Hannelore Leonhardt wurde plötzlich krank. Keine ihrer Töchter hatte die Mutter besucht, solange sie im Bett lag. Nur ihre Enkelin Nathalie kümmerte sich um sie. Die Töchter tauchten erst näher zu Ostern auf. Wie immer kamen die ländlichen Leckereien, die Mama zubereitet hatte! Hannelore Leonhardt ging zum Tor, um die Töchter zu begrüßen. – Warum seid ihr gekommen? – sagte sie kalt. Die ältere Tochter Klara erstarrte vor Überraschung. – Mama, was hast du getan?! – keuchte sie. – Ach nichts! Alles, meine Lieben! Ich habe den ganzen Haushalt verkauft… – Wie? Und wir? – die Töchter verstanden nicht, was geschah.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als Adelheid Leonhard plötzlich vom Fieber befallen war. Keiner ihrer beiden Töchter Sigrun und Klara kam zu ihr, solange sie im Bett lag. Nur die Enkelin, die junge Therese, blieb an ihrer Seite und pflegte sie. Kurz vor Ostern tauchten die Töchter dann endlich wieder auf, wie jedes Jahr mit den üblichen ländlichen Leckereien, die ihre Mutter zubereitet hatte.

Adelheid schritt zur Tür, um die zurückkehrenden Töchter zu begrüßen. Warum seid ihr gekommen? fragte sie kühl. Die ältere Tochter Sigrun erstarrte vor Überraschung. Mutter, was soll das? schnappte sie. Adelheid lächelte nur und sagte: Ach, nichts, meine Lieben! Ich habe alles auf dem Hof verkauft Die Töchter blickten verwirrt. Wie? Und wir? sie konnten nicht fassen, was geschah.

Das Leben im kleinen Dorf Heidenhain war eintönig und trüb, sodass jedes Ereignis, das den grauen Alltag ein Stück weit aufhellte, zu einem großen Fest wurde. Doch als Therese, die Enkelin der ehemaligen Ladenchefin, im Dorf erschien, entbrannte ein richtiger Wirbel. Man erzählte, dass selbst die sensibelsten Frauen beim Anblick der jungen Frau erstarrten.

Ach, die Therese!, riefen die Dorfbewohner. Ein kluges Köpfchen! Sie hat alles im Handumdrehen erledigt! Jetzt können wir nur noch neidisch schauen!

Wahrlich, die meisten Dorfbewohner schauten mit offener Missgunst zu, wie Therese in ihrem glänzenden, neuen Geländewagen ein teurer MercedesGKlasse über die gepflasterten Wege des Dorfes fuhr. Das wenige Dorfvolk sammelte sich, um diesen historischen Moment festzuhalten. Die alten Frauen wischten sich mit Taschentüchern die Tränen der Rührung.

Ist das nicht wie ein Märchen von Aschenbrödel? flüsterte jemand. Genau das sollte geschehen! Schon seit ihrer Kindheit hat sie den Spitznamen Aschenbrödel getragen.

Therese durfte nun mit milder Hand über die Dorfbewohner blicken, die einst offen über sie spotteten. Sie bemerkte den örtlichen Musiker Paul Ingo und winkte ihm freundlich vom offenen Autofenster zu.

Paul Ingo, schön Sie zu sehen! Wie gehts? rief sie.

Mir gehts gut! Therese, komm doch zu uns ins Vereinsheim zur Probe!, rief Paul zurück.

Kommt gern vorbei!, rief Therese, bevor ihr glänzendes Gefährt um die Ecke verschwand und die Versammlung langsam zerstreute. Paul lobte sie herzlich: Du hast dein Ziel erreicht, junge Dame! Jetzt kommen unsere Ärzte an die Reihe.

Die alte Bäuerin Gertrud, die nebenan wohnte, fragte neugierig: Und was hat das damit zu tun?

Ach, Gertrud, heute werden viele Frösche im Dorf wütend sein! Das ist die Schwäche, die wir alle kennen! Hast du das gehört?, erwiderte Paul lachend. Gertrud winkte ab, machte das Kreuzzeichen und eilte zurück zu ihrem Haus. Paul nahm es nicht übel; die alte Frau sprach ohne Bosheit. Er seufzte, setzte sich auf die Bank vor dem Vereinsheim und fühlte, wie die Erinnerung an Therese ihn beflügelte.

In Therese Schicksal spielte der Dorfmusiker die Hauptrolle, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Das Mädchen war früh zur Waise geworden, als ihre Mutter verstarb und ihr Vater schon vorher die Familie verlassen hatte. Keiner der Verwandten wollte zusätzliche Lasten übernehmen, sodass Therese fast zwei Jahre im Heim lebte. Dann jedoch zog es Adelheid Leonhard in ihr Herz, und sie nahm die Enkelin auf.

Das Dorf sah Adelheids Tat positiv. Noch zu ihrer Zeit arbeitete sie, und die ehemalige Ladenchefin lobte ihr Handeln vor den Angestellten. Wenn doch jede so wäre wie Adelheid!, sagte man. Doch es gab auch kritische Stimmen.

Jetzt bekommt sie eine saftige Rente, und die gute Großmutter schürt nur ihre eigenen Hände. Glaubt ihr wirklich, dass in Adelheids Herz ein Funke Güte steckt? Sie ist doch sonst eine Harte!

Der Ruf der Ladenchefin war tatsächlich von dunklen Flecken überschattet. Sie betrog Kunden bei jeder erdenklichen Gelegenheit, doch niemand wagte es, sie zu konfrontieren, weil es unhöflich war, das Haus zu säubern. Trotzdem war Adelheid bei den Nachbarn wegen ihrer ständigen Streitereien berüchtigt. Sie behandelte nur ihre beiden Töchter und ihren Sohn den Arzt im Kreiskrankenhaus gut. Die Töchter lebten in der Hauptstadt, besuchten jedoch regelmäßig die Mutter, um Vorräte zu bringen.

Ihr kleiner Bauernhof war ein wahres Paradies: Dutzende Enten und Hühner, ein Stall voller Ferkel, die versuchten, den Ziegen die tägliche Futterration zu rauben. Auf zwei Hektar Land zog sie ihre Tiere und bewirtschaftete das Feld. Allein war das ein schweres Unterfangen, das Geld kostete. Deshalb erinnerte sie sich an ihre Enkelin.

Bei einer Mittagspause teilte sie ihren Plan mit ihrer Schulfreundin Sophie, die sie seit der Schulbank kannte.

Ich nehme Therese, damit sie nicht mehr in Pflegeheimen umherirrt. Die Leute werfen mir vor, ich hätte das Mädchen in ein Heim abgegeben, klagte Adelheid.

Sophie, die ebenfalls im Dorfladen arbeitete, stimmte zu: Richtig, Adelheid! Ich habe das gehört! Außerdem ist das Mädchen schon groß genug, um dir im Hof zu helfen.

Sophie, du hast mir die Idee gegeben! Während ich arbeite, wird Therese den Hof führen.

Und die Schule? Heutzutage haben die Kinder ein volles Programm Hausaufgaben bis spät in die Nacht, Musikkurse, Sportvereine antwortete Sophie.

Wir kommen ohne Vereine zurecht! Ich werde sie doch füttern!, widersprach Adelheid.

Therese war glücklich, denn sie erfüllte jede Aufgabe, die die Großmutter ihr gab, und das Dorf tauchte sie bald liebevoll Aschenbrödel genannt. Die meisten Dorfbewohner verurteilten Adelheid dafür, doch bald sprachen sie offen über sie.

Leonhard, fürchte Gott! Du darfst nicht so weinen, wenn du Therese ansiehst! Sie ist so dünn wie ein Strohhalm! Wie kannst du das zulassen? schimpften sie.

Adelheid erwiderte: Das geht euch nichts an! Schaut lieber in den Spiegel, bevor ihr euch über andere beschwert! Meine Enkelin arbeitet hart, wird die Schule beenden und Tiermedizin studieren.

Sie hatte den Lebensweg von Therese bereits geplant doch das Schicksal hatte andere Pläne. Eines sonnigen Sommertages kam eine neue Leiterin ins Dorfbüchlein, die frisch von der Kunsthochschule gekommen war. Maria Schiller war ihr Name, und sie hatte die Aufgabe, das Kulturhaus zu leiten. Sie durchstreifte das Dorf, um verborgene Talente zu entdecken, und brauchte nicht lange, um Paul Ingo zu finden, der bereit war, zu helfen.

Maria Schiller, ich bräuchte nur ein neues Instrument, und ich bin bereit, Großes zu leisten. Wir sind doch schon immer über die Felder gefahren, um die Stimmung der Landarbeiter zu heben!, sagte er.

Am nächsten Tag lud Maria ihn ein: Probier es aus, Ingo! Das Instrument ist nicht das Neueste, aber es funktioniert.

Paul nahm das Telefon und ließ fröhliche Melodien erklingen. Er stellte ein Chorensemble zusammen, doch es fehlte die wichtigste Stimme die Solistin. Er berichtete Maria darüber:

Maria, ohne Solistin ist unser Ensemble wie Bohnensuppe ohne Bohnen! Wo finden wir ein junges, kräftiges Talent?

Maria dachte kurz nach und lächelte dann: Ich weiß, wo wir suchen! Auf gehts, nimm das Instrument mit!

Im Dorfschulgebäude wurde ein ungewöhnlicher Vorspieltag veranstaltet. Junge Talente standen in einer Reihe und warteten gespannt auf die Beurteilung ihrer Gesangsfähigkeit. Therese meldete sich mutig.

Therese, lass den Kopf nicht hängen! Du singst gut, das habe ich gehört! ermutigte die Lehrerin.

Therese weinte fast:

Frau Anneliese von Braun! Ich kann jetzt nicht, ich muss nach Hause! Meine Großmutter wird wütend!

Ich verspreche, es wird nicht passieren! Ich spreche mit deiner Großmutter! Stell dir vor, das Schicksal schenkt dir jetzt ein Gewinnlos.

Therese sah die Lehrerin an, Angst und Sehnsucht zugleich in den Augen.

Gut, ich mache mit! Aber bitte, schnell.

Therese zeigte ihr ganzes Repertoire. Sie liebte das Singen, obwohl ihr Publikum meist Schweine und Zicklein war und die Vögel im Feld ihr beim Arbeiten zur Seite sangen. Ihr Programm bestand aus Volksliedern und Schlagerstücken, jedes mit Herzblut vorgetragen.

Maria platzte vor Begeisterung: Ein Naturtalent! So rein und klar singt sie, dass sie keinen Ton verfehlt!

Nach einem ernsten Gespräch mit den Lehrern musste Adelheid Leonhard Thereses Pflichten etwas reduzieren. Die Großmutter war sehr betrübt, dass ihre Enkelin nun auch Auftritte haben könnte. Sie teilte ihre Sorgen mit Sophie.

Was soll das jetzt heißen, dass ich Therese nur noch füttern soll? Jetzt wird sie zu Konzerten gerissen, und ich soll das mit meiner bescheidenen Rente stemmen?

Aber du bekommst Unterstützung für die Enkelin!

Welche Unterstützung? Kleidung, Schuhe? Ich dachte, sie soll im Sommer auf dem Hof arbeiten, ein bisschen Geld verdienen! Was bringt mir das alles?

Sophie träumte: Stell dir vor, in zehn Jahren wird Therese eine berühmte Künstlerin sein! Sie wird im Fernsehen zu sehen sein, ihre Bilder in Zeitungen glänzen.

Und was bringt mir dieser Ruhm? Ich muss meine Kinder versorgen, den Hof führen, und dafür gibt es niemanden!

Sophie sah Adelheid mit neuem Respekt an: Die Leute sagen, du bist die böse Stiefmutter aus dem AschenbrödelMärchen! Sieh dir das Mädchen an jeden Tag müde, doch voller Kraft.

Das Gespräch riss das alte Band zwischen den Freundinnen, und Adelheid verlor ihre einzige Verbündete. Der Aufstieg der jungen Künstlerin ging rasch weiter. Mit dem Ensemble tourte Therese durch alle Dörfer des Kreises, sang für Maschinisten und Melkerinnen. Beim Landeswettbewerb gewann sie den ersten Preis, doch der kurze Ruhm änderte nichts an ihrem Wesen. Sie behandelte ihre Großmutter weiterhin fürsorglich, und als Adelheid plötzlich wieder schwer erkrankte, verließ sie ihr nie das Bett.

Keiner der Töchter kam während dieser Zeit zu ihr. Wie jedes Jahr um Ostern kehrten sie zurück, brachten wieder die vertrauten Dorfleckereien. Adelheid ging zur Schwelle, um sie zu empfangen.

Warum seid ihr gekommen? fragte sie kühl.

Sigrun, die ältere Tochter, war fassungslos.

Mutter, was soll das? schrie sie.

Nichts, meine Lieben! Ich habe den ganzen Hof verkauft

Wie und wir? riefen die Töchter, die Münder offen vor Erstaunen.

Geht doch zum Laden und kauft euch, was ihr braucht! Ich habe keine Kraft mehr, das alles zu tragen!

Und Therese, was ist mit ihr?

Da platzte Adelheid beinahe.

Therese ist keine Dienerin und muss nicht für euch arbeiten! Als ich krank war, wart ihr nicht hier! Ihr kommt nur, wenn ihr etwas braucht! Das wird nicht mehr so weitergehen! Ich will meinen Lebensabend in Frieden genießen! Und Therese sie soll lernen, vielleicht wird sie wirklich Künstlerin!

Die Schwestern fuhren ohne etwas zu bekommen davon, und Adelheid machte sich auf den Weg zu Sophie.

Danke, meine Freundin, dass du mir die Augen geöffnet hast! Ich hätte beinahe das Leben meiner Enkelin ruiniert. Hilf mir jetzt, das Fleisch zu verkaufen!

Welches Fleisch, Adelheid?

Alles. Nur die Ziege lasse ich für mich.

Richtig so! Und deine Töchter?

Nichts! Ich habe ihr alles weggegeben. Sie nehmen nur, was sie brauchen, und ich habe keine Hoffnung mehr für sie

Jahre später erschien Therese kaum noch in Heidenhain, doch sie rief ihre Großmutter häufig an und schickte Geld. Die ständigen Auftritte und Lehrtätigkeiten fraßen ihre Zeit, sodass ein Wochenende im Heimatdorf selten wurde. Eines Tages hörte man im hinteren Sitz des Autos ein leises Schnaufen, dann die schläfrige Stimme des Enkels Max.

Mama, kommen wir bald zu Oma?

Kind, wir sind schon da! Und die Oma begrüßt uns!

Trotz ihres Alters hielt Adelheid tapfer durch. Sie nahm den Enkelgatten in die Arme und küsste ihn.

Du mein Sonnenkind! Ich dachte, ich sehe diesen Tag nie mehr!

Vorsichtiger küsste sie später Therese, um ihre Frisur nicht zu zerstören.

Ich sah eure Konzerte im Fernsehen, und du bist die Schönste!

Therese umarmte die Großmutter.

Du übertreibst! Ich singe nur ein wenig.

Nein, schäm dich nicht, du bist eine echte Künstlerin!

Ohne dich und Onkel Paul hätte ich nichts erreicht! Ich wäre nur Aschenbrödel geblieben!

Im Märchen verwandelte die Fee den Kürbis in eine Kutsche und schickte den Prinzen Du hast deine Zukunft selbst mit deinen Händen gebaut.

Therese vergaß für einen Moment das alte Rollenbild, legte ihre Hände auf Adelheids Schulter, und Tränen flossen. Adelheid bat um Verzeihung, doch die Enkelin hatte längst die alten Vorwürfe vergessen. Für sie zählte einzig, dass sie einen geliebten Menschen hatte, den sie pflegen konnte. Die Erinnerung an diese lange, bewegte Geschichte bleibt in den Herzen derer, die sie erlebt haben.

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Homy
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Hannelore Leonhardt wurde plötzlich krank. Keine ihrer Töchter hatte die Mutter besucht, solange sie im Bett lag. Nur ihre Enkelin Nathalie kümmerte sich um sie. Die Töchter tauchten erst näher zu Ostern auf. Wie immer kamen die ländlichen Leckereien, die Mama zubereitet hatte! Hannelore Leonhardt ging zum Tor, um die Töchter zu begrüßen. – Warum seid ihr gekommen? – sagte sie kalt. Die ältere Tochter Klara erstarrte vor Überraschung. – Mama, was hast du getan?! – keuchte sie. – Ach nichts! Alles, meine Lieben! Ich habe den ganzen Haushalt verkauft… – Wie? Und wir? – die Töchter verstanden nicht, was geschah.
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