu Hause packte sie alles zusammen: das Baby, etwas trockenes Brot, ein paar Äpfel für die Reise und ging zum Bahnhof, um ein Stück mit dem Zug nach München zu erwischen. Fünf Minuten später hielt ein Lastwagen neben ihr an.

Zum Krankenhaus?, fragte der Fahrer und zeigte auf die Paketbündel in ihren Händen.

Zum Krankenhaus, antwortete Therese kühl.

Im Kinderheim, während die Papiere für den Findling ausgefüllt wurden, ließ Therese nicht los, dass etwas nicht stimmte. Ein nagender Stich im Herzen, das Gefühl von Leere, das sie seit dem Verlust von Mann und Sohn begleitet hatte. Die Heimleiterin fragte:

Wie soll das Kind heißen?

Therese dachte kurz nach und sagte dann überraschend: Aljoscha. (Sie meinte natürlich Fritzchen, aber das klang plötzlich passend.)

Ein schöner Name, meinte die Leiterin. Wir haben nach dem Krieg viele Aljoschas und Katjas. Doch wer lässt ein Kind hier zurück? Da fehlt ein Vater, aber wir freuen uns trotzdem.

Die Worte trafen Therese unerwartet, und ihr Herz wurde schwer. Zu Hause, schon am Abend, zündete sie das Licht an und sah die alte Babydecke, die sie damals zur Seite gelegt hatte. Sie nahm sie in die Hände, setzte sich aufs Bett und fing an, die feuchte Decke zu durchwühlen. Dabei stieß sie auf einen kleinen Knoten, in dem ein Stück graues Papier und ein einfacher Zinnkreuzanhänger befestigt waren. Das Papier las sie:

Liebe Frau, es tut mir leid. Ich kann das Kind nicht behalten, bin verzweifelt, und morgen bin ich nicht mehr hier. Bitte kümmere dich um meinen Sohn. Darunter stand das Geburtsdatum.

Therese brach in Tränen aus, weinte, bis die Tränen nicht mehr kamen. Sie erinnerte sich an ihre eigene Hochzeit, an die glücklichen Tage mit ihrem Mann, an die Geburt ihres Sohnes, an die Bewunderung der Dorfbewohner. Vor dem Krieg hatte ihr Sohn die Fahrerschule abgeschlossen und ihr versprochen, sie mit einem neuen Wagen zu chauffieren, den die Genossenschaft ihm geben wollte. Dann kam der Krieg

Im August 1942 bekam sie die Nachricht vom Verlust ihres Mannes, im Oktober denselben Jahres vom Verlust ihres Sohnes. Das Glück verließ sie, das Licht erstarb, und sie wurde wie so viele andere Dorfbewohnerinnen, die nachts zur Tür laufen und in die Dunkelheit starren nur das Rascheln und das Miez einer Nachbarskatze zu hören.

Am nächsten Morgen fuhr Therese erneut nach München. Die Heimleiterin erkannte sie sofort und war nicht überrascht, als Therese sagte, sie wolle den Jungen zurücknehmen, weil ihr verstorbener Sohn ihr das befohlen habe.

In Ordnung, wir helfen dir mit den Unterlagen, sagte sie. Therese wickelte den kleinen Fritzchen in eine Decke und verließ das Heim mit einem leichteren Herzen die erdrückende Leere war verschwunden, dafür machten Platz neue Gefühle: Hoffnung, Liebe. Wenn das Schicksal jemanden zum Glück bestimmt, dann wird es sich erfüllen, und das passierte auch hier.

Zuhause hingen nur noch Fotos von Mann und Sohn an der Wand. Doch diesmal schienen die Gesichter weicher, heller, fast erleuchtet, als würden sie ihr Mut zusprechen. Therese drückte den kleinen Fritzchen an sich und fühlte sich stark, weil sie wusste, dass er noch lange ihre Hilfe brauchen würde.

Bitte helft mir, flüsterte sie zu den Bildern.

Zwanzig Jahre später war Fritzchen ein gutaussehender junger Mann geworden. Viele Mädchen wollten ihn, doch er wählte die, die sein Herz eroberte die liebevolle Luise, nach seiner Mutter die Schönste. Er stellte sie seiner Mutter vor, und Therese erkannte, dass ihr Sohn erwachsen und ein richtiger Mann geworden war. Sie segnete das Paar, die Hochzeit war ein Fest, und das Paar baute ein neues Nest. Bald kamen Kinder, und der jüngste Sohn bekam ebenfalls den Namen Fritzchen, sodass Therese von einer großen, glücklichen Familie umgeben war.

Eines Nachts, als ein Sturm sich zusammenbraute und das Licht der Blitze in der Ferne zuckte, wachte Therese vom Rauschen am Fenster auf. Sie ging wie gewohnt zur Tür, öffnete sie und trat in den Hof. Der Himmel war voller Donner, ein Blitz erhellte das alte Eichenhäuschen, das ihr Mann einst gepflanzt hatte, als Fritzchen geboren wurde.

Danke, mein Sohn, flüsterte sie in die Dunkelheit, jetzt habe ich drei Fritzchen, und ich liebe euch alle. Das Rascheln des Baumes, das der Sturm wehte, klang für sie wie das Lächeln ihres Sohnes, das die Nacht erhellte.

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Homy
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