Immer wieder, dieser endlose, monotonneblige Herbstschauer. Heike stapfte den Hof entlang, den Regenschirm fest umklammert, als könnte er sie nicht nur vor den kühlen Tropfen, sondern vor der Gleichgültigkeit der ganzen Welt schützen. Der Schlüssel wirbelte im Schloss, und im selben Moment hörte sie ein kurzes, klägliches:
Miau.
Heike erstarrte, drehte den Kopf. An der Türschwelle, eng aneinander gepresst, hockten drei nasse Knäuel. Klein, vom Frost zitternd. Ein roter, ein weißer und ein schwarzer als hätte jemand bewusst kontrastierende Farben gewählt, damit sie besonders rührend wirken.
Mein Gott hauchte sie fast flüsternd.
Die Kätzchen blickten zu ihr auf. Sie baten nicht, sie riefen nicht sie schauten einfach nur. In ihren Augen lag etwas, das tief im Innern einen Stich auslöste.
Warum seid ihr hier? flüsterte Heike, hockte sich hin. Geht, ihr Kleinen, geht weg von hier.
Der rote Kerl streckte vorsichtig die Pfote aus und berührte ihre Finger. Heike zuckte zusammen, sprang auf, öffnete die Tür und trat zurück hinein. Sie drehte sich um. Die Kätzchen saßen noch immer, unbewegt.
Entschuldigt, flüsterte sie und schloss die Tür hinter sich.
In der Nacht ließ der Schlaf nicht zu. Heike lag wach, lauschte dem Heulen des Windes in den Ästen außerhalb des Fensters, und alles schien zu flüstern, als käme ein leises Miau aus der Dunkelheit unter ihrer Tür. Vielleicht heulte der Wind, vielleicht ihre eigene Schuld.
Am Morgen hatte der Regen nachgelassen. Sie spähte hinaus die Schwelle war leer.
Na gut, murmelte sie laut, als wolle sie sich selbst rechtfertigen. Sie finden schon jemanden Besseren.
Doch ein scharfer Stich, wie eine Nadel, durchbohrte ihr Herz als hätte sie etwas Wertvolles verloren.
Heike! rief eine bekannte Stimme aus der Straße.
Im Hof stand die Nachbarin Waltraud, die an der Leine ihre Mischlingshündin Luna hielt.
Komm raus, lass uns reden!
Heike zog ihr Halstuch fester und ging nach unten.
Weißt du, begann Waltraud, man sagt, gestern lagen Kätzchen vor deiner Tür. Was ist mit ihnen passiert?
Sie sind weg, zuckte Heike mit den Schultern. Sie kamen von selbst, sie gingen von selbst.
Du dummes Kind, seufzte Waltraud. Katzen kommen nicht einfach so. Wenn sie ein Haus wählen, bringen sie ein Geschenk. Und du hast sie fortgeschoben?
Nicht fortgeschoben, murmelte Heike leise. Ich habe sie nur nicht genommen.
Doch das war verkehrt, Heike. Es ist ein Sündenfall, die zu vertreiben, die zu dir kommen.
Diese Worte bohrten sich schmerzhaft ins Herz. Heike blieb noch einen Moment stehen, dann drehte sie entschlossen um:
Ich werde sie suchen.
So ist es richtig! rief Waltraud ihr nach.
Der alte Regenschirm in der Hand, nasser Asphalt unter den Füßen. Heike durchkämmte den ganzen Hof, spähte hinter Mülltonnen, unter Treppen, in den Keller niemand. Nur Stille und das Rauschen des Wassers im Regenrinne.
Am nächsten Tag stand sie im Morgengrauen auf, ließ das Radio aus, zog sich an und ging erneut auf die Suche. Sie durchstreifte ihren Hof, dann den der Nachbarn, schaute in jede Ecke.
Kusskuss, flüsterte sie, fühlte sich albern. Wo seid ihr, ihr Kleinen?
Als Antwort hörte sie nur den fahlen, unangenehmen Regen.
Der dritte Tag war der schwerste. Heike wanderte bis in die Dämmerung, die Beine schmerzten, die Kleidung war durchnässt, doch sie konnte nicht stillstehen. Am Hausaufgang traf sie Waltraud wieder:
Heike, du bist völlig nass! Du wirst krank!
Ich kann nicht, Waltraud, sagte Heike erschöpft. Sie kamen zu mir. Und ich
Ich verstehe, nickte die Nachbarin. Morgen gehen wir zusammen.
Am vierten Morgen wollte Heike gerade die Tür öffnen, als ein schwaches, gedämpftes Miau von unten drang. Sie bückte sich und lugte unter die Wärmeleitung. Dort, in einer Ecke, drückten sich zwei zusammen der rote und der weiße. Dünn, durchnässt, zitternd. Der weiße atmete kaum.
Meine Lieben, flüsterte sie, streckte behutsam die Hände aus. Der rote ließ sich sofort aufnehmen, der weiße war kraftlos.
Heike trug sie heimlich unter ihrer Jacke, spürte das winzige Herzklopfen unter ihrer Handfläche. In der Küche breitete sie ein altes Handtuch aus und wickelte die Kleinen ein. Der rote erwachte sofort, blickte neugierig umher, während der weiße regungslos dalag.
Bitte stirb nicht, flüsterte sie, streichelte seine Pfoten. Hörst du? Wage es nicht!
Sie goss warmes Milchchen ein. Der rote leckte gierig vom Napf, den weißen fütterte sie Tropfen für Tropfen aus einer Spritze. Nach einer Stunde murmelte er endlich ein leises Miau.
Da hast du es, lächelte Heike, das erste Mal seit Tagen.
Doch wo war das dritte Kätzchen das schwarze?
Heike ließ die beiden in der Wärme zurück und suchte weiter bis zum Abend, bis ein klagender Pieps aus dem alten Schuppen drang. In einer Lücke zwischen den Brettern steckte ein winziger schwarzer Kater.
Wie bist du denn dort reingekommen, du Trottel? mutmaßte sie, zog ihn heraus. Die Lücke war so eng, dass sie erst einen Hammer holen musste, um das Brett zu entfernen.
Der Schwarzling war der schwächste von allen. Heike brachte ihn nach Hause, legte ihn neben die Brüder auf die alte Decke an der Heizung. Der rote sprang bereits durch die Küche, der weiße atmete gleichmäßig, und der schwarze
Halt durch, Kleiner, sang sie ihm Milch zu. Gib nicht auf.
Um Mitternacht nahm er endlich ein paar eigenständige Schlucke.
Die ersten Wochen waren hart: Durchfall, Fieber, einer krank, der andere wieder gesund. Heike ließ nachts nicht die Augen schließen, wärmte, fütterte, rannte zum Tierarzt.
Vielleicht gibst du sie jemandem? schlug Waltraud vor.
Nein, antwortete Heike entschlossen. Sie gehören jetzt zu mir.
Meine, sagte sie zum ersten Mal seit langem.
Den roten nannte sie Fips schelmisch, unruhig, steckte überall die Nase hin. Den weißen nannte sie Schnee würdevoll, ein stiller Beobachter, der gern am Fenster saß und nach draußen starrte. Und den schwarzen Tobi. Leise, vorsichtig, doch er schlang sich stärker an sie als die beiden anderen: Sobald Heike sich setzte, kletterte er sofort auf ihren Schoß.
Das Haus füllte sich mit Schnurren, Pfotentappen und dem Klirren der Futternäpfe. Es kehrten Gerüche zurück warme Milch, Shampoo, frisch gebackenes Brot. Das Leben kehrte zurück.
Heike stand früher auf, um sich um ihre Kätzchen zu kümmern: frisches Wasser einschenken, Futter ausstreuen, das Katzenstreu wechseln. Ihr Tag bekam einen klaren Rhythmus Frühstück, Spiel, Mittag, Spaziergänge durch die Wohnung, abendliche Verwöhnungen und Schlaf. Und das Erstaunlichste: Sie genoss es. Zum ersten Mal seit langer Zeit fand Heike einen echten Grund, morgens aufzustehen.
Zwei Monate vergingen. Die Kätzchen wuchsen, wurden kräftiger und verwandelten sich von kläglichen, zitternden Knäulchen in echte kleine Rabauken. Besonders Fips furchtlos, ungestüm, immer etwas im Sinn. Er riss Vorhänge herunter, stieß Blumen um, kletterte in Schränke und verwandelte sie in Schlachtfelder.
Was hast du wieder angestellt, du Wirbelwind? tadelte Heike, doch ohne Ärger, mit einem Lächeln, das Wärme ausstrahlte. Fips schmiegte sich an ihre Beine, schnurrte, als wollte er sagen: Ich spiele nur, Mama!.
Schnee dagegen war das komplette Gegenteil majestätisch, wichtig, fast philosophisch. Er hatte das Küchenfenster zu seinem Thron erklärt und konnte stundenlang dort verweilen, das Treiben im Hof beobachtend. Manchmal miaute er, als würde er mit den vorbeiflatenden Vögeln reden oder die Nachbarskatzen belehren.
Tobi wurde zu Heikes unausweichlichem Schatten. Wohin Heike ging, folgte er. In das Bad und er war dort. In die Küche und er stand ihr zu Füßen. Legt Heike sich ins Bett und Tobi rollt sich sofort auf ihr Kissen.
Du klebst ja an mir, lachte Heike, streichelte ihm das Ohr.
Doch eines Morgens war etwas anders. Sie wachte und spürte sofort die Beklommenheit. In der Küche saß Schnee an seinem Platz, Fips rannte den Flur entlang, doch Tobi war nirgends.
Tobi! rief sie. Wo bist du, Kleiner?
Keine Antwort. Heike durchsuchte die ganze Wohnung unter dem Sofa, im Schrank, in der Waschmaschine. Nichts. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er die Treppe hinuntergerannt? Doch die Tür war verschlossen das Fenster! Sie eilte zum Fenster, doch es war fest verschlossen. Dann rannte sie nach unten in den Flur, hinaus in den Hof, inspizierte Keller, Dachboden, die Büsche am Zaun.
Tobi! Tobi! schrie sie verzweifelt, ignorierte die Nachbarn.
Durch das Fenster schaute Waltraud hinein:
Heike, was ist los?
Tobi ist weg! fast weinend, antwortete Heike. Ich weiß nicht, wo er hin ist!
Warte kurz, ich komme runter wir suchen gemeinsam!
Sie durchkämmten den gesamten Hof, spähten in jede Gasse. Heike stand kurz davor zu zerreißen. Schreckliche Szenarien liefen ihr durch den Kopf. Vielleicht hat ein Auto ihn erfasst? Oder jemand hat ihn aufgehoben?
Mach dir keine Vorwürfe, versuchte Waltraud zu beruhigen. Katzen sind schlau, Tobi wird gefunden.
Heike jedoch blieb unruhig. Zurück zu Hause prüfte sie erneut jedes Zimmer. Fips und Schnee saßen nebeneinander, als wüssten sie, dass ihre Besitzerin beunruhigt war.
Wo bist du nur, mein Kleiner flüsterte sie, ließ sich aufs Sofa sinken.
Da hörte sie ein leises, kaum hörbares Miau. Sie erstarrte, lauschte. Das Geräusch kam von oben. Heike richtete den Blick zum Kleiderschrank. Auf dem obersten Regal, hinter Kartons, kauerte ein schwarzer Klumpen.
Tobi! hauchte sie, Tränen sprangen ihr in die Augen. Wie bist du da hineingekommen, du Lausbub?
Der Kater miaute kläglich, zögerte vom Sprung nach unten. Heike stellte einen Stuhl, kletterte vorsichtig und befreite den zitternden Tobi. Sie drückte ihn an ihre Brust, streichelte seinen Rücken und flüsterte:
Du hast mich ja ganz schön erschreckt, du Dummkopf
Tobi schnurrte, stupste mit der Nase an ihre Wange, als wolle er um Verzeihung bitten.
In diesem Moment wurde Heike klar sie fürchtete nicht nur den Verlust eines Kätzchens. Sie fürchtete, wieder allein zu sein. Diese Kleinen waren zu ihrer Familie, zu ihrem Sinn, zu einem Teil ihres Herzens geworden. Fips sprang zu ihr, miaute, Schnee schnurrte zustimmend, und Tobi kuschelte sich an ihren Hals.
An diesem Abend fühlte Heike zum ersten Mal seit Langem, dass sie wirklich gebraucht wurde.
Danke euch, flüsterte sie, stellte die Wassernäpfe hin. Danke, dass ihr zu mir gekommen seid.
Jetzt begrüßt Fips sie an jeder Tür, wenn sie vom Markt zurückkommt springt, schnurrt, reibt sich an ihren Beinen. Schnee wacht über das Haus, wie ein treuer Wächter, beobachtet alles von seinem Fensterposten. Und Tobi, wie immer, bleibt ihr Schatten aufmerksam, ergeben, mit bernsteinfarbenen Augen, die ihr ganzes Leben widerspiegeln.
Wenn Heike traurig war, legte er sich neben sie, wärmte sie still. Wenn sie jubelte, schnurrte er lauter, als wolle er ihr Glück teilen.
Das Haus erwachte zum Leben. Heike stand nicht mehr auf, weil sie müsste, sondern weil sie wollte um ihre Jungen zu füttern, zu spielen, zu reden. Ja, sie sprach mit den Katzen und schämte sich nicht. Denn sie antworteten auf ihre Weise: ein leises Schnurren, ein leichtes Schwanzwackeln, ein zärtliches Miau.
In diesen stillen Dialogen erkannte Heike das Wichtigste sie war nicht mehr allein. Es gab jene, die sie brauchten, und solche, ohne die sie nicht mehr leben konnte.
Ein Jahr später stand Heike am Fenster, blickte in den Hof, wo einst drei durchnässte Kätzchen Zuflucht gefunden hatten.
Schnee, siehst du, wieder Regen, sagte sie zu dem weißen Kater, der schon hoch oben auf dem Fenstersims thronte.
Schnee miaute zurück, unverwandt den Blick auf das Glas gerichtet. Er war zu einem anmutigen Kater mit smaragdgrünen Augen herangewachsen ruhig, weise, wie ein professoraler Alter. Durch den Flur hallte ein Geräusch Fips kam mit einer Spielmaus im Maul angerannt. Immer noch ein Schelm, nun größer, flauschig wie ein frisch gepflückter Orangenbaum.
Hast du wieder alles umgekrempelt? lachte Heike.
Und zu ihren Füßen schnurrte Tobi schwarz wie Holzkohle, mit Augen, in denen ihr ganzes Gestern und Heute funkelten. Er wich nie weiter als einen Schritt von ihr weg.
Meine Lieben, hauchte Heike, beugte sich zu ihm.
Die Gartentür krachte Waltraud kehrte mit Luna zurück.
Heike! rief sie. Komm raus!
Heike lächelte, sah ihre tierischen Begleiter an.
Waltraud, du hattest recht, sagte sie leise. Sie haben mich gerettet.
Sie blickte nach oben, hauchte fast unhörbar:
Danke dir, mein Engel Wahrscheinlich hast du sie zu mir geschickt.
Draußen trommelte der Regen gleichmäßig auf das Fenstersims, doch im Haus herrschte Wärme und Ruhe. Heike schloss die Augen, lauschte dem beruhigenden Schnurren dem gleichen Klang, mit dem ihr neues Leben begonnen hatte.




