Zurückblickend erzähle ich, wie ich einst, beinahe lahm, die Poliklinik am Alexanderplatz in Berlin erreichte ich hatte mir das Bein heftig verstaucht. Ich stieß zufällig mit einer Menge zusammen, sodass ich kaum noch laufen konnte. Plötzlich schlüpfte ein glatzköpfiger Herr, geschickt um mich herum, und eilte als Erster zum Doktor. Ich sank erschöpft auf einen Stuhl, als sich das Unglück erneut anbahnte. Vor Ärger flüsterte ich: So ein Mumpitz, die Männer geben nie nach! Eine ältere Dame neben mir erwiderte, dass der Mann bereits heute zweimal gewesen sei, weil das passende Prothese noch nicht gefunden wurde. Sie lachte laut und rief: Ein lieber Kerl, der Andreas, mein Nachbar. Nur das Leben hat ihn verraten er musste das Bein bis zur Kniekehle opfern, seine Frau ließ ihn hängen. Man dachte, er würde einen Alkoholrausch durchmachen, doch jetzt hüpft er wie ein Blindgänger, ganz allein, ohne Kinder, ohne Familie. Kaum hatte sie das gesagt, trat ein leicht hinkender Mann aus dem Untersuchungszimmer, grinste und zwinkerte uns zu: Na, Mädels, wollen wir weiterleben? Er stampfte mit dem Fuß und verschwand Richtung Ausgang.
Ich lächelte über das Wort Mädels das war längst nicht mehr meine Welt. Ich heiratete früh, mein Mann war zwölf Jahre älter. Doch nach dem Sternzeichen waren wir beide im Zeichen des Hundes. Mein Ehemann, HerrPfeffer, liebte Hunde; bald bekamen wir einen Dackel, und ich wurde schwanger. Freunde staunten: Ihr habt das perfekte Leben Wohnung, Auto, Gartenhaus, Hund, bald ein Sohn. Doch im sechsten Monat erlitt ich eine Fehlgeburt und verlor unseren kleinen Jungen. HerrPfeffer tröstete mich zunächst, dann sagte er: Wir sind nicht mehr die Jüngsten, aber wir haben Gerd, unser Dackelchen. Ich liebte den Hund, und er fuhr oft mit ihm zu Ausstellungen, doch ein Hund kann ein Kind nicht ersetzen.
Auf einer Ausstellung traf HerrPfeffer die junge Olga. Auch sie hatte einen Dackel. Als wir uns später unterhielten, stellte er Olga vor mir: Sie wird unser Kind bekommen, das wird ein gesunder Junge. Er meinte, sie sei jung, fast zwanzig Jahre jünger als ich, und dass das Schicksal so beschlossen habe. Ich fühlte mich plötzlich älter, fast wie im Ruhestand, während mein Geist sich noch wie ein Kind anfühlte. Ich bin erst 43, das ist nicht viel, dachte ich, aber meine Seele ist schon alt wie ein Greis.
Eine Woche später war die Verstauchung fast verheilt, und ich ging erneut zum Arzt. Wieder stand derselbe glatzköpfige Mann vor mir. Entschuldigen Sie, meine Liebe, Sie dürfen bitte vorgehen, ich bin gleich dran, sagte er mit entschuldigendem Lächeln und blieb am Türrahmen stehen, bis die Krankenschwester rief: Weiter! Ich staunte, warum er nicht ins Zimmer ging. Er flüsterte: Ich war schon hier, nur ein Spaß. Ich heiße Andreas, und Sie? Svetlana? so dachte ich, das passt zu Ihrem klaren Blick. Darf ich Sie ein Stück begleiten? Ich erwiderte lachend: Wenn ich hübsch bin, dann passen Sie ja nicht zu einem Invaliden. Gemeinsam verließen wir das Wartezimmer; Andreas bot mir seine Hand zum Anlehnen, weil ich noch hinkte.
Wollen wir kurz reinschauen?, deutete er auf ein kleines Café, günstig und lecker, ich lade ein, ich habe noch nicht gefrühstückt. Mit ihm war alles leicht und heiter, und er bat mich, sich öfter zu treffen. Eines Tages sagte er ernst: Ich mag nicht, dass ich das Tempo verliere, ich fürchte, jemand könnte mich überholen, und ich bleibe wieder allein. Ich bin hinkend und kahl, und Sie, junge, hübsche Frau! Einen Moment sprachlos, fuhr dann fort: Svetlana, heirate mich! Wir kennen uns zwar nicht lange, aber ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Ich habe Wohnung, Arbeit, bin ein starker Mann. Er senkte den Kopf, sah mich erwartungsvoll an, dann sprach ich: Andreas! Du bist der Beste, ich war zunächst unsicher, aber ja, ich will!
Wunderbar, kurz nach der Hochzeit wurde ich schnell schwanger. Ich hätte nie geglaubt, dass ich ein Kind bekommen könnte ich hatte das Kreuz längst auf mich genommen. Doch plötzlich war das Glück da, alles schien zurückgedreht, ich fühlte mich wieder jung, schön und geliebt. Schau nur, Andreas, unser kleiner Kaspar hat lockige Haare was für ein Wunder!, staunte ich. Er strich über seinen kahlen Kopf und meinte: Ich war einst ein stolzer Adler, blond und lockig, jetzt bin ich kahl und hinke, doch unser Sohn hat deine Augen, meine Locken. Ich konnte nicht genug von Kaspar bekommen, es war, als wäre er nicht mein. Ein Zufall, dass wir uns trafen, sonst gäbe es keinen kleinen Kaspar, flüsterte ich und brach in Tränen aus. Andreas war verwirrt: Svetka, hör auf zu weinen, du bist meine kleine, alles wird gut! Ich trocknete die Tränen und drückte mich fester an ihn: Ich weine vor Glück, das erste Mal in meinem Leben. Ein Lächeln zog über mein Gesicht, Tränen glitzerten an meinen Wimpern wie Diamanten. Ich war reich reich an Liebe und Glück.
Denn das größte Vermögen sind Kinder, und das wahre Glück heißt Liebe.





