Nicht mehr passend – Zeit für Veränderung

Nicht mehr bequem

– Amelie, wo ist das Abendessen? Thomas Stimme war schon im Flur zu hören, noch ehe die Tür ins Schloss fiel.

Ich stand am Herd und rührte in der Gemüsesuppe. Ich hörte, wie er die Schuhe auszog, seine Schlüssel auf die Ablage warf, tief seufzte, als hätte er den ganzen Tag etwas Untragbares mit sich herumgeschleppt.

– Steht auf dem Herd, antwortete ich ruhig.

Er kam in die Küche, schaute erst auf den Topf, dann auf den gedeckten Tisch, dann mich an.

– Warum ist nicht eingedeckt?

– Weil du gerade erst hereingekommen bist.

Thomas setzte sich, öffnete den obersten Hemdknopf und rieb die Stirn. Er war neunundvierzig. Die Schläfen schon ganz grau, doch immer noch aufrecht, mit diesem Blick, als müsste ich jede seiner Bewegungen schon vorher ahnen.

– Ich bin müde, Melie. Mach bitte den Tisch.

Ich stellte ihm einen Teller hin, holte das Graubrot, füllte Wasser ein, setzte mich gegenüber. Er aß, ohne mich anzusehen und scrolling auf dem Handy. Ich beobachtete seine Hände, wie er den Löffel hielt, die kleine Narbe über seiner Augenbraue entstanden damals vor zwanzig Jahren, als er beim Holzmachen im Allgäu stürzte. Ich kannte jede Linie davon seit fünfundzwanzig Jahren.

– Tom, sagte ich schließlich.

– Ja.

– Am Freitag läuft Drei Schwestern im Staatstheater. Ich will hingehen.

Er sah auf. Nicht erstaunt, sondern eher abschätzend, als überlege er gerade, wie viel er davon selbst betroffen ist.

– Und?

– Ich will nur für mich eine Karte kaufen. Allein.

– Im Ernst? legte er das Handy beiseite.

– Völlig.

– Melie, Freitag kommt doch Lukas’ Freund, Jan. Ich hab ihn zum Abendessen eingeladen.

– Davon wusst ich nichts.

– Ich sags dir ja jetzt.

Ich spürte das alte Brennen unter den Rippen. Noch kein Zorn, eher dieses davor, das ich nach all den Jahren gelernt habe, nicht mehr zu benennen.

– Tom, du lädst Gäste ein, ohne mich zu fragen. Ich will ins Theater, frage dich. Fällt dir da was auf?

– Kein großer Unterschied. Du bist zu Hause, du kochst. Was gibts da zu diskutieren?

– Und wenn ich nicht will?

Sein Blick verweilte auf mir, wie auf jemandem, der gerade etwas Dummes gesagt hat.

– Melie, fang jetzt nicht an.

– Ich fang nicht an, Tom. Ich hör auf.

Es war ein eigenartiger Satz; ich wusste selbst nicht ganz, was ich damit sagen wollte. Aber Thomas scheinbar schon, denn seine Stirn runzelte sich tiefer.

– Was heißt hör auf?

– Heißt, dass ich ins Theater gehe. Und das Abendessen für Jan kannst du allein kochen. Oder du bestellst was.

Ein paar Sekunden blieb er stumm. Dann schob er den Teller weg.

– Gehts dir eigentlich gut?

– Ja. Zum ersten Mal seit Langem.

Ich erhob mich, spülte meine Tasse aus und verließ ruhig die Küche. Mein Herz schlug heftig, aber ich zwang mich, langsam und nicht zu hasten, nicht zurückzublicken. Im Schlafzimmer schloss ich die Tür leise hinter mir, lehnte mich dagegen. Nichts war zu hören. Dann sein Griff zum Handy, Wähltöne, eine gedämpfte, ärgerliche Stimme.

Ich hörte nicht mehr hin.

Ich, Amelie Krause, sechsundvierzig Jahre alt. Durchschnittliche Größe, eine Figur, die wohl als fülliger gilt, wobei ich einfach normal bevorzuge. Dunkle Haare, schon die ersten grauen Strähnen, die ich noch färbe, Hände, gewohnt an Arbeit, und Augen. Meine waren braun, leicht müde, aber wenn ich lachte, funkelte darin etwas Lebendiges, was außer Thomas scheinbar jedem auffiel.

Wir heirateten jung, ich war zwanzig, er drei Jahre älter und schon fest im Beruf. Meine Mutter sagte damals: Ein guter Fang, Melie. Ein solider Mann. Solide, ja. Immer der, der alles besser wusste. Wo wir Urlaub machten. Auf welche Schule die Kinder gingen. Ob ich nach der Elternzeit wieder arbeiten sollte oder besser zu Hause bliebe. Ich arbeitete, klar, in der Buchhaltung einer Baufirma. Trotzdem war meine Arbeit irgendwie nur Hintergrund, seine die Hauptsache.

Lukas kam, als ich zweiundzwanzig war. Paula vier Jahre später. Sie wurden vernünftige Menschen. Lukas lebt jetzt in München, arbeitet in der IT, ruft sonntags an. Paula ist auch in München, verheiratet, mit Kleinkind, schaut alle zwei Wochen vorbei, als wäre es Gefälligkeit.

Und dann war da noch meine Schwiegermutter.

Erika Krause starb mit einundachtzig. Die letzten drei Jahre lag sie fast nur noch. Thomas fuhr am Wochenende zu ihr, saß eine dreiviertel Stunde, schaute Nachrichten in ihrer Wohnung. Ich war dreimal die Woche dort putzen, einkaufen, kochen, Medikamente, Gespräche mit den Ärzten. Amelchen nannte mich Erika nur, wenn sie etwas wollte. Ansonsten schwieg sie oder klagte.

Vor drei Monaten starb sie. Still, nachts, im Schlaf. Ich hörte es morgens über die Nachbarin, die klingelte. Bin hingefahren, machte alles Nötige, rief Thomas an. Er kam nach zwei Stunden. Sein erster Satz in Erikas Wohnung? Wir müssen die Papiere regeln.

Nicht: Wie geht es dir?

Ich grübelte später oft darüber. Nicht, weil ichs erwartet hätte sondern, weil ich selbst dann nicht hätte antworten können. Ich wusste nicht, wie es mir ging. Leer. Komisch, dass alles vorbei war.

Nach der Beerdigung vergingen Wochen. Der Alltag kehrte zurück: Thomas kam abends, aß, sah fern, rief ab und zu Lukas an. Ich kochte, räumte, ging zur Arbeit. Bloß abends holte ich jetzt einen alten Nähzeitschrift aus dem Schrank, den ich mir voriges Jahr gekauft hatte. Blätterte nur durch.

Vor zwanzig Jahren wollte ich mal einen Nähkurs machen. Hatte eine Anzeige gefunden, sogar angerufen. Thomas meinte damals: Melie, was soll das für ein Quatsch. Geld ausgeben für so Unsinn. Ich meldete mich nicht an.

Jetzt fand ich wieder eine Anzeige ein anderer Kurs, anderer Stadtteil, aber der gleiche Traum, halt etwas eingestaubt. Freizeitheim ums Eck, dienstags und donnerstags von sieben bis neun. Nicht zu teuer. Ich rief an, meldete mich am Mittwoch an, freute mich sogar bis ich es Thomas erzählte.

Das Theatergespräch war am selben Abend. Theater kam bloß zuerst.

Am nächsten Morgen, als ich zur Arbeit ging, stand Thomas im Flur und sah mich an.

– Du willst am Freitag wirklich weggehen?

– Ja, Karte ist schon gekauft.

– Amelie.

– Thomas, ich zog den Mantel an, griff meine Handtasche. Jan ist dein Freund. Du hast ihn eingeladen, du kochst das Abendessen. Hähnchen ist im Kühlschrank, Kartoffeln auch. Du schaffst das.

– Ich versteh nicht, was plötzlich mit dir los ist.

– Gar nichts ist los. Ich will ins Theater.

– Wegen deiner Mutter, oder? Du bist noch durch den Wind.

Das überraschte mich weniger wegen Fürsorglichkeit, sondern weil er alles mit seiner Logik erklärte. Trauer wegen der Mutter, das gibt sich, also einfach abwarten.

– Nein, sagte ich. Nicht wegen ihr. Wegen mir.

Ich verließ die Wohnung, blieb erst auf der Treppe stehen, weil meine Beine zitterten. Dann ging ich weiter.

Freitag war ich also im Theater. Reihe zwölf, mittig, schaute auf die Bühne. Drei Frauen, die nach Berlin wollten. Ich kannte den Text, aber jetzt berührte er mich ganz anders. Besonders der eine Satz: Arbeiten. Immer arbeiten. Wir glauben, wir leiden dabei kennen wir nur keine andere Arbeit.

Ich dachte: Doch, ich kenne Arbeit. Nur zählt sie niemand richtig.

Zurück kam ich um halb elf. Chaos in der Küche, schmutziges Geschirr im Spülbecken. Thomas vorm Fernseher. Er warf einen Blick zu mir, dann wieder auf den Bildschirm.

– Und? Theater?

– Gut wars.

– Jan hat gefragt, wo du bist.

– Hoffentlich hast du geantwortet.

– Hab gesagt, du bist bei einer Freundin.

Ich räumte auf, spülte, wischte den Tisch. Ohne Nerven, fast ruhig. Ging dann direkt ins Bett. Thomas kam später, drehte sich zum Fenster. Ich hörte sein Atmen und dachte an die Schwestern auf der Bühne.

Am nächsten Dienstag begann mein Nähkurs.

Das Freizeitheim war im Erdgeschoss einer Plattenbausiedlung, früher war da mal ein Lebensmittelmarkt. Jetzt ein langer Tisch, Schneiderpuppen, Stoffberge in den Ecken, der Geruch von Holzregalen. Acht Frauen. Fünf um die fünfzig, eine ganz jung, noch keine dreißig, eine älter, fast sechzig, mit stolzem, abweisendem Blick.

Die Kursleiterin hieß Frau Nina Baumann. Klein, flink, Maßband um den Hals wie ein Schmuckstück.

– Heute nur kennenlernen, sagte sie. Keine Maschinen, keine Nähnadeln. Erstmal Stoff spüren.

Ich griff nach Baumwollstoff, strich darüber. Fest, etwas rau. Es fühlte sich so richtig an.

Daheim, halb zehn. Thomas fragte:

– Und, wie wars?

– Schön.

– Ich versteh das nicht.

– Ich schon. Und das reicht.

Er schwieg, murmelte dann irgendwas in die Richtung von mach, was du willst, verschwand im Wohnzimmer. Ich holte meinen Notizblock, skizzierte Schnitte, die Frau Baumann erklärte. Einfach, zum Behalten.

Die nächsten Wochen waren merkwürdig. Nicht besser, nicht schlechter. Thomas sprach kaum noch mit mir, nicht aus demonstrativem Schweigen, es gab einfach nur noch das Nötigste: Essen steht da, Schlüssel liegen hier, Lukas hat angerufen. Mir fiel auf, dass das gar nicht so anders war als vorher. Früher bemühte ich mich halt noch, füllte das Schweigen, stellte Fragen. Jetzt nicht mehr.

Nicht aus Sturheit. Die Abende waren nun gefüllt: Ich zeichnete im Schlafzimmer, entdeckte mein Talent für Skizzen Frau Baumann sagte einmal, ich hätte ein gutes Auge. Haben Sie früher schon gezeichnet? Nein. Schade, sagte sie und ließ viel Bedauern in diesem Wort. Manchmal traurig.

Schade. Zwanzig Jahre. Aber besser noch jetzt als nie auch das war nicht mein Spruch, passte aber.

Meine Freundin Sabine rief Ende Oktober an.

– Melie, lebst du noch?

– Lebe.

– Man hört ja gar nichts mehr. Machst mich schon nervös.

– Ich bin zweimal die Woche beim Kurs. Müde, aber gut müde.

– Was fürn Kurs?

– Nähen, Sabine.

Stille.

– Hast du dich wirklich angemeldet? Das wolltest du doch damals schon, im Café?

– Fünfzehn Jahre ist das her. Ja, habe ich.

– Und Thomas?

– Schweigt.

– Ein gutes oder schlechtes Zeichen?

Ich überlegte.

– Einfach ein Zeichen.

Sabine lachte. Wie immer laut, rau, ehrlich. Wir sind seit dem Studium befreundet, seit ich noch Amelie Meier war. Sie zog dann weg und kam acht Jahre später, geschieden, mit Sohn, ganz anderer Mensch, sehr ruhig. Jetzt arbeitet sie in einer Privatklinik, lebt allein, ihr Sohn ist achtundzwanzig und längst ausgezogen.

– Melie, hast du keine Angst?

– Wovor?

– Einfach so, was Neues anfangen?

– Ich bin sechsundvierzig. Mich bremst nichts mehr so, dass ich es deshalb lasse.

Das war nicht ganz wahr. Ich hatte Angst. Nur Angst davor, noch weitere zwanzig Jahre so weiterzumachen. Diese Angst war nützlich.

Im November wurde es ernster.

Donnerstagabend, ich komme vom Kurs und Thomas wartete am Küchentisch, als hätte er extra gewartet.

– Wir müssen reden.

– Sags.

– Mir gefällt nicht, was da passiert.

– Was meinst du?

– Du bist anders. Immer auf Achse, verschlossen, keine Gespräche mehr.

Ich goss mir Wasser ein, sah ihn an.

– Zweimal abends Weg. Das ist keine Weltreise.

– Und ins Theater bist du auch.

– Einmal.

– Du bist anders, wiederholte er.

– Ja.

– Warum?

– Weil ich etwas für mich tun wollte. Und es einfach getan habe.

Er stand auf, lief durch die Küche seine typische Art, wenn er überlegte.

– Ich weiß, es war hart mit Mutter. Drei Jahre hast du das gemacht. Ich bin dir dankbar.

Das Wort stand zwischen uns. Ich sah ihn an.

– Dankbar?

– Ja. Das war nicht einfach für dich.

– Drei Jahre, dreimal die Woche, Tom. Du hast nie gefragt, ob ich erschöpft bin.

– Ich dachte, du schaffst das.

– Hab ich. Aber das heißt nicht, dass ich nicht mal einen Satz gebraucht hätte.

– Welchen Satz?

Ich dachte nach. Aber die Gedanken waren zu viele für einen einzigen Satz.

– Ist egal, sagte ich. Was wolltest du sagen?

– Dass du dich mal erholen sollst. Ich kann eine Woche Urlaub nehmen, wir fahren in die Rhön ins Wellnesshotel.

– Thomas, ich will nicht ins Wellnesshotel. Ich will nähen.

Er sah mich an, als spräche ich eine fremde Sprache.

– Melie, was bringt dir das? Du hast einen guten Job, vernünftiges Gehalt. Warum?

– Weil es mir Spaß macht.

– Aber Sinn?

– Mir machts Freude. Das ist der Sinn.

Er wusste nichts mehr zu sagen. Ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher an. Ich blieb noch lange in der Küche, skizzierte einen Kleiderschnitt. Ganz feine Linien, fast zart.

Der erste richtige Streit kam Anfang Dezember.

Er hatte meine Skizzen gesehen nicht absichtlich, der Block lag einfach offen. Er blätterte, ohne große Miene, legte ihn dann hin.

– Und das?

– Meine Entwürfe. Die Schnitte, die ich nähen will.

– Willst du das verkaufen?

– Noch nicht. Erstmal lernen.

– Machen die da überhaupt was, oder ist das so ein Tratsch-Treff?

Früher hätte ich gekichert. Jetzt nicht mehr.

– Wir machen was. Frau Baumann meint, meine Schnitte sind gut.

– Frau Baumann.

– Unsere Kursleiterin.

– Amelie, du bist erwachsen, hast einen sicheren Job. Das mit dem Nähen, ist das jetzt so ein Spät-Hobby?

– Warum?

– Man muss realistisch sein.

– Ich bin realistisch. Sechsundvierzig Jahre alt und endlich mach ich, was ich wollte. Das ist ziemlich realistisch, wie ich finde.

– Damals hab ich dich rausgeredet. Vielleicht war das ein Fehler. Aber jetzt ist das… anders.

– Wie meinst du?

– Als würdest du ausweichen.

Ich schaute ihm lang in die Augen. Stand auf.

– Tom, weißt du, was unser Problem ist? Für dich bin ich Funktion. Ich koche, räume, arbeite, fahre zu deiner Mutter, schweige. Wenn ich nicht mehr schweige, hast du ein Problem.

– Übertreib nicht.

– Nein.

– Amelie.

– Nein, Thomas.

Ich ging ins Schlafzimmer. Er kam nicht nach. Ich hörte, wie er mit Lukas telefonierte, völlig normal, als wäre nichts gewesen. Ich dachte: Er sieht es nicht. Nicht böse er sieht wirklich nicht.

Es machte mich traurig.

Ich rief Lukas ein paar Tage später an. Nicht zum Klagen ich vermisste ihn einfach.

– Mama, wie geht’s?

– Geht schon. Und dir?

– Stress. Deadline, alle sind durch.

– Isst du genug?

– Mama… ja. Wie läufts mit Papa?

– Papa ist Papa.

Stille.

– Ihr habt Krach?

– Wir sprechen. Mal so, mal so.

– Verstehe, seufzte Lukas. Mama, halt durch.

– Ich muss nicht durchhalten. Ich lebe.

– Gut, und da klang etwas in seiner Stimme, das ich nicht kannte. Vielleicht Erleichterung.

Paula rief zwei Tage später an. Ungewöhnlich sonst rufe immer ich zuerst an.

– Mama, Papa meint, du bist bei einem Nähkurs?

– Stimmt.

– Wieso das denn?

Ich hätte fast gelacht. Gleiche Frage, andere Stimmen.

– Weil ich Lust dazu habe.

– Ach so, Pause. Ich verstehs halt nicht. Fehlt dir zu Hause was zu tun?

– Aber genau das ist es. Ich wollte das.

– Papa ist sauer.

– Ich weiß.

– Kannst du normal mit ihm reden?

Ich blickte auf den Block. Neue Jacken-Skizze, grade angefangen.

– Paula, rufst du wegen ihm an oder aus freien Stücken?

Stille.

– Na, Mama… wieso so schroff?

– Ich frag nur.

– Er macht sich halt Sorgen.

– Paula, ich bin sechsundvierzig. Nähkurs ist kein Familiendrama. Verstehst du?

Wieder Pause, lang.

– Verstehe, sagte sie leise. Und nach einer Weile: Zeigst du mir mal, was du machst?

– Die Skizzen?

– Und überhaupt.

– Komm vorbei.

Samstag kam sie, allein. Ich zeigte ihr meine Sammlung, erklärte die Schnittmuster. Die erste selbstgenähte Leinentasche, noch etwas schief, aber ordentlich genäht. Paula drehte sie in den Händen.

– Das hast du selbst gemacht?

– Komplett.

– Respekt.

– Die nächste wird besser.

Paula sah mich an, und ihr Ausdruck war ungewohnt. Nicht überlegen, wie sonst oft, sondern anders.

– Mama, wolltest du das schon lange machen?

– Seit zwanzig Jahren.

– Und warum nicht?

Ich antwortete erst nach kurzem Zögern.

– Vieles hielt mich ab.

Sie nickte, dann:

– Gefällt es dir?

– Sehr.

– Dann passts doch.

Wir tranken Tee, es war ruhig, ungewohnt gelöst. Beim Weggehen umarmte sie mich fest.

– Mama, ich bin stolz auf dich.

Ich blieb danach im Flur stehen, ganz überrascht.

Januar begann mit Kälte und neuem Frost im Haus.

Thomas kam jetzt heim wie jemand, der kein Gespräch, sondern ein Ventil für seine Weltfrustration suchte. Ich hatte das lange übernommen. Nur, ich merkte, wie sehr es mich erschöpfte. Nicht wegen seines Frustes sondern weil alles immer an mir abgeladen und nie zurückgefragt wurde.

Eines Tages fragte ich:

– Tom, willst du wissen, wie mein Tag war?

Er schaute überrascht.

– Na dann erzähl.

– Wir haben im Kurs Jersey gemacht. Das ist schwieriger als Baumwolle, zieht sich, braucht spezielle Aufsätze an der Maschine. Aber ich hab fast perfekt einen Ärmel eingesetzt.

– Aha, sagte er nur und erzählte vom Kollegen, der wieder Termine versemmelt hatte.

Ich sah ihn an und dachte: Er hört nicht. Nicht aus Bosheit. Sondern weil er es nie gelernt hat. Oder nicht lernen wollte.

Im Februar passierte etwas, womit ich nicht rechnete.

Ich kam vom Kurs heim. Meine Skizzenblöcke lagen nicht auf dem Tisch, sondern auf dem Boden. Einer offen, die Seiten zerknittert. Der andere ein paar Seiten herausgerissen. Gerade die genauesten Entwürfe: eine Jacke, ein Faltenrock, das Abendkleid, an dem ich drei Wochen gearbeitet hatte.

Da stand ich nun, mit den zerfetzten Zeichnungen.

Thomas war in der Küche, ich hörte ihn.

Ich ging hinein und legte ihm die Seiten vor.

– Warst du das?

Er sah kurz auf die Blätter, dann auf mich.

– Hab ich versehentlich angestoßen. Ist vom Tisch gefallen.

– Seiten reißen dabei nicht.

– Amelie, mach kein Drama draus.

– Ich frage nur.

– Ja, sorry. Papier halt dünn.

Ich sah ihn lange an. Er wich nicht aus, aber irgendwas stimmte nicht an seinem Gesicht. Es war keine Scham, eher Abwehr gegen den befürchteten Streit.

Er wartete auf Krach, damit er sagen kann: Sie dreht wieder durch.

Ich drehte nicht. Sammelte die Blätter ein, ging ins Schlafzimmer, griff zum Handy, rief Sabine an.

– Bine, kann ich zu dir kommen?

– Direkt jetzt?

– Jetzt gleich.

– Klar. Was ist passiert?

– Nichts Schlimmes. Ich brauche einfach dich.

– Komm rüber.

Ich packte meine Tasche. Ausweis, Geldkarte, bisschen Wäsche. Mantel an und raus. Thomas kam mir im Flur entgegen.

– Wo willst du hin?

– Zu Sabine.

– Jetzt? Es ist schon neun!

– Ich weiß.

– Amelie.

– Ich bleib ein paar Tage bei ihr. Brauche das.

Er sah auf die Tasche, dann auf mich.

– Du wegen der Skizzen?

– Ich brauch die Pause.

– Amelie, sei nicht albern.

– Ich bin nicht albern. Ich ruf dich morgen an.

Tür zu, Stille im Treppenhaus. Mein Herz schlug wild, doch nicht vor Angst. Es war wie ein Moment der Klarheit, wie damals als Kind mit Überraschungsbild: Plötzlich sieht man die Konturen.

Sabine und ich sassen bis zwei Uhr nachts in ihrer Küche, heißer Tee, sie hörte einfach nur zu. Und dann:

– Willst du dich trennen?

– Weiß nicht, gab ich ehrlich zu.

– Was willst du denn?

– Dass er es wenigstens versucht zu begreifen.

– Glaubst du, das kann er?

Ich schwieg.

– Keine Ahnung, sagte ich schließlich. Fünfundzwanzig Jahre zusammen und ich weiß es nicht.

– Das ist ehrlich.

– Bine, es macht mir Angst.

– Klar. Aber du machst das doch schon seit Monaten. Du schaffst das.

– Vielleicht.

– Nein, du schaffst das. Ich kenne dich seit siebzehn Jahren. Du bist lebendiger als je.

Ich sah hinaus in die dunkle Nacht. Draußen war Schnee, still und ruhig.

– Ich mag nicht mehr bequem sein.

– Dann lass es, seufzte sie, ganz sachlich. Es ist Zeit.

Am nächsten Tag rief Lukas an. Nicht mich, Sabine, er hatte ihre Nummer über Paula bekommen.

– Frau Sabine, ist Mama bei Ihnen?

– Ja.

– Gehts ihr gut?

– Besser als vorher.

– Ich ruf sie abends an.

Das tat er auch.

– Mama, du machsts richtig. Ich hab immer gemerkt, dass es nicht gut lief nur nie was gesagt.

– Wieso nicht?

– Hatte Angst, es schlimmer zu machen.

Ich wusste darauf nichts zu sagen.

Thomas rief am zweiten Tag an. Seine Stimme? Nicht wie sonst. Ganz leise.

– Melie, kommst du zurück?

– Weiß nicht.

– Ich will reden.

– Dann komm zu Sabine.

– Warum da?

– Dort bin ich.

Stille.

– Gut. Wann?

– Heute, sieben.

Er kam pünktlich. Sabine machte auf, setzte Tee auf, zog sich dann zurück. Wir saßen uns gegenüber. Thomas hatte die Hände auf dem Tisch, wirkte verloren so kannte ich ihn gar nicht.

– Melie, ich hätte deine Sachen nicht anfassen dürfen.

– Stimmt.

– Mir gefällt nicht, wie du dich entfernst deine Kurse, deine Zeichnungen. Mir kams vor, du entfernst dich von mir.

– Tom, ich ging auf mich zu. Nicht von dir weg.

– Ich kenne den Unterschied nicht, sagte er ganz leise.

Ich sah ihn an. Ehrlicher war er lange nicht mehr gewesen.

– Ich weiß, sagte ich.

– Was brauchst du?

– Dass du fragst. Nicht immer alles bestimmst. Dass du respektierst, was meins ist meine Zeit, meine Pläne.

– Das ist doch selbstverständlich.

– Nein, ist es nicht, seit fünfundzwanzig Jahren nicht.

Er blickte runter. Dann sah er wieder hoch.

– Ich weiß nicht, wie man das macht, alles anders.

– Man kann lernen.

– Hilfst du mir dabei?

Das war neu. Kein Pathos. Einfach ehrlich.

– Ich helfe, ja. Aber nicht für dich. Neben dir, nicht statt dir.

– Danke. Kommst du zurück?

– Ja, morgen.

– Heute nicht?

– Nein, ich bleib noch einen Abend hier.

Er nickte.

Wir tranken noch eine Stunde zusammen Tee, Sabine kam dazu. Gespräch war vorsichtig, aber okay. Thomas fragte Sabine nach ihrer Arbeit, sie erzählte, und er hörte tatsächlich zu. Ich schaute lange auf seine Gestalt, wie er da saß fast steif, als wüsste er noch nicht ganz, wie das jetzt geht. Neunundvierzig Jahre alt, auch er müde von vielem.

Zuhause war da plötzlich etwas Fremdes. Keine Stille wie sonst, eher Vorsicht. Wie zwei Leute, die eine zerbrechliche alte Vase gefunden haben und sich nicht sicher sind, ob man sie anfassen sollte.

Im März erste Frühlingszeichen und auch Zeichen für Veränderung.

Zum ersten Mal fragte Thomas von sich aus nach meinen Kursen nicht und was machst du da?, sondern: Frau Baumann findet, du bist geschickt, oder? Ich antwortete erstaunt. Er hörte zu. Nicht lange, aber anders als sonst.

Mein erstes größeres Projekt: eine Bluse aus Seiden-Satin, elfenbeinfarben, mit Fältchen am Ärmel. Schwierig zum Verarbeiten, Stoff rutschte, aber mit Hilfe von Frau Baumann und einer jungen Frau aus dem Kurs Franziska gelang es.

Franziska fragte:

– Arbeiten Sie noch?

– In der Buchhaltung, ja.

– Und Nähen nur Hobby, oder beruflich?

Darauf war ich nicht vorbereitet.

– Noch weiß ichs nicht. Vielleicht irgendwann richtig.

– Atelier?

– Vielleicht. Erstmal lernen.

– Sie haben ein Talent, sagte Franziska. Mehr braucht man nicht.

Im Bus nach Hause dachte ich an ein eigenes Atelier. Klein. In der Nähe. Sachen nähen, wie ich mag für Menschen, die es wollten. Es schien weit weg, aber nicht unmöglich.

Daheim erzählte ich Thomas:

– Ich denke über ein eigenes Geschäft nach.

Er sah vom Handy auf.

– Welches Geschäft?

– Kleines Nähatelier. Nicht sofort, aber irgendwann.

Pause.

– Im Ernst, Melie?

– Ich denk darüber.

– Das kostet. Miete, Risiko.

– Ich weiß. Ich hab ja noch nichts entschieden. Wills nur sagen.

– Warum? Du hast doch nen sicheren Job.

– Thomas, nicht hart, einfach bestimmt. Ich erzähle es dir, nicht um Erlaubnis zu holen.

Er schaute ganz komisch. Kurz stimmte etwas um.

– Okay, sagte er.

Das war klein. Aber echt.

April war voller kleiner Erfolge. Ich nähte die Bluse fertig. Frau Baumann hielt sie in der Hand, prüfte die Nähte, nickte zustimmend.

– Gut gemacht, und das reichte.

Zuhause zog ich die Bluse an, stand vorm Spiegel.

Thomas kam herein, blieb stehen.

– Hast du das genäht?

– Jup.

– Selbst?

– Selbst.

Er schaute. Dann: Sieht schick aus.

Das sagte er sonst nie. Oder mechanisch. Jetzt klang es anders, fast überrascht.

– Danke.

– Hats lang gedauert?

– Drei Wochen.

– Schwer?

– Seide rutscht. Aber ich habs geschafft.

– Sieht man.

Wir standen seltsam nebeneinander, wie Fremde, die sich plötzlich fremder doch näher sind.

Sabine lud mich im Mai zu einer Textil-Ausstellung im Bürgerzentrum ein. Ich war begeistert, sprach mit mehreren Textilkünstlerinnen. Eine, Rita, war fünfundfünfzig, führte ein kleines Modeatelier, erzählte mir alles.

– Anfangs hat man Angst, sagte sie. Aber dann? Entweder klappts oder eben nicht. Hauptsache, man hats probiert.

– Und wenns nicht klappt?

– Reue ist schlimmer, es nie probiert zu haben.

Ich bewunderte die Sachen schlicht, aber gekonnt.

– Wie anfangen?

– Mit erstem Auftrag, lachte Rita.

Im Juni mein erster Auftrag: Nachbarin Frau Lenz bat mich, ihr Kleid enger zu nähen für den Geburtstag der Tochter. Ich hab’s ordentlich gemacht; sie war dankbar. Bald kam ihre Bekannte mit einem Jackett für gekürzte Ärmel.

Genau wie Rita sagte: Mit dem ersten Auftrag.

Der Sommer verging ruhig. Streitereien gabs immer wieder, aber oft schaute ich ihn nun einfach an, wenn die Tonlage falsch war, dann schwieg er. Nicht gleich, aber öfter.

Eines Abends sagte Thomas:

– Melie, du bist anders geworden.

– Ja.

– Früher hast du nie widersprochen.

– Stimmt.

– Ist das besser oder schlechter?

– Für mich besser. Für dich vielleicht ungewohnt.

– Ungewohnt. Er nickte.

– Daran gewöhnst du dich schon.

– Und wenn nicht?

Ich sah ihn ernst an.

– Dann müssen wir sehen, wie es weitergeht.

Er schwieg fragte danach nie mehr.

Im August nahm ich Urlaub, blieb zwei Wochen zu Hause, nähte viel. Vier Stücke entstanden, darunter ein Wollmantel, den ich über Kleinanzeigen verkauft habe. Erste echte Einnahmen.

Ich erzählte Thomas davon.

– Du hast es verkauft?

– Ja.

– Wie viel?

Ich nannte den Betrag Euro, natürlich.

– Na dann, sagte er schlicht. Darf ich das nächste sehen?

– Was meinst du?

– Das nächste Kleidungsstück, das du nähst.

– Wozu das?

– Aus Interesse.

Ich überlegte, dann zeigte ich ihm neue Skizzen. Er blätterte langsam.

– Das da ist das ein Mantel?

– Jacke.

– Sieht spannend aus.

– Hab beim Kragen mal was ausprobiert.

– Gefällt mir, sagte er. Und dann: Du kannst das echt.

Ich blickte ihn an. Neunundvierzig. Die Schläfen weiß. Die Narbe. Ich kannte ihn seit fünfundzwanzig Jahren und sehe erst jetzt dieses Stück Unsicherheit. Vielleicht könnten wir beide noch lernen.

– Danke.

Im Herbst dachte ich ernsthaft an eine Studio-Gründung. Redete mit Rita, Sabine, Franziska. Rechnete alles durch, besichtigte zwei, drei Ladenlokale. War plötzlich gar nicht mehr absurd: vielleicht in einem Jahr.

Ich erzählte Thomas alles, von Grundkosten bis Einrichtung. Er hörte zu, stellte durchdachte Fragen ganz der Analytiker, der er immer war.

– Hier ist ein Risiko, zeigte er mir auf. Die ersten Monate musst du durchhalten.

– Ist mir klar. Ich kündige ja nicht. Mache beides erst mal.

– Klingt vernünftig. Hast du Startkapital?

– Fast.

– Wenns eng wird, sag Bescheid. Ich kann was beisteuern.

Ich schaute ihn an.

– Thomas.

– Was?

– Du bietest Hilfe an.

– Klar. Ist doch vernünftig, was du tust.

Ich sagte nichts. Vermerkte es innerlich wie ein Häkchen bei etwas Wichtigem.

Der Winter verging mit Arbeit im Büro und an der Nähmaschine. Mehr Kunden kamen durch Empfehlungen. Ich richtete die Schlafzimmer-Ecke als Mini-Werkstatt ein. Thomas störte sich nie. Einmal brachte er mir sogar Kaffee an die Maschine.

– Wird dir das nicht eintönig?

– Nein.

– Stundenlang?

– Nein. Im Gegenteil.

Er sah kurz zu, ging dann. Nicht genervt, sondern einfach neutral.

Im März fand ich ein Lokal. Vierundzwanzig Quadratmeter im Hochparterre eines Wohnhauses, bestandene Friseursalon. Viel Licht, große Fenster. Die Vermieterin, Frau Ziegler, war älter und vermietete günstig.

– Was planen Sie? fragte sie.

– Nähatelier.

– Gute Idee! fand sie. Wir haben sowas nicht. Wird sicher.

Ich unterschrieb. Die Hände zitterten, aber nicht vor Zweifel vor Aufregung.

Ich rief Sabine an: Sie jubelte ins Telefon. Rief Lukas an: Mama, ich komm zum Renovieren!

Im April kam er, mit Thomas half er beim Streichen. Ich sah die beiden und auf Thomas Gesicht war da etwas Neues: Stolz, ganz leise.

Im Mai öffnete ich kein Fest, kein Blumenstrauß. Ich schloss morgens auf, stellte die Maschine hin, richtete alles ein. Drei Kundinnen am ersten Tag Frau Lenz, ihre Freundin und eine unbekannte Frau, die das Schild sah.

Nach Hause lief ich zu Fuß statt mit dem Bus. Über meine Straße, am alten Netto-Markt vorbei, am Kiosk, an dem ich seit Jahrzehnten einkaufe. Der Himmel war ein Frühsommerhimmel weit, leicht.

Ich dachte: Nichts ist zu Ende, nichts hat wieder bei Null angefangen. Nur weitergegangen aber anders.

Nach und nach Sommer, Herbst, der nächste Winter.

Das Atelier lief! Erst schleppend, dann stabil. Irgendwann stellte ich meine erste Hilfe ein Marie, eine Jüngere, clever und präzise. Ich nahm auch schwierige Aufträge, Hochzeitskleider und Abendroben, genau das lag mir.

Frau Baumann schaute mal vorbei und nickte: Sehr schön. Längeres Lob gab es bei ihr nie mehr brauchte es nicht.

Mit Thomas? Es war wie es war. Nicht überschwänglich, aber ehrlich. Wir redeten miteinander, manchmal tappten wir noch in alte Fallen, aber nicht mehr so wie früher. Er fragte manchmal nach Aufträgen, manchmal fehltrat er noch doch er lernte, sich bremsen zu lassen.

Es war langsam. Keine Revolution. Aber Veränderung.

Paula schaute vorbei, inzwischen mit Tochter: Die Kleine, nun drei, wühlte begeistert in Stoffresten. Ich gab ihr Flicken, sie war glücklich.

– Mama, das steht dir, sagte Paula mal.

– Was steht mir?

– Das alles hier.

Ich blickte sie an, dann die Enkelin, die Knöpfe anschaut.

– Weißt du, Paula, sagte ich, eigentlich stand mir das immer. Ich wusste es nur nicht.

Paula nickte. Dann ganz leise:

– Ich hab manchmal Angst, so zu werden wie du früher zu bequem.

– Sprich es immer an, sagte ich. Immer. Nicht runterschlucken.

– Was, wenn er nicht hört?

– Dann sprich lauter.

Pause.

– Das ist schwer.

– Schwer, ja. Aber du bereust nur, was du nicht gesagt hast.

Es kam noch eine Winter. Die zweite, seit das Atelier lief.

Ich stand im Spiegel meines Umkleidezimmers extra für Kundinnen gemacht. Das Spiegelbild zeigte mich: Achtundvierzig, fast neunundvierzig in zwei Monaten. Haare seit diesem Jahr ließ ich sie grau. Die Falten um die Augen, die durchs Lachen kamen, kannte ich nun. Die Hände Narben vom Arbeiten, alles vertraut. Die Figur immer noch normal.

Aber meine Augen.

Sie waren anders. Nicht jünger oder schöner. Da war etwas Neues darin: Lebendigkeit, ein bisschen Jägerin, im besten Sinn. Wie jemand, der weiß, wohin er will.

Ich ging zurück an die Arbeit, begann mit einem neuen Schnitt: Mantel für eine ältere Kundin, breiter Gürtel, Tannengrün. Marie kam dazu, wir rechneten Stoffverbrauch.

Das Handy vibrierte: Thomas.

– Ja?

– Melie, wann kommst du nach Hause?

– In zwei Stunden, warum?

– Nichts. Hab Tee gemacht. Wollen wir zusammen trinken?

Ich hielt inne. Marie tat so, als ob sie ganz vertieft sei.

– Gern, sagte ich. In zwei Stunden bin ich da.

– Ich hab Kirsch-Streuselkuchen besorgt. Magst du doch, oder?

– Sehr sogar.

– Dann bis gleich.

Ich legte auf. Marie schaute auf.

– Ist alles gut?

– Ja. Arbeiten wir weiter.

Ich beugte mich über den Schnitt Kreide, Lineal, Winkel prüfen. Das Licht im Studio war hell, klar so, dass man alles sieht. Draußen rieselte Frühlingsregen, langsam.

Zuhause wartete Tee. Und Kuchen mit Kirschen.

Das Leben gibt keine Garantien. Nie. Aber heute Abend geh ich heim, setz mich zum Tee. Und morgen öffne ich mein Atelier. Das ist mein Entschluss, jedes Mal neu und niemand trifft ihn für mich.

Ich griff zur Schere und schnitt den neuen Stoff an.

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Homy
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Nicht mehr passend – Zeit für Veränderung
Ein Stück vom Glück