Mama, darf ich reinkommen? Ich muss kurz was besprechen, Anneliese lehnte an der Tür der Elternwohnung, die große Reisetasche fest an sich gedrückt.
Komm rein, zieh nur bitte deine Schuhe ordentlich aus, ich habe gerade den Boden gewischt, sagte die Mutter und wich zur Seite, ließ die Tür offen. Dein Vater ist zu Hause, liest die Zeitung.
In der Wohnung lag der Duft von Bratkartoffeln und Frikadellen. Fritz, der kleine Bruder, sollte von seiner Tour zurückkommen, und die Mutter bereitete immer sein Lieblingsessen zu.
Anneliese trat ins Wohnzimmer, ließ die Tasche sinken und setzte sich erschöpft auf das Sofa. Unter dem lockeren Kleid wölbte sich ihr Rund noch deutlich.
Schwellst du wieder in den Beinen? fragte der Vater, legte die Zeitung beiseite. Solltest du vielleicht zum Arzt gehen?
Alles okay, Papa. Erstes Mal? justierte Anneliese das Kissen hinter ihrem Rücken. Hört zu, ich wollte etwas mit euch besprechen sie räusperte sich. Mir kam eine Idee für die Wohnung.
Welche Wohnung? die Mutter trat gerade mit einer Tasse heißen Tee für die Tochter ein.
Ihre, schlürfte Anneliese den Tee. Sehen Sie, Sie und Fritz haben hier genug Platz, oder? In einem Zimmer ist er, im anderen Sie. Wenn wir die Zweizimmerwohnung verkaufen und eine Einzimmerwohnung nehmen
Und dir den Rest geben? dröhnte ein spöttischer Ton aus dem Flur. Fritz lehnte am Türrahmen, noch in seiner Arbeitsjacke mit dem Logo der Spedition. Sie nutzt die Zeit, Schwesterchen.
Fritz, bist du schon zurück? sprang die Mutter auf. Ich wärme gleich den Tee auf
Später, winkte er ab, den Blick fest auf die Schwester gerichtet. Erst hören wir, was du hier für Pläne hast.
Fritz, musst du immer sofort anfangen? verzog Anneliese das Gesicht. Ich rede hier von einer Lösung. Ihr würdet in einer Einzimmerwohnung ganz gut leben
Wer hätte das noch einfacher? er schritt ins Zimmer, ließ die schwere Reisetasche mit einem Krachen in die Ecke fallen. Ich in einer Einzimmerwohnung mit euch? Oder du mit unserem Geld?
Sohn, rede nicht so laut, versuchte es der Vater zu beruhigen. Lass uns das in Ruhe besprechen.
Was gibt es denn zu besprechen? Fritz begann im Raum umherzuschweifen. Vor fünf Jahren haben wir das Schrebergartenhaus verkauft, das Geld war weg. Und jetzt das hier? Kauf ihr der ältesten Tochter eine Wohnung? Dann sollt ihr dort einziehen, sagte er zu den Eltern.
Ich bekomme doch erst das dritte Kind! schrie Anneliese ebenfalls. Wir brauchen mehr Platz! In der Dreizimmerwohnung ist es schon eng!
Was soll ich denn machen? Fritz drehte sich abrupt zu seiner Schwester. Ich bin zweiunddreißig, habe immer noch keinen eigenen Winkel, weil das Familiengeld an dich geflossen ist! Für deine Dreizimmerwohnung!
Genau, schnaufte Anneliese. Denn ich habe endlich etwas erreicht. Mein Mann ist ordentlich, ein Geschäft, Kinder, eine Wohnung
Ein ordentliches Geschäft? lachte Fritz laut. Das seine Läden eins nach dem anderen schließt? Die ganze Stadt kennt schon Pauls Schulden bis zum Hals.
Anneliese wurde blass:
Was redest du da überhaupt?
Hör auf zu heucheln, Schwesterchen. Ich bin Fernfahrer, cruise durch das ganze Bundesland. Weißt du, wie viel Gerede darüber läuft? In der Nachbarstadt sind bereits zwei Läden dicht, hier noch drei kämpfen ums Überleben. Lieferanten geben nichts mehr, weil die alten Rechnungen offen sind. Warum brauchst du also das Geld der Eltern?
Ein drückendes Schweigen legte sich über den Raum. Die Mutter wechselte ängstlich den Blick zwischen Tochter und Sohn:
Anneliese, sag, das ist nicht wahr. Ist das nicht wahr?
Anneliese schluchzte auf dem Sofa:
Ich wollte euch nicht belügen Paul hat wirklich Probleme. Ernsthafte Probleme. Die Läden bringen keinen Gewinn mehr, zwei mussten schließen. Die Lieferanten fordern die Schulden zurück. Wenn wir nicht sofort Geld finden
Und du willst die Eltern ohne Zuhause lassen? schüttelte Fritz den Kopf. Damit wir alle in einer Einzimmerwohnung zusammenquetschen, während du Papas Schulden überdeckst?
Was soll ich tun? sprang Anneliese auf, die Augen gerötet. Ich habe zwei kleine Kinder! Das dritte kommt bald! Wir könnten alles verlieren!
Dann löse deine Probleme selbst! brüllte Fritz. Hör auf, dich an den Eltern festzusaugen! Sie haben euch dein ganzes Leben lang alles gegeben den Schrebergarten, das Erspartes und jetzt willst du das Letzte nehmen?
Du bist nur neidisch! sprang Anneliese fast mit der Tasse aus der Hand. Neidisch, weil ich es geschafft habe, einen “richtigen” Mann zu heiraten, im Gegensatz zu dir Wer bist du überhaupt? Fahrer!
Ja, dir ist es gelungen, grunzte Fritz. Und jetzt willst du die Eltern ausrauben. Vielleicht nimmst du sie ja bei dir auf? Wenn du schon alles von ihnen bekommen hast den Schrebergarten, das Geld lass sie bei dir wohnen!
Was? fuhr Anneliese zurück. Nein! Ich habe meine eigene Familie, kleine Kinder
Ach, du nimmst von ihnen, aber helfen kannst du nicht? Nur zuschaufeln?
Du verstehst gar nichts! packte Anneliese die Tasche, die Hände zitterten. Wir haben solche Schwierigkeiten Paul könnte alles verlieren!
Und wir sollen also ohne Dach über dem Kopf bleiben? kam Fritz näher. Verschwinde hier. Hör auf, die Eltern zu melken. Regel deine Sache allein.
Anneliese stürmte hinaus, schlug die Tür zu, sodass das Glas im Sideboard klirrte. Die Mutter setzte sich schwer auf einen Stuhl, vergrub das Gesicht in den Händen:
Warum behandelst du deine Schwester so? Sie ist doch schwanger
Und wie soll das gehen? setzte Fritz sich ihr gegenüber, massierte müde seinen Nacken. Der lange Weg hatte den ganzen Körper erschöpft. Ihr seht doch, ihr ist egal. Hauptsache, das Geld fließt.
Aber ihre Lage ist wirklich schwierig
Und unsere nicht? blickte er um die alte Wohnung, wo die Tapeten abblätterten und die Fensterrahmen rissig waren. Papa, du gehst in einem Jahr in Rente. Mama, dein Blutdruck springt. Und sie will, dass ihr in eine Einzimmerwohnung in einem neuen Stadtteil zieht, weit weg von der Klinik
Vielleicht besinnt sie sich, sagte der Vater leise.
Doch Anneliese besann sich nicht. Eine Woche lang hörte man nichts von ihr. Die Mutter versuchte zu telefonieren die Tochter lehnte jeden Anruf ab. Dann geschah das Unerwartete Paul tauchte auf.
Fritz sollte gerade zur Arbeit fahren, ein neuer Auftrag stand an. Ein Klopfen an der Tür. Am Türrahmen stand ihr Schwager schlaksig, im zerknitterten Anzug, leere Augen.
Darf ich reinkommen? seine Stimme rau und müde. Ich muss reden.
Die Mutter führte den Schwiegersohn schweigend in die Küche. Fritz wollte gehen, doch der Vater hielt ihn auf:
Setz dich, Sohn. Hör zu. Das betrifft die ganze Familie.
Paul schwieg lange, drehte die kühle Tasse Tee in den Händen. Dann sprach er:
Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Für mich und für Anneliese. Wir hätten euch nicht in diese Misere ziehen dürfen.
Was ist geschehen? fragte die Mutter leise.
Alles. Das Geschäft ist gescheitert, er lächelte bitter. Gestern haben wir den letzten Laden geschlossen. Gläubiger kamen, nahmen die Ware, die Maschinen, das Fahrzeug. Ich dachte, ich schaffe das allein. Habe geliehen, nachgeliehen Anneliese hat an mich geglaubt, deshalb kam sie zu euch. Sie dachte, wenn ihr die Wohnung verkauft
Und an die Eltern gedacht? Dass ihr das Letzte von den Rentnern verlangt? schnitt Fritz ein.
Du hast recht, Paul hob den Blick. Absolut. Ich habe mich überschätzt. Habe mich als großer Unternehmer aufgespielt, Kredite geschöpft. Und als alles zusammenbrach, wusste ich nicht mehr weiter. Scham, euch das jetzt zu sagen.
Und Anneliese? fragte die Mutter besorgt.
Sie weint ständig. Sagt, das Leben hat keinen Weg mehr für sie. Schäm sich, zu euch zu kommen nach diesem Streit. Ihr kennt ihre stolze Art
Wie geht es euch sonst? Die Kinder hakte die Mutter nach.
Wir versuchen, nickte Paul. Habe einen Job als Spediteur bei einer Großfirma gefunden. Anneliese wird nach der Entbindung als Verwaltungsangestellte im Einkaufszentrum anfangen. Wir wollen ein normales Leben führen. Nur er stockte, verzeih uns bitte, das war unser Fehler. Wir hätten euch nicht hineinziehen sollen.
Als Paul ging, legte sich eine schwere Stille über die Küche. Fritz starrte aus dem Fenster auf den grauen Herbsthof. Gedanken wirbelten um die Schwester. Wie hat sie sich verändert? Von einem fröhlichen Mädchen zur überheblichen reichen Ehefrau. Und jetzt
Weißt du, Sohn, sagte plötzlich der Vater, du hast richtig gehandelt, dass du uns die Wohnung nicht hast verkaufen lassen. Wir haben Anneliese immer verhätscht, ihr alles verziehen. Und sie
Ein Monat später stand Anneliese wieder im Flur. Dünner geworden, der Bauch noch deutlich sichtbar, in schlichtem Kleid, ohne Schmuck und Makeup. Sie setzte sich, brach in Tränen aus:
Bitte verzeiht mir. Ich war Ihr habt so viel für mich getan, und ich
Die Mutter rannte zu ihr:
Jetzt reichts. Irgendwie wird das schon klappen.
Fritz sah seine Schwester an und erkannte sie kaum wo ist die selbstbewusste, hochmütige Frau hin? Sie sitzt nackt, ungewaschen, in abgetragenen Schuhen.
Gut, sagte er schließlich. Wir lassen das hinter uns. Jetzt wirst du wie alle andere leben, ohne Aufschlag.
Danke, flüsterte Anneliese, die Tränen noch immer in den Augen. Dass du damals die Wohnung nicht hast verkaufen lassen. Du hattest recht wir müssen selbst für uns sorgen.
Am Abend saßen sie lange in der Küche. Anneliese erzählte, wie alles zusammenbrach zuerst ein Laden, dann der nächste. Wie Paul durch die Stadt fuhr, um Geld zu finden. Wie sie nachts nicht schlafen konnte, weil sie nicht wusste, was weiter zu tun ist.
Weißt du, sagte sie zu ihrem Bruder, ich dachte, wir wären die Besten. Wenn wir Geld haben, sind wir etwas Besonderes. Jetzt Paul liefert nur noch Ladungen, ich gehe bald ins Einkaufszentrum, wie jeder andere.
Das ist gut, erwiderte Fritz. Nichts Schlimmes daran. Ich drehe auch meine Runden und beschwere mich nicht.
Ein Jahr verging. Anneliese gebar ihr drittes Kind, einen Jungen. Paul arbeitete weiter als Spediteur, verschwand ganze Tage, kam aber immer mit Lebensmitteln nach Hause. Anneliese fand einen Job als RemoteCopywriter, erhielt bereits im ersten Quartal eine Auszeichnung.
Eines Abends fuhr Fritz nach seiner Tour zu seiner Schwester. Anneliese rührte am Herd:
Opa, komm rein, ich gebe dir Suppe.
Nur kurz, ich habe hier ein paar Kleinigkeiten, sagte er und zog ein Tütchen mit Süßigkeiten und Spielzeug aus seiner Tasche.
Die älteren Kinder stürmten lachend zu ihm. Anneliese lächelte:
Ihr verwöhnt sie immer.
Warum nicht? warf Fritz den kleinen Neffen in die Luft. Sie wachsen zu guten Kerlen heran.
Später, als die Kinder im Zimmer spielten, schenkte Anneliese ihrem Bruder einen Tee:
Ich wollte dich fragen: Kennst du die Firma TransOil? Paul bekommt ein Angebot dort, mehr Gehalt.
Ein seriöser Betrieb, nickte Fritz. Arbeite oft mit denen, zahlen pünktlich.
Sag ihm, er soll zusagen. Er hat Angst vor Veränderungen.
Nach seinem eigenen Geschäft? Klar, aber dort zahlen echt gut.
Anneliese schwieg einen Moment, dann sagte sie:
Neulich ging ich an unseren alten Läden vorbei. Dort ist jetzt eine Apotheke. Es fühlt sich fast so an, als wäre das alles ein anderes Leben.
Dann ist es eben so, trank Fritz seinen Tee. Ihr lebt okay. Arbeit, Kinder, alles.
Am nächsten Tag besuchte Fritz die Eltern. Der Vater las die Zeitung, die Mutter kümmerte sich um die Kräuter auf der Fensterbank.
Fritz, setz dich, legte der Vater die Zeitung weg. Wir haben uns beraten
Ohne Umschweife, Vater.
Kurz gesagt, wir wollen dir Geld geben. Für die erste Anzahlung der Hypothek. Wir haben ein bisschen gespart.
Was? fuhr Fritz hoch. Geld von euch? Ihr könnt das doch nicht
Streit nicht mit dem Vater, unterbrach die Mutter. Wir sehen, wie viel du sparst. Und deine Rente kommt bald dazu
Nein, schüttelte Fritz den Kopf. Ich schaff das allein. Lasst das Geld für euch.
Wir wissen, wie du dich durchschlägst, knurrte der Vater. Zusätzliche Touren, Überstunden. Nimm das, streite nicht. Du warst immer unser Rückhalt.
Fritz wollte ablehnen, dachte dann aber: Wie lange soll ich noch in einer Mietwohnung leben? Also nahm er das Angebot an.
Zwei Wochen später fand er eine passende Einzimmerwohnung. Nicht im Zentrum, aber nahe seiner Arbeit. Die Eltern zahlten die Anzahlung, den Rest übernahmen sie in Form eines Darlehens.
Jetzt hast du dein eigenes Eckchen, sagte die Mutter, half beim Umzug. Endlich nicht mehr nur Miete.
Alles gut, Mama. Ich habs geschafft.
Anneliese kam ebenfalls vorbei, brachte Vorhänge und Töpfe mit:
Das ist von uns beiden. Ein Einzugsglück.
Ich habe schon alles, protestierte Fritz.
Nimm, nimm, fuhr sie fort, stellte Geschirr in Schränke. Weißt du, ich habe darüber nachgedacht Du hast damals richtig laut auf mich eingeschlagen. Ich war wirklich überheblich, habe immer nur gefordert
Das ist vergessen, winkte Fritz ab. Wichtig ist, dass du es verstanden hast.
Abends, als alle gingen, saß er in seiner neuen Küche. Draußen rauschte die Stadt, der Wasserkocher pfiff. Fritz lächelte es hatte geklappt. Er hatte die Wohnung gekauft, sich mit der Schwester versöhnt und die Eltern blieben in ihrer Zweizimmerwohnung.
Am Wochenende fuhr er dann zu den Eltern, brachte Einkäufe, half im Haushalt. Die Mutter packte immer wieder Frikadellen ein:
Nimm, mein Sohn. Ich weiß, du kochst nicht gern.
Mir reicht das, Mama.
Nimm, nimm, sagte sie, reichte eine Tupperdose. Du bist mein einziger.
Und was sonst noch fehlt? Hauptsache, die Kinder sind da, die Eltern haben ihr Heim, und mit Anneliese hat sich alles beruhigt. Das Leben findet langsam wieder seinen Weg.





