Ihr Kummer
Liesl, lass uns noch ein bisschen spazieren, es ist doch noch so früh! Paul sah ihr in die Augen, zog sie unbeholfen an sich. Unter dem zu großen, dünnen Mantel wirkte Lieschen noch kleiner. Fast wie ein Kind: schmal, zart, mit roten Bäckchen vom Frost. Man müsste ihr Zöpfe flechten, eine Schuluniform anziehen und sie würde glatt als Schülerin durchgehen. Die Nase war von der Kälte ganz rot, die Wangen leuchteten wie zwei frisch gepflückte Äpfel. Liesl fühlte sich auf seltsame Weise warm und kalt zugleich, sie wollte sich fest an Paul schmiegen, ihn nie wieder loslassen und trotzdem, sie musste heim…
Nein, muss los. Ich muss Mama helfen, Lars zu baden. Paul, bitte lass mich Liesl entwand sich zögerlich, wollte seine Arme wegstoßen, blieb dann aber schwach liegen, legte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte.
Bleib doch noch ein wenig. Oder wollen wir ins Kino? Los, komm, wir schaffen das locker!
Das Kino war ganz in der Nähe; wenn sie sich beeilten, kämen sie pünktlich. Paul wusste, dass wahrscheinlich schon alle Karten weg waren und sie es vielleicht gar nicht ins Kino schafften aber das war nicht schlimm. Wichtig war nur, dass er mit Liesl zusammen war, selbst wenn es nur zehn Minuten waren.
Nein, geht nicht. Paul! Wirklich, Paul Liesl hob ihr Gesicht, ließ sich von seinen Küssen berühren, löste sich dann abrupt, zuckte zurück. Mama schaut schon aus dem Fenster. Sie schimpft gleich wieder. Ich geh jetzt, Paulchen! Muss!
Ich bring dich noch! rief er ihr nach und wollte ihr folgen. Doch Liesl schüttelte den Kopf.
Paul war Lieschens Mutter, Erika, ein Dorn im Auge. Sie meinte, dass Paul nur das eine im Kopf hatte das Unanständige, Gemeine. Liesl sei noch viel zu naiv, um das zu begreifen.
Kaum kam Paul in Erikas Blickfeld, fing sie an zu meckern, drohte, sie wisse nicht, was sie mit ihm machen würde, wenn er Liesl noch einmal zu nahe käme. Paul grinste nur:
Erst wenn Sies wissen, dann drohen Sie! Und bis dahin: lassen Sie mich zufrieden! Dann stapfte er fort, schlurfend wie ein Seemann, und pfiff irgendeinen Schlager.
Liesl riss die schwere Haustür auf, tappte in die Dunkelheit. Es roch nach feuchtem Putz, modrigen Lappen und Schimmel.
Liesl! Eine mit Kunstleder bezogene Tür knallte auf, eine rechteckige Lichtsäule fiel hinaus ins Treppenhaus, durchschnitten von Erikas Silhouette. Liesl kniff die Augen zu.Wie lange soll ich hier auf dich warten?! Siehst du eigentlich auf die Uhr? Lars muss gebadet werden, und mein Rücken Du weißt es doch! Erika schaute ihrer Tochter nach, die eilig die Treppe erklomm. Liesl huschte ins Warme, zog ihren Mantel aus, schlüpfte aus den Schuhen. Schon wieder warst du mit deinem Kerlchen unterwegs? Hast dir ja einen tollen Verehrer ausgesucht! Ihr habt ja eh nur das eine im Kopf! Das Lernen bleibt auf der Strecke hast du mal in den Spiegel gesehen? Wangen ganz rot! Liesl, du gehst immer noch zur Schule, du darfst mit solchen Jungen nicht
Liesl betrachtete zum letzten Mal ihr vor Aufregung noch gerötetes Gesicht, dann schlich sie brav ins Zimmer, wo in einem hölzernen Laufstall Lars, ihr kleiner Bruder, mit Spielzeug spielte. Lars schüttelte eine Rassel, kickte ein Auto, rollte sich kichernd auf den Rücken und streckte beim Anblick von Liesl die Arme aus.
Geh ihn baden! Liesl! Geh, ich habs dir gesagt! Er hat doch gleich Hunger, bellte Erika direkt an Liesls Ohr.
Liesl wollte schlagfertig antworten, ließ es dann doch, zog sich die Schürze über, hob Lars hoch und trug ihn ins Bad.
Sie ließ Wasser ein, prüfte die Temperatur, setzte den Jungen in die Wanne und hockte sich dazu. Stumm schob sie ihm Spielzeug zu, das Lars lachend in die Luft warf, Wasser spritzte, ihr in die Haare griff weil sie schon wieder abwesend war und nicht richtig zusah.
Lass das, zischte sie. Ziehst du nochmal hau ich dich, klar?
Erschrocken schaute Lars sie mit großen blauen Augen an, so wie sie ihr Vater hatte und zog den Mund nachdenklich zusammen. Er konnte einfach nicht begreifen, warum sich dieses Mädchen nicht mehr über die Welt freuen konnte wie er.
Aber sie freute sich schon lange nicht mehr. Gefühlt eine halbe Ewigkeit.
Eine Ewigkeit, die begann, als ihr Vater starb.
Es war ein schwüler Julitag. Liesl lag zu Hause, hörte irgendeine Schallplatte vielleicht Peter Alexander, oder Freddy Quinn? Mit geschlossenen Augen malte sie sich aus, wie sie ihm auf der Straße begegnete, er sich spontan verliebte, sie schüchtern errötete Ihre Träume wurden jäh durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Von da an begann Liesls Ewigkeit.
Liesl, gehst du? Ich hab die Hände voller Mehl!, rief Erika aus der Küche. Liesl stand folgsam auf, griff zum Telefon mit der glänzenden Wählscheibe und den schwarzen Zahlen. Den Telefonaufsatz hatte der Papa angebracht, erst neulich noch repariert… Alles hatte er gemacht.
Hallo? gähnte sie in die Muschel, betrachtete sich im Spiegel nebenan. Ja, hier ist Familie Schneider. Was wollen Sie? Sie sprach nicht mehr zu Ende. Denn das Reflexionsbild wurde urplötzlich aschgrau, das Gesicht verzerrte sich, der Mund klappte auf und die schiefen Zähne wurden sichtbar. Was Sie flüsterte sie leichenblass. Sie
Der Hörer fiel ihr aus der Hand und baumelte an der Spirale, knallte gegen die Wand. Liesl starrte ihn an, unfähig zu begreifen, was jetzt sein sollte. Das Spiegelbild sah aus wie aus einer anderen Welt. Trauer ist selten schön, oft entstellt sie das, was vorher war…
Erika kam aus der Küche, Mehl an den Händen, im Gesicht, an Hals und Wangen. Und irgendwann schien es, als wäre das Mehl überall erstickend, drückend, so weiß wie Liesls Lippen. Erika hörte das heisere Flüstern ihrer Tochter, sackte stöhnend auf den Stuhl, rutschte an der Wand entlang, die Hände hinterließen weiße Spuren.
Danach folgten Ärzte, der Notarzt holte Erika ins Krankenhaus und Liesl blieb allein mit dem Unaussprechlichen. Von da an war sie wütend auf die Mutter. Die ließ es sich in der Klinik gut gehen, durfte sich schonen, durfte alles warum durfte Liesl das nicht? Wer würde MICH bemitleiden, dachte sie empört: Die Tante Gertrud, die ohnehin bloß daran dachte, wieviel Bier fürs Leichenschmaus zu besorgen sei?
Ja, Tante Gertrud redete ständig vom Respekt erweisen als wäre Papa im Unrecht gestorben, als müsste man ihm noch vergeben. Kaltaufschnitt, Kartoffelsalat, Sülze, Gurken, Braten bis heute kann Liesl sich an diesen beißenden Geruch erinnern: Knoblauch, Zwiebeln, Brühe und Fleisch.
Hilfst du schneiden, Liesl?, steckte Tante Gertrud den Kopf ins Zimmer, fand Liesl mit dem Gesicht zur Wand. Schließlich setzte sie sich zu ihr ans Bett, strich ihr mit rauen, fahrlässigen Händen über die Schulter die Wollfäden rissen ab.
Lass mich, lass mich einfach in Ruhe! Ich schneide gar nichts, verstanden?! Feiert ihr doch euer Fest! Bier, Schnaps, Salatschüssel! Liesl, magst du noch schnell einkaufen gehen? Onkel Fritz mag Jägermeister! Liesl verzerrte ihr Gesicht zur Fratze. Hasst euch! Papa ist tot, er hat mich verlassen. Mama versteckt sich im Krankenhaus mit dem Baby und ich bin allein! Einfach allein, Gerti! Und…
Lieslchen, du bist nicht allein, versuchte Gertrud sie zu umarmen. Liesl stieß sie weg, trat sie. Mama kommt bald heim, sie braucht dich jetzt ganz dringend. Sie hat Angst um das Baby kannst du ihr bitte helfen?
Gertrud wusste, sie sagte das Falsche, sie sollte über Liesl sprechen was sie braucht, wer ihr hilft. Aber das klappte nicht. Erika war im Krankenhaus wie aus der Bahn geworfen, mal hektisch, dann apathisch; mit dem Baby, hieß es, stimme etwas nicht. Gertrud konnte nicht bleiben; sie durfte nur zur Beerdigung weg.
Ich helfe niemandem! Und das Baby für was denn? Papa wollte es, jetzt ist Papa tot, soll es auch weg! Liesl schrie, fiel aufs Bett, weinte sich ins Kissen.
Gertrud verließ sie, schloss die Tür.
Erika erinnerten sich nicht mehr gut an die Zeit im Krankenhaus. Ob sie wach war oder medikamentös benebelt alles verschwamm: Stimmen, Gertruds Gesicht, Mitpatientinnen, fremde Besucher, ein Arzt, der sie an den Händen packte.
Sie haben ein Kind im Bauch. Es ist das letzte, was ihnen von Ihrem Mann bleibt. Lassen Sie es ruhig sterben, wollen Sie? Soll ich ihnen den Stress attestieren, der es tötet? Kein Kind mehr, Problem gelöst? Der Arzt war grob, überfordert, konnte nicht trösten.
Unbewusst stand Erika irgendwann im OP-Bereich, nur im Nachthemd, verweint, mit schweren Brüsten, das Gesicht aufgerissen, die Hände schützend am Bauch, auf einen blendend weißen OP-Tisch blickend als wäre der Tisch Wolke, als könnte dort endlich Erleichterung sein.
Geburt? Kaiserschnitt? Die OP-Schwester kaute auf den Nerven einer Zigarette. Nein zu früh. Tut mir leid. Ich will, dass es lebt. Bitte! Na, kanns leben. Geh wieder ins Zimmer, Schätzchen!
Pflegemann Michael begleitete sie. Früher hätte Erika sich geekelt, jetzt sog sie demonstrativ seinen Alkoholgeruch ein. So roch oft auch ihr Mann also war er doch bei ihr, bei ihnen.
Einen Monat später kam Lars zur Welt, rosig, weich und lieblich. Liesl nahm ihn mürrisch auf den Arm, als Erika zum ersten Spaziergang den Mantel anzog. Keine Blumen oder Pralinen für die Schwestern Tante Gertrud hatte Geld dagelassen, damit sie etwas besorgt, aber das tat Liesl nicht.
Was für ein Fest, gerade mal vierzig Tage, seit Papa beerdigt wurde und jetzt soll gefeiert werden!? Liesl versteckte das Geld.
Das ist doch unhöflich, Liesl…, murmelte Erika. Geht schon. Tram fahren wir, ja? Liesl reagierte abweisend, das Baby auf dem Arm weinte, sie verzog nur das Gesicht.
Erika übernahm den Jungen vorsichtig, Liesl sah ihren Bruder nicht einmal an, lächelte nicht, küsste ihre Mutter nicht. Sie hatte ihren eigenen Kummer.
Morgens ging sie zur Schule, dann trieb sie sich stundenlang herum, traf Paul, kam spät nach Hause, aß und verschwand gleich wieder. Der Schmerz, dachte sie, verlangt nach Einsamkeit niemand solle sie belästigen mit Babys, Sorgen.
Weißt du was! Eines Abends hielt Erika das nervlich nicht mehr aus. Hilf auch mal! Einkaufen, kochen alles bleibt an mir hängen! Ich bin auch nur ein Mensch, Liesl Lars hat Bauchweh und…
Dann hättest du ihn halt nicht bekommen!, fuhr Liesl auf. Wirf mir nie Brot vor ich geb dir das alles zurück, wenn ich ausgezogen bin! Ich muss lernen, hab Abschlussprüfung wie du! Und schlafen kann ich auch nicht, weil dein Lars brüllt!
Mein? Er ist unser aller Bruder, Liesl. Manchmal ist es halt anstrengend, aber bitte, hilf mir doch
Nein. Ich auch müde! Und überhaupt, wenn Papa noch da wäre du würdest nicht so mit mir reden! Und wieder flossen Tränen, Selbstmitleid, zugeschlossene Zimmertüren. Erika wiegte Lars, schwieg, kämpfte mit der eigenen Trauer. Liesl war jung, sie würde es irgendwann verstehen.
Im Frühjahr, während Liesls Abitur, wurde Lars oft krank, Erika ging auf dem Zahnfleisch. Liesl verweigerte jede Hilfe, verwies aufs Lernen und diesmal riss Erika endgültig der Geduldsfaden.
Wo treibst du dich nachts rum? Was bitte lernst du mitten in der Nacht? tobte sie. Du triffst dich bloß mit Jungs, wählst bald auch noch… Du weißt doch, was dann ist!
Du hast doch auch, murmelte Liesl und hängte ihren Mantel auf. Was? Erika wurde rot. Ich wenigstens hab erst geheiratet, dann das gemacht. So läuft das bei anständigen Leuten! Hast du Brot gekauft?
Da! Liesl warf das Brot auf den Boden. Erika verpasste ihr eine Ohrfeige sie verstand selbst nicht, wie das passieren konnte.
Liesl rannte unter Tränen ins Zimmer. Eine Woche sprachen sie kaum, übten nur stumm Pflichtkommunikation. Dann wurde Liesl langsam zugänglicher, half ein wenig. Erika hoffte, die Tochter sei geheilt und alles würde wieder wie früher.
Doch der Grund war ein anderer: Paul hatte Liesl seine Liebe gestanden, ihr versprochen, nach dem Abschluss zu heiraten. Liesl sah in ihm endlich den, der sie bedingungslos liebte, bemitleidete, für sie alles lösen würde so wie einst Papa.
Sie quält mich mit diesem Baby, ich kann das nicht!, klagte Liesl, den Kopf an Pauls Schulter. Heute war sie wieder spät dran. Paul hatte Kinokarten für die letzte Reihe besorgt. Andere Zuschauer schauten empört. Komm schon, Liesl, er ist doch dein Bruder Familie ist Familie, flüsterte Paul.
Er war bei seiner Oma aufgewachsen, hatte sich immer nach Familie gesehnt, nach einem Zuhause, nach Kuchen und Geborgenheit. Die Oma war schon drei Jahre tot, und Paul träumte von einem eigenen Heim.
Mir gehts schlecht, seit Papa weg ist, hat niemand, nicht Mama, nicht Tante Gertrud, mich bemitleidet. Die haben nur an sich gedacht! Und jetzt dieses Baby… Paul, hab Mitleid, bitte!
Und Paul hatte Mitleid, wusste nicht mal recht den Unterschied zwischen Mitleid und Liebe süffisant genau aber er entschied: Liesl sollte seine Familie sein, ihr Zuhause, ihr Glück.
Mühselig schaffte Liesl ihr Abitur. Zum Abschlussfest trug sie ein schönes Kleid, selbst genäht von Erika, und durfte nach langem Bitten ihre Augen schminken. Meine hübsche Liesl, flüsterte Erika gerührt. Paul kam zum Gratulieren, trug extra einen sauberen Anzug, hatte sich einen Schlips geliehen.
Da bemerkte Erika erstmals, wie sehr Paul sich um Liesl bemühte, wie er sie umarmte, küsste und sie schämte sich, wenn sie daran dachte, wie schlecht das Verhältnis zu Liesl war.
Liesl kehrte spät nach Hause zurück, Erika wartete schlafend neben Lars’ Kinderbett. Als Liesl ins Haus schlich, stieß sie ein Eimer im Flur um. Erika fuhr erschrocken hoch, kam dazu.
Liesl! Wo warst du? Du kannst nicht einfach nachts wegbleiben!
Hast du meine Freundinnen abgeklappert? Mama, du blamierst mich!, schnauzte Liesl und warf das Zeugnis auf den Tisch.
Erika war sprachlos, zuckte hilflos die Schultern.
Warum tust du mir das an? Ich liebe dich doch, flüsterte sie schließlich, wollte Liesl umarmen. Die wich zurück, grinste kalt.
Weißt du warum, Mama? Weil du mich vergessen hast, seit Lars da ist. Papa hast du verdrängt, ich vermisse ihn, aber du… Du willst, dass ich alles mache, was früher Papa anpackte! Jetzt darf ich im Haushalt helfen, einkaufen, alles, weil du keine Zeit hast! Liesl lachte.
Liesl, bitte… Ich kann doch nicht alles allein machen. Du hilfst mir, ich helfe dir
Du mir? Du hast mir das Kleid genäht. Sonst? Ich heirate. Paul und ich gehen heute zur Anmeldung. Jetzt bist du selbst schuld.
Was? fragte Erika entgeistert.
Ja, wir heiraten. Lass mich jetzt schlafen.
Liesl zog sich zurück, schloss die Tür. Lars wachte auf, Erika machte ihm Brei warm und konnte immer noch kaum fassen: Liesl wird also wirklich bald eine Frau
Eine kleine Hochzeit, engste Familie. Gefeiert wurde in einem einfachen Restaurant. An einem Tisch: Erika gerötet vom Wein, blasse Liesl, nervöser Paul, dessen Freund Dennis mit Gitarre für Unterhaltung sorgte…
Alles zog an Liesl vorbei wie im Nebel. Sie fühlte sich ständig müde, wollte nur heim, schlafen, alles vergessen…
Paul bewohnte eine kleine, stickige Einzimmerwohnung. Aber dafür gab es keinen schreienden Lars, keine seufzende Mutter. Es gab nur Paul und Liesl. Paul tätschelte ihre Hände, wärmte ihre kalten Finger, flüsterte von Liebe. Sie schwieg. Nahm alles einfach hin.
Fahren wir heim, flüsterte Liesl, ich kann nicht mehr.
Er war einverstanden. Sie verabschiedeten sich schnell, nahmen Blumen, stiegen ins Taxi. Erika blickte ihnen traurig nach. Warum war alles so zerbrochen? Wann hatte sie Liesl verloren?
Später versuchte Dennis sie zu trösten: Paul ist ein guter Junge er schafft das!
Aber er nimmt meine Tochter in ein Leben ohne Ausbildung, ohne Job? Sie wird daheim versauern. Paul ist kein Erwachsener, er wird das nicht schaffen
Er ist Gold wert, werden Sie schon sehen.
Nach der Hochzeit mied Liesl das Elternhaus. Erika brachte ihr gelegentlich Sachen, wurde aber wegkomplimentiert.
Mama! Lass das! Wir kommen alleine klar, verstanden? zischte Liesl, während Erika Lebensmittel im Kühlschrank verstaute.
Paul kauft schon alles aber kochen musst du! Du liegst ja nur noch rum…
Bleib du mal weg!
Paul kam von der Arbeit, begrüßte Erika freundlich, fragte nach Lars, freute sich, dass alle beisammensaßen ein Stück Familienglück, das er immer wollte.
Als Erika sich verabschiedete, weinte Liesl plötzlich los: Sie sei schwanger.
Warum heulst du dann? fragte Paul nervös und wischte ihr die Tränen ab.
Ich hab Angst. Du kümmerst dich um mich, oder? Wenn alles schwer wird?
Er versprach es. Er trug sie, kochte ihr Tee, brachte ihr Lieblingsobst, übernahm den Haushalt, ging nach Feierabend für sie einkaufen, weil Liesl nicht kochen konnte. Jedes Mal, wenn er es ansprach, erinnerte sie ihn daran, dass sie Trauer trage, sie ihr Vater verloren habe.
Erika versuchte, Paul Mut zu machen: Sei nicht böse auf sie ich habe sie zu sehr behütet. Ihr Vater wollte sie nie bestrafen. Verzeih
Ach, alles gut! Wir werden eine Familie sein Liesl lernt alles, wenn das Baby da ist. Sie ist großartig!
Liesl litt und genoss ihr Leiden fast, seufzte über Übelkeit und Schwäche Paul kümmerte sich rührend. Sie wollte ihn niemandem teilen, am wenigsten mit dem Kind. Ihre Mutter hatte sie immer mit Lars teilen müssen Paul gehörte ihr allein.
Liesl brachte pünktlich ein gesundes Mädchen zur Welt. Paul war überwältigt, schluchzte, lachte, drückte Lars. Wie soll sie denn heißen? Das entscheidet Liesl, stammelte Paul. Sie ist mein Glück
Liesl lag im Wochenbett, betrachtete das nuckelnde Baby. Alles daran war ihr irgendwie fremd, unangenehm das Quaken, das Saugen, der schlaffe Kopf… Wie einst bei Lars, aber diesmal gab es keine Mutter, die half. Vielleicht einfach abgeben? Paul sagen, das Kind sei gestorben? Aber die Ärzte nein, das würde nicht gehen.
Es gab Blumen und Pralinen für das Klinikteam, Erika strahlte als sie ihre Enkelin sah. Paul kümmerte sich rührend um Liesl aber nach kürzester Zeit wollte sie allein sein.
Sie schickte Erika nach Hause, dachte, sie könne nun mit Paul ausspannen. Aber die kleine Tanja, so nannten sie die Tochter, schrie ständig. Paul lief hin und her, wiegte sie im Arm, wollte Liesl bitten, zu stillen, überlegte, einen Arzt zu holen.
Babys brüllen halt, ist normal. Mach ihr die Windel neu, Papa!, kicherte Liesl. Aber erst wärme mir bitte die Suppe auf.
Doch Paul machte es nicht. Er kümmerte sich weiter nur um Tanja.
Erika kam wieder mal vorbei, zeigte Paul, wie man Babys badet. Liesl bekam wieder keine Suppe.
Nachts saß Paul an Tanjas Bett. Wollte Liesl sich ankuscheln, wich er ihr aus. Nicht jetzt, Liesl. Tanja braucht dich.
Liesl grinste nur. So viel also zu Liebe
Was sie auch tat, Pauls Aufmerksamkeit gewann immer Tanja…
Einen Monat später packte Liesl ihre Sachen und zog zu einer Freundin in eine andere Stadt ohne Nachricht, ohne Adresse.
Paul tauchte abends verzweifelt bei Erika auf, schob die Kinderkarre den dritten Stock hinauf. Erika staunte, er schluchzte
Zieh zu mir, mit Tanja, schlug sie schließlich vor. Wir teilen alles, lebt mit uns du bist hier Familie. Es tut mir so leid, Paul. An allem bin ich schuld…
Paul wollte keine Schuld verteilen. Er hatte nur Angst, wie er Tanja später erklären sollte, warum ihre Mutter gegangen war.
Zwei Jahre später meldete sich Liesl. Sie forderte die Scheidung, verzichtete auf die Tochter. Ich heirate neu, will aber keine Kinder mehr!
Gott, Liesl, wie kannst du nur?, keuchte Erika.
Was denn, Mama? Ihr dachtet wohl, ich komm zurück, alles sei wieder heil? Mit euch gibt es kein Glück! Dort, wo ich jetzt bin, werde ich geliebt.
Sie spielte mit einem der Porzellan-Elefanten, die Paul mitgebracht hatte, nun auf Erikas Regal. Hier, auf dass es Glück bringt. Sie ließ den Elefanten fallen, der Rüssel brach ab. Na und, soll Glück bringen! Dann verschwand sie.
Willst du Tanja denn nicht sehen?, rief Erika ihr nach. Sie kommt bald vom Spaziergang! Willst du nicht warten? Einen Tee?
Aber Liesl wich ihr aus, ließ sich nicht mehr berühren. Es war zu spät für Versöhnung, für Mitleid.
Erika aber konnte sie nicht vergessen. Sie wusste, zwei Kinder großzuziehen war nicht einfach, aber sie tat es. Wer weiß, wieviele Frauen sich davor drücken würden?
Liesl verließ stumm das Haus.
Am Abend, nach dem Gerichtstermin, fürchtete sich Erika, mit Paul zu sprechen. Alles war kaputt, nur Tanja brachte Freude. Wie würde es weitergehen? Hoffentlich würde er nicht dem Alkohol verfallen.
Paul, trink nicht, ja? Mein Mann starb an Schnaps, den er sich selbst gebrannt hat… Sie schluchzte.
Ich trink nicht, Tante Erika! Keine Sorge wir backen jetzt Kuchen. Lass es uns Tanja beibringen! Und Lars hilft auch. Wir sind Familie und im Leben gibts immer mehr Gutes als Schlechtes!, sagte Paul entschieden. Erika nickte.
Tanja sah sich in ihrem ersten eigenen Sprechzimmer um, Herzklopfen. Sie war jetzt Ärztin, wie Mama Olli.
Am Morgen hatte Paul besonders lange im Flur gewartet, wollte seine Tanja zum Bus begleiten. Paul, beeile dich, nimm die Mütze! Olli, niedrig, freundlich, geflochtene Zöpfe, gab letzte Anweisungen.
Wo ist unser Doktor? rief Paul, aufgeregter als Tanja selbst.
Komme schon! rief Tanja, biss ins Brötchen, küsste die Mama, Paul half mit dem Mantel.
An der Haltestelle verabschiedete sie sich von ihm, Paul blickte ihr lange nach immer unterwegs, diese Tanja.
Die Sprechstunde begann, Tanja war nervös, die Hände zitterten. Gegen Mittag kam eine missmutige Frau herein, warf ihre Tasche in die Ecke, schob Tanja einen Medikamentenzettel zu. Sie forderte ein teures Rezept, war laut, schimpfte auf Ärzte, beleidigte Tanja.
Hinter der Frau versuchte die Sprechstundenhilfe Anna, Tanja Zeichen zu geben.
Tut mir leid, dieses Medikament ist nicht indiziert. Das kann ich Ihnen nicht verschreiben, Sie brauchen eine richtige Untersuchung.
Die Patientin wurde wütend, bedachte Tanja mit Beschimpfungen, versuchte ihr Geld zu zustecken, schimpfte über Männer, jammerte, dass ihre Tochter und ihr Mann sie verlassen hätten, sie sei schlecht behandelt worden. Alles drehte sich um Betrug und Einsamkeit.
Tanja stand langsam auf, hob das Kinn stolz: Frau Elisabeth Friedrich, ich schreibe Ihnen das Rezept nicht. Wenn Sie Fragen haben, gehen Sie zum Chefarzt. Und eines sollten Sie wissen: Sie haben keine Tochter mehr. Die hat eine andere Mama eine, die wirklich fürsorglich war! Und bitte, sagen Sie nie wieder ein böses Wort über meinen Vater. Gehen Sie jetzt.
Die Frau polterte hinaus, Anna reichte Tanja ein Glas Wasser.
Wird schon, Mädchen. Manches lässt sich nicht ändern, sagte Anna leise.
Wissen Sie, mein Vater hat lange unter ihr gelitten aber ich bin froh, dass ich eine zweite Mutter geschenkt bekam. Mama Olli sie ist mir die Liebste!
Anna nickte, lächelte: Dann ist doch alles gut. Nun ran an die Arbeit, voller Flur draußen! Vielleicht kommt mein Ex auch gleich vorbei dem zeig ich, wie Medizin geht! Sie lachte schadenfroh.
Tanja lächelte. Ja, das Leben war voller Aufgaben. Aber egal, was kommt zu Hause warten Papa, Mama Olli und am Wochenende Oma mit Onkel Lars. Der war jetzt auch erwachsen, ein stattlicher Kerl. Fast schon wie ein Cousin.
Danke, lieber Gott, dass du mir diese Menschen gibst und dass ich sie lieben darf! dachte Tanja, als sie den nächsten Patienten bat. Es war Michael, ihr künftiger Mann
Leben bedeutet manchmal Schmerz aber auch, dass wir wachsen dürfen, aneinander und miteinander. Wer Liebe schenkt, darf sie auch empfangen. Manchmal erkennt man das Glück erst, wenn man es fest in den Händen hält.





