Wie du Beine ausstrecken kannst, das geht. Und wenn du Verantwortung übernehmen willst, besser das Kind abzulegen.

Lotte und ihr Mann Klaus freuten sich wie Kinder auf ihr erstes gemeinsames Baby das ersehnte, kleine Wunderchen. Neun Monate lang bewachte Klaus die schwangere Lotte, brachte ihr Frühstück und fuhr sogar zu den Vorlesungen an der Technischen Universität, um ihr den Alltag zu erleichtern.

Gerade wenn das Wetter glatt und vereist war, verbot er ihr, das Haus zu verlassen. Und kurz vor der eigentlichen Entbindung wurde er plötzlich in eine Dienstreise nach Frankfurt entsandt. Er hätte natürlich auch absagen können aber er hatte bereits fest vor, nach der Geburt die Arbeit zu kündigen, weil Lotte ja schließlich allein zu Hause blieb, während das Kind geboren wurde.

Die Wehen begannen, gerade als Jens Lottes bester Freund es noch schaffte, rechtzeitig zur Klinik zu kommen. Die Schmerzen waren kaum zu ertragen, und dazu fehlte Klaus’ beruhigende Stimme. Lotte hatte sich nie vorstellen können, dass das erste Kind so dramatisch ins Licht der Welt stolpern würde.

Das Baby kam gesund zur Welt, doch Lotte hatte plötzlich keine Lust, Klaus von diesem Wunder zu erzählen. Er soll doch später von fremden Leuten davon erfahren, dachte sie sich.

Lotte blickte um das Krankenzimmer. Gegenüber lag eine etwa vierzigjährige Frau, während an dem benachbarten Bett eine junge Studentin eifrig telefonierte. Direkt neben der Tür hockte eine weitere Frau, die leise weinend den Rücken zur Wand drehte.

Nach einer schier endlosen Anstrengung, die Lotte gerade erst im Kreißsaal hinter sich gebracht hatte, sackte sie erschöpft in ein blaues Kopfkissen mit einem dreieckigen Aufdruck und versank in einen tiefen Schlaf, als würde die Welt um sie herum verschwinden.

Wollen wir das Baby füttern? hörte Lotte plötzlich im Halbschlaf. Sie wirbelte überrascht auf.

Eine Krankenschwester stand neben der weinenden Frau, die den Rücken zur Wand gekehrt hatte.

Warum schweigst du? Nimm das Kind doch in die Arme! Sieh nur, wie hübsch es ist. Die Frau erstarrte, drehte sich aber nicht um.

Ihr könnt eure Beine ausstrecken, aber wenn ihr Verantwortung übernehmen wollt, dann ist es besser, das Kind nicht zu behalten. Die Krankenschwester, immer noch ein wenig erschöpft, verließ den Raum.

Erst dann meldete sich die vierzigjährige Frau zu Wort. Heike, so stellte sie sich vor, ließ die Tränen nicht zurückhalten:

Denkst du, ich wollte dieses Kind? Ich bin schon dreiundvierzig, mein Sohn ist verheiratet, meine Enkelin wird bald geboren. Und dann sowas Was soll ich jetzt machen? Das Kind ist unschuldig. Hätte ich es nicht gewollt, hätte ich es nie bekommen. Und jetzt? Soll das Kleine künftig in Kinderheimen leben? Hast du überhaupt darüber nachgedacht, wie es ihm gehen wird, wenn es gleich nach der Geburt im Stich gelassen wird?

Anke, die noch mehr weinte, ließ nun keine Tränen zurück. Sie schluchzte laut, als wäre ihr Herz gerissen.

Warum weinst du? Helfen die Tränen dir weiter? Nimm das Kind, füttere es und sei nicht töricht. fuhr Heike unbeirrt fort.

Vielleicht wurde es vergewaltigt? warf Alma ein, nachdem sie endlich ihr Handy weggelegt hatte. Oder es stammt von einem Verwandten, vielleicht sogar vom Stiefvater?

Lotte lauschte Ankes Geschichte und fühlte sich, als wäre sie schuld an dem ganzen Durcheinander. Hier war sie glücklich, ihr Mann zog sie an der Hand durch den Park, ihre Eltern liebten sie und trotzdem fand sie immer einen Grund, schlecht gelaunt zu sein.

Und hier war jemand, den niemand wollte. Und ein Kind, das gerade erst das Licht der Welt erblickt hatte, das noch nichts falsch gemacht hatte, aber jetzt von allen übersehen wurde.

Das Mädchen würde eines Tages verbittert heranwachsen, weil ihre Mutter Alkoholiker ist, weil ihr Mann ihr das Herz gebrochen hat, den sie versprochen hatte zu heiraten, und weil derjenige, der sie beschützen sollte, sie im Moment verließ, als er vom Kind erfuhr.

Keine Luftballons würden zum Geburtstag des Kindes schweben, keine Blumen für die Mutter. Die Mutter würde allein bleiben, das Kind völlig ohne Unterstützung.

Scham und Bedauern über die Fremden, die sie gerade erst kennengelernt hatte, ließen Lotte fragen:

Wenn du irgendwo hingehen musst, würdest du das Kind mitnehmen?

Anke sah sie an, als wäre sie verrückt:

Natürlich, das wird nie passieren. Sie nahm die Worte als Scherz, wandte ihr Gesicht wieder zur Wand und sprach kein weiteres Wort.

Einige Stunden später verkündete Lotte feierlich:

Sie und das Kind werden im Wohnheim wohnen. Meine Mutter ist die Aufseherin. Du wirst dort den Boden wischen, und sie geben dir ein Zimmer.

Ach, ich habe einen neuen Briefumschlag für die Entlassung, riss Alma vom Telefon. Ich rufe gleich Klaus an. Wir haben doch zu zweit, wozu brauchen wir so viel?

Ich bringe ein paar Sachen, sagte Natascha, von meiner Tochter nicht neu, aber gut erhalten. Ich habe sie gewaschen und gebügelt. Wir brauchen sie nicht, mein Sohn hat genug. Die Enkel bekommen neue Sachen, das ist alles.

Am nächsten Tag kamen Frauen aus anderen Zimmern vorbei, boten Dinge an: ein Kinderwagen, ein Bettchen, eine Decke.

Oh, ich habe nichts, sagte die junge Frau aus dem Nebenzimmer, ich könnte eine Mischung kaufen, falls die Milch nicht reicht.

Anke schluchzte laut, nicht mehr aus Verzweiflung, sondern aus Glück, das plötzlich über sie hereinbrach.

Ich gebe es her, ich verdiene es, murmelte sie. Und die Mütter strichen ihr tröstend über die Schulter und sagten:

Gib es jemandem, der es wirklich braucht.

Spät am Abend, kurz bevor sie einschlief, dachte Lotte darüber nach, wie gut alles gelaufen war. Alles würde gut werden für Anke. Sie würde noch einen würdigen Menschen treffen.

Und für ihr Kind würde alles in Ordnung sein. Sie würde jetzt mit ihrer Mutter zusammenleben. Was man sonst noch brauchen könnte?

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Homy
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