Heike, willst du heiraten?
Und du? ich schob die Hand des draufgängerischen Fritz Zott beiseite, und Heike reagierte prompt auf die Frage. Fritz lachte, zeigte frech seine Zähne und musterte die üppigen Rundungen von Heike Aghapova.
Was, bist du ja einverstanden? Fritz streckte die Hand nach Heike aus. Sonst gehen wir gleich zum Heulager gib mir wenigstens Halt
Heike zögerte keinen Moment, packte Fritz und stieß ihn in ein Brombeerbüschel. Er landete dort wie ein Hubschrauber, wackelte komisch mit den Armen. Ein lautes Gelächter erschallte im Dorfverein, wo die Jugend versammelt war.
Hey du, Püppchen, Fritz kletterte aus dem Gestrüpp, wischte sich den weichen Rücken und spuckte spöttisch vor Heikes Füßen, glaubst du, die lachen über mich das lachen über dich
Heike wandte den Blick ab, verkniff die Lippen. Ihre Freundin Katrin legte ihr die Hand auf die Schulter. Ach, Heike, kennst du Fritz nicht? Er will nur ein Grinsen rausholen.
Heike lächelte. Sie wollte nicht weinen das war ihr schon zu gewohnt. Und sie verstand: Katrin beruhigte leicht, ihr Püppchen nannte man nicht, sie war zwar ein kräftiges Mädel, doch neben Heike wirkte sie wie ein zarter Weidenzweig.
Lass uns gehen, der Film fängt gleich an, rief Katrin, und wir gingen zusammen mit den anderen in die Halbdunkelheit des Dorfsclubs.
Behutsam ihr Kleid zurechtziehend setzte ich mich auf die knarrenden Holzbank des Clubs aus den späten sechziger Jahren. Der Komfort war gering, doch das Filmvergnügen bot reichlich Freude.
Heike seufzte, als sie die schlanken Heldinnen des Films betrachtete.
Ihre ältere Schwester Maria unterschied sich deutlich in der Statur. Das lag an dem Vater er und seine Verwandtschaft waren schmal wie ein Krückstock. Auch ihr jüngerer Bruder Klaus war dünn wie ein Streifen. Die Mutter dagegen war rundlich, und Heike hatte diese Figur von ihr geerbt. Doch das hinderte Elisabeth, Heikes Mutter, keineswegs. Sie ging flink durchs Leben, schien nie müde zu werden, und mit dem Vater kam sie gut zurecht. Man könnte sagen, sie passten zusammen wie ein Paar: er schlank und hochgewachsen, sie voll und wendig, und trotzdem sprach man vom schwarzen und weißen Schuh.
Heike seufzte und dachte, dass sie im eigenen Dorf keine passende Partie finden würde und auch sonst nicht.
Am Sonntag luden die Mädchen Heike ins Rathaus, denn ein Lastwagen mit einer kleinen Hütte sollte gleich ankommen, und wir würden dort sitzen, auf Holzbänken, die über die holprigen Wege wackelten wie ein springender Ball.
Der Weg führte uns bis zum Rathaus, zum Ratshaus und zum sonnendurchfluteten Platz, wo aus den Lautsprechern Musik für die ganze Umgebung dröhnte. In der Nähe stand ein Fass mit selbstgebrautem Apfelwein die Mädchen rannten darauf zu, standen da, lachten, die Sonne blendete sie, und sie genossen den Sommertag.
Schau mal, was für ein Mädel, hörte ich Heike sagen. Und sie dachte, das sei nicht über sie, doch ihre Freundinnen nannten sie oft unsere Püppchen. Sie drehte sich um, um zu prüfen, ob es wirklich nicht über sie war, und sah zwei junge Männer unter einem Baum im Schatten. Einer war nachdenklich, vertieft in seine Gedanken, der andere blickte spöttisch zu Heike, musterte sie von Kopf bis Fuß und schubste seinen nachdenklichen Freund zur Seite.
Heike ging zu den Freundinnen sie wollte den stechenden Blicken entkommen, wusste, dass solche Blicke nur zwicken oder gar festhalten wollten, um dann zu spotten.
Mädchen, schaffen wir es noch rechtzeitig zu den Tanzveranstaltungen? rief Nina.
Der Abend ist schon spät wann gehen wir nach Hause?
Wir schaffen das! Onkel Karl hat versprochen, uns aus dem Kulturhaus abzuholen. Also, geht ihr mit oder nicht?
Wir gehen!
Tanzen im Gemeindehaus war nicht dasselbe wie im Club, wo alle unverheiratet waren. Die Musik bestand meist nur aus einer Ziehharmonika.
Doch hier gab es das stolze Gebäude mit weißen Säulen, viele Leute, andere Musik, und sogar ein Orchester aus der Region, das jedoch nur zu Festen kam.
Heike blickte zustimmend auf den blauen Rock, froh darüber, dass sie ihn gewählt hatte, und rannte den Mädchen hinterher, um nicht zurückzubleiben.
Natürlich würde sie nicht eingeladen werden das wusste sie. Doch die Mädchen wirbelten fröhlich herum, lachten, tanzten.
Sie stand an einer Wand, und es schien, als würde jemand sie beobachten. Warum nicht? Ihre braunen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten, ihre Stupsnase und rosigen Wangen, und wer in ihre Augen sah, konnte die Wärme und die verborgene Hoffnung auf ihr Glück erkennen.
Vielleicht tanzen wir ja doch warum warten?
Der junge Mann, der neben dem Spötter stand, war sofort wiederzuerkennen.
Darf ich? nickte sie.
Er war einen Kopf größer als sie, still, und fragte dann: Wie heißt du?
Heike, Heike.
Ich bin Stefan.
Woher kommst du?
Aus Kleinwalde.
Ach so, das ist ja ganz nah.
Wo wohnst du jetzt?
Hier, in diesem Dorf.
Und vorher?
Ich war in der Stadt, habe dort studiert und gearbeitet.
Er bot ihr den Weg zum Auto an, wollte etwas sagen, fand jedoch kein Wort. Heike dachte nur: Er war langweilig, deshalb kam er zu ihr.
Ich sehe, du hast dich um das Mädel gedreht, sagte sein Freund Jürgen.
Warum nennst du sie so? Sie hat doch einen Namen, erwiderte Jürgen lächelnd: Heike.
Oh, Stefan, du bist wohl verliebt
Warum gleich verliebt? Sie ist einfach nett, hübsch und wirkt sehr freundlich
Stefan, nimm’s locker, das war nur ein Scherz. Aber ernsthaft, willst du dich wieder treffen oder bleibst du allein?
Ich bin nicht allein, ich habe Lena und Felix, die muss ich versorgen. Und ein Mädchen warum ein Mädchen fremde Kinder? Meine eigenen werden es schon geben.
Stefan strich sich durch das dunkle Haar, verabschiedete sich von Jürgen und ging heim.
Er war hier aufgewachsen, zum Studium weggezogen. Seine Mutter hatte mit zwei kleinen Kindern immer geholfen, was sie konnte. Vor einem Jahr verstarb seine Mutter. Als Stefan das erfuhr, kehrte er zurück, und seine Schwester und sein Bruder kamen zu ihm: Der siebenjährige Felix umarmte seine Knie, die zehnjährige Lena ergriff seine Hand und wollte ihn nicht loslassen.
Dann kam Tante Else, eine Freundin seiner Mutter, laut rufend, bemitleidete die Waisen. Sie wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch ab und sagte zu Stefan: Du musst heiraten, Stefan. Du bist jetzt der Ältere, der Versorger Du solltest eine Frau mit Kind heiraten, damit ihr gleichberechtigt seid. Ich kenne da jemanden Sigrun Kudr, ihr Sohn ist etwas jünger als Felix, das passt dir gut. Sie wohnt nicht weit von hier.
Ich kenne sie, sagte Stefan, aber das ist nicht mein Weg. Und Sigrun ist nicht das, was ich suche.
Nun, Stefan, du hast keine Wahl, das Mädchen wird dich nicht heiraten. Denk doch nach, warum sie nicht an dir hängen will, wenn du ihr das Leben erleichtern könntest
Das ist nicht gut, erwiderte Stefan, ich will das nicht.
Er schwieg, um keinen Streit zu beginnen.
Auf dem Heimweg dachte er immer wieder an das Gespräch. Er wünschte, dass die Frau aus Kleinwalde an seiner Seite wäre. Als sie am Auto wartete, sah sie zu ihm hin, hoffte vielleicht ein Wort, eine Einladung, ein Versprechen Doch Stefan schwieg. Er wagte es nicht. Sie war noch unverheiratet, warum sollte sie fremde Kinder wollen? Und für Stefan waren seine Schwester und sein Bruder wie Familie er würde sie nie im Stich lassen.
Heike erinnerte sich immer wieder an den schüchternen Blick des grauenaugigen jungen Mannes. Sie wusste nichts über ihn, doch sie wollte ihn sehen. Nun ja, dachte Heike, während sie in den Spiegel schaute, ein Mädel, das ist ein Mädel. Katrin nennt mich manchmal liebevoll ‘unsere Püppchen’, aber es bleibt bitterlich.
Am nächsten Sonntag riefen die Mädchen wieder ins Gemeindehaus, doch Heike lehnte ab. Was soll ich dort tun?, dachte sie und erinnerte sich an Stefan. Wenn er mich doch nur gerufen hätte
Ab Montag war die Feldarbeit wieder viel, die Mädchen erschöpft ließen sie sich ins Gras fallen, manche setzten sich, andere legten sich hin.
Heike, ich habe es ganz vergessen, eilte Natalia zu ihr, setzte sich neben sie und flüsterte: Der Kerl, der beim Tanz letzte Woche war, will dich am nächsten Sonntag wiedersehen. Das Orchester kommt, er ruft dich.
Mich?
Ja, dich. Er kam schon vorbei und fragte, warum du nicht gekommen bist.
Dann fahren wir alle hin.
Wir fahren alle, aber er wartet nur auf dich.
Heikes Wangen wurden rot. Zuerst freute sie sich, dann dachte sie: Vielleicht will er mich wie Fritz Zott zum Heulager locken, oder nur ein bisschen spielen.
So verbrachte sie die Woche.
Sie gingen nicht zum Platz und auch nicht zum Tanz. Allein mit Stefan fanden sie im schattigen Garten eine Bank.
Ich wollte dich schon wiedersehen, gestand Stefan, nervös an seiner Mütze zupfend. Ich dachte, du willst nicht vielleicht hast du schon einen Verlobten?
Ich habe keinen Verlobten.
Und ich habe keine Braut, sagte er verlegen. Aber ich habe Kinder.
Heike starrte ihn erstaunt an: so jung, und doch Kinder
Meine kleine Schwester und mein Bruder, zehn und sieben Jahre alt. Der Vater ist tot, meine Mutter ebenfalls. Jetzt bin ich ihr Ältester. Er sah ihr in die Augen, als wolle er sagen: Das bin ich. Deshalb habe ich dich damals nicht gerufen ich mochte dich einfach.
Und ich mag dich, flüsterte Heike.
Dann dachte ich, ich sags gleich, sonst tut es später noch mehr weh Du weißt jetzt alles über mich.
Hat sich etwas geändert? fragte Heike. Du hast mir damals gefallen, heute noch.
Stefan zog sie zögerlich, aber mit Spannung an sich, umarmte Heike vorsichtig. Seine Worte kamen verworren: Heike, meine Kinder, Lena und Felix, hören auf mich sie werden groß, eigene Familien haben, das verspreche ich dir, das ist kein Knoten um den Hals
Was für ein Knoten? Das sind doch deine Kinder
Im Herbst räumte die Familie Aghapova gemeinsam den Garten auf, und am Abend wurde es kühl, sodass das Feuer im Ofen im Haus angeheizt werden musste. Heike stand am heimischen Ofen in ihrem blauen Kleid und blickte auf die Uhr.
Elisabeth seufzte und sagte: Nun, mein Sohn, die mittlere Tochter wird heiraten. Der junge Mann ist gut, hat nur Kinder
Der Vater, trommelnd mit den Fingern auf den Tisch, sah zu seiner Frau. Bei so einem Mann, auch wenn er Kinder hat, wird unsere Heike nicht verloren gehen. Sie wird aufstehen und selbst Kinder haben.
Auf gehts! rief Elisabeth. Die Braut wird zu uns kommen.
Heike ließ den Ofen hinter sich, wie ein Blatt vom Baum, vergaß ihren Mantel und sprang nach draußen, um den Bräutigam zu empfangen.
Die kleine Schwester Lena und der Bruder Felix liefen zu Heike, packten sie an den Händen. Keine Worte nötig, ihr Blick sagte alles. Sie haben Stefan, und jetzt auch Heike.
Lasst Heike los, lachte Stefan, ich will sie nur umarmen.
Ja, das ist das Rezept Bräutigam und Braut! riefen die Kinder, und gemeinsam gingen sie ins Haus. Heike vergaß, wie sie früher genannt wurde, ob aus Spaß oder Ärger, und würde das kaum noch erinnern, es sei denn, jemand flüstert liebevoll: Püppchen.




