Ich bin Karl, und das ist die Geschichte von meiner alten Nachbarin, Frau Maria Müller, 84Jahre alt, die jeden Morgen an der Bushaltestelle vor ihrem kleinen Häuschen sitzt und nicht mehr weiß, wohin sie gehen soll. Auf der Bank liegen noch eine Stofftasche und ein Papiersack, in denen fast alle ihre Habseligkeiten verstaut sind.
Ich habe Heike rausgeschmissen, und sie hat sich nicht gescheut, zu sagen geh weg, alte Frau, hier gibts nichts mehr für dich, flüsterte ich ihr zu, du hast uns nicht mehr gebraucht.
Noch vor drei Jahren lebten wir zu fünft in einer dreizimmerigen Mietwohnung in Kleinhausen: Maria, ihre Tochter Liselotte, ihr Sohn Lukas mit seiner Frau Gretchen und ihr Enkeljunge Julius.
Alles geriet ins Wanken, als bei Lukas am Arbeitsplatz eine neue Buchhalterin Heike auftauchte. Sie kam aus der Großstadt, aus Berlin, in unser beschauliches Dorf. Warum? Keiner konnte das sagen. Man gab ihr ein Zimmer im Wohnheim, sie bekam einen Job. Was wollte man mehr? Doch Heike ließ sich nicht beruhigen. Sie begann, zu den Männern zu schauen, und wählte Lukas aus. Verheiratet? Wie man so sagt: Eine Ehefrau ist kein Hindernis.
Im April kam Lukas eines Tages von der Arbeit nach Hause, packte seine Sachen und ging allein. Auf dem Abschied sagte er:
Erst mit fünfundvierzig erkennt man, was das wahre Leben und die echte Liebe bedeutet.
Gretchen schwieg, wartete, bis Julius seine Prüfungen in der Schule bestanden hatte, und dann sprach sie ebenfalls:
Wir fahren in die Stadt, Julius soll zur Universität, und wir ziehen in das alte Elternhaus meiner Eltern. Das Haus steht seit drei Jahren leer, aber wir reparieren es. Wenn wir es nicht allein schaffen, hilft unser Bruder. Und ich finde schnell einen Job in der Schule.
Sie packte in zwei Tagen, ihr Bruder kam, lud die Koffer in einen Kleintransporter und fuhr los. Julius umarmte die Großmutter fest:
Mach dir keine Sorgen, Oma, ich komme dich besuchen.
Und er kam zweimal , solange Liselotte noch lebte. Als Liselotte jedoch verstarb, zogen Lukas und Heike in die Wohnung ein, und Julius erschien nie wieder.
Das Leben von Frau Müller wurde immer schlechter. Heike setzte ihre eigenen Regeln durch. Zuerst noch schüchtern, rief sie Maria zum Tisch und fütterte sie mit dem, was sie für Lukas kochte. Dann befahl sie ihr, das Zimmer nicht zu verlassen:
Deine Krümel in der Küche sind zu viel, ich räume lieber einmal pro Woche bei dir auf, als hier dreimal täglich den Boden wischen zu müssen.
Seitdem kochte Heike der Großmutter Brei Hafer, Gerste oder Graupen und Maria trank den leeren Tee dazu, morgens, mittags und abends.
Kürzlich sagte Heike, ihr Sohn komme in einer Woche. Sie und Lukas berieten, wo er nach seiner Haftzeit arbeiten könne, denn nach einer Strafhaft bekommt man nicht gleich einen guten Job.
Am nächsten Morgen ging Lukas zur Arbeit, und Heike befahl Maria, sich fertig zu machen:
Hier die Adresse des Altenheims, fahr hin und sei dankbar, dass ich dich nicht einfach rausgeworfen habe.
Sie drückte Maria ein Stück Papier mit der Adresse in die Hand und schlug die Wohnungstür zu.
Maria erreichte die Bushaltestelle, aber weiter wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte: Sie sah schlecht, konnte die Adresse nicht entziffern. Da stand ein junger Mann neben der Haltestelle. Sie rief ihm zu:
Junge, bitte lies mir die Adresse vor, sag mir, welchen Bus ich nehme.
Der junge Mann sah sie an und sagte:
Wohin wollen Sie denn, Oma Maja? Da ist doch Julius, er sucht Sie. Ich rufe ihn gleich.
Fünf Minuten später kam Julius angerannt. Es stellte sich heraus, dass Gretchen, die ehemalige Nachbarin, gestern angerufen hatte und berichtet hatte, dass Heike die Großmutter ins Pflegeheim geben wolle. Die Nachbarin hatte früher bis zur Rente als Pflegerin im Altenheim gearbeitet, und Heike hatte von ihr die Adresse bekommen. Jetzt drängte sie Julius, sofort zurück ins Dorf zu fahren und die Oma abzuholen.
Julius packte die Sachen und sagte:
Jetzt bringe ich dich, Oma, wie eine Königin, mit dem Taxi in die Stadt. Mama hat schon ein Zimmer für dich vorbereitet. Und im Garten blühen jetzt die Apfelbäume ein wunderschöner Anblick!
Als Heike und Lukas erfuhren, dass Julius die Großmutter in die Stadt brachte, freuten sie sich. Doch das Glück währte nicht lange. Beim Durchsehen der Unterlagen stellte sich heraus, dass die Eigentümerin der Wohnung von Anfang an Frau Maria Müller gewesen war. Ihr Mann hatte lediglich ein lebenslanges Wohnrecht. Deshalb mussten Heike und Lukas wieder ins Wohnheim zurück.
Maria verkaufte die Wohnung und gab das Geld an ihren Urenkel Julius, damit er in der Stadt eine eigene Bleibe kaufen konnte. In der Großstadt, wo die Preise höher sind, konnte er sich nur eine Einzimmerwohnung leisten, aber in einem neuen, geräumigen Gebäude. Er plant zu heiraten damit hat er endlich ein Dach über dem Kopf für seine junge Familie.





