Als ich geheiratet hatte, fing ich plötzlich an, an die Tür zu klopfen
an meine eigene Wohnungstür.
Genau die Tür, die ich seit dem ersten Tag, an dem ich eingezogen war, immer mit dem Schlüssel aufschloss.
Natürlich hatte es einen Türklopfer, aber ihn benutzte fast niemand.
Meine Mutter hatte noch ein paar Ersatzschlüssel, doch sonst kam niemand zu mir.
Ich kam erst abends nach Hause. Die Nachbarn waren sich sicher, ich arbeite als Damen-zuRufBegleiterin.
Ich tauchte spät auf und die Männer brachten mich nach Hause.
Die Männer waren übrigens ganz unterschiedlich
einige Taxifahrer, manche Lieferanten.
Ich selbst war Redakteurin für Ausflüge. Müde von der Arbeit krabbelte ich nach Hause, ließ mich mit dem Gesicht in das Bett fallen.
Welche Kunden? Ach, das war doch nur Gäste, wenn man es nicht nennen will.
Ich gewöhnte mich daran, dass zu Hause niemand auf mich wartete.
Niemand musste die Tür öffnen höchstens die Katze, aber die konnte das auch nicht.
Darüber ärgerte ich mich nicht einmal, um ehrlich zu sein. Ich nahm es gelassen und freute mich heimlich: keine Überraschungen, Ruhe und Frieden. Was will man mehr?
Dann heiratete ich und entdeckte ein weiteres Vergnügen: das Klingeln an der Tür.
Mein Mann arbeitet von zu Hause, also rief ich jedes Mal, wenn ich zurückkam, die Klingel. Manchmal mehrmals am Tag.
Klingeling, Klingeling, Klingeling.
Warum störst du ihn bei seiner Arbeit?, schimpfte meine Mutter. Du hast doch Schlüssel!
Du verstehst das nicht, sagte ich. Es ist das Gefühl, wenn jemand die Tür für dich öffnet.
Ich log ein wenig. Es war nicht nur ein Vergnügen, es war pure Glückseligkeit.
Zu wissen, dass hinter dieser Tür jetzt jemand auf dich wartet.
Klingeling, Klingeling, Klingeling.
Die Schritte zu hören, den Schlüssel im Schloss drehen zu sehen, das Knacken des Türgriffs
Klingeling, Klingeling, Klingeling.
Das Leuchten in den Augen, das Lächeln, das Bewusstsein, dass jemand dich wirklich vermisst, selbst wenn du nur Brot holen gehst.
Klingeling, Klingeling, Klingeling.
Wenn du lange nicht allein wohnst, erkennst du erst, worauf das anspielt.
Manchmal öffnete mein Mann die Tür ganz gelassen, nahm meine Tasche, half mir beim Ausziehen des Mantels, umarmte mich und strich mit seiner leicht rauen Bartstoppeln über meine Wange.
Manchmal war er im Aufruhr, hängte in einem SkypeMeeting, machte dramatische Handzeichen, gab mir einen schnellen Klaps auf die Nase und rannte wieder zurück zur Arbeit.
Doch das änderte nichts. Ich war begeistert, wie ein Kind, das endlich sein Eis bekommt.
Das Wichtigste: Er hat nie einmal die Stimmung verpatzt, nie zickig reagiert und nie gefragt:
Hast du die Schlüssel vergessen?
Er wusste, dass es nicht um Schlüssel ging.
Und so war es, und so bleibt es, und so wird es bleiben.
Ich wünsche euch für das neue Jahr nur zwei Dinge Gesundheit und dass zu Hause immer jemand auf euch wartet.
Den Rest könnt ihr euch selbst erträumen und erreichen.
Da bin ich mir sicher.
© Anna Schmidt.





