Liebes Tagebuch,
heute war ein Tag, an den ich mich noch lange erinnern werde. Ich, ViktorSchneider, steuerte unser kleines Motorboot über die ruhige Oberfläche der Ostsee, nicht weit von der Halbinsel Rügen entfernt. An Bord saßen ein paar Berliner Urlauber, die begeisterte Angler waren und ihre Ruten voller Hoffnung ins Wasser streckten. Die Sonne strahlte klar, ein leichter Wind küsste die See, und die Fische schienen besonders beißfreudig zu sein.
Plötzlich rief einer der Gäste und deutete hinaus: Viktor, da schwimmt etwas! Ich blickte nach vorn, versuchte das Ferne zu erfassen, und murmelte: Sieht aus wie ein Vogel nein, das ist seltsam. Als wir näher kamen, erstarrten alle. Auf der Wasseroberfläche kämpfte ein rotbrauner Kater verzweifelt ums Überleben. Er war völlig durchnässt, zitternd und sah aus, als hätte er die letzten Kräfte.
So ein Pech!, schüttelte ich den Kopf. Wie kommt er denn hierher? Der Strand ist anderthalb Kilometer entfernt! Ein Tourist spekulierte: Vielleicht ist er vom Boot gefallen. Ein anderer fügte hinzu: Oder die Strömung hat ihn mitgerissen. Der Kater jaulte kläglich und versuchte, zum Boot zu schwimmen, doch seine Kräfte schwanden immer mehr.
Ich rief die Männer zusammen: Leute, die Angel wartet, aber wir müssen den Kerl retten. Mit dem Schleppnetz fing ich den erschöpften Kater ein. Das war kein leichtes Unterfangen er zuckte, kratzte, schüttelte sich von einer Seite zur anderen. Doch schließlich schafften wir es, ihn behutsam ins Netz zu legen und an Bord zu holen.
Der arme Kerl ist völlig ausgemergelt, seufzte ich, während ich den zitternden Kater in meine alte Jacke wickelte. Wie lange hat er wohl schon im Wasser verbracht? Er kuschelte sich in eine Ecke des Decks, sein nasses Fell stand wirr ab, die Schnurrhaare zuckten.
Eine der Begleiterinnen der Touristen, Heike, meinte gerührt: Wie niedlich, und dazu noch so jung. Ich dachte daran, dass er zum Tierarzt gebracht werden müsse: Wir sollten ihn untersuchen lassen, bevor er noch mehr Wasser geschluckt hat. Der Tierarzt, Dr.Klein, stellte fest: Er ist zwar ausgemergelt und dehydriert, aber gesund. Zehn Tage Ruhe, und er wird wieder wie neu sein.
Ich fragte, ob man den Besitzer ausfindig machen könnte. Dr.Klein meinte, wir könnten eine Anzeige schalten, doch das Tier wirkte eher wie ein Streuner. Also nahm ich den Kater mit nach Hause. Meine Frau Gisela begrüßte den neuen Gast mit einem Lächeln: Ach du meine Güte, wie mager! Wir geben dir jetzt ein schönes Zuhause!
Die ersten Tage verbrachte er versteckt unter dem Sofa, kam nur zum Fressen heraus und erkundete langsam unser Haus. Nach einer Woche schnurrte er, sobald Gisela ihm sanft den Rücken kraulte. Ich sagte zu ihr: Vielleicht behalten wir ihn? Ich bezweifle, dass die Besitzer hier auftauchen. Gisela nickte: Ich habe schon lange von einem Kätzchen geträumt. Wie sollen wir ihn nennen?
Glückspilz, antwortete ich sofort. Nicht jeder schafft es, aus der freien See gerettet zu werden. Der Kater, der den neuen Namen hörte, hob den Kopf und miaute laut, als wolle er zustimmen.
Ein Monat verging, und Glückspilz war fest Teil unserer Familie geworden. Er erwartete mich am Ausgang, schnurrte auf Giselas Schoß und bettelte gekonnt um ein Stück Fisch in der Küche. Doch das Wasser mochte er nach wie vor nicht er schlich nur vorsichtig zu seiner Schüssel.
Gisela erzählte den Nachbarn: Er hat wohl ein Trauma, nach so einem Erlebnis. Die Nachbarin, FrauLiselotte, überlegte: Vielleicht ist das Schicksal, das uns diesen kleinen Kerl gebracht hat. Ich strich ihm liebevoll über das Ohr: Vielleicht stimmt das. Gut, dass wir an diesem Tag fischen gegangen sind, sonst wäre er vielleicht nie zu uns gekommen. Er schmiegte sich an meine Hand und schnurrte zufrieden, als würde er sagen: Alles wird gut. Ich bin jetzt bei euch für immer.
Wir beide, Gisela und ich, nickten still im Einverstand. Manchmal bringt ein rechtzeitiges Helfen das unerwartet größte Glück. Oft erscheint das Rettende dort, wo man es nicht sucht, und das Schicksal schwimmt einem entgegen. Entscheidend ist, den Moment zu ergreifen, wenn jemand oder etwas Hilfe braucht.
In solchen Augenblicken dringt Neues, Unverhofftes in das eigene Leben ein. Und auch wenn der Anfang beängstigend war, entstehen die stärksten Bande gerade in schwierigen Zeiten.
Bis morgen,Viktor.





