Ertrage, mein Mädel! Du bist jetzt in einer anderen Familie, da musst du deren Gepflogenheiten respektieren. Du hast geheiratet, nicht nur zu Besuch gekommen, sagte ich zu meiner Tochter, während wir im kleinen Küchenzimmer des Hauses in Kleinburg standen.
Welche Gepflogenheiten, Mama? Hier klingt alles verrückt besonders die Schwiegermutter! Sie hasst mich, das sieht man doch!, protestierte Liselotte, ihre großen, vertrauenslosen Augen funkelten vor Tränen.
Hast du je gehört, dass Schwiegermütter freundlich sein können?, erwiderte ich, während ich versuchte, ihr Mut zuzusprechen.
Ein lautes Schick dich! hallte aus dem Flur, und Frau Gertrud Becker, die Schwiegermutter, stand wütend in der Mitte der Küche, ihr Gesicht gerötet, die Augen voller Zorn. Wenn der Mann feiert, liegt die Schuld bei der Frau. Was soll ich dir jetzt alles erklären?, knurrte sie und schwang die Hand, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen.
Gertrud war außer sich. Sie schrie Liselotte an, als wäre sie verrückt, weil diese ihren Sohn, unseren Bernd, des Fremdgehens verdächtete.
Liselotte, eine zarte junge Frau mit naiven Augen, lehnte sich an die Wand und versuchte, die wütende Frau zur Vernunft zu bringen.
Frau Becker, das ist doch nicht normal. Er hat eine Familie, Kinder, begann Liselotte, doch Gertrud schnitt ihr mit einem herablassenden Wink sofort das Wort ab. Ist das deine Familie? Oder das Kind, das mich und deinen Schwiegervater nicht zu sich lässt? Dein Erziehung!, spottete sie.
Erziehung? Unser kleiner Johann ist doch erst ein Jahr alt. Er ist noch so klein, flüsterte Liselotte.
Klein? Der Enkel der Egger ist noch kleiner. Und er krabbelt herum, nicht so wie du, zerrte Gertrud die Hand in Richtung des Kinderzimmers.
Er ist übrigens Ihr Enkel, korrigierte Liselotte zitternd. Kinder spüren böse Menschen. Vielleicht geht er deshalb nicht zu Ihnen.
Böse? Du bist ein bunter Ziegenbock! Und wer füttert dich? Was isst du? Wessen Geld gibst du aus? Undankbare!, schrie Gertrud laut, während Liselotte keinen Streit mehr führen wollte.
Liselotte hatte Bernd tausendmal gesagt, dass sie getrennt von seinen Eltern wohnen wolle, doch Bernd ein verwöhnter Sohn sah keinen Grund dazu. Er liebte das Haus seiner Eltern, fühlte sich dort sicher wie ein Lamm im Schoß der Muttergottheit. Er ging ruhig zur Arbeit, während die alten Leute die Hausarbeit erledigten Wäsche, Putzen, Kochen. Ein Märchenleben!
Anfangs versuchte Liselotte, die Schwiegermutter zu besänftigen, half im Haushalt, hörte ihre endlosen Klagen über Nachbarn und das Leben. Doch bald merkte sie, dass alles vergeblich war. Egal, wie hilfsbereit sie war, Gertrud verabscheute sie und verbarg es nicht.
Wir haben diese ungeschickte Schwiegertochter hierher geholt, weil es keine anständigen Mädchen gab, erzählte Gertrud der Nachbarin, während Liselotte hinter dem Haus fluchte und Bernds verstreute Spielsachen einsammelte.
Und dann fährt er noch bis ins Nachbardorf, nur um uns zu ärgern! Unsere Frauen sind doch besser, fleißiger und klüger, fügte die Tratschtante Martha hinzu.
Ja, und du, Frau Becker, hast doch gar keine Hände für die Arbeit, stimmte Martha zu. Du kannst nichts richtig anstellen.
Du ahnst nicht, wie schlimm das ist! Man kann ihr nichts anvertrauen, sie verliert oder zerbricht alles. Und das Kind von ihr ist auch nicht das Wahre, tönte Martha weiter.
Bei den Eggers ist es anders ein ruhiger, kluger Junge. Dein Nachwuchs dagegen macht nur Unsinn, spinnt und wimmert. Die Gene passen nicht, fuhr sie fort.
Als das Zusammenleben unerträglich wurde, rief Liselotte in das Nachbardorf und klagte ihrer Mutter an. Diese erwiderte:
Ertrage, mein Mädel! Du bist jetzt in einer neuen Familie, und du musst deren Regeln achten. Du hast geheiratet, nicht nur zu Besuch gekehrt.
Welche Regeln, Mama? Hier klingt alles verrückt, besonders die Schwiegermutter!, jammerte Liselotte.
Hast du je gehört, dass Schwiegermütter nett sein können? Wir alle haben das durchgemacht, und du musst es auch. Zeig nicht, dass es dir schwerfällt. Halte durch.
Liselotte wusste, dass ihre ängstliche Mutter nichts ändern konnte, also drohte sie, den Vater anzurufen.
Mach deinem Vater Angst!, erschrak die Mutter. Du weißt doch, dass er ein bedingtes Urteil hat. Einen Schritt und er steckt deinen Vater hinter Gittern!
Liselotte kannte die Geschichte: Ihr Vater Niklas hatte wegen eines Streits in der Dorfladerei einen Haftbefehl bekommen, weil er einen Jungen geschlagen hatte, der Liselotte beleidigt hatte. Niklas liebte seine einzige Tochter über alles und würde nicht schweigen, wenn er erfuhr, wie schlecht ihr Schwiegersohn sie behandelte. Er war ein hitziger Mann.
Okay, ich sage nichts zu meinem Vater, erwiderte Liselotte, aber wenn das so weitergeht, weiß ich nicht, was ich tun soll.
Alles wird gut, mein Kind, versuchte die Mutter zu beruhigen. In ein paar Wochen wirst du das vergessen haben.
Die Beziehung zu Gertrud verschlechterte sich weiter; Gertrud schien Liselotte für alle ihr Probleme verantwortlich zu machen, sogar ihr Mann, der alte Heinrich, ein müder Mann, hielt es nicht mehr aus.
Warum schreiest du die ganze Zeit?, versuchte Heinrich eines Morgens, als der Streit seinen Höhepunkt erreicht hatte, sie wird ja von uns gehen! Das wäre das Richtige!
Ich werde sie gehen lassen!, schrie Gertrud, Ich ziehe alles zurück, jede Euro, die wir in den letzten Jahren ausgegeben haben! Und ich nehme das Kind, damit es nicht in dieser armseligen Familie aufwächst!
Liselotte wusste, dass Gertrud Unsinn redete, doch die Angst blieb, besonders weil sie ihren Mann Bernd noch liebte.
Gerüchte, dass Bernd heimlich mit seiner ExFreundin Oksana aus der Stadt unterwegs sei, waren nichts weiter als Bauerntratsch, den Frauen wie Gertrud durch das Dorf trugen.
Wie lange diese Schikanen noch weitergingen, hing von Gertruds langen Zungen ab. Eines Tages, nach einem ihrer Triumphe über Liselotte, prahlte sie ihrer besten Freundin, der tratschsüchtigen Martha, von ihren Heldentaten. Wie immer verfeinerte sie die Geschichte, erzählte sie weiter, bis sie schließlich bei Niklas ankam.
Niklas, ein kräftiger Mann von fast zwei Metern, breiten Schultern, packte seine Axt, die er gerade zum Holzschneiden benutzt hatte, ließ die Arbeitsjacke an und setzte sich auf sein altes Motorrad, eine ehemalige Zündapp. Ohne ein Wort zu seiner Frau zu sagen, fuhr er ins Nachbardorf, um seine Tochter aus der demütigenden Lage zu befreien.
Zur gleichen Zeit brach im Haus Gertruds ein echter Skandal aus. Die junge Mutter ließ für einen Moment den kleinen Johann auf dem knallgelben Sofa zurück, um schnell eine frische Windel zu holen. Als sie zurückkam, stellte sie fest, dass unter dem Kind ein brauner Fleck war. In Gertruds Augen wuchs dieser Fleck zu einer schwarzen Staubwolke, die das ganze Zimmer zu verschlingen drohte.
Wie ein Gewitter kam Gertrud plötzlich, schrie Liselotte an, was das für ein Ärgernis sei.
Du hast das Sofa ruiniert! Mein Lieblingssofa! Weißt du, was das gekostet hat? Ich könnte dir die Hände abbrechen und sie wieder annähen, bis es nicht mehr piekst!
Ich werde alles reinigen, flehte Liselotte, zitternde Hände an einem Tuch, ich putze alles.
Was willst du putzen? Es ist neu! Woher sollst du das wissen? Du hast nie etwas aus deinem eigenen Geld gekauft!
Und warum kaufst du das nicht selbst?, platzte Liselotte heraus, und plötzlich schlug sie ihrer Schwiegermutter ins Gesicht, weil sie ihr ganzes Leben auf den Schultern ihres Mannes getragen sah.
Sieh sie dir an! Genug Frechheit, um der Schwiegermutter zu trotzen!, Gertrud errötete, während sie Liselotte befahl: Wisch den Fleck weg und dann marschiere mit deinem Sohn nach draußen! Ihr könnt bei mir wohnen und euch ekeln, bis ihr euch benimmst!
Liselotte, Tränen strömten ihr das Gesicht hinunter, versuchte den Fleck zu entfernen. Die braune Markierung auf dem knallgelben Stoff weigerte sich hartnäckig, als wolle sie Liselottes Ohnmacht lächerlich machen. Der kleine Johann schrie, seine Mutter-Ängste fühlten sich an, als würde das Weinen die angespannte Atmosphäre noch verstärken.
Gertrud stand über Liselotte, schüttete Beschimpfungen wie ein Wasserfall. Sie bemerkte nicht, dass im Türrahmen ein fremder Mann erschien ihr Vater Niklas. Er stand da wie ein Monument, die Axt fest im Griff.
Ein Moment später drehte Gertrud sich um, als hätte sie eine Präsenz gespürt, und ihr Blick fiel auf das Werkzeug. Sie kannte Niklas hitziges Temperament und wusste um seine bedingte Haftstrafe. Angst kroch sofort unter ihre Haut.
Ach, nikola, wie gehts? Ich erziehe hier eure Liselotte, begann sie schwach.
Ich habe gehört, wie du sie erziehst, knurrte Niklas, trat barfuß in den Raum, die Axt über den Kopf haltend, ließ sie jedoch nur locker auf die Schulter fallen und streckte seine Hand zu seiner Tochter aus.
Komm, Liselotte, hier gibt es nichts für dich zu tun, sagte er und führte sie zur Tür.
Stopp, Schwiegersohn!, rief Gertrud, die sich gerade vom Schock erholt hatte, was soll ich meinem Sohn sagen?
Lass deinen Sohn zu mir kommen, mit seiner Frau. Ich spreche mit ihm wie ein Mann, warf Niklas einen kurzen, eisigen Blick hinüber, der mehr sagte als Worte.
Niklas nahm Liselotte und den kleinen Johann mit. Lange zögerte Bernd, seine Frau abzuholen, aus Angst vor seinem Schwiegervater, doch schließlich kam er.
Niklas sprach lange, aber ruhig mit Bernd. Er drohte nicht, aber sein fester Ton und die Axt, die auf dem Tisch lag, machten jedes Wort gewichtiger. Bernd versprach, mit Liselotte getrennt von seinen Eltern zu leben, seine Mutter würde sich nicht mehr einmischen, er würde seine Frau und das Kind schützen und nie wieder beleidigen.
Als Niklas Bernd die Hand fest drückte, spürte dieser, dass keine Spielereien mehr mit diesem Mann zu tun hatten Versprechen mussten gehalten werden.
Von da an mied Gertrud Liselotte und ihren Enkel Johann. Sie grüßte sie nicht mehr, wenn sie auf der Straße aneinander vorbeikamen.
Bernd und Liselotte lebten getrennt von den Eltern. Ihr Zuhause war nun von Harmonie und gegenseitigem Verständnis geprägt. Ob es die Weisheit des Schwiegervaters war oder echte Liebe sie hatten ihren Frieden gefunden.





