Bis zehn zählen – Einfache Schritte zum Erfolg

Bis zehn zählen

Damals, als alles noch anders war, schlenderte ich wie gewöhnlich abends durch die Straßen von München, Richtung U-Bahn-Station Sendlinger Tor. Mein Blick war fest auf mein Handy gerichtet. Tauchte vor mir eine Schulter auf, wechselte ich instinktiv die Richtung, ohne überhaupt wahrzunehmen, wer mir entgegenkam oder vorbeiging. Und ehrlich gesagt, spielte es für mich sowieso keine Rolle. Wozu all diese Gesichter und Zufallsbekanntschaften noch beachten?

Genug gesehen, genug genickt und mehr als genug gelächelt in meinem Leben.

Ich war damals dreißig, Bankangestellter bei der Münchner Volksbank. Tolle, vielversprechende Karriere, nicht wahr? Pustekuchen! In meinem Fall auf jeden Fall. Ich stand immer noch ganz unten in der Hierarchie, half älteren Damen bei der Überweisung ihrer Miete oder dem Abheben ihrer Rente, unterhielt mich mit ihnen und hörte mir ihre endlosen Geschichten über das Wetter oder die teuren Lebensmittel an. Ihre Probleme interessierten mich nicht, weil mein Leben selbst eine einzige Sackgasse war, aus der ich keinen Ausweg fand. Trotzdem nickte ich brav, lächelte oder seufzte verständnisvoll, während ich ihnen zum wiederholten Male erklärte, wohin sie auf dem Bildschirm des Automaten tippen müssten, damit sie auch weiterhin in ihrer Wohnung bleiben konnten.

Unsere Filiale lag mitten im Zentrum, am Odeonsplatz. Unsere Kundinnen waren meist ältere Damen aus den großzügigen Altbauwohnungen der Maxvorstadt. Sie trugen schlichte, ordentliche Kleidung, bestimmt lasen sie abends Gedichte von Rilke meine alte Deutschlehrerin bestand immer auf die richtige Betonung! und tranken ihren Kräutertee im abgewetzten Schaukelstuhl, gemütlich unter dem Licht einer bunten Lampe von einer der Glasmanufakturen aus dem Bayrischen Wald. Daneben, wie es sich gehört, ein Tablettchen für die tägliche Medizin. Ihr Leben: eine beinahe heilige Ordnung aus festen Essenszeiten, Arztbesuchen, kleinen Telefongesprächen mit Freunden oder Enkeln, Haferbrei und Eintopf und natürlich Arzttermine und Blutdruckwerte, über die sie mir alles erzählten, und ich heuchelte interessiert, fragte sogar, ob es schon besser geworden sei. Wenn nicht, seufzte ich wie ein Profi dabei war es mir im Grunde egal. Ich war Egoist, aber das war mein gutes Recht.

Warum ich noch lebte, wofür, das verstand ich schon lange nicht mehr. Als Kind wollte ich Rockgitarrist in einer Band werden. Mit meinen Freunden hatte ich damals tatsächlich eine Truppe, wir spielten an den Ausgängen der Münchner U-Bahn, sammelten Münzen und verputzten sie danach in einem Burgerladen.

Den Sinn für Musik hatte ich von meinem Vater geerbt. Aber Geld brachte das nicht und als ich unterwegs war, kam er wegen meiner Mutter ins Zweifeln und musste dann was Anständiges arbeiten, schließlich stand meine Geburt bevor.

Ach, das war halt die Jugend, ein bisschen Herumgespiele, sagte er immer, wenn wir uns alte Fotos ansahen. Du, Niklas, lern was Ordentliches! Hätte ich auch tun sollen… Jetzt hab ich keine richtige Ausbildung, keinen gescheiten Verdienst.

Ich nickte immer, aber so ab elf habe ich trotzdem gespielt auf der Gitarre aus zweiter oder dritter Hand, abgegeben von unserem gehbehinderten Nachbarn unter der Bedingung, meinen kleinen Funken Talent nicht zu verscharren. Naja, ich habe das Talent dann doch irgendwann verscharrt. In der elften Klasse wurde mir plötzlich klar: Wir lebten armselig, alles war gebraucht Wohnung, Kleidung, selbst das Essen. Und warum? Weil mein Vater nicht rechtzeitig Arzt, Chemiker oder wenigstens Ingenieur wurde. Meine Mutter hatte auch nie studiert, arbeitete als Verkäuferin.

Da packte mich der Ekel vor meiner winzigen, unbedeutenden Existenz. Ich beschloss, alles zu ändern. Und, ja, gekränkt war ich auch es hatte mit einer Frau zu tun, doppelt so alt wie ich, meiner ersten Liebe. Sie wollte gute Restaurants, Abenteuer, und ich konnte es ihr nie bieten. Sie verließ mich, nannte mich einen armen Schlucker. Gekränkt und getrieben stürzte ich mich ins Lernen, steckte die Gitarre in die Ecke und suchte mir ein Ziel: ein Studium im Bankwesen der goldene Schlüssel zu allem! Nur ein bisschen Geduld, und ich würde es vergessen, wie es war, abends unter Straßenlaternen die Gitarre auszupacken, Jeans an den dürren Knien, der Wind aus der Isarstraße im Gesicht, wild und frei.

Vergessen. Bis zehn zählen und vergessen das ist meine Taktik, wenn es gar nicht mehr geht. Eins, zwei, drei …

Bankarbeit war natürlich nicht so spaßig und glänzend, wie ich es mir erträumt hatte. Geld gab es auch wenig. Ich war der Typ Praktikant, der für die Drecksarbeit blieb. Eins, zwei, drei, vier …

Mein Leben wurde genauso monoton wie das meiner Seniorenkundinnen. Ironisch, oder? Wenigstens musste ich keine Medikamente schlucken immerhin etwas.

Manchmal musste ich schmunzeln bei dem Gedanken. Reich war ich nicht, bewohnte eine verlebte Ein-Zimmer-Wohnung im Glockenbachviertel nicht einmal meine eigene, sondern gemietet. Gardinen, verbrannt von alten Zigaretten, zerkratztes Parkett, abgeplatzte Türen, rostige Badewanne, leerer Kühlschrank, überall Staub. Tiffany-Lampe? Fehlanzeige! Stattdessen ein schiefer Stehlampe von Omas Dachboden und laute Sinti-Familien nebenan. Sie hatten sieben Kinder, alle laut. Meine älteren Damen hätten einen Herzinfarkt bekommen mir machte es nichts aus. Ich schluckte keine Tabletten. Abends sang der Vater, Mehmet, manchmal, begleitet von seiner Frau auf einer alten Gitarre. Dann ballte ich die Fäuste und zählte: Eins, zwei, drei, vier … Meine Realität war anders, vielleicht besser. So!

Neidisch schaute ich trotzdem auf die Leute, die reicher und würdiger lebten und verachtete sie zugleich. Geld stinkt nicht, sagt man, aber die wenigsten Reichen sind ehrlich, das wissen wir alle. Und trotzdem will ich auch dorthin! Ich habe es ja noch vor mir. Die anderen, mit ihren Silberohrringen und Ringen, haben ihr Leben schon gelebt.

Ich hatte gelernt, mit Worten zu überzeugen. Und so landete ich als Berater in dieser verdammten Bank. Ich hasste den Job bereits am ersten Tag. Aber Banker zu sein, das ist gesellschaftlich angesehen. Nicht so wie Gitarre spielen in der U-Bahn! Vor dem Marienplatz standen immer Jugendliche, sangen krächzend Lieder, spielten Instrumente. Ich gehe hastig vorbei, schaue ihnen nicht in die leuchtenden Augen. Ich habe einen besseren Weg gewählt glaubt es ruhig. Eins, zwei, drei, vier, fünf

Mein Gehalt war winzig nach dem Maßstab der alten Kollegen, aber für einen Anfang reichte es. Ich sparte eisern für eine eigene Wohnung wie alle, die abends zum U-Bahnhof hasteten.

Seit meinem Uniabschluss wohnte ich allein, besuche meine Eltern manchmal, rufe sie an, beende das Gespräch aber schnell. Ihre Geschichten langweilen mich das ist deren trister Alltag, nicht meiner. Ich will vorwärts.

Also tappte ich voran, das Handy in der Hand, Leere im Kopf. Ich scrollte durch endlose Videos auf Instagram: halb nackte Tänzerinnen, ein bärtiger Koch zauberte Nachtisch, den man daheim nie hinbekommt, Katzen, Hunde, Kinder alles chaotisch, alles vorbei, nur um Zeit totzuschlagen. Stand-up-Comedians machen lahme Witze; ich könnte es besser, aber ich würde mich nie zu so einem Video herablassen. Ich arbeite in der Bank! Diese Tatsache hatte meine alten Kumpels aus Trudering mal sehr erstaunt. Sie schrauben noch immer an fremden Autos in einer frostigen Garage, spielen abends Gitarre an der S-Bahn-Unterführung. Auch wir sind dreißig, aber so verschieden geworden. Sie hängen unten fest, ich Ich stehe im Anzug am Schalter und helfe Rentnerinnen mit der Miete. Sauber, ordentlich, mit Krawatte und akkurat gebügeltem Hemd.

Was hat der Zwirn gekostet? spottete Jan, mein alter Schulfreund und Hobby-Schlosser, griff danach, den Stoff zu fühlen.

Finger weg, gib nur Ölflecken!, schob ich seine Hand weg. Keine Ahnung, Jobkleidung.

Na, du!, Jan respektiert mich ich bin das Gehirn, er der Schraubenschlüssel. Braucht ihr da keinen Mechatroniker? Frag mal an, ich kann alles!

Jan blickte mich unterwürfig an oder ich bildete es mir ein. Er wollte wohl auch Anzug, Schuhe, Glaspalast und Ansehen.

Weiß nicht, Jan. Du hast doch gar kein Diplom.

Stimmt, hast Recht, zuckte Jan die Schultern. Kein Mitleid. Hättest halt lernen sollen!

Jan hatte die Schule beendet und gleich in der Werkstatt angeheuert. Geld war dringend nötig. Der Vater hat sich zu Tode getrunken, die Mutter, Ursula, zog ihn und die Schwester allein groß. Jana wurde mit 17 schwanger, ihr Sohn Max ist jetzt fast zehn. Jana sitzt zu Hause, lebt von Mutter, Bruder und Kindesvater, der zu jung war, um zu begreifen. Er zahlt brav Unterhalt. Sie feiert derweil in Clubs.

Im Grunde war Jan der Vater für den kleinen Max.

Die Wohnung ist überfüllt, voller Kram, aber seine Mutter will nichts weggeben.

Verkauft das Zeug doch online!, riet ich einmal, als ich im Anzug bei ihnen stand. Jana hockt doch eh daheim soll sie sich drum kümmern!

Das kauft doch keiner, Niklas!, zuckte seine Mutter die Schultern.

Doch, im Internet findet jedes verrostete Setztopf ein Zuhause. Jemand bastelt daraus ein Kunstobjekt und stellt das Video hoch. Geld kann man aus allem machen.

Ich sprach überzeugt, fast herablassend. Ich könnte es alles machen aber wozu? Sollen sie mal selbst.

Ich denk drüber nach, Niklas. Danke!, nickte sie, vielleicht halbherzig.

Tja, nach einem Tee und Suppe schob ich mich verstohlen in den Flur, warf immer wieder einen Blick auf die Gitarre in der Ecke. Jan war ein Genie auf den Saiten ich hatte es nie so drauf. Und er spielte noch immer. Ich nicht mehr. Und während ich den Mantel überstreifte, zählte ich wieder leise: Eins, zwei, drei, vier, fünf … Dann schnappte ich meine Tasche und fuhr zurück ins Glockenbachviertel. Ich, anders als Ursula, hatte weder Kinder noch irgendwelche Altlasten. Ich hatte meine Karriere, EC-Automaten, Anzug und Krawatte. Ich war eben aus anderem Holz geschnitzt.

An diesem Abend blieb ich länger in der Bank, draußen flackerten die Lichter schon, die Dekoleuchten über der Leopoldstraße glänzten. Ich steckte die Nase tiefer in den Schal, mein Mantel war okay, eine Mütze trug ich nicht, das war nichts für mich. Eine Bandana wäre jetzt was… Ich biss die Zähne zusammen und zählte weiter: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs …

Die Tasche war leer, wie immer, ein Accessoire für Seriosität, wie bei den älteren Kollegen.

Ich ging gelassen durch die Kopfsteinpflasterpassage, als mich plötzlich jemand von hinten anrempelte und sich undeutlich entschuldigte. Die Stimme war weiblich, irgendwie verschwommen.

Ich drehte mich um. Hinter mir stand, etwas schwankend, Frau Karin Hagedorn. Wir hatten sie erst wenige Minuten zuvor am Automaten verabschiedet sie hatte ihre Mietüberweisungen für zwei Wohnungen gemacht. Ich hatte es mir gemerkt, weil eine der Formulare zerknittert war und ich ewig den Code eintippen musste. Im kalten, weißen Licht der Bank war sie eine muntere Dame gewesen: Mütze, Mantel, eine kleine Handtasche mit Schnappverschluss, in den Augen ein wacher, neugieriger Blick.

Sind Sie das erste Mal hier?, fragte ich höflich, als sie ein bisschen verloren wirkte.

Ach, guten Abend, junger Mann Niklas, steht ja auf Ihrem Kärtchen! Schön, Sie heißen wie mein alter Freund Nielsen. So ein schöner Name, kicherte sie, schon völlig außer Atem und nestelte am Schal. Ja, ich bin das erste Mal hier. Wollen meiner Enkelin helfen sie schuftet so viel, und mein Florian ist ja fort … Ihre Augen wurden traurig. Florian das ist mein Enkel.

Ich nickte nur. Schon wieder so eine Familie mit mehr Problemen als nötig. Florian fort, Enkelin irgendwo in der Arbeit versunken. Kein Wort von den Kindern. Ausgesetzt, vermutlich. Die Reichen machen das ja gern. Die Großmutter läuft derweil von Bank zu Bank für Überweisungen.

In letzter Zeit war ich immer genervt …

Entschuldigung, können wir das schnell machen …, flüsterte sie.

Ich nahm ihr die Formulare, bediente den Automaten.

Mein Kollege Jürgen legte mir bedeutungsvoll zu, zu lächeln wir seien beide das Gesicht der Bank, Mitgefühl wäre Pflicht. Mir stank das alles.

Aber ich lächelte. Sie auch. Zufrieden, gerettet zu werden.

Wenn Sie Kinder oder Enkel haben …, ich wollte fast kompetentere Angehörige sagen, fing mich aber, … die könnten das doch alles bequem mit der App vom Handy machen. Sie müssen nicht extra fahren.

Ich war klug und hilfsbereit.

Ja, tun sie ja auch. Aber ich kann nicht immer alles auf sie abwälzen! Verstehen Sie? Sie arbeiten so hart, die Rente ist knapp, das Geld ist überall knapp. Meine Anna, meine Enkelin, sitzt den ganzen Tag im Büro, macht irgendwas mit Recht. Florian sehe ich kaum, er baut Kraftwerke im Süden. Alles bleibt an mir hängen. Verstehen Sie, Niklas?

Eigentlich hörte ich gar nicht richtig zu. Wieder so eine Geschichte ohne Ende.

Was daran schlimm sein soll? Sie haben sie großgezogen, jetzt kümmern sich die Enkel. So geht das.

Richtig, es ist nichts daran schlimm, nickte sie. Aber ich will sie nicht belasten … Na, jetzt machen wir einfach weiter. Karte, ja? Karte!

Sie hielt mir ihre Karte hin, ich hielt sie an den Leser.

PIN eingeben. Verstehen Sie? PIN bitte!, forderte ich, aber sie reagierte kaum, stand statisch, Augen zu.

Moment könnten Sie mir Wasser bringen? Mir ist etwas schwindlig, bat sie, rieb sich die Schläfen.

Ach, diese Kunden! Zu heiß, zu kalt, zu hell, zu dunkel, zieht, Füße schmerzen…

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben …

Hier, Ihre Karte, wir müssen leider von vorn beginnen.

Verärgert reichte ich ihr die Karte zurück und trat zum Wasserspender.

Jürgen nickte murmelnd: Halt durch, Bub, zwei Stunden noch!

Ich gab ihr den Becher, sie trank gierig.

So, nun bin ich bereit, reichte sie mir die Karte.

Wieder von vorn: Überweisung, Karte, PIN, die sie nicht mehr fand, wühlen in der Tasche, suchen nach dem Zettel, viele Seufzer, Entschuldigungen.

Ist die etwa von der Kriminalpolizei eingeschleust? Kam erst gegen Feierabend, zieht alles endlos hin und tut so ahnungslos.

Wollen Sie sich vielleicht setzen?, versuchte ich es eilig.

Nein, danke ich kann noch stehen. Sehen Sie, da ist mein PIN-Zettel.

Sie gab den Code ein. Was mache ich weiter?, fragte sie kleinlaut.

Genervt half ich ihr. Insgeheim fauchte ich: Ihr habt eure Kinder in die schicken Restaurants gejagt, und jetzt quälen wir uns herum!

…Sechs, sieben …

Erste, zweite Formular beides größere Beträge.

Zwei Wohnungen?, fragte ich neugierig.

Eine ist von meiner Schwester sie liegt in der Klinik in Großhadern. Nur der Magen, nichts Schlimmes, aber seit ihr Mann tot ist … Ja, drei Jahre schon …, Ein Moment Stille, ich drückte weiter Knöpfe.

Sie sprach, und ich langweile mich inzwischen bei diesen Familienromanen mit ihren Annachen, Florianchen, Peterle …

Code, bitte!, rief ich.

Sie drückte gehorsam die Knöpfe.

Danke, junger Mann. Sie haben mir sehr geholfen. Sie sehen müde aus. Tut mir leid … Ich wollte allen helfen Auf Wiedersehen, Niklas, einen schönen Abend.

Sie band ihr Tuch, rückte die Tasche zurecht und trat hinaus in die Kälte. Mir einen schönen Abend wünschend

Und jetzt wankte diese Frau draußen auf dem Gehweg, deutlich betrunken. So rasch? Klar, die Reichen haben ihre eigenen Marotten. Obwohl: Wie dieser Gänseblümchenengel sich massenweise Hochprozentiges kippt … das konnte ich mir nicht vorstellen.

Schon wieder Sie? Passen Sie doch auf!, rief ich und schüttelte die Ärmel ab.

Entschuldigung … Ich … gehe …, nuschelte sie.

Na, dann gehen Sie mal!, sagte ich schroff.

Sie torkelte, die Füße gaben nach, sie sackte auf den Gehweg.

In diesem Moment packte ich sie instinktiv, die Tasche rutschte, schlug gegen mein Bein.

Was machen Sie? Alles okay?!, rief ich, doch sie antwortete nicht.

Ich blickte mich hilfesuchend um keiner reagierte. Bloß kein Ärger.

Plötzlich hatte ich einen Verdacht mir wurde eisig.

Bitte zeigen Sie mir Ihre Zunge!, rief ich, Mund auf, zeigen Sie Ihre Zunge! Sie gehorchte, sie war schlaff, hing nach links.

Mein Handy, das ich schnell aus der Tasche fummelte, schien plötzlich dreimal so groß wie sonst. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen, mein Körper winzig klein, verloren auf dem nassen Asphalt.

Ringsum war alles wie ausgestorben, als hätte man alle Menschen abgeschaltet. Nur wir zwei blieben ich und Karin Hagedorn.

Ich rief den Rettungsdienst, legte ihren Kopf vorsichtig auf meinen Schoß und wagte kaum zu atmen. Ich sah nur den kleinen flatternden Zipfel ihres Tuchs.

Immerhin!, dachte ich. Und was wäre wenn …

Warum bloß ich? Warum nicht Jürgen oder eine von den Bankazubis?

Der Rettungswagen kam, Karin wurde auf die Trage gehoben. Ich erzählte alles, wollte schon gehen, als die Patientin plötzlich wieder zu sich kam und bat, dass ich sie begleite, ihre Angehörigen anrief.

Ich griff nach dem Handy, das war das erste, was spielte, war: Hochzeitsmarsch von Mendelssohn. Gute Wahl, irgendwie.

Es war Anna.

Hallo? Anna? Hier ist Niklas, ich …, setzte ich an, aber sie unterbrach mich, schrie, ich solle sofort ihre Oma ans Telefon geben, sie werde mich auffinden, wenn etwas schief ging.

Der Sanitäter nahm ihr ab, meldete sich mit seinem Titel, beschrieb die Lage, sagte, wohin sie kommen oder anrufen solle.

Anna war plötzlich ganz kleinlaut: Sie habe verstanden.

Nicht schlecht, Niklas!, rief der zweite Notarzt. Schon mal Medizin studiert?

Nein. Krimis geguckt, murmelte ich.

Na, sieh an! Unsere Zuseher von heute!, lachte der Fahrer und gab Gas.

Im Krankenhaus kümmerte sich niemand mehr um mich, alle hingen an Karin. Ich blieb auf einem kalten Stuhl allein zurück. Wozu? Vielleicht auf Anna warten, ihr die Meinung sagen?

Was hätte ich überhaupt sagen sollen? Es ist ihr Familienkram. Naja, sie lief zur Bank, na und? Obwohl … Wenn sie allein zuhause gewesen wäre…

… Wenn sie allein zuhause …, tuschelten die Schwestern im Vorraum. Gut, dass der Junge sie gefunden hat. Hübsch ist er …

Rot vor Scham wurde ich mir meiner Erscheinung bewusst.

Um Himmels Willen! Ich sah aus wie ein Streuner!

Die Hose: dreckig, Durchnässt, weißlich verkrustet an den Knien. Der Wollmantel von altem, verschüttetem Kaffee durchzogen.

Ich sah aus wie ein Obdachloser. Ein echter Obdachloser!

In meinem Kopf tauchten Zeilen aus einem alten Lied auf: Er ging, als wär er allein, von allen ungesehen … Damals, als Jan und ich auf der Maximilianstraße laut sangen, bis wir verjagt wurden Spielen im Luxus-Bezirk war teuer, wir konnten es nicht leisten.

Das war ein Tag! Die Leute klatschten, es gab Beinahe-Schlägerei, mehr Adrenalin als bei jedem Examen …

War einmal. Vorbei. …Sechs, sieben, acht …

Entschuldigung!, stürmte eine junge Frau ins Wartezimmer. Ich suche Frau Hagedorn …

Anna. Ach, sie war wirklich hübsch! Ich sprang auf, zupfte meinen Mantel zurecht.

Sie ist schon oben, machen Sie sich keine Sorgen, rufen Sie morgen an, sagte eine Schwester. Übrigens, der junge Mann hat ihr sehr geholfen, hat sie auf der Straße gefunden …

Anna wandte sich mir zu, einen Moment lang schaute sie mich an, dann umklammerte sie meine Hand, begann zu weinen.

Danke, danke! Sie haben uns gerettet! Sie wissen nicht, was das bedeutet … Ich könnte nicht damit leben, wenn …

Schon gut, lassen Sie meine Hand los!, entgegnete ich halb barsch und reckte das Kinn. Wissen Sie, Ihr Verhalten hat sie erst in diese Lage gebracht.

Ja, ich fühlte mich berechtigt, sie zu kritisieren. Wer sollte mich daran hindern? Es ist nicht zu direkt, einfach die Wahrheit?

Wie bitte?, stotterte Anna, ihre Augen so groß wie die Schaufensterpuppen bei Karstadt.

Ihre Oma kam zu uns in die Bank, um Rechnungen zu bezahlen. Können Ihre Familie das nicht übernehmen? Eine alte Frau soll ihre Gesundheit riskieren … Sie alle sind doch nur noch am Arbeiten und Geld verdienen. So vergisst man die eigenen Angehörigen. Sagen Sie Danke, dass sie nicht bei uns umkippte, als sie nach Wasser bat … Sie haben alle Hände voll zu tun, was? Deshalb werden wir immer gefühlloser, härter, egoistischer, gierig nach Geld! …

Ich dozierte, ich der Retter, Diagnostiker noch vor dem Arzt, der moralisch Überlegene. Ich fühlte mich großartig und erbärmlich zugleich. Ich kratzte seit Jahren an den engen Wänden meines Lebens ohne Ausweg nach oben. Und genau das machte mich so verbittert.

Anna brach einfach in Tränen aus wie ein Kind.

Jetzt reicht’s aber!, die Schwester fuhr mich an. Sie haben geholfen, ja, aber das gibt Ihnen nicht das Recht zum Urteilen!

Anna schüttelte den Kopf. Lassen Sie, sie hat recht … Ich und Florian, wir waren zu beschäftigt, zu sehr mit uns beschäftigt. Florian völlig aufgerieben, er bräuchte Urlaub. Oma ist so flink, denkt sich was aus und läuft los … Ich habe die Rechnungen gestern nicht holen können, musste an meiner Masterarbeit schreiben … Mein Kopf ist ein Chaos … Ich bin schuld … Florian hat gesagt, ich soll aufpassen und habe es nicht geschafft.

Ihr Handy klingelte. Anna trat zur Seite, kniff die Augen zu und erzählte jemandem schluchzend, was geschehen war.

Florian. Mit ihm sprach sie.

Sie berichtete ihm von mir, von meinen Worten, davon, dass sie eine schlechte Enkelin sei.

In der Ecke neben der Tür rührte sich jemand aus einem Pelzmantel lugte ein Mann, gähnte, applaudierte ironisch und schlief auf dem Fußboden ein. Ich trat ein Stück weiter weg.

Gib mal den Retter!, dröhnte es jetzt aus Annas Handy. Sie reichte mir das Smartphone.

Hallo, Niklas Weber, verzog ich das Gesicht zu einem Lächeln.

Hör zu, du!, die Stimme war scharf, autoritär; meine Krone verrutschte. Lass Anna in Ruhe. Willst du Geld? Wie viel? Du bist einer von denen, die meinen, sie wüssten alles, dabei kennst du unsere Geschichte nicht! Damals, als unsere Eltern starben, hat Anna unsere Oma gepflegt, mit fünfzehn! Was hast du mit fünfzehn gemacht? Glaub nicht, du hättest das Recht auf Moralkeule! Wieviel willst du?

Wie reden Sie mit mir!, krächzte ich, das weiße Hemd war plötzlich zu eng, meine Krone war Asche.

Schnell drückte ich das Handy Anna in die Hand, schnappte meinen fleckigen Mantel, nickte dem Empfang und stolperte hinaus, fast über den schlafenden Obdachlosen.

Warum war ich überhaupt mitgefahren? Ich hätte Karin einfach im Rettungswagen lassen, nach Hause fahren sollen, Würstchen essen, einen Anruf der Mutter wegdrücken, Fernseher an, planlos durchzappen, einschlafen und warten … Bis wann? Auf was?

Mit langen Schritten trottete ich zur Haltestelle, ärgerlich, gekränkt, entthront. Ich hatte Karin gerettet und wurde von Florian zur Schnecke gemacht!

Ich ballte die Fäuste. Erinnerte mich, wie ich mit fünfzehn mit den Freunden im Garagenviertel hockte, gerade zurück vom Straßenauftritt. Das bisschen Geld reichte für Brot und Wurst, von Hochprozentigem keine Spur … Wir waren damals so glücklich, so naiv glaubten fest, dass uns die Welt offenstehe: unsere Band, unsere Bühne, unsere Fans und Autogramme.

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun …

Im Bus murmelte ich. Gerade war beinahe eine Frau wegen mir gestorben das machte Angst. Gerade hatte ich ein Mädchen angeschrien, weil es mir selbst so dreckig ging. Ich war am Boden. Ich hasste mich und mein Leben, hatte zu viel Angst, etwas daran zu ändern.

Zu Hause schloss ich schnell die Küchentür, drehte die Heizung auf, setzte den Wasserkocher auf. Ausziehen wollte ich mich nicht. Auf dem Handy blinkte eine Nachricht der Mutter:

Heute hat Papa Geburtstag. Nicht vergessen.

Geburtstag? Stimmt, hatte ich völlig vergessen.

Mit zitternden Fingern tippte ich Vaters Nummer aber als das Freizeichen erklang, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Zu lange hatte ich nur von mir erzählt, von Siegen, Plänen, Zielen. Nicht jetzt, nicht heute.

Ich legte einfach auf, stieß das Handy weg. Warum nur? Warum ist diese Verbindung zu den Eltern so unlösbar? Sie engt ein, raubt Energie.

Ich goss Wasser in die Tasse, steckte einen Teebeutel hinein.

Meine Eltern, dachte ich, sitzen jetzt bestimmt mit dem alten Teekessel und Gebäck und feiern. Sie hatten sicher Kuchen gekauft, vielleicht Freunde eingeladen, Vater war sicher lustig und vergaß für ein paar Stunden seinen Rückenschmerz und die Sorgen. Ich saß allein, in dieser kalten Küche. Keine Süßigkeiten. Kein Kuchen. Niemand da. Und ich hatte heute sogar einen Menschen gerettet … Nun ja, zumindest ein bisschen.

Karin hatte mich furchtbar aufgeregt, aber jetzt ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht sollte ich sie mal besuchen, wenn es ginge? Annas Nummer hätte ich mitnehmen sollen. Aber was wollen die von mir, mit ihren Millionen?

Ich stöhnte, erkannte, dass ich vom Gelddenken besessen war. Ich wollte besser leben, so dass ich selbst als Jugendlicher auf mich neidisch wäre. Ich trieb mein Ziel, schlug alles andere ab, und doch wurde mir übel dabei. Warum? Weil ich, wie man sagt, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hatte. Mich selbst hatte ich verkauft und verleugnet.

Das Handy vibrierte. Ich nahm ab.

Du hast angerufen, Sohn? Bist du frei? Komm vorbei wir haben dich vermisst, hustete mein Vater. Mutter riss ihm den Hörer weg, sprach, aber ich hörte kaum der Wind im Treppenhaus störte.

Wohin so schnell, Niklas?, winkte mir Mehmet, mein Nachbar.

Zu meinen Eltern! Papa hat Geburtstag!

Moment! Mehmet kam angerannt, überreichte mir einen Sack voller Obst: Ananas, Mandarinen, Birnen, Äpfel. Grüß deinen Vater von mir. Da, nimm. Mir hat meine Schwester noch zwei Säcke geschickt!

Ich schwang mich in die Tram, winkte Mehmet hinterher.

Merkwürdiger Kerl! Er kennt meinen Vater doch gar nicht und trotzdem schenkt er ihm Obst.

Zu Hause sperrte ich, verlegen, nicht mit dem eigenen Schlüssel auf; Vater öffnete, wie immer im gestreiften Shirt und Shorts, die alte Tätowierung sichtbar, das Gesicht frisch rasiert, aber nie ganz glatt.

Sehr schön jetzt sind wir komplett, Sohnemann!, reichte er mir die Hand. Ich drückte ihm den Obstbeutel in die Faust, zuckte die Schultern, hätte fast geweint.

Lange hatte mich niemand mehr gefragt, wie es mir wirklich geht. Ich hatte niemandem die Zeit dafür gelassen

Jahrelang hatte ich mich als den kühlen, rationalen Karrieretypen gegeben. Aber das war nicht genug. Mir fehlte etwas. Liebe. Sie schien mir überflüssig, ich war kaum bei meinen Eltern, die Musik, die Freunde Deshalb regten mich Karin, Anna und Florian so auf. Die hatten einander, sie lebten als Familie, warm, verbunden. Dafür war Karin zur Bank gegangen. Mehmet hatte mir Obst gegeben, einfach so … Und ich? Ich hatte mich all dem selbst beraubt.

Willst du was essen?, kam meine Mutter und umarmte mich. Wasch dir die Hände. Du hast sicher viel zu erzählen.

Sie hatte recht. Ich würde ihnen sehr viel erzählen. Und dann würde ich meinen alten Gitarrenkoffer vom Dachboden holen. Mutter hatte ihn nicht weggeworfen, nur verstaubt hoffte er auf mich. Die Gitarre war kaputt und alt, aber das war egal. Ich hätte mit meiner Ersparnis hundert neue kaufen können!

…Neun, zehn!

Ich hatte das Ende erreicht und sah plötzlich einen Ausweg.

Warum, heute? Vielleicht, weil alles, was passiert war, mit Karin, Anna, Florian, zu einer Fülle wurde, die endlich die Wand in mir durchbrach. Vielleicht war ich einfach müde. Ich wusste es nicht. Aber ab da sollte alles anders werden. Erstmal wollte ich meinen Vater feiern, ihm sagen, dass ich durch ihn so vieles gelernt hatte. Er würde lachen und antworten:

Na klar, was denn sonst? Wir sind doch Familie!

Und ich würde nicken.

Später war ich bei Jan, saßen lang in seiner Küche, lachten, schwelgten, schauten alte Bilder. Jan echtes Glück ausstrahlend das hatte ich nie bemerkt.

Danke, Jan, sagte ich endlich. Ganz frei.

Wofür denn?, wunderte er sich.

Weil du einfach da bist, antwortete ich schlicht.

… Ein Jahr später kündigte ich in der Bank, begann als Gitarrenlehrer in einem kleinen Studio. Vieles konnte ich nicht mehr, einiges war weg, aber ich musste nicht mehr zählen, um mich zu beruhigen. Ich war glücklich.

Manchmal kam Anna zum Unterricht. Sie sang wunderbar.

Ob daraus etwas wurde? Fragt lieber in ein paar Jahren. Die Zeit wird es zeigen In manchen Nächten, wenn ich spät in der kleinen Musikschule zusammenräume, bleiben die Lichter noch lange an. Ich stehe dann am Fenster, sehe auf die gespenstisch leere Leopoldstraße hinaus und spüre den feinen Staub auf meinen Händen alte Saiten, Notenblätter, der Geruch nach Holz und Kaffee. Hinter mir hängt ein abgewetztes Foto von unserer Jugendband; Jan hat es mal vorbeigebracht. Es zeigt uns alle, dünn, verfroren, die Gitarre auf den Knien, Augen voller Hoffnung und Unsinn.

Die ersten Monate als Gitarrenlehrer waren schwierig. Meine Finger waren eingerostet, die Nerven zu dünn, und oft fragte ich mich abends: Ist das genug? Aber dann kam eines Tages, kurz vor Weihnachten, eine Postkarte von Karin Hagedorn ins Studio. In zittriger, blauer Schrift stand: Lieber Herr Niklas, alles Beste für Ihr neues Leben. Danke, dass Sie damals gezählt haben, bis die Zehn erreicht war und darüber hinaus. Ihre Karin.

Ich hielt die Karte lange in den Händen, spürte ihren Wert.

An manchen Tagen sitzt Anna hinten im Raum, lauscht still und lächelt, wenn die Kinder schief singen, begleitet manchmal, zögerlich, mit einer zweiten Stimme, und ich weiß, manches braucht einfach Zeit.

Abends, auf dem Heimweg, grüßt Mehmet aus dem Fenster und winkt mit seinem neuen Enkel auf dem Arm. Im Treppenhaus hängen frische Lieder, und in meinem Herzen sind endlich alle Takte angekommen.

Jetzt zähle ich nicht mehr ich spiele. Und das ist genug.

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Homy
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Bis zehn zählen – Einfache Schritte zum Erfolg
Sie besuchte das Grab – das Geheimnis, das sie bewahrte, veränderte alles