Damit kein Katzengeist bleibt oder Sie die Wohnung räumen, brüllte die Vermieterin.
Das Zimmer, das ich für Klara gemietet hatte, war klein, aber hell. Die Möbel waren alt, aber solide. Die Vermieterin, Frau HeleneSchröder, warnte gleich zu Beginn:
Ich bin ein strenger Mensch. Ordnung, Sauberkeit und Ruhe bedeuten mir alles. Wenn etwas nicht stimmt, sagen Sie es sofort, halten Sie nichts zurück.
Klara nickte nur. Sie wollte einfach nur friedlich übernachten, ohne Nachbarschaftsstreit und lautes Gelächter. Nach den lauten Wohngemeinschaften am Stadtrand, wo die Nachbarn nie nachließen, wirkte das wie ein Himmel auf Erden.
Sie ließ sich nieder, wir machten uns vertraut. Frau Schröder war nicht böse, nur verschlossen und schweigsam. In ihren Augen lag ein immerwährender Groll gegen die Welt, gegen die Menschen, vielleicht gegen das Leben selbst.
Klara bemühte sich, nicht zu stören. Sie kochte früh morgens, wenn die Vermieterin noch schlief. Sie schritt leise, ließ den Fernseher fast nie laufen und lebte wie eine Maus.
Dann kam Mila.
Die Katze kam von allein, eher gesagt schlich sie sich ein. Graues, dünnes Fell, kluge grüne Augen. Sie saß am Hauseingang, maunzte kläglich, blickte so, als wolle sie sagen: Nimm mich bitte.
Klara konnte nicht mehr widerstehen. Sie trug sie nach oben, fütterte sie, gab ihr Wasser und legte ein altes Handtuch in eine Kiste. Mila rollte sich zusammen, schnurrte und plötzlich fühlte Klara, wie etwas in ihr zu schmelzen begann, das seit Monaten erstarrt war.
Mila, meine Süße.
Die Katze zu verstecken schien leicht. Frau Schröder betrat kaum Klaras Zimmer. Und Mila war ein Wesen ohne Kratzer, ohne Herumstürmen, nur schnurrend auf dem Fensterbrett.
Eines Abends erschallte plötzlich:
KlaraSchmidt!
Der Ton der Vermieterin war so kalt, dass Klara zusammenzuckte. Sie trat in den Flur. Frau Schröder stand mit verzerrtem Gesicht an der Tür, in den Händen ein Knäuel grauen Fells.
Was ist das? Wer ist da?
FrauSchröder, ich
Eine Katze?!
Sie schrie, als ginge es um eine Schlange oder eine Ratte. Ihr Gesicht wurde rot, die Hände zitterten.
Ich halte das alles nicht aus! Dreck! Fell überall! Geruch!
Aber sie ist doch sauber.
Damit kein Katzengeist bleibt, oder räumen Sie die Wohnung!
Frau Schröder drehte sich um und schloss die Tür hinter sich.
Klara ließ sich auf das Sofa fallen, die Hände zitterten. Mila kam heran, schmiegte sich an ihre Beine und maunzte kläglich.
Was sollen wir jetzt tun, mein Mädchen? flüsterte Klara. Wohin gehen wir?
Tränen liefen ihr über die Wangen. Noch einmal von vorne anfangen? Suchen? Sachen packen?
Doch gehen konnte sie nicht. Die Kraft fehlte ihr.
Also beschloss Klara: Solange man sie nicht mit Gewalt rauswirft, bleibt sie hier. Und die Katze wird besser versteckt.
Die nächsten Tage wurden zu einem seltsamen, ermüdenden Versteckspiel. Klara versteckte Mila im Schrank, sobald sie die Schritte von Frau Schröder im Flur hörte. Sie fütterte sie nur früh morgens oder spät abends, wenn die Vermieterin zum Supermarkt ging. Die Katzentoilette versteckte sie in der hintersten Ecke des Zimmers, hinter einem alten Koffer.
Mila schien das zu verstehen. Sie maunzte nicht, saß still auf dem Fensterbrett, blickte mit traurigen grünen Augen nach draußen. Manchmal schien es, als atmete sie besonders vorsichtig, um nicht entdeckt zu werden.
Du kluge Maus, flüsterte Klara, während sie den warmen grauen Rücken streichelte. Halt noch ein bisschen durch, alles wird gut.
Doch es wurde nichts besser.
Frau Schröder ging durch die Wohnung, das Gesicht, als hätte sie einen Verrat erlitten. Sie schnüffelte in den Ecken, blieb eines Tages lange an Klaras Zimmertür stehen und lauschte.
Klara erstarrte, hielt Mila fest an sich gedrückt. Das Herz pochte, als wolle es gleich heraus springen.
Herrgott, dass sie mich nicht hört!
Die Vermieterin blieb noch ein paar Minuten, dann ging sie. Doch die Stimmung in der Wohnung verdichtete sich bis zum Zerreißen.
Beim Abendessen schwieg Frau Schröder, aß ihre Suppe, ohne den Blick zu heben. Plötzlich riss sie:
Denken Sie, ich bin dumm?
Klara verschluckte sich an ihrem Tee.
Ich verstehe alles. Sie haben die Katze nicht rausgeschmissen, sondern irgendwo versteckt. Glauben Sie, ich merke das nicht?
FrauSchröder.
Genug!, rief die Vermieterin scharf auf, lügen Sie mich nicht an. Ich habe Sie gewarnt. Aber wenn Sie so schlau sind, dann lassen Sie es bleiben weder Fell noch Geräusch! Und wenn mein Enkel kommt, dann soll kein Katzengeist mehr dort sein!
Sie ging zurück in ihr Zimmer und ließ Klara ratlos zurück.
Enkel?
Am nächsten Tag erzählte Frau Schröder von ihrem Enkel. Ihre Stimme war trocken, doch Klara hörte ein neues Zittern, vielleicht Aufregung oder Sorge.
Jonas kommt zu den Ferien. Zwölf Jahre alt. Seine Eltern sind immer beschäftigt, also schicken sie ihn zu mir. Er kommt am Freitag.
Das ist doch gut!, versuchte Klara zu ermutigen. Sie haben ihn doch vermisst?
Frau Schröder verzog das Gesicht.
Vermisst? Er ist nun mal ein Fremder. Hängt ständig am Handy, redet kaum mit mir. Er sitzt eine Woche hier, dann geht er wieder. Und das jedes Jahr.
In ihrer Stimme lag ein tiefer Schmerz.
Aber Sie sind doch seine Oma!, widersprach Klara. Er liebt Sie doch!
Lieben?, knurrte die Vermieterin. Ihm ist egal. Hauptsache, das Netz funktioniert.
Sie verstummte, dann flüsterte sie leiser:
Und damit Ihre Katze nicht mehr da ist. Verstanden?
Klara nickte, dachte aber: Wo soll ich die Katze die ganze Woche verstecken?
Der Freitag kam viel zu schnell.
Jonas tauchte am Abend auf groß, kantig, Kopfhörer auf den Ohren, ein finsteres Gesicht. Er grüßte kurz, ging in das Zimmer und schloss die Tür.
Frau Schröder hetzte herum, deckte den Tisch, rief zum Abendessen. Der Enkel setzte sich widerwillig, starrte auf sein Handy.
Jonas, iss wenigstens was, bat die Großmutter.
Will nicht.
Ich habe extra Frikadellen für dich gemacht.
Hab ich gesagt will nicht!
Klara hörte alles aus ihrem kleinen Zimmer durch die dünne Wand. Das Herz zog sich zusammen. Die arme Frau Schröder so bemüht, doch ihr Enkel schenkte ihr keine Beachtung.
Mila saß auf dem Fensterbrett und starrte traurig in die Dunkelheit.
Halte durch, Mädchen. Noch ein bisschen.
Am nächsten Morgen passierte das Unerwartete.
Klara ging zur Toilette, nur für eine Minute. Sie ließ die Zimmertür offen, denn es gab kein Schloss.
Mila, neugierig oder einfach nur gelangweilt, schlüpfte durch den Spalt und huschte ins Flur.
Als Klara zurückkam, war die Katze verschwunden.
Panik, ein kalter Schweiß lief ihr den Rücken hinunter.
Mila! Mila!
Sie rannte den Flur hinunter und erstarrte.
Mittig im Wohnzimmer stand Jonas, und neben ihm Mila. Der Junge streichelte sie, und die Katze schnurrte laut, als würde ein Traktor anspringen.
Ach, hauchte Klara.
Jonas hob den Kopf und lächelte zum ersten Mal seit seiner Ankunft.
Wem gehört die Katze?
Meiner, stammelte Klara, Entschuldigung, Jonas, das war ein Versehen.
Darf ich sie noch ein bisschen streicheln?, fragte er mit kindlicher Stimme. Wie lieb sie ist!
Natürlich.
Klara wusste nicht, was sie tun sollte. Auf der einen Seite würde Frau Schröder gleich kommen, und ein Tumult wäre unvermeidlich. Auf der anderen Seite sah Jonas die Katze mit glücklichen Augen an.
Plötzlich trat die Vermieterin aus der Küche.
Sie sah die Szene, stockte.
Klara rechnete mit einem Aufschrei.
Jonas, flüsterte Frau Schröder, spielst du etwa mit der Katze?
Ja, Oma! Schau, wie sie schnurrt! Darf ich sie füttern?
Sie schwieg einen Moment, sah ihren Enkel an, dann nickte langsam.
Ja, das darfst.
Von da an änderte sich alles.
Jonas verließ sich kaum noch auf sein Handy. Er fütterte Mila, spielte mit ihr, zeichnete sogar ein Porträt mit Bleistift. Sein Telefon lag vergessen auf dem Sofa. Er lachte, erzählte seiner Oma von der Schule, von Freunden, davon, dass er sich eines Tages einen eigenen Kater wünscht.
Frau Schröder saß in der Küche und hörte zu. In ihren Augen glomm zum ersten Mal etwas Warmes.
Eines Abends trat sie zu Klara.
Lass die Mila bleiben, sagte sie leise. Sie bringt Freude ins Haus.
Eine Träne lief ihr die Wange hinunter.
Drei Monate vergingen.
Jonas rief jeden Abend nicht seine Eltern, sondern seine Oma an. Er fragte nach Mila, bat, sie im VideoChat zu sehen. Frau Schröder kämpfte mit dem Handy, konnte die Katze kaum einfangen, fluchte über die Technik.
Dieses blöde Gerät! Jonas, siehst du sie?
Ja, Oma! Hallo, Mila!
Die Katze, die den vertrauten Klang hörte, kam näher, maunzte, als würde sie ihn erkennen.
Oma, ich komme sicher zu den Frühlingsferien, ok?
Ganz sicher, mein Junge. Wir warten hier mit Mila.
Und tatsächlich warteten sie. Frau Schröder hatte im Laden bereits ein neues Katzenspielzeug gekauft eine Federangel.
Klara versteckte sich nicht mehr in den Ecken. Sie kochte in der Küche, trank Tee mit Frau Schröder, erzählte von ihrem Leben, von ihrem verstorbenen Mann, von den Schwierigkeiten danach.
Wissen Sie, FrauSchröder, ohne Mila wüsste ich nicht, wie ich das alles überstehen sollte.
Die Vermieterin nickte verständnisvoll.
Tiere spüren, wenn es uns schlecht geht. Sie kommen dann, ganz still, ohne Worte.
Sie wurden fast Freundinnen zwei einsame Frauen, zusammengeführt durch eine unscheinbare graue Katze.
Als der Frühling kam, kam Jonas wieder, diesmal mit einem riesigen Rucksack voller Geschenke: Futtermittel für Mila, ein neues Halsband mit Glöckchen, ein weiches Kissen.
Oma, das habe ich alles selbst von meinem Taschengeld gekauft, prahlte er stolz.
Gut gemacht, mein Schatz.
Jonas verbrachte die Woche mit Mila, spielte, lief im Hof, malte. Bevor er ging, fragte er:
Oma, darf ich im Sommer wieder zu Ihnen kommen? Länger?
Natürlich!
Frau Schröder umarmte ihren Enkel und dachte: Das ist das wahre Glück nicht die Stille, nicht die Ordnung, sondern das Lachen eines Kindes, das Geräusche im Flur hinterlässt.
Und das alles dank einer unscheinbaren grauen Katze.





