Ich bin nach über dreißig Jahren in meine Heimatstadt zurückgekehrt. Sie wirkte kleiner, als ich mich erinnerte, und zugleich seltsam vertraut. Ich schlenderte dieselbe Allee entlang, die ich als Jugendliche oft benutzt hatte.
Ich setzte mich auf dieselbe Bank, auf der ich einst auf ihn gewartet hatte. Und dann, an einem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen, sah ich ihn. Eine Zeitung unter dem Arm, derselbe markante Schnurrbart, den er schon als junger Mann getragen hatte. Unsere Blicke trafen sich, und wir erstarrten beide.
Es war genau diese Bank. Und er war jener junge Mann, der einst nicht zum Treffen erschien, das alles hätte verändern können. Ich war siebzehn, völlig verknallt, und seitdem hatte ich nie wieder so lange gewartet.
Eine Stunde. Zwei. Und dann stand ich auf, sagte niemandem ein Wort und ich hörte nie wieder von mir. Er ebenso. Ich dachte, er habe vergessen, dass es für ihn nur ein Belangloses war. Doch jetzt, als ich ihm in die Augen sah, wusste ich, dass er sich erinnerte.
Entschuldige, dass ich damals nicht kam, sagte er, bevor ich mich überhaupt vorstellen konnte. Du wirst es nicht glauben, aber meine Mutter lag damals im Krankenhaus. Es gab kein Handy, keine Möglichkeit, dich zu warnen.
Wir begannen zu reden über jenen Sommer, über das Leben, das jeder von uns danach aufgebaut hatte. Er hatte eine Frau, die vor einigen Jahren verstorben war, und zwei erwachsene Kinder. Ich war nach der Scheidung mit meiner erwachsenen Tochter, die im Ausland lebte. Keiner von uns hatte dieses Gespräch gesucht, doch einmal begonnen ließ es sich nicht mehr stoppen.
In den folgenden Tagen trafen wir uns täglich. Kaffee in derselben Konditorei, Eis vor dem Rathausturm, Spaziergänge im Stadtpark. Nichts Besonderes, doch es fühlte sich an, als holten wir nach, was einst abrupt beendet worden war. Er war aufmerksam, zärtlich, stellte Fragen, die lange niemand gestellt hatte. Und ich lächelte wieder, wie damals, vor vielen Jahren.
Meiner Tochter erzählte ich erst nach einer Woche. Ich rief sie an und sagte: Ich glaube, ich habe mich verliebt. Zuerst dachte sie, ich mache Scherze. Dann fragte sie: Aber wie das nach all den Jahren?
Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte. Wie erklärt man etwas, das einfach passiert? Wie erklärt man, dass ein Herz, das schon so viel erlebt hat, noch zu zittern vermag?
Nach einem Monat, den ich in meiner alten, nun neuen Stadt verbrachte, fragte ich mich, ob ich wirklich bleiben wollte. Ich mietete eine kleine Wohnung. Er bot seine Hilfe beim Einrichten an trug Kartons, schraubte Lampen ein, erzählte Anekdoten aus seiner Jugend. Und eines Abends blieb er einfach zum Essen. Und dann übernachtete er.
Heute sind drei Monate vergangen seit jenem ersten Treffen. Drei Monate, die mir zeigten, dass das Leben nicht endet, wenn die Kinder erwachsen werden, wenn der Ehepartner geht oder die Haare grau werden.
Sind wir ein Paar? Ja, aber ohne große Geständnisse. Wir verbringen einfach Zeit miteinander. Manchmal halten wir Händchen, manchmal schweigen wir nebeneinander. Das Wichtigste: Ich fühle mich nicht mehr allein.
Und die Bank? Sie steht noch immer dort. Und wenn wir darauf sitzen, lachen wir, dass es sich gelohnt hat zu warten selbst dreißig Jahre.





