Der Solist – Eine bewegende Geschichte über Musik, Hoffnung und den Mut, seinen eigenen Weg in Deutschland zu gehen

Sänger

Das Telefon war antik, mit einer schweren Hörer, der an einer verdrehten Spiralfeder hing, mit einem Wählscheibenapparat, dessen Zahlen so abgenutzt waren, dass man sie irgendwann neu nachzeichnen musste drei Generationen der Baumanns hatten es benutzt. Das schrille, übereifrige Klingeln dudelte regelmäßig durch den Flur eine reale Brücke zwischen den Zeitepochen. Es stand auf einem kleinen Beistelltischchen, schmal und ehrwürdig wie eine Ikone.

Therese Ingrid Baumann hatte das Zeitalter der Satellitenkommunikation längst erreicht, aber Mobiltelefone nein, Krebs verursachen die, davon war sie überzeugt! Und schnurlose Dinger, wie ihr Sohn Martin sie ihr schon vorletztes Jahr geschenkt hatte, wollte sie nicht mal richtig anschauen.

Mama! Es wäre doch so praktisch! Du kannst in der ganzen Wohnung telefonieren, keinen Kabelsalat mehr. Und schau mal, wie schön, silberfarben habe ich extra ausgesucht!, sagte Martin, und entrollte noch das Plastik aus dem Karton.
Stell dir vor, Ingrid Steinmeyer ruft an! Dann kannst du es dir bequem machen und stundenlang plaudern. Ist das nicht nett?

Therese musterte misstrauisch den silbernen Hörer und presste die Lippen aufeinander.
Die Zahlen sind zu klein, das ist nichts für mich. Nimm das mit, deine Lisa telefoniert sowieso ständig. Sie braucht es mehr.
Und Ingrid Steinmeyer ruft doch gar nicht mehr an. Wirklich nicht!

Martin seufzte leise wie schwierig in letzter Zeit alles geworden war! Therese zu Neuem überreden? Uff. Alles war ein Krampf: zum Arzt bringen, überredend, um die neue Technik zu lernen so stur!

Mam, wir haben schon so eins! Und Lisa ist wirklich nett. Bald heiraten wir, wirst du sie nicht akzeptieren? Und die kleinen Zahlen sind doch beleuchtet! Siehst du? Hier, ich zeigs dir.

Er war schon losgesprungen, um das Schnurlose zu installieren, doch seine Mutter nahm ihn sanft bei der Hand.
Martin, komm essen! Ist schon alles kalt!
Da stand sie schon in der Küche, holte die Backform aus dem Ofen das duftende Wunder: Fleischpastete mit Lauch und Ei, Martins Leibspeise. Ein kräftiger, buttriger Teig, die Füllung aromatisch und pfeffrig, der Teigdeckel hob und senkte sich im heißen Dampf, atmete fast. Erschöpft legte Therese das Kunstwerk auf eine Porzellanplatte.

Das Anrichten war ihr heilig. Immer auf Porzellan, mit Tortenheber und passenden Tellern.

Ach, lass doch das Drumherum!, murrte oft Friedrich Baumann, ihr Mann, gierig schielend. Schneid das Teil an, bevor ich noch verblute! Gib her, ich machs selbst.

Schon war sein stumpfes Messer zur heiligen Pastete unterwegs.
Lass die Finger!, verteidigte Therese ihr Werk. Der Rand war kunstvoll geflochten, mit glänzendem Eigelb bepinselt, in der Mitte ein Loch, darunter die Brühe bestes Fleisch, ehrlich gekauft!

So eine Pastete, davon war Therese überzeugt, kam höchstens bei Dallmayr in München auf den Tisch. Selbst beim Les Halles waren die Pasteten einfach nur viel zu salzig. Eine Kostprobe, immer wieder Enttäuschung.

Therese Baumann hatte ihr Leben lang nicht irgendwo gearbeitet, sondern im Münchner Nationaltheater. Keine Künstlerin, aber doch mittendrin Kartenverkauf, Organisation, Beschwerden. Nun alles Vergangenheit, aber das Telefon, der Name Ingrid Steinmeyer, das riss sie in die Erinnerungen zurück…

Im prunkvollen Foyer lernte sie Ilja Rosenhauer kennen, den Solisten und Drückeberger, ein charmanter Mann mit großen Talenten. Ihm verdankte sie ihre Liebe zu geschmackvollem Servieren.

Therese hatte ihn früher nur aus der Distanz gesehen, oder auf diesen sepiafarbenen Fotografien in den Holzrahmen. Sein Auto parkte stets am besten Platz, seine Garderobe duftete nach Mandarinen Rosenhauers Liebling , und zu Hause auf ihn wartete keine Familie, sondern ein kurzbeiniger Dackel, Isolde, liebevoll Isi gerufen. Alle Hausarbeit erledigten Angestellte, während der große Tänzer im Wohnzimmer meditierte. Isi saß gegenüber, legte den Kopf schief, musterte ihren Herrn mit einem wissenden Funkeln. Sie wusste immer, wie er gelaunt war, begrüßte ihn schwanzwedelnd, und lächelte dackeltypisch.

Gleich nach dem Kommen durfte man Rosenhauer nicht stören, sonst hagelte es einen Hausschuh gegen den Nasenrücken. Ilja tanzte sich kaputt, gab alles auf der Bühne, musste sich nach jedem Auftritt erst regenerieren. Sein Abend, egal wie spät, war immer getaktet: Dusche, Tee aus Kräutern, Yoga auf einem fluffigen Schaumstoffteppich, der einen Hauch nach Minze hatte (Isi hatte mal dran geknabbert Hausarrest).

Beim Yoga summte Rosenhauer endlose Kehllaute, woraufhin Isi ebenso traurig jaulte. Es wurde ihr einfach zu traurig. Unerträglich traurig…

Danach ging es zum Abendessen. Manchmal kamen Gäste. Tanten, dachte Isi, die sofort aus dem Schlafzimmer der Herrchen verscheucht wurden. Isi fauchte beleidigt, tappte kratzend über das Parkett, blieb noch etwas an der Tür sitzen, zog sich dann aber zurück, rollte sich auf ihrem Dackelkissen zusammen und schlief. Die Tanten kicherten und kicherten dabei stundenlang…

Das Leben von Rosenhauer, Isi und ein wenig auch von Therese nahm einen Riss an einem besonders nebeligen Oktobertag, an dem der Nebel aus dem Englischen Garten in dicken Milchschwaden in Iljas Villa sickerte, wie Magermilch in einen alten Steintopf floss, auf dem Boden entlangkroch, Isolde am Zinken kitzelte, und zuletzt die nackten Zehen des Tänzers berührte. Von diesem Gefühl zog Ilja eilig die Füße ein, kauerte sich zusammen, und erhob sich, als der Wecker wie ein Blasorchester durch die Stille bretterte.

An diesem Tag kam Rosenhauer zu spät zur Probe. Ihm wurde alles verziehen erster Solist! Ohne ihn war die Aufführung verloren. Alle hielten den Atem an, seine Partnerinnen taumelten vor Glück, wenn sie in seiner Nähe tanzen durften.

Nur einer verehrte ihn nicht: Ballettmeister Dietrich.

Er fing den zerzausten, abgehetzten Ilja schon im Foyer ab, tadelte ihn vor versammelter Mannschaft, drohte mit Ersatz beim kommenden Mal.

Ilja, mein Lieber, Unersetzliche gibt es bei uns nicht. Beine und Arme, die hat jeder erste Solist; ein Kopf der zweite, und Talent schon der dritte. Ich werde einen finden, der nach dir kommt, sagte Dietrich gelassen, aber seine Hände zitterten. Das sah Therese, wie sie da erstarrt mit ihrer Daunenjacke stand. Dietrich rauchte eine Zeitungskommentarseite zwischen den Fingern, die wellte sich sacht. Dann stapfte er zur massiven Eichenholztür mit vergoldetem Knauf. Da hinter wollte er vermutlich versteckt staunen, wie weit er es gebracht hatte Rosenhauer anschnauzen!

Kaum war die Tür zu, kicherte oder schluchzte Rosenhauer auf, und Therese ließ vor Schreck ihre Tasche fallen. Lippenstift, ein roter und ein blauer Kugelschreiber, ein kleines Parfüm, ein ledernes Notizbuch, zwei Bonbons Pfefferminzgeschmack und allerlei anderer Trödel kullerte auf das teure Parkett.

Entschuldigung, wisperte Therese so leise, als wäre es sie gewesen, die eben Rosenhauer zur Schnecke gemacht hatte. Ich, äh, ich…

Sie wollte beteuern, dass sie nichts gehört, alles vergessen und jedem für sich behalten würde…

Doch Ilja war schon zu ihr getreten, kniete sich hin höflich wie ein Butler und begann, gewissenhaft Täscheninhalt aufzusammeln. Wort für Wort, leise Scherze sie lachte verlegen. Rosenhauer duftete nach Rasierwasser und Rauch. Seine Finger schmal und sehnig, das Gesicht markant, mit Adlerprofil. Kräftige, geschwungene Brauen umrahmten dunkle, grün-schimmernde Augen.

Was für Augen!, dachte Therese. Komplimente flossen, als hätte ein Fluss das Ufer übertreten, und schon fragte er nach ihrer Nummer. Sie zögerte, schrieb sie dennoch auf einen Zettel, vergaß Martin, vergaß ihren Ehering…

Ilja versprach, abends anzurufen. Irgendwann, irgendwie. Mit einem Lächeln, das wärmer und sanfter war als jedes Wort. So hatte ihr Friedrich, ihr Mann, nie gelächelt; zehn Klassen Schule, dann Maler, danach Schichtarbeit. Friedrichs Schritte schwer wie Bleischuhe, vorsichtige Komplimente im Halbschlaf, dann schon das gewohnte Schnarchen. Ein gewöhnlicher, durchschnittlicher Mann. Therese hatte sich ebenfalls für gewöhnlich gehalten. Irrtum! Rosenhauer lobte Taille, Hüften, Apfelbäckchen…

Und das alles im Foyer des Nationaltheaters! Therese traute ihren Ohren nicht. Und war dumm entzückt.

Rosenhauer gab ihr die Tasche, steckte den Zettel ein, ging.

Erst später schimpfte sie mit sich, bekam Angst, falls Rosenhauer anrief und Friedrich dranging was dann? Was würden der große Solist und der Malergeselle einander sagen? Sie wagte nicht, es sich auszumalen.

Friedrich war nie der Eifersüchtige, aber man weiß ja nie… Er schätzte seine Therese. Hatte die Wohnung liebevoll renoviert, für den Ring doppelt gearbeitet, dann seinen Antrag gemacht.

Und nun? Möge Rosenhauer doch nur mit ihr telefonieren! Sie war ja keine Nonne, kein Kloster!

Unsinn, was soll Rosenhauer von mir wollen?, rührte Therese gedankenverloren imaginären Zucker in einer leeren Tasse.

Träumst du, Therese?, fragte ihre Chefin, Frau Leitner, kollegiales Tätscheln.
Nein, nein… Nur so, brummte Therese und wühlte hektisch in den Papieren.

Na, wie sieht er aus, dein Rosenhauer? Direkt, nicht die feine Klinge. Mächtig, aber angeblich pockennarbig!, grinste Leitnerin.

Worüber reden Sie eigentlich?, empörte sich Therese.
Das weißt du doch genau, Mädel! Vorsicht. Er wickelte schon viele ein. Damals unsere Schneiderin, Isabell. Ein nettes Mädchen, kam durch Vitamin B ins Haus. Schwups, schon war Rosenhauer mit ihr im Kämmerlein

Und dann? Was dann?, bohrte Therese, langsam amüsiert.
Nichts Wichtiges. Nur ein wenig Herzschmerz, winkte Leitnerin ab und verschwand. Sie hatte Rosenhauer einst hautnah sehr nah erlebt: vor sieben Jahren, als Ilja ihre Tochter Ulrike verführen wollte. Die war mittelmäßige Ballerina, aber durch Glück auf die Bühne gerutscht. Rosenhauer kehrte ständig in ihre Altbauwohnung ein, flirtete, entführte sie, schließlich bekam Ulrike ein Kind von ihm. Dick geworden, unansehnlich. Rosenhauer bestritt alles, nannte es Betrug. Ein Skandal wurde es nicht Leitnerin nahm Geld, schaffte einen kleinen Außenhaus.’

Ilja war früher flotter. Jetzt, alt, sucht er sich gereifte Damen, grinste Leitnerin, zog an Riechsalz und kritzelte weiter.

An Ilja dachte Therese ständig. Fast hätte sie im Bistro nicht bezahlt, die S-Bahn verpasst, fiel über Martins Hausaufgaben. Kleinigkeiten. Aber Rosenhauer für sie ein Halbgott, der versprach, anzurufen…

Er rief tagelang nicht an. Therese zuckte bei jedem Klingeln zusammen, stürzte dem Telefon entgegen, sprach, seufzte enttäuscht nicht er.

Was würde ich sagen?, dachte sie, horchte auf die tickende Küchenuhr, auf Frederichs Schnarchen, Autos draußen, Was? Dass die Pastete heute gelungen ist? Dass Martin ins Sportlager fährt? Das interessiert ihn nicht! Ich muss was über Kunst erzählen! Ja! Morgen geh ich in die Bibliothek, les was über Ballett!

Gesagt, getan. Sie schleppte einen dicken Ballettwälzer an. Alles zur Weiterbildung!, erklärte sie der Familie. Martin hatte Mitleid, Friedrich griente, während Therese im Ballettchaos versank.

Isi beschäftigte sich derweil mit ihrem melancholischen Herrchen, der im Sessel saß, einen Zettel und das Telefon prüfte, die Nummer wählte stoppte.
Wie hieß sie noch? Marianne? Helga? Nein… Therese! So wie dort bei den Klassikern.

Letztlich wählte er.
Hallo, Therese Baumann? Ich hoffe, ich störe nicht!, feixte Ilja schrill.

Therese stockte. Er ausgerechnet jetzt! Herzklopfen, alles wirbelte durcheinander.

Nein, gar nicht!, log sie. Die Frikadellen brutzelten, Friedrich kam gleich heim, Martin war seit einer Stunde aus dem Haus.

Kennen Sie das kleine Gasthaus am Stadtrand? Da gibts Wildfleisch! Mögen Sie Hirsch?, kichere Ilja.
Was für eine absurde Frage…, dachte Therese und wurde ganz nervös.

Lassen Sie uns Wild bestellen! Geben Sie mir Ihre Adresse.

Nein… Ach, also…, flüsterte sie, dann nannte sie dennoch ihren Straßennamen. Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, schlug sie da, wo sie am wenigsten wollte.

Nach zwanzig Minuten parkte Iljas Auto vor der Tür, der Chauffeur klingelte, gleich Friedrich neben ihm auf der Treppe.

Es war ihr peinlich. Therese stotterte irgendwas, dann flüsterte sie beruflich unterwegs. Friedrich nickte.
Wenns sein muss. Tritt ruhig ab, das Essen ist fertig.

Die Tür schluckte ihn, das Erdgeschoss duftete nach Frikadellen, der Hund im Nebenhaus bellte. Therese stieg ins Auto, schloss die Augen…

Der Hirsch war vortrefflich, Ilja melancholisch, die Kellner beäugten sie verstohlen.
Kommen Sie oft her?, fragte Therese.
Ja, sehr. Ich bin schwach für Frauen. Sie sind anders vielschichtiger, belesen, ich hab es gleich erkannt. Ich schenke Ihnen mal Ticket beste Reihe, versprochen! Jetzt aber feiern wir!

Mit seinem Bühnenapplausklatschen belebte er das Lokal, rubinroter Wein floss, als wäre er Stierblut.

Therese kehrte gegen elf zurück. Martin hörte Musik, Friedrich schlief.

So spät, Mama? Auf einem Date?
Sie errötete, zum Glück war das Flurlicht schummrig.

Ach was!, flüsterte sie abwehrend.

So entstand die fiktive Ingrid Steinmeyer, Tanten-Freundin von früher, der Therese nun ihre Zeit widmete, beim Telefon griff. Nicht oft, aber wenn, dann lange.

Woher ist denn deine Ingrid?, erkundigte sich Friedrich einmal, nicht misstrauisch, nur neugierig.
Aus Tegernsee! Da war ich mal zur Kur…

Das passte Friedrich. Tegernsee, da angelte er mal. Ingrid vermutlich auch mal gesehen, aber egal…

Mit Ilja traf sich Therese selten. Sie sprachen über das Große, er zitierte Klassiker Therese froh um ihre Bibliothekslektüre.

Was sollte werden? Ach, alles belanglos. Nur ein Knistern! Untreue? Nein, nie. Selbst ein Kuss? Nie. Nur zwei Vertraute was ist schon dabei?

Wenn Ingrid Steinmeyer anrief, musste Therese tricksen. Martin schnaubte genervt, Friedrich wartete auf den Braten. Aber Therese dozierte begeistert über Anna Pavlova, Käthe Stelzer, Margarete Wallmann.

Am anderen Ende schwärmte Ingrid, während Isi ihren Herrn anschmiegte, Rosenhauer wurde liebevoller, keine Tanten mehr. Statt Yoga saß er verträumt am Telefon. Vielleicht kam nun die Wärme ins Haus…

Einmal lud Ilja Therese zu sich ein. Sie sind neugierig, wie ich wohne, lächelte er. Und mein Hund ist kranklich. Kommen Sie, trinken wir Kaffee, ich zeige Ihnen das Fotoalbum.

Therese hörte viel Tratsch über Ilja, aber glaubte: Menschen ändern sich. Zwischen ihnen war Neugier, Kameradschaft einfach aufrichtig. Und Isi tat ihr auch leid. Draußen war ein trauriger Novembersonntag…

Sie fuhren zur Villa hinter schmiedeeisernem Gartentor. Die Architektur übertrieben, zu viele Säulen, Türmchen, Balkone, ornamental. Aber: Geschmackssache…

Sie schritten auf dem Kiesweg zum Portal, atmeten den Duft feuchter Blätter. Engelsskulpturen waren bepflastert damit Ilja lachte, Isi bellte hinter der Glastür.

Bitte kommen Sie herein!
Drinnen beäugten sich Therese und Isi abwägend, schnuppernd. Und irgendetwas passte Therese nicht: Es roch nach… nichts. Kein Heimgeruch, kein Kuchen, kein Wachs, kein Hund, kein altes Tuch.

In ihrer Wohnung immer ein Hauch Apfel und Pastetenduft. Hier sterile Leere.

Der Marmor glänzte, Wände grau, überall Schwarzweißporträts von Rosenhauer, immer als Held in Pose.

Wo ist die Küche?, fragte Therese. Sie wollte irgendetwas Wärmendes hier hinterlassen, einen Tee kochen, Gebäck machen…

Küche? Therese, mein Schatz! Kommen Sie!
Therese folgte, erwartete Luxus. Die Schwiegermutter hatte sie damals gleich in der Küche lieben gelernt.

Sie musste jetzt dringend etwas kochen! Irgendwas Simples, aber Herzliches! Dieser Ilja war gar nicht häuslich…

Die Tür ging lautlos auf, wie bei einem Butler, im Raum war es dunkel, roch nach alten Rosen.

Isi lief davon, Die ist auch so wie die anderen!, klackerten ihre Krallen.

Therese wollte noch fragen, wo das Licht sei, als Ilja nur noch rief:
Zieh dich aus, Therese.

Ihre Augenbrauen flogen hoch, die Gedankenhimmel stürzten ein. Füße pilgerten automatisch zur Türe. Sie spürte Friedrichs tadelnden Blick im Nacken. Scham!

Sie rannte hinaus zur Landstraße, hielt einen Wagen an und fuhr heim nach München.

Ilja saß daheim, schaute sich ratlos im Schlafzimmer um, die Rosen waren schon längst verblüht. Und warum um Himmelswillen wollte Therese in die Küche? Wollte sie einfach nur Wasser?

Er schlurfte suchend durch die Räume, rief leise nach ihr, dann setzte er sich und begann zu weinen.

Isi heulte mit. Therese hatte sie wirklich verlassen. Für immer.

Sie war anders. Ganz anders als die anderen. Und er hatte alles vermasselt.

Therese stürmte in die stille Wohnung, zog sich geräuschlos aus, verschwand im Bad und starrte lange ins Spiegelbild, brach dann erst in leises, dann in lautes Lachen aus.
Therese, was ist los?, rief Friedrich, klopfte besorgt.
Nichts, Friedrich. Schlafen.

Ingrid Steinmeyer rief ein paar Tage später an. Therese wollte erst auflegen, aber dann tat ihr Ilja leid, ebenso Isi.

Therese tröstete ihn durch den Hörer, er hörte still zu, saß neben Isoldes Körbchen.

Wer war das denn jetzt?, rief Friedrich.
Ingrid. Ihre Hündin ist krank.

Schade. Sag mal, ist der Kuchen schon fertig? Therese eilte in die Küche, der Teig duftend, golden, geflochten am Rand.

Anrufe wurden zur Routine. Mal lies sie sich verleugnen, mal bat sie Martin zu sagen, sie sei nicht zu Hause. Das Trösten, das starke Dasein wurde ihr zur Last aber wie sollte sie Ilja fortscheuchen? Er war ihr trotzdem immer ein wenig leid.

Im Theater mied Rosenhauer nun alle wie ein Schatten, tanzte schwächer, und schied im Februar aus.

Wem sollen wir nun alles übergeben?, rief Dietrich.
Unersetzliche gibts nicht für Sie nicht. Sorry!, korrigierte sich Ilja. Er hatte vergessen, dass Therese im dritten Stock im kleinen Kartenbüro arbeitete. Oder lebte in einer anderen Welt.

Das letzte Mal rief er mitten am Tag an. Therese hatte Geburtstag, große Festtafel, neue Bluse, Friedrich schenkte Rosen. Alles war wunderbar dann dieses Telefon…

Soll ich sagen, dass du nicht da bist?, fragte Friedrich. Ingrid kann auch später anrufen.

Nein, lass mich. Nur dieses eine Mal!, bat Therese.

Sie nahm ab. Ilja erzählte, dass Isolde Junge bekommen hätte, er möchte ihr einen schenken.
Wozu?, fragte sie.
Damit wenigstens eines von Isoldes Kindern dich hat. Eigentlich, Therese… ich habe mich verliebt. In dich. Du bist erdig. Darf ich dir einen Welpen geben?

Sie nahm den kleinen gelben, tapsigen Welpen nannte ihn Wastl. Wastl fand sich schnell zurecht, freundete sich mit Martin an, war aber Thereses Begleiter.

Er wartete immer am Flur auf sie, grinste dackelig. Auch er wusste besser als Therese gibt es keine.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Wo Ilja heute bleibt, weiß niemand. Friedrich lachte, als er die Geschichte erfuhr, tat nicht beleidigt.

Therese fürchtet Anrufe immer noch ein wenig. Nicht aus Angst, wie man sich benehmen soll das Vergangene kratzt manchmal nachts an die Türe, blickt mit traurigen Rosenhauer-Augen. Aber dann sind da Martin, Lisa, und alles dreht sich weiter.

Und der beste Tänzer des Nationaltheaters, seit seiner letzten Aufführung, lebt er zurückgezogen in seiner Villa. Manchmal kommt Ulrike mit dem Sohn vorbei. Sie trinken Kaffee in winzigen Tassen, Ilja schaut zum Fenster hinaus und denkt: Sein Leben war ein einziger Tanz rastlos, von Erfolg zu Erfolg, und doch immer im Nebel, ohne Gefühl. Die Liebe, das war drüben. Mit Therese. Der, die nie ihr Ticket bekommen hat. SchadeIm Herbst, wenn die Blätter wie goldene Noten den Bürgersteig bedeckten, saß Therese manchmal mit Wastl im Arm auf dem Balkon, schnupperte in die kühle Luft und lauschte in die Stille. Aus dem Wohnzimmer klang das Klingen des alten Telefons, manchmal, als wolle ein Geist aus der Vergangenheit sie anrufen aber es war fast immer Martin oder Lisa, Alltag eben.

Sie lächelte, wenn sie an Ilja dachte. Egal, wie verrückt und traurig alles war manches musste passieren, um das Herz wieder schlagen zu hören. Hinter dem Flackern der Erinnerungen fühlte sie neue Wärme: nicht Sehnsucht, sondern Dankbarkeit. Dass ein Stück Drama in ihr Leben durfte; dass ein unscheinbarer Tag plötzlich funkelte.

Wastl döste und schnaufte leise. Therese strich ihm übers Fell, und irgendwo tief in ihr wusste sie: Jeder bekam in diesem alten Haus genau das, was er brauchte einen winzigen Funken Glanz, etwas Abenteuer, und am Ende ein Zuhause, in dem selbst die Vergangenheit leise Frieden fand. Die Zukunft wartete, in kleinen, verbeulten Momenten: ein Anruf, wenn Kuchen fertig ist, ein Blick aus dem Fenster, ein Lachen auf der Stiege.

Und das Leben wie eine wohlgeschnittene Pastete reichte für alle, die sich trauten, ein Stück zu nehmen.

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Homy
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«Frau Schmidt, Sie gehen in eine andere Abteilung», – lächelten die jungen Angestellten, als sie die neue Kollegin ansahen. Sie wussten noch nicht, dass ich ihr Unternehmen übernommen hatte.