Lieber Tagebuch,
heute war ein merkwürdiger Tag, an dem ich die unscheinbare Frieda aus meiner Fachhochschule genauer wahrgenommen habe. Frieda ist immer das leise Mädchen, das im Hörsaal sitzt, fast wie ein Schatten zwischen den bunten Plakaten. Wie wir beide erst vor kurzem achtzehn geworden sind, hat sie ihre Geburtstagsparty kaum gefeiert ihre Eltern wollten, dass sie den Abend im Kreise der Familie verbringt, mit Oma Gertrud und Opa Karl, während ihre Klassenkameradinnen zum Feiern nach Hause fuhren.
Maren, die Organisatorin der Feier, hat mit einer weiten Geste alle eingeladen, die könnten kommen. Doch die meisten Mädchen reisten ans Wochenende in die kleinen Dörfer rund um Berlin. Frieda, schüchtern und zurückhaltend, nahm das Angebot dankbar an, obwohl sie selten das Haus verlässt.
Sie hat keine engen Freundinnen und ihre Eltern drängen sie, zu Hause zu bleiben. Ein Geburtstag, ob mit fünf oder achtzehn, ist doch immer gleich, dachte sie traurig. Natürlich liebt sie ihre Familie, aber sie fragt sich, wann sie endlich erwachsen und selbstständig sein wird. Wann wird ein Junge ihre stille Schönheit und ihre zarte Art bemerken?
Frieda träumt von Liebe, aber sie schämt sich. Sie ist nicht so auffällig wie Maren oder Silke, die mutig ihre Haare färben und modisch manchmal sogar etwas gewagt zur Vorlesung erscheinen und dafür von den Dozenten zurechtgewiesen werden. Friedas Kleidung wird immer von ihrer Mutter ausgesucht, die Großmutter strickt die Pullover. Sie ärgert sich, dass die Enkelin die alten Strickwaren kaum trägt nur zu Hause im Winter.
Heute kamen die Studierenden zusammen, zwölf junge Männer aus der Fachhochschule. Nachdem das Essen beendet war, begann die Musik, und Frieda schlich sich aus ihrer Wohnung und setzte sich auf die Bank vor dem Wohnhaus. Niemand bemerkte ihr Weggehen. Sie schämte sich vor den fremden Jungs, die ihr sowieso nie Beachtung schenkten das war wohl das, was sie am meisten traf.
Sie blickte auf die Uhr.
Ich sollte jetzt nach Hause, meine Mutter sorgt sich bestimmt, dachte sie. Ich habe versprochen, nicht zu spät zu kommen
Plötzlich trat ein Junge aus dem Treppenhaus, kein Gast der Party. Er setzte sich auf die Bank, sah traurig zum Fenster von Marens Wohnung im zweiten Stock, wo fröhliche Musik und Lachen drangen.
Bist du von dort? fragte er plötzlich Frieda. Sie nickte zur Richtung des Fensters.
Und wie gehts ihr? Tanzt sie? Hat sie Spaß? fragte er weiter, die Augen leicht trüb.
Frieda fasste Mut und erwiderte:
Kann man das nicht hören? Sie lacht
Der Junge grinste schwach:
Genau dafür gibts Geburtstage, sagte er. Ich habe meinen eigenen irgendwie verpasst nur Tee und Kuchen mit der Familie, wie im Kindergarten.
Frieda zog die Augenbrauen hoch.
Bei mir ist das genauso. Und du bist ihr Freund? fragte sie und nickte zur Seite des Fensters.
So und so. Ich würde gern mit ihr befreundet sein, aber sie achtet nicht auf mich, nicht einmal zu ihrem Geburtstag. Wir sind Nachbarn, sie sieht, wie ich ihr gegenüberstehe
Er verstummte. Frieda seufzte verständnisvoll, dann sagte sie plötzlich:
Mach dir keine Sorgen. Ich fühle das Gleiche. Was nützt es, wenn niemand uns bemerkt? Wir sind wie unsichtbare Menschen egal, was wir sind, es ist allen egal
Er versuchte, sie zu beruhigen:
Du hast recht. Es gibt solche Menschen, die wie wir sind unglückliche
Frieda korrigierte ihn:
Nein, nicht unglücklich, unscheinbar. Vielleicht sogar ein Vorteil. Das gibt uns eine gewisse Unabhängigkeit, sogar Freiheit.
Denkst du?, wunderte er sich. Ich heiße übrigens Paul, und du?
Frieda, antwortete sie.
Eine Weile lauschten sie der Musik, immer wieder zum Fenster hinaufschauend, in der Hoffnung, dass Maren plötzlich erscheint und das Paar hereinruft doch das geschah nicht.
Es war nett, dich kennenzulernen, sagte Frieda höflich. Ich muss nach Hause. Ich wollte nicht lange bleiben.
Lass mich dich ein Stück begleiten, zumindest bis zur Haltestelle, bot Paul an.
Wir gingen durch den Park, unterhielten uns und lächelten unwillkürlich. Paul bemerkte, dass seine Aufmerksamkeit Frieda gefiel; ihr leicht gerötetes Gesicht, die kleinen Grübchen an den Wangen, ihre langen Wimpern das ließ sein Herz schneller schlagen. Er erzählte witzige Anekdoten aus seiner Jugend, um ihr Lachen zu hören und die Zeit zu verlängern.
An der Haltestelle bedankte sich Frieda, doch Paul wollte nicht gehen, bis sie den Bus bestiegen hatte. Sie verpasste beinahe den ersten Bus, nahm schließlich den zweiten. Im Bus winkte sie Paul, als wäre er eine alte Freundin. Er blieb noch eine Weile allein auf der Haltestelle stehen, verzaubert von der freundlichen, ausdrucksstarken jungen Frau.
Später kehrte ich nach Hause zurück und dachte darüber nach, wie ich Frieda noch einmal treffen könnte. Ich hatte weder ihre Telefonnummer noch ihre Adresse. Am nächsten Morgen klingelte ich bei Maren, die gerade aus dem Schlaf kam. Sie öffnete die Tür, leicht genervt:
Was willst du jetzt wieder, Paul? Ich gehe nicht mit dir spazieren.
Ich stammelte: Ich wollte dich eigentlich nur um Friedas Nummer bitten sie war gestern hier, ich muss ihr etwas geben.
Maren runzelte die Stirn.
Wessen? Frieda? Ach, Frieda Moment.
Sie griff nach einem Zettel und reichte ihn mir:
Hier, deine Nummer.
Mit dieser Notiz in der Hand rannte ich nach Hause, fühlte mich wie ein Junge, der ein Glücksbringer gefunden hat. Den Rest des Tages überlegte ich, welche Worte ich ihr sagen könnte, und am Abend rief ich sie an.
Ich lud sie zu einem Spaziergang ein und versprach, ihr ein Eis zu spendieren. Zu meiner Überraschung sagte sie zu. Ihre Stimme am Telefon klang noch weicher, fast zarter, als ich es mir vorgestellt hatte.
Wir schlenderten durch den Tiergarten, aßen Eis und lernten uns besser kennen. Unsere Interessen und Charaktere passten erstaunlich gut zusammen.
Jetzt lade ich dich ein, sagte ich beim Abschied und schlug vor, das nächste Mal ins Kino zu gehen.
Seitdem haben Frieda und ich uns nicht mehr getrennt. Wir besuchten zusammen Kinos, Museen und reisten im zweiten Jahr unserer Beziehung durch Europa. Zwei Jahre nach unserem Kennenlernen heirateten wir.
Meine Mutter meinte, es sei zu früh, dass ihre Tochter heiratet, während meine Großmutter jubelte:
Gute Frau, Friedchen! Du hast dein Glück gefunden. Ein Mann wie Paul ist ein guter Mann er sorgt für dich wie ein Vater.
Die Klassenkameradinnen kicherten:
Schau sie an, die stille Braut, und der glückliche Bräutigam, der vor Freude strahlt.
Gemeinsam strahlten wir. In Frieda fanden wir Verständnis, Fürsorge und die Liebe, nach der wir beide geträumt hatten.
Auch Jahre später lächeln wir, wenn wir an die Bank vor dem Treppenhaus denken, die uns für das ganze Leben zusammengeführt hat.
**Persönliche Erkenntnis:** Man muss nicht laut schreien, um gesehen zu werden; manchmal reicht ein stilles Lächeln, um ein Herz zu berühren.





