Hey Mädels, habt ihr die grauhaarige Dame auf unserer Station entdeckt? Sie ist schon betagt – sicher hat sie Enkel, doch alles führt dorthin: das Baby verlangt es in ihrem Alter.

Liebes Tagebuch,

heute habe ich wieder den stillen Flur der Frauenstation in der Städtischen Klinik Köln überblickt. Dort liegt die alte Dame, die wir alle Anneliese nennen, in einem betteligen Zimmer. Ihr Haar ist völlig grau, ihr Blick leer man könnte sagen, sie ist schon fast ein Gespenst der Vergangenheit.

Ich habe mich gefragt, wer ihr noch das Herz am Leben hält. Wie alt ist ihr Mann wohl?, flüsterte eine Kollegin, während wir uns leise über das fehlende Lächeln der alten Frau austauschten. Sie ist verschlossen, spricht kaum mit jemandem. Wir versuchen, sie zu integrieren, doch ich weiß gar nicht einmal, wie ich sie ansprechen soll. Anneliese, heißt es, aber vielleicht wäre ihr voller Name mit Nachnamen passender

Das Schicksal von Anneliese war hart. Als meine Freundin Lotte vier Jahre alt war, erkrankte die ganze Familie plötzlich an Typhus. Mutter, Vater, ein einjähriger Bruder und ihr Großvater überlebten die Krankheit nicht. Seitdem zog Lottas Großmutter Maria, eine strenge und herrische Frau, das kleine Mädchen allein auf. Liebe kannte das Mädchen kaum.

Im Jahre 1941, als Lotte und ihr Jugendfreund Viktor beide dreizehn wurden, lebten sie in benachbarten Dörfern im Emsland. Sie zogen ins Kreishaus, um in einer Schlosserei zu arbeiten die Arbeitskraft war dringend gefragt. Dort lernten sie sich kennen und begannen, Hand in Hand zu schuften, gleichaltrig mit den Erwachsenen.

Mit fünfzehn meldete sich Viktor zum Kriegsdienst. Lotte, ein lebhaftes Mädchen mit feurig rotem Haar, wollte mit ihm ziehen, doch man ließ sie nicht zu. Im Hinterland wird eure Arbeit mehr gebraucht, hieß es. So blieben sie dort, wo die Heimat noch brauchte.

Mit achtzehn unterschrieben sie die Heiratsurkunde. Die Hochzeit war kein Fest die Nachkriegsjahre ließen keinen Raum für Frohsinn. Lottes Großmutter, die nie zugab, dass ihr Enkelkind erwachsen wurde, zog Lotte zu ihrem Ehemann nach Hause. Die beiden Dörfer lagen etwa dreißig Kilometer auseinander.

Ein Jahr später bekamen sie einen Sohn, den sie Vasili nannten in Deutschland hieß er nun Friedrich. Die jungen Eltern schwebten auf Wolke sieben, das Haus war erfüllt von Idylle. Doch das Glück war flüchtig.

Mit sechs Jahren wurde Friedrich ein kleiner Wirbelwind. Lotte und ihr Mann lebten wie eins, und im Dorf beneideten alle das Paar. Viktor arbeitete als Ofenbauer; seine Heizungen waren in der ganzen Region berühmt.

Dann rief die Nachbargemeinde, die auf der anderen Seite des Flusses lag, Viktor, um dort Öfen zu installieren. Er nahm Friedrich mit, weil Lotte schichtweise arbeiten musste. Es war ein eisiger Januar, und wir überquerten den zugefrorenen Fluss. Viktor trug einen schweren Werkzeugkasten er benutzte nur seine eigenen Werkzeuge, fremde gab er nie zu.

Friedrich tollte fröhlich umher, hörte kaum auf seinen Vater. Gerade als das Ufer noch etwa zwanzig Meter entfernt war, rutschte er in eine Schneeverwehung. Viktor sprang nach ihm, doch

Anneliese wurde bereits mit fünfundzwanzig grau, als sie ihren Mann und ihr Kind verlor. Das Haus, das an sie erinnerte, war für Lotte unerträglich, also kehrte sie zu Großmutter Maria zurück ins eigene Dorf. Lotte zog sich völlig zurück, das Leben schien ihr jeglichen Sinn zu rauben. An eine neue Familie dachte sie nicht mehr.

Erst vor kurzem wurde Anneliese dreiundvierzig. In diesem Alter, alleinstehend und mit einem kleinen Kind, wagte Lotte einen Neuanfang. Sie wusste genau, welche Hürden sie erwarten würden, doch die Einsamkeit war ihr größerer Feind als jede zukünftige Not.

Das Dorf, in dem Lotte lebte, war abgelegen, die Anreise schwierig. Trotz des stürmischen Wetters fuhr sie früh zur Klinik, weil sie um das Wohl ihres Kindes bangte das Alter machte ihr Sorgen.

Seit dem Morgen schwebte eine schwere Stimmung über mir; ich ging wie ein Gespenst durch die Flure der Klinik. Vor achtzehn Jahren hatte ich meinen geliebten Mann und meinen Sohn verloren. Die Zeit hat die Wunden nicht geheilt, der Schmerz schmerzt noch immer.

Jetzt bin ich Mutter eines gesunden Jungen, den ich Dieter nannte. Ich erinnere mich, wie Friedrich einst von einem Bruder träumte:

Kauf mir einen kleinen Bruder, flehte er. Papa hat so viele Spielsachen gebaut! Ich will mit ihm spielen.

Wie willst du ihn nennen?, fragte Viktor.

Dieter!, rief er.

Dann wird er Dieter heißen, lachte Viktor, während er Lotte ansah.

Zu jener Zeit war ich voller Hoffnung; Viktor wusste das. Wir beschlossen, Friedrich nicht sofort von dem Verlust zu erzählen. Als mein Mann und mein Sohn starben, war ich gebrochen.

Nun ist Dieter da, so wie Friedrich ihn sich erträumt hatte.

Großmutter Maria sah uns mit missmutigem Blick, als wir das Neugeborene aus der Klinik trugen.

Was weinst du denn wieder, mein Glück?, flüsterte Lotte, um ihren Sohn zu beruhigen.

Ach du das ist ja schändlich, dein Glück, grummelte Maria mit ihrer knarrigen Stimme. Das ganze Dorf wird schon über deine Schande reden.

Ich zeige seit einer Woche nicht mehr mein Gesicht, dachte ich. Wie soll ich den Leuten erklären, dass meine alte Enkelin verrückt geworden ist?

Im Dorf wurde lange getratscht. Nichts beunruhigte die Dorfbewohner mehr, als die unverheiratete Lotte, jetzt dreiundvierzig, und ihr neugeborenes Kind.

Meine Mutter schimpfte unbarmherzig, doch nach einem Jahr verließ sie uns plötzlich ein alter, aber lebhafter Abschluss ihres Lebens.

Ich trauerte, doch ich musste zugeben, dass meine Mutter mich doch großgezogen hatte.

Dieter wuchs zu einem stattlichen, dunkeläugigen Jüngling heran, kaum ein bisschen meiner selbst. In meinen siebzigern wurde ich Großmutter. Als Dieter erfuhr, dass er eine Tochter bekommen hatte, fuhr er mit mir ins Krankenhaus. Seine Frau, Sabine, lag bereits im ersten Stock.

Sabine, Sabine!, rief er jubelnd. Zeig mir die Kleine!

Sabine öffnete das Fenster, hielt das Baby im Arm. Ich lächelte glücklich und wischte mir die Tränen ab.

Schau, Mama, sie hat rote Haare! Genau wie du!, sagte Dieter stolz.

Für Anneliese war es ein Trost, ihren Enkel glücklich zu sehen. Er ist nun erwachsen, und das Leben scheint nicht mehr so furchterregend zu sein.

Ich schließe den Eintrag, während die Nacht über Köln hereinbricht. Möge der nächste Tag ein wenig leichter sein.

Lotte.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Hey Mädels, habt ihr die grauhaarige Dame auf unserer Station entdeckt? Sie ist schon betagt – sicher hat sie Enkel, doch alles führt dorthin: das Baby verlangt es in ihrem Alter.
Sie entschied, nicht zu schweigen: Verlorene Liebe oder nur vorübergehende Schwierigkeiten?