Liselotte spült das Geschirr nach dem Frühstück, als das Telefon klingelt. Ihre Schwiegermutter Rita ruft aus dem Westen Deutschlands an. Der sechs Monate alte Felix schläft friedlich im Kinderwagen auf dem Balkon, sodass sie in Ruhe reden kann.
Liselotte, meine Liebe, ich habe eine Bitte, sagt die Stimme aus der Ferne. Ich würde dich gern sehen, mein Enkel. Darf ich zu euch kommen?
Liselotte nimmt die Anfrage ohne Vorbehalt an. Rita wohnt weit entfernt, sie sehen sich nur selten. Seit der Geburt ihres Sohnes haben sie fast ausschließlich telefoniert.
Natürlich, Rita, kommen Sie gern. Sie müssen Felix unbedingt sehen, er wird ja immer größer, sagt Liselotte.
Wie lange könnten Sie bleiben? Eine Woche zum Beispiel?, erkundigt sich die Schwiegermutter.
Ja, das passt, antwortet Liselotte großzügig. Das Schlafsofa im Wohnzimmer lässt sich ausklappen, dort haben wir Platz.
Rita jubelt und sagt sofort:
Danke, meine Liebe. In ein paar Tagen bin ich da, ich habe schon die Tickets für die Bahn gekauft, nur für den Fall.
Liselotte lächelt. Nachdem das Gespräch beendet ist, erzählt sie ihrem Mann Markus von dem bevorstehenden Besuch.
Gut, lass sie kommen, stimmt er zu. Ich habe meine Mutter lange nicht gesehen.
Drei Tage später bekommt Liselotte eine Nachricht von Rita:
Ich komme heute, ich muss nicht abgeholt werden, nehme ein Taxi.
Liselotte bereitet das Schlafsofa vor, kauft mehr Lebensmittel und besorgt sogar eine Torte.
Am Abend taucht Rita mit zwei großen Koffern und einem breiten Lächeln auf. Im Flur steht jedoch eine fremde Gestalt.
Liselotte, das ist Gerd, mein Freund. Er musste nach Berlin wegen einer Angelegenheit, also sind wir zusammen angereist, um uns gleich kennenzulernen, stellt Rita ihn fröhlich vor.
Liselotte blickt verwirrt auf den etwa sechzigjährigen Mann in abgetragenem Anzug, eine abgewetzte Reisetasche in der Hand.
Guten Tag, murmelt sie.
Freut mich sehr, erwidert Gerd und reicht die Hand. Rita hat so viel über Sie erzählt.
Liselotte führt die Gäste ins Wohnzimmer und versucht zu begreifen, was hier passiert.
Leise fragt sie Rita: Wo soll Gerd wohnen? Sie hatten ja nicht gesagt, dass Sie nicht allein kommen.
Was soll’s?, lacht Rita. Das Sofa ist groß genug, wir passen schon. Gerd ist nicht anspruchsvoll.
Liselotte steht mitten im Wohnzimmer und versucht die Situation zu verarbeiten. Die ZweiZimmerWohnung, die sie und Markus gemietet haben, ist für eine dreköpfige Familie ausgelegt, plötzlich also für fünf Personen.
Rita, ich habe nur für eine Person vorbereitet. Wir haben ein kleines Kind, der Platz ist begrenzt, erklärt Liselotte.
Rita öffnet bereits den ersten Koffer: Mach dir keine Sorgen, wir sind sparsame Leute, wir nehmen kaum Platz ein. Oder nicht, Gerd?
Gerd nickt und mustert die Wohnung interessiert: Schöne Umgebung, gute Verkehrsanbindung. Perfekt, um hier nach Arbeit zu suchen.
Nach Arbeit suchen?, fragt Liselotte verwirrt.
Genau, ich will mich in Berlin etablieren, erklärt Gerd. In unserem Dorf gibt es keine Perspektiven, hier will ich etwas finden.
Liselotte spürt, wie ihr schwindelig wird. Er ist nicht für ein paar Tage, sondern länger.
Wie lange wollt ihr bleiben?
Wie es sich ergibt, sagt Rita gelassen. Gerd braucht Zeit, um etwas zu finden.
Liselotte, die keine Panik zeigen will, geht in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Gerade als sie das Esszimmer verlässt, kommt Markus von der Arbeit zurück.
Hey, wie läufts? Ist die Mutter angekommen?
Ja, und nicht allein.
Markus bleibt stehen: Wie bitte, nicht allein?
Mit einem Begleiter. Geh und lern Gerd kennen.
Markus betritt das Wohnzimmer, wo Rita Fotos von ihrer Familie auf dem Handy zeigt.
Mama, du hättest doch sagen müssen, dass du mit jemandem kommst, sagt Markus.
Ach, Victor, mein Sohn, lacht Rita. Jetzt lernt ihr euch endlich kennen. Gerd, das ist mein Sohn.
Die Männer schütteln sich die Hände. Gerd lächelt freundlich.
Rita hat so viel von euch erzählt. Ihr seid eine gute Familie, sagt er.
Danke, antwortet Markus kühl. Kann ich kurz mit dir reden, Mama?
Sie gehen in die Küche. Liselotte tut so, als wäre sie beim Kochen beschäftigt, lauscht aber dem Gespräch.
Mama, bist du verrückt? Einen fremden Mann in unsere Wohnung zu holen?
Victor, keine Panik. Gerd ist ein guter Mensch, wir kennen uns schon ein halbes Jahr.
Freunde, ja, aber nicht in unserem Haus!
Rita wird wütend: Siehst du, die Mutter ist nur ein Störfaktor. Ich dachte, mein Sohn würde sich freuen.
Markus seufzt: Mama, es liegt nicht an dir. Wir hätten einfach vorher gewarnt werden können. Wir haben ein Kind, brauchen Ruhe und einen geregelten Alltag.
Wir halten uns zurück, verspricht Rita. Und das nur für kurze Zeit. Gerd braucht einfach Zeit, um in der Stadt Fuß zu fassen.
Schließlich gibt Markus nach. Es ist peinlich, die Mutter und ihren Begleiter rauszuwerfen, und Liselotte schweigt.
Die ersten Tage verlaufen relativ ruhig. Rita verbringt Zeit mit dem Enkel, Gerd schaut sich Stellenanzeigen an. Doch bald treten Spannungen auf.
Morgens steht die Schlange vor dem Bad. Gerd rasiert sich lange. Rita bereitet das Frühstück für alle zu, ohne nach den Wünschen zu fragen. Abends sitzen die Gäste vor dem Fernseher im Wohnzimmer, während das Paar mit dem Kind im Schlafzimmer liegt.
Hast du zufällig einen Laptop?, fragt Gerd beim Abendessen. Ich muss ein Bewerbungsschreiben verschicken.
Ja, sagt Liselotte. Wir nutzen ihn nur für unsere Arbeit.
Ich würde ihn kurz ausleihen, nur für das eine Dokument, meint er.
Gerd richtet sich im Wohnzimmer an den Laptop und verbringt den größten Teil des Tages damit, laut mit potenziellen Arbeitgebern zu telefonieren.
Ja, ich habe viel Erfahrung, war in München als Schichtleiter tätig, stolpert er. Der Lärm weckt Felix, der weint. Liselotte wiegt ihn tröstend, während Gerd weiter verhandelt.
Entschuldigung, das ist mein Enkel, er ist noch klein, sagt Rita. Kannst du etwas leiser sein?
Rita versucht, beim Kind zu helfen, doch ihr Erziehungsstil unterscheidet sich stark von Liselottes:
Liselotte, warum nimmst du ihn gleich auf den Arm? Lass ihn schreien, das stärkt die Lungen.
Rita, er hat Hunger.
Er hat doch vor einer Stunde gegessen. Vielleicht schneidet er jetzt seine Zähne.
Liselotte schweigt, weil ein Wortgefecht nur noch mehr Stress erzeugt.
Nach einer Woche beginnt ihr Geduldsfaden zu reißen. Gerd hat noch keine Arbeit gefunden, bleibt aber optimistisch. Rita benimmt sich wie die Herrin des Hauses.
Liselotte, warum ist euer Kühlschrank so leer?, fragt sie neugierig. Ihr müsst euch besser einrichten, er braucht nahrhafte Kost, er sucht ja Arbeit.
Wir kaufen, was wir essen, erwidert Liselotte.
Mehr Eiweiß, nicht nur diese Joghurts und Quark. Gerd braucht kräftige Nahrung, besteht Rita darauf.
Liselotte ist fassungslos, bleibt aber still. Das Familienbudget ist bereits am Limit, und die Gäste haben sich kaum einmal selbst zu einem Supermarkt begeben.
Auch Gerds Anrufe bei Bekannten nerven:
Hey Klaus, hier ist Gerd aus Berlin. Ich bin bei meiner Schwiegermutter untergekommen, die Wohnung ist schön, das Viertel gut. Vielleicht hast du einen Tipp?
Liselotte kann es kaum fassen. Sie sehen sich mit einem Fremden zusammen, der von Markus bewirtet wird und dem Markus sogar vor Freunden mit Stolz vorwirft, dass er einen Mitbewohner habe.
Der Höhepunkt kommt, als Felix fiebrig wird. Der kleine Sohn hat hohes Fieber, schreit und schläft schlecht. Liselotte wacht nachts, während Gerd tagsüber laut telefoniert und Ruhe fordert.
Entschuldigen Sie, mein Kind ist krank, sagt Liselotte.
Ich verstehe, aber der Arbeitgeber ruft! Das ist wichtig!, erwidert Gerd.
Markus hört das und verliert die Geduld:
Mama, wie lange soll das noch gehen?
Victor, sei bitte etwas geduldiger. Gerd muss erst eine Arbeit finden, versucht Rita zu beruhigen.
Und wenn er nichts findet? Dann bleibt er bis zur Rente bei uns?, fragt Markus.
Rita wird wütend: Was redest du da? Wir sind doch keine Fremden.
Er ist fremd, sagt Markus entschieden. Wir wollen, dass ihr geht maximal noch zwei Tage.
Rita bricht in Tränen aus, Gerd ist beleidigt, aber Markus bleibt fest. Innerhalb von zwei Tagen packen die Gäste ihr Zeug und fahren zurück nach ihrer Heimatstadt in BadenWürttemberg.
Bevor sie abreisen, sagt Rita zu ihrem Sohn:
Schade, dass ich meinen Enkel jetzt lange nicht sehen werde.
Das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter ist zerstört. Liselotte schwört sich, nie wieder jemanden ungefragt aufzunehmen besonders nicht in einer kleinen Mietwohnung mit einem Kleinkind.
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