Den eigenen Sohn von der Ehefrau nicht zu bemitleiden

»Den Sohn von der Frau tuts nicht leid«

»Bist du noch bei Sinnen? Du hast das Geld, das wir fünf Jahre lang gespart haben, für eine Wohnung für deine schwangere Geliebte ausgegeben? Auch mein Geld hast du verschleudert für diese… Mir fehlen die Worte! Wie konntest du nur…«

Dreizehn Jahre hatte Anna mit ihrem Mann gelebt. Sie liebte Georg über alles, einfach weil es ihn gab. Sie verehrte sein immer zerzaustes kastanienbraunes Haar und dieses besondere, leicht müde Lächeln, das aufkam, wenn er ihren achtjährigen Sohn Michel ansah. Das Leben in ihrer kleinen Stadt verlief ruhig, wenig veränderte sich jemals.

…Georg kam genau um 21:30 Uhr nach Hause. In letzter Zeit blieb er oft länger auf der Arbeit, aber Anna hatte sich nichts dabei gedacht ihr Mann schuftete für die Familie. Er warf die Tür zu, zog seinen Jackett aus, der plötzlich nicht mehr nach seinem gewohnten Aftershave, sondern nach etwas Süßem, Blumigem roch. Anna spürte es sofort.

»Hallo«, murmelte er, küsste seine Frau flüchtig auf den Scheitel, »bin fix und fertig! Heute war ein harter Tag.«
»Hallo. Willst du etwas essen? Komm, ich mach dir was warm.«
»Nein, danke. Ich geh erst mal duschen.«
Er ging vorbei, und Anna spürte plötzlich ein ungutes Gefühl. Wieder kein Appetit. Gibt es da etwa jemanden? Georg kam immer später nach Hause, sein Handy hatte er stets bei sich. Früher ließ er es auf dem Nachttisch liegen, jetzt steckte es entweder in der Tasche oder noch schlimmer lag mit dem Bildschirm nach unten, immer gesperrt. Jede Berührung ließ ihn nervös werden.

»Du bist spät dran heute«, sagte sie und stand auf, um die Tasse wegzuräumen, »viel zu tun gehabt?«
Georg stand schon in der Badezimmertür.

»Ja, Anneli. Du weißt doch, Quartalsende. Berichte. Bürokratie ohne Ende.«
»Warum riechst du so?«, entfuhr es ihr schärfer als beabsichtigt.
Georg erstarrte. Anna merkte, dass die Frage ihn kalt erwischt hatte.

»Wie rieche ich denn?« Er versuchte, lässig zu wirken, aber seine Schultern spannten sich.
»Nach Blumen. Ein süßlicher, blumiger Duft. Das ist nicht dein Aftershave.«
»Ach, das war wohl eine Kollegin. Die Lena aus der Buchhaltung hat heute mit ihrem neuen Parfüm geprahlt«, winkte er ab, »da hab ich mich wohl vollgestunken. Lass mich jetzt, Anneli. Ich bin echt kaputt.«
»Lena aus der Buchhaltung«, dachte Anna, als sie zurück auf die Veranda ging, »klar, natürlich…«

Dieser Duft verfolgte sie seit zwei Wochen. Anfangs hatte sie sich eingeredet, es sei Zufall, dass seine Kolleginnen auch Parfüm trugen…

…Der Traum der ganzen Familie steckte in einem Sparkonto der Deutschen Bank, einem Depot, das sie und Georg vor fünf Jahren eröffnet hatten. Der Traum von einer eigenen Wohnung für Michel, die sie bis zu seinem 18. Geburtstag ansparen wollten. Das Ehepaar hatte jeden Cent beiseitegelegt. Georg von seinem Ingenieursgehalt im örtlichen Werk, Anna von ihrem bescheidenen Einkommen als Näherin für Privataufträge. Sie verzichteten fünf Jahre lang auf Urlaub am Meer, kauften kein neues Auto, sparten an allem nur nicht an Michels Zukunft. Inzwischen sollten dort etwa 250.000 Euro liegen eine beträchtliche Summe für ihre Kleinstadt, fast eine Garantie, dass ihr Sohn in der Uni-Stadt studieren könnte, ohne im Wohnheim hausen zu müssen.

Doch dann schlug das Schicksal zu. Ein Kunde hatte Anna bezahlt und sogar noch ein Trinkgeld für ihre Schnelligkeit draufgelegt. Sie ging sofort zur Bank, um das Geld einzuzahlen. Sie wusste selbst nicht, warum sie es nicht online erledigte. Vielleicht wollte sie einfach nur an die Luft das Wetter war traumhaft.

Die Bankangestellte, eine junge Frau namens Lisa, die sie seit Jahren kannte, lächelte sie routiniert an.

»Guten Tag, Frau Schneider. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Guten Tag, Lisa. Ich möchte den Stand unseres Sparkontos prüfen. Und wenn möglich, würde ich gern etwas einzahlen.«
»Natürlich. Ihren Ausweis bitte.«
Anna reichte ihr den Personalausweis. Lisas Finger flogen über die Tastatur.

»Also…«, zögerte Lisa und runzelte die Stirn, »Frau Schneider, da ist… nichts mehr drauf.«
»Wie meinen Sie das?« Anna verstand nicht.
Sie dachte, Lisa müsse sich irren.

»Das Konto ist komplett leer. Null Euro, null Cent.«
Anna spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie krallte sich an der Theke fest.

»Lisa, das kann nicht sein. Sind Sie sicher? Haben Sie alle Daten geprüft? Wir haben es vor fünf Jahren eröffnet, es läuft auf Georg Heinrich Schneider, meinen Mann. Ich zahle jeden Monat etwas ein!«
»Ja, Frau Schneider«, Lisa senkte die Stimme, als sie merkte, wie ernst es war. »Ich sehe hier die Kontoauszüge. Die letzte größere Transaktion war vor zwei Wochen. Bargeldabhebung. Die Summe… war beträchtlich.«
»Wie viel genau?« Anna rang nach Luft.
»249.000 Euro. Abgehoben vor zwei Wochen. Das Depot wurde von Herrn Schneider aufgelöst.«
Vor zwei Wochen… An diesem Tag war Georg spät nach Hause gekommen, hatte gesagt, er sei in einer Besprechung gewesen.

»Danke, Lisa. Ich brauche eine vollständige Übersicht aller Transaktionen der letzten vier Wochen. Sofort…«
…Anna verließ die Bank wie benommen. Sie wusste nicht, wie sie zum Auto gekommen war. 250.000 Euro. Georg hatte alles abgehoben…

***

Als Georg nach Hause kam, saß Anna in der Küche, am Tisch lag der ausgedruckte Kontoauszug, ordentlich zusammengefaltet. In ihrem Gesicht war keine Spur von Tränen, nur eisige Ruhe, die oft dem Sturm vorausgeht.

Georg trat ein, warf die Schlüssel auf das Regal und rieb sich müde die Nasenwurzel.

»Hallo. Wie geht’s?«
»Setz dich, Georg«, sagte Anna. Ihre Stimme war tief und gleichmäßig, völlig anders als sonst.
Georg sah sie verwirrt an. Sein Blick fiel auf den Tisch, auf die Papiere. Langsam dämmerte es ihm.

»Was ist das?«, fragte er, ohne sich zu setzen.
»Setz dich. Wir müssen reden.«
Langsam ließ er sich auf den Stuhl gegenüber sinken.

»Anneli, ich versteh nicht, worum es geht.«
»Spiel nicht den Unschuldigen, Georg. Du weißt genau, worum es geht. Ich war heute in der Bank. Das Konto ist leer. 249.000 Euro. Vor zwei Wochen verschwunden.«
Georg senkte den Blick auf seine Hände. Er versuchte nicht einmal, es abzustreiten.

»Woher weißt du das?«
»Glaubst du, das ist jetzt wichtig? Was hast du mit dem Geld gemacht, Georg?«
»Ich… Ich… Anneli, ich habe eine Wohnung gekauft.«
»Eine Wohnung gekauft? Wo? Für wen?«
Georg holte tief Luft. Als er aufsah, lag keine Reue in seinen Augen, sondern eher Ärger und eine bittere Entschlossenheit.

»Für sie.«
»Für wen sie?« Anna schrie nicht, sie sprach, als würde sie über das Wetter reden.
»Georg, sag mir ihren Namen.«
»Sophie. Sophia…«
Anna starrte ihn wortlos an. Georg, unter ihrem Blick zusammenschrumpfend, fing an zu reden:

»Anneli, ich weiß nicht, wie das passiert ist… Erinnerst du dich, als wir letztes Jahr mit der Firma auf Teambuilding waren? Als der Chef uns quasi gezwungen hat, alle mitzukommen? Da hab ich Sophia kennengelernt…«
Georg verstummte, doch Anna forderte mit ruhiger Stimme:

»Weiter. Erzähl alles.«
»Nun ja… Sophie hat mir sofort gefallen. Ich war völlig von ihr eingenommen… Anneli, du bist gemütlich, behaglich, ruhig, aber sie sie ist ein Wirbelsturm. Mit ihr fühlte ich mich wieder jung. Sie war erst neunzehn, als wir uns trafen. Sie fährt Motorrad, hat Tattoos überall, Piercings… Ich hab den Verstand verloren, Anneli… Mit dir ist es schön, aber eher wie mit einer Freundin, ich bin einfach zu sehr an dich gewöhnt…«
Anna war wie erstarrt. Sie wollte weinen, ihn ohrfeigen, das ganze Geschirr zerschmettern… Doch sie beherrschte sich. Vor einem Verräter durfte man sich nicht blamieren.

»Erzähl weiter.«
»Wir hatten eine Weile keinen Kontakt. Sie hat mich abserviert, sagte, ich langweile sie. Ich habe gelitten, Anneli. Konnte nicht schlafen, habe sie überall gesucht. Angerufen, mich erniedrigt, gefleht, sie nur für eine Minute zu sehen. Doch sie hatte schon einen neuen Typen. Ich war schon fast darüber hinweg, Anneli. Ehrlich, ich begann, sie zu vergessen, dir wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Erinnerst du dich, als wir vor sieben Monaten an die Ostsee gefahren sind? Doch dann rief sie plötzlich an, wir trafen uns, und alles fing von vorne an. Und dann der Schock: Sie ist schwanger… Anneli, ich konnte sie nicht mit dem Kind auf der Straße lassen, verstehst du? Sophie hatte Streit mit ihrer Mutter, die warf sie raus. Ich konnte nicht zulassen, dass meine Tochter obdachlos wird!«
Anna stand auf und ging zum Fenster:

»Die Tochter von der Geliebten schützt du, aber den Sohn von deiner Frau tuts nicht leid? Bravo. So machen wir das: Morgen gehst du zum Notar und überschreibst deinen Anteil an unserem Reihenhaus auf Michel. Wenn er erwachsen ist, werde ich die Wohnung verkaufen, und mein Sohn hat dann ein Zuhause. Wie du lebst, interessiert mich nicht mehr. Morgen reiche ich die Scheidung ein, und wag es ja nicht, mir Steine in den Weg zu legen! Ich werde dich, Georg, fertigmachen! Die ganze Stadt soll wissen, was für ein Mensch du bist!«

Natürlich versuchte Georg bis zur Gerichtsverhandlung, seine Frau zurückzugewinnen. Er belauerte sie vor dem Haus, rief täglich an, schrieb rührselige Nachrichten doch alles blieb unbeantwortet. Die Ehe wurde geschieden. Die Geliebte wollte Georg auch nicht mehr. Das Mädchen, das pünktlich zur Welt kam, war eindeutig nicht seine Tochter der asiatische Augenwinkel sprach Bände. So endete diese Geschichte.

Manchmal ist das größte Geschenk, das das Leben machen kann, die Wahrheit selbst wenn sie schmerzt. Denn nur wer die Augen öffnet, kann einen neuen Weg finden.

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Homy
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Den eigenen Sohn von der Ehefrau nicht zu bemitleiden
Sie wird es schaffen