Souvenir
Ich habe Durst!
Ein blond gelocktes Mädchen in einem lustigen rosafarbenen Badeanzug mit Rüschen rannte zum nächsten Liegestuhl, und Verena verzog das Gesicht.
Kinder mochte sie aber nur mit Abstand. Nett anzuschauen, putzig, aber je weiter weg von ihr, desto besser! Dann herrschte Ordnung. Man konnte lächeln, in pausbäckige Gesichtchen blicken und sich dann wieder seinen eigenen Gedanken widmen ohne sich zu fragen, wie alles hätte sein können, wäre nicht
Da warf Verena wütend das Buch, das sie gerade gelesen hatte, auf den Liegestuhl und schloss die Augen.
Nicht auszuhalten! Wie lange würden sie sie noch verfolgen, diese Erinnerungen?! Und dann noch das Mädchen, das unentwegt nach Wasser, Keks oder Bonbon bei ihrer Mutter bettelte, fast wie ein Glöckchen am Ohr.
Der Gedanke, der im Hinterkopf kreiste, bekam plötzlich Gestalt und Gewicht. Verena riss überrascht die Augen auf. Das Mädchen spielte schon einige Minuten neben ihr, aber hatte noch kein einziges Mal die Frau, die in der Tasche kramte, mit Mama angesprochen.
Blaues Näschen. Bist du kalt?
Die Frau, auf die Verena sonst wahrscheinlich keinen Blick geworfen hätte, so unauffällig war sie, legte ein Handtuch um die Schultern des Mädchens. Doch das entwischte ihr sofort wieder, tanzte im Sand, dass die Körner in alle Richtungen spritzten.
Oh, Entschuldigung!
Feiner weißer Sand streute über Verenas Liegestuhl, sie selbst und das Buch, das ohnehin längst nicht mehr gebraucht wurde.
Die Frau hob das Kind auf den Arm, runzelte die Stirn und kommandierte:
Mette! Entschuldige dich sofort! So benimmt man sich nicht!
Das Mädchen zog die Stirn kraus, ganz wie ihre Begleiterin, und nickte ernst:
Entschuldigung
Geh, spiel! Aber bitte so, dass ich dich sehen kann! Die Frau setzte das Kind wieder auf den Sand, klopfte ihr freundlich auf den gepolsterten Po und schickte sie zu den anderen kleinen Urlaubern hinter der Animateurin. Dann wandte sie sich an Verena. Verzeihen Sie bitte! Sie ist ein echter Wirbelwind! Darf ich helfen?
Verena wehrte die angebotene Hilfe mit einer müden Geste ab.
Ach, lassen Sie. Der Sand ist hier einfach überall. Ein paar Körnchen mehr oder weniger wen störts? Verena schob sich auf dem Liegestuhl zurecht und konnte dann doch nicht widerstehen. Darf ich Ihnen eine Frage stellen?
Natürlich! Die Frau setzte sich auf ihren Liegestuhl und begann, das verstreute Spielzeug im Sand einzusammeln.
Offenbar waren sie und das Kind schon länger am Strand als Verena, und Mette hatte sich ausgetobt, bevor die Animateurin wie üblich alle Kinder zum Tanzen mitnahm.
Normalerweise meidet Verena den Strand zu diesen Zeiten Kindergeschrei nervte sie. Doch heute Morgen hatte es geregnet, es gab keinerlei Beschäftigung, und so entschloss sie sich, wenigstens die letzten Sonnenstrahlen am Ende ihres Urlaubs zu genießen ihr Koffer war schon halb gepackt, es fehlten nur noch die Mitbringsel für Eltern und Kollegen, dann würde sie zurück ins graue, kühle Hamburger Herbstwetter reisen, das laut ihrer Mutter, die noch morgens angerufen hatte, längst Einzug gehalten hatte.
So schön auf dem Land, Verenchen! Gestern habe ich Steinpilzsuppe gekocht. Papa war begeistert. Es gibt so viele Pilze dieses Jahr! Komm bald heim, wir warten!
Sie hatten immer auf sie gewartet, egal was kam. Wie das Leben tobte, Verena wusste: Sie hatte ein Zuhause und Menschen, die sie auffingen, liebten, halfen oder auch schimpften, wenn es sein musste. Auch das kam vor.
Der Gedanke an die Eltern wirkte wie ein Beruhigungsmittel. Verena fragte nun mit klarer Stimme:
Warum nennt Ihre Tochter Sie nicht Mama? Verzeihen Sie, dass ich frage, aber es fiel mir auf.
Das Lächeln der Frau, die nun die Hände auf den Knien gefaltet hatte, war flüchtig und kaum sichtbar. Verena verstand: Gar nichts war einfach bei diesem unscheinbaren Mäuschen.
Ein schlichter schwarzer Badeanzug, die Haare zum Knoten gebunden, ab und zu blitzte unübersehbar eine graue Strähne. Und dazu ein teures goldenes Armband am Handgelenk. Verena, die eine Schmuckfirma leitete, wusste genau, was so ein Schmuckstück kostete.
Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Die Frage ist gar nicht seltsam, ich beantworte sie gern. Aber darf ich zuvor auch fragen haben Sie Kinder?
Verena war überrascht, wie schnell sich ihr Gegenüber wandelte. Eben noch eine Mutter, die mit Banane und unruhigem Kind hantierte, jetzt ganz die souveräne Geschäftsfrau, die geschickt das Gespräch lenkte, ohne dabei die Freundin vor den Kopf zu stoßen: Fragen stellen gern! Aber Antworten gäbe es nur, wenn sie es wollte.
Nein. Ich habe keine Kinder.
Wenn sie schon neugierig war, dann sollte sie auch ehrlich sein, fand Verena. Zumal die Antwort zu nichts verpflichtete.
Ich ebenso wenig, ihre Gesprächspartnerin war ruhig. Kein eigenes, kein leibliches Kind. Mette ist die Tochter meines verstorbenen Mannes. Nun auch meine. Wir beobachten uns noch, denn wir kennen uns erst kurz. Aber ich denke, wir gewöhnen uns langsam aneinander.
Verena, stellte sich die Deutsche vor und hielt ihr die Hand hin.
Kathrin.
Der Händedruck entsprach ganz Verenas Erwartungen: fest, auf den Punkt, zugewandt, aber nicht aufdringlich.
Dürfen wir uns duzen? Verena hob die Augenbraue.
Aber ja, das machts leichter.
Auch das Kopfnicken war kurz und direkt für Kathrin offenbar Alltag.
Seit wann lebt ihr zusammen? Verena deutete auf den Kinderspielplatz, wo die kleinen Kinder tanzten.
Fast ein halbes Jahr. Seitdem mein Mann nicht mehr lebt. Mette ist mein Andenken, mein Souvenir geblieben von einem Menschen, den ich geliebt habe und der mich verraten hat.
Mette?
Eigentlich Mechthild. Es ist Mode, Kindern ausgefallene Namen zu geben, irgendetwas Einzigartiges, in der Hoffnung, auch das Leben würde dadurch außergewöhnlich.
Das scheint hier tatsächlich geklappt zu haben.
Ja, und wie! Kathrin lachte nüchtern.
Erzählst du mir mehr? Verena überraschte sich selbst und schob nach: Ich bin sonst nicht so neugierig, ehrlich.
Du wirkst auch nicht so. Kathrin schmunzelte. Ich erzähle dir gern meine Geschichte aber nur, wenn du fair bist. Ich erzähle dir von mir, du mir von dir. Ich bin nämlich auch neugierig warum ist eine Frau wie du allein auf Kur?
Einverstanden, nickte Verena. Ich habe keine Freundinnen. Zum Reden hätte ich nur meine Eltern, aber denen kann man nicht alles sagen. Leben deine Eltern noch?
Nein, Verena. Schon lange ist da niemand mehr. Nur mein Mann war da, der mir genügte. Wir hatten unsere eigene kleine Welt, so geschlossen, dass keiner reinpasste. Wir waren immer zusammen, arbeiteten Wand an Wand, reisten zu zweit, bauten unsere Firma weiter auf, träumten davon, sie eines Tages an eigene Kinder zu übergeben. Wir haben…
Kathrin griff nach der Wasserflasche, nahm einen tiefen Schluck, räusperte sich und lachte rau:
Ja, wir haben viel gebaut und danach alles wieder eingerissen …
Warum?
Weil ich keine Kinder bekommen konnte. Das gibt es, Verena: Der größte Traum platzt, wenn der Arzt dir ganz ruhig höflich sogar eröffnet, dass du niemals Mutter werden kannst. Nie, verstehst du? Selbst wenn der Himmel herunterfiele, wärst du leer. Und der Mann, der dir die Hand hält und zum nächsten Arzt schleppt, dann nochmal und nochmal. Ihr dreht jahrelang enge Kreise, immer Händchen haltend. Du denkst, das Leben ist trotzdem noch schön du hast Liebe, Rückhalt, Zärtlichkeit. Dann erfährst du, das alles ist ein Trugbild. Du verlierst alles selbst dich. Denn er, er hat inzwischen längst alles: Dich, und das Kind, das er im Geheimen mit einer anderen Frau bekommen und währenddessen dich an der Hand gehalten hat …
Wie weh das tun muss …
Schlimmer als das, Verena! Es ist nicht nur Schmerz es ist ein Albtraum! Ich habe es zufällig erfahren, wie es die naiven Ehefrauen immer tun, die glauben, sie würden einfach nur so geliebt. Ohne Grund. Danach kam für mich wahrlich der feurige Regen: Ich brannte so sehr, ich dachte, nichts bliebe von mir übrig! Ich bin Juristin, Verena. Eine gute, wie mein Mann auch. Wir lieferten uns ein Duell: Wenn wir schon nichts schaffen, dann reißen wir alles nieder, damit niemand etwas davon hat. Wir zertrümmerten unser Leben aus einer ganz einfachen Angst heraus: Uns über Wasser zu halten. Er wusste, dass die andere nie ich sein würde und ich wusste, dass ich alles verliere, was ich hatte und ich meine damit keine Dinge. Nein! Ich verlor mich. Abends saß ich über Akten, zu müde, weil ich Angst hatte, ins leere Bett zu gehen in unser Bett. Schlafen konnte ich nur auf der Couch, ein paar Stunden, dann wieder in den Kampf, wissend, dass ich schon verloren hatte …
Kathrin schwieg, schaute zu, wie Mette dem Animateur über den Spielplatz folgte.
Und dann?
Dann brach alles zusammen. Ich erfuhr, dass er krank war, genau wie seine Geliebte. Und diese Krankheit war furchtbar Abhängigkeit. Das, was man sich selbst antut, ohne an Folgen zu denken. Sie dachten an nichts, nicht an sich, nicht ans Kind. Als ich dann hörte, dass sie gestorben war, bekam ich wirklich Angst aber nicht um ihn. Ich war zu wütend. Ich wusste, er würde sich nicht retten lassen, nicht auf mich hören. Ich hatte Angst um das Kind …
Was hast du getan?
Ich bin zu ihm zurückgekehrt. Habe ihn überredet, mir das Mädchen zu überlassen, sie zu adoptieren. Das war schwer, es war eilig, wenig Zeit. Kollegen halfen mir. Als ich endlich darum bat, standen sie hinter mir. Glücklicherweise waren wir nie geschieden … und so wurde Mette offiziell meine Tochter.
Und dein Mann?
Er ist tot, antwortete Kathrin ganz ruhig und sah Verena direkt in die Augen. Zwei Tage, nachdem ich für Mette Mutter geworden war, fand man ihn im Auto, ein paar Straßen weiter. Er dachte wohl, jetzt kann er tun, was er will, das Kind ist ja versorgt.
Das war …
Ja. Du hast es richtig verstanden. Er hat es wohl absichtlich getan … Obwohl ich Zweifel habe, dass er nicht wusste, was er da tat.
Glaubst du, er wollte das?
Ich will es nicht beurteilen. Einen Abschiedsbrief gab es nicht. Aber in seinem Auto lag Mettes Kuscheltier. Einen Hasen, den sie nie aus der Hand gab. Ihr Vater schenkte ihn ihr, als sie ganz klein war. An dem Tag drehten wir die ganze Wohnung nach diesem blöden Hasen um, ich hätte nie gedacht, dass das Kuscheltier das Letzte sein würde, was mein Mann sah …
Kathrin drückte die Augen kurz zu.
Willst du wissen, warum ich das gemacht habe?
Ja, sehr! Warum ein fremdes Kind?
Sie ist jetzt meine, aber damals … Damals war sie ein fremdes Kind. Und doch merkte ich, sie würde sonst gebrochen und weggeschoben wie ich. Ohne Rücksicht darauf, was so ein Kind fühlt. Und sie würde es nicht begreifen … Sie ist nur ein Kind und kann nichts für die Fehler der Erwachsenen …
Das … Verena fand kein Wort. Das ist sehr mutig.
Kathrin nickte. Zustimmung oder Nachdenklichkeit? Es war nicht ganz klar.
Jetzt verstehst du, warum sie mich nicht Mama nennt? Sie winkte Mette zu, die immer wieder nach ihr spähte. Sie erinnert sich gut an ihre Mutter. An Zärtlichkeit, aber auch an Schläge, wenn sie störte. Nach dem Tod der Mutter war ihr Vater dienstlich unterwegs. Mette verbrachte vier Tage allein, mit …
Oh Gott!
Ja, Verena, das ist furchtbar … Wir gehen noch regelmäßig zur Therapeutin. Jetzt hat sie uns empfohlen, die Umgebung zu wechseln, um die Erinnerungen zu überlagern. Deshalb bin ich hier. Kollegen regeln meine Arbeit, ich bin fort mit ihr, und ich denke, das war richtig …
Mettes lachendes Händeklatschen lockerte Kathrin wieder auf.
Und du, Verena warum bist du allein?
Ich bin vor meiner eigenen Hochzeit davongelaufen.
Was? Kathrin sah sie neugierig an. Warum?
Offenheit gegen Offenheit, grinste Verena. Ich habe meinen Verlobten und meine beste Freundin in der Umkleide des Brautmodengeschäfts erwischt. Ich hatte extra abgenommen, das Kleid sollte geändert werden, mein Verlobter war dabei, meine Freundin auch … und als die Schneiderin immer wieder Nadelstiche setzte, haben sie sich angenähert …
Verena spürte wieder das eisige Gefühl in den Fingern, so wie damals, als sie die Umkleidevorhang zurückriss. Die Verkäuferinnen mussten ihr beinahe die Hände aufbiegen, damit sie den Samtstoff losließ. Sie gaben ihr Tee, während sie in tröstendem Getuschel überrascht war, wie wenig sie sich aufwärmte im Gegenteil, sie fror innerlich noch mehr.
Wie lange kanntest du ihn?
Fast zehn Jahre. Wir haben zusammen studiert. Im dritten Semester war ich von ihm schwanger, aber wir entschieden, es sei zu früh Verena sprach zum ersten Mal über diesen alten Schmerz, der sie nie losgelassen hatte. Er bestand darauf, wir seien zu jung, und sollten nicht unser Leben an einen schreienden kleinen Wurm binden
Verena legte unbewusst die Hand auf den Bauch. Kathrin staunte:
Du …
Ja. Ich bin wieder schwanger. Aber ich weiß noch nicht, was ich tun werde. Es ist sein Kind …
Und deins.
Kathrin stellte die Tatsache fest, Verena nickte.
Ja, auch meins …
Weiter sagten sie nichts. Mette kam angerannt, erzählte mit sprudelnden Worten ihrer Mutter etwas, wirbelte mit den Armen, drängte sie zum Abendessen. Verena nickte Kathrin zum Abschied zu.
Am nächsten Morgen sahen sie sich am Flughafenschalter wieder.
Fliegst du?
Ja.
Zeit, nach Hause zu gehen.
Ja.
Hast du dich entschieden? Kathrin fragte vorsichtig, ahnend, dass Verena eine Frau der Tat war.
Ja. Ich lasse mir nie mehr meine Entscheidungen abnehmen.
Sie gingen weiter, denn ihre Flieger gingen zu unterschiedlichen Zeiten, doch Mette sah sich plötzlich um, lief auf Verena zu.
Mette! Wohin rennst du?! rief Kathrin. Doch als sie sah, was das Mädchen wollte, lachte sie erleichtert und überraschend frei.
Hier! Für dich! Ein Andenken! Eine kleine flauschige Figur, ein Tierchen zwischen Kätzchen und Hündchen, wanderte von Mette in Verenas Hände. Das ist für dich! Du bist nett!
Mette lief zurück zu ihrer Mutter. Verena schloss das Tierchen fest in der Hand und flüsterte Kathrin stumm ein Danke zu.
Ein paar Jahre später begegneten sich die beiden wieder im selben Hotel.
Hallo! Kathrin küsste Mette auf die Nase und schickte sie auf den Spielplatz.
Wir haben jetzt eine Stunde! Verena zeigte auf den Kinderwagen, in dem ihr Sohn schlief. Danach ist wieder Remmidemmi angesagt.
Zahnt er?
Zwei Zähne! Beide gleichzeitig, stell dir das vor! Zum Glück ist meine Mutter mit dabei, wir wechseln uns nachts ab.
Bereust du es manchmal? fragte Kathrin nach, doch Verena kreiste nur mit dem Finger an der Schläfe.
Bist du verrückt? Natürlich nicht! Aber ich werde glücklich sein, wenn meiner mal so groß ist wie deine Mette.
Warum?
Dann kann ich endlich wieder ausschlafen! lachte Verena. Erzähl du doch, wie läufts bei euch?
Kathrin kam nicht mehr zum Antworten. Mette stürmte herbei, schlang die Arme um sie.
Darf ich? flüsterte sie aufgeregt ins Ohr.
Klar! nickte Kathrin.
Mama, und Eis?
Und Saft. Aber nur ein Glas, sonst isst du später kein Abendessen!
Mette rannte davon. Verena zuckte die Schultern:
Weitere Fragen erübrigen sich.
Sie richtete das Tuch im Kinderwagen, tippte mit dem Finger auf das Kuscheltier, das ihr Sohn umarmte, und sagte leise:
Ein tolles Souvenir. Ich sollte Mette endlich mal fragen, was das genau für ein Tier ist. Weißt du, ich habe es nie herausgefunden Kätzchen, Hündchen …?
Manchmal bekommt man von Kindern das schönste Souvenir: die Erinnerung daran, dass das Leben weitergeht auch nach den schlimmsten Stürmen. Und man darf immer wieder neu wählen, wie man leben möchte.





