Knöpfchen

Der Knopf

Jetzt reichts, Marie. Es reicht, lass das Viktor wandte sich ab, während Maria sich an ihn klammerte, ihn nicht loslassen wollte, an seinem gerade von ihr gebügelten Jackett festhielt, an den Armen, die sie einmal so geliebt hatte. Fass mich nicht an! Was bist du denn für eine Klette?!

Viktor Du gehst doch nicht für immer, oder? fragte Marie mit kindlichem Trotz, als könne man einfach nur kurz Schluss machen, als hätte Viktor sich bloß eine neue Spielart für ihre Liebe ausgedacht, um sie wieder auflodern zu lassen. Ich koche uns dann heute Abend etwas Schönes, ja? Was möchtest du? Oder bestellen wir? Möchtest du Sushi? Ich bestelle, ja? Oder willst du Ente? Nein? Dann vielleicht Forelle! Ich kaufe frische Forelle und

Sie blickte ihn an mit ihren großen, grün-grauen, treuen und unendlich traurigen Hundeblicken. Gott, wie sehr er diese Augen früher geliebt hat! Er sah in Maria einst einen Edelstein, eine Medaille, die er sich nie wirklich verdient hatte. Ein Glückspilz, der eine solche Schönheit abbekommen hat Nun aber nervten ihn ihre Augen. Es war ihm plump, wie sie starrte, keine Spur von Stolz! Sie kroch ihm ja förmlich zu Füßen, nur damit er blieb. Doch er wollte sie längst nicht mehr, hatte genug vom alten Spielzeug, ihr Name lag ihm längst schwer im Mund. Schon lange war er kühl geworden, ließ sich nur noch lieben, stellte absurde Launen, und sie, die Dumme, erfüllte ihm alles. Wahre Liebe macht Frauen zu zahmen Kühen, dachte Viktor.

Sag mal, bist du völlig übergeschnappt? stieß er Maria von sich. Armselige Frauen widerten ihn an. Und Maria war gerade armselig, erbärmlich, hatte sich nicht mal zurechtgemacht, um den Geliebten anständig zu verabschieden. Ich gehe für immer! Und jetzt lass mich los!

Er schlug nach ihren Händen, sie zuckte zurück, etwas knackte.

Oh Entschuldigung! Viktor starrte auf den Jackettknopf, der in Marias Hand zurückblieb. Viktor, ziehs aus, ich nähe ihn dir an! Ich mache das sofort, es geht ganz fix! Setz dich nur eben hin, bitte!

Maria hastete zum Schrank, zog ihre Nähkramtasche hervor, griff nach Nadel und Faden, drehte sich schnell um, doch das Jackett war schon fort. In der Diele schlug die Tür, draußen brummte der Aufzug. Viktor glitt hinab, in die Freiheit. Maria stand noch mit Nadel und Faden in der Hand, dann, wie betäubt, ging sie in die Küche und setzte sich.

Wie lange sie so verbrachte, weiß sie nicht. Sie erstarrte, sah mit offenen Augen nichts.

Erst als draußen die Kanone donnerte der Zwölf-Uhr-Schuss von der Festung zuckte sie zusammen. Wenn sie doch nur stattdessen sie ins Visier genommen und voll getroffen hätten! Sie hätte sich nicht gewehrt, hätte sich ergeben

Aber nein, die Festung machte so etwas nicht, also blieb nur eins übrig: irgendwie weiterleben, das leere, traurige Leben ohne Viktor weiterführen.

Viktor!, durchzuckte es sie. Er hat doch sein Frühstück vergessen!

Jeden Morgen hatte Maria ihm ein Pausenbrot verpackt, wie für einen Schuljungen: zwei getoastete Brotscheiben, ein hartgekochtes Ei, zwei hausgemachte Würstchen. Sie drehte das Hackfleisch selbst, würzte es, füllte die Hüllen, kochte sie ab, frisch und saftig kamen sie ins Extrafach für Viktors Büro-Mahlzeit. Noch ein paar Gurken- und Tomatenscheiben, etwas Trockenobst Viktor achtete auf seine Ernährung, mochte es hausgemacht. Marie fiel es leicht! Sechs Uhr aufstehen, fix duschen, das Bad trockenwischen (Viktor hasste feuchte Flecken im Bad), dann ein wenig schminken (Viktor mochte es, wenn Maria zurechtgemacht war), dann Frühstück zubereiten.

Marie, fertig geschminkt, setzt sich auf die Bettkante, streichelt ihm liebevoll das aus der Decke hervorlugende Bein immer mit warmen Händen, sonst würde Viktor sich beschweren. Die Hände kann sie an der Heizung wärmen, oder notfalls unter heißem Wasser aber immer die Spritzer sofort wieder abwischen, Viktor mag kein Wasser auf den Armaturen.

Ihre warme Hand streichelt die behaarte 45er-Fußsohle, der Fuß zuckt, die Zehen bewegen sich, Maria lächelt und flüstert:

Aufstehen, mein Liebster! Komm, du musst los, Liebling! Aufwachen, Sonnenschein! Viiiiktor, Viktörchen!

Er seufzt, zieht den Fuß wieder unter die Decke, brummt:

Komm her!

Marie kichert, robbt auf Knien zu ihm, küsst ihn ins Ohr. Viktors Ohren sind so lustig gewölbt wie kleine Maultaschen.

Guten Morgen, Viktörchen flüstert Maria, streicht über Kopf und Hals, und er grummelt, dass es zu früh sei, er hätte nicht ausgeschlafen, will seinen Kaffee.

Ja! Kaffee! Viktor musste den Kaffee haben, noch bevor er frühstückte. Frisch gebrüht, serviert auf einem Tablett mit einer Serviette und einem Stück Zucker wie einem Pferd. Sie selbst hastete zurück ins Bad, um noch mal Tropfen von der Duschkabine zu wischen. Immerzu krabbelte sie in diesem verfluchten Bad herum

Viktor störte viel. Ein Fingertapser auf der Tasse, trübe Fenster, kein ordentlich aufgehängtes Hemd, wenn er zum Meeting musste. Viktor arbeitete verantwortungsvoll im Frankfurter Bankhaus, hatte ständig Sitzungen, sollte elegant auftreten. Ihm passte es auch nicht, wenn der Kaffee zu stark war, die Suppe verkochte, das Steak nicht der gewünschten Garstufe entsprach, die Gurke in fünf statt wie immer sechs Scheiben geschnitten war, weil Maria die sechste schon gegessen hatte.

Marie, schon wieder dieser komische Geschmack! Ist es so schwer, guten Kaffee zu machen? Du weißt, ich will keine Kaffeemaschine, das ist Blödsinn, wenn mans von Hand besser kann! schimpfte er, knallte die Tasse ins Spülbecken. Na los, lass uns frühstücken!

Und Maria entschuldigte sich, holte schnell den Kuchen aus dem Ofen, der für Viktor warmgehalten wurde. Jeden Tag sollte es Kuchen zum Frühstück geben, mit wechselnder Füllung: Fleisch, Brokkoli, Reis und Ei, Kohl, Innereien, Käse und Kartoffeln aber immer frisch gebacken. Den Rest von gestern aß Maria selbst, meist irgendwo auf dem Weg zur S-Bahn. Zeit für ein eigenes Frühstück hatte sie nie. Während Viktor aß, machte sie das Bett keine einzige Falte, rieb notfalls Staub von den Nachtschränkchen, und begann schon wieder, sein Mittagessen einzupacken.

Was, kann er nicht ins Café gehen? fragte einmal Janna, Marias Freundin. Sie schien Viktor nicht ausstehen zu können, sie kam nie, wenn er daheim war.

Warum Café, wenn ich es ihm machen kann? Es fällt mir leicht und ihm tuts gut. Maria versuchte sich die eigene Aufopferung schönzureden, aber eigentlich hatte sie nur Angst, ihn zu verlieren.

Mensch, Marie, Schweine fressen, Menschen essen. Gut, dein Viktor ist eh ein Schwein, passt ja. Janna verzog den Mund.

Janna, sag so was nicht! Sprich nicht so schlecht über ihn! Marie war gekränkt.

Ach, komm. Ist ja nicht gestorben.

Janna!

Schon gut. Aber dein Viktor ist trotzdem ein echter

Janna beendete den Satz nie, winkte nur spöttisch ab.

Na und? Sie ist doch nur neidisch, dachte Marie damals, dass sie fast einen Mann hat, einen anständigen, stolzen, ein Herr im Haus

Hat sie alles eingepackt, spült Maria das Geschirr, während Viktor sich anzieht, dann begleitet sie ihn zur Tür. Manchmal küsste er sie heiß zum Abschied, dass ihr die Lippen den ganzen Tag brannten. Maria liebte gerade diese Abschiede. Viktor duftete nach seinem Kölnischwasser, stand gepflegt im Anzug vor ihr, das Hemd strahlend weiß. Und das war fast ihr Mann! Sie hätte ihm die Füße waschen und mit dem Wasser den Boden aufwischen können, so sehr liebte sie ihn. Janna lachte nur, meinte, das sei eine kranke Liebe Abhängigkeit. Doch Maria wars egal.

Die Kanone hatte daneben geschossen. Ihr Herz war trotzdem noch da, blutete nur, aber schlug weiter.

Verängstigt schaute Maria auf die Uhr: Mittag! Um Himmels willen, sie war ja zu spät zur Arbeit! Aber was sollte das alles jetzt noch, wo Viktor gegangen war Nur ein Knopf war ihr geblieben, als Trophäe, als Erinnerung

Marie raffte sich auf, ging sich fertigmachen. Kummer ist Kummer, aber der Unterricht am Gymnasium läuft weiter, auch wenn sie die ersten Stunden verschlafen hatte. Fünf entgangene Anrufe auf ihrem Handy die Sekretärin wollte wissen, ob Maria noch am Leben war, was eigentlich passiert sei.

Pauline! Ich, ich komm gleich! schluchzte Marie ins Telefon. In einer halben Stunde! Ich verstehe, ich

Sie schluchzte hemmungslos, winselte wie ein Welpe, zog die Nase hoch.

Also, Fräulein Ehrlich, jetzt fass dich, sag, was los ist! Schnell, gleich klingelts, ich höre sonst nichts! fuhr Pauline dazwischen. Und was für ein seltsamer Name, Ehrlich! Nun, wie auch immer. Jetzt rede ordentlich, wie auf der Bühne ins Publikum. Los!

Pauline, die Sekretärin, hatte einen Hang zum Theatralischen es wird geläutet, das Schauspiel beginnt, nannte die Ferien Intermezzo, die Lehrer-Konferenz Bühnenwerkstatt. Das war amüsant und alle mochtens.

Marie Ehrlich atmete tief ein, richtete sich auf und begann vorzutragen, als spräche sie auf einer großen Bühne.

Pauline hörte schweigend zu, unterbrach kein einziges Mal.

Und es blieb nur der Knopf? fragte sie schließlich, als hätte sie sich verschluckt.

Pauline, es ist alles so furchtbar, einfach entsetzlich

Verstehe. Deine Stunden hat heute erstmal Andrea übernommen, das rechnet ihr nachher ab. Komm her, Liebes, und bring den Knopf mit.

Was Pauline noch sagte, konnte Maria nicht mehr hören in der Schule war das Pausenklingeln zu laut.

Marie raffte sich zusammen, besserte ihr Make-up aus, warf Hefte in die nächste Tüte, nahm ihre Tasche und verließ die Wohnung.

Wie im Traum begrüßte sie Nachbarn im Aufzug: der grauhaarige Herr Schmidt aus dem zwölften, der zu dieser Zeit seinen Dackel Willi Gassi führte, eine fremde alte Dame mit verwelktem Blumenstrauß, und ein junger Mann, vielleicht aus dem zwanzigsten Stock so genau kannte Marie die Nachbarn nicht, sie hatte ja immer Viktor.

Die alte Dame schnappte nach Luft, Herr Schmidt hielt Willi fest, der junge Mann zwinkerte Marie zu. Sie biss sich auf die Lippe, wandte sich ab. Was kümmerte sie schon sein Zwinkern? Wenn doch alles, was von Viktor blieb, ein Knopf war

Unten angekommen, grüßte Marie Frau Dorn, die Pförtnerin, die sie merkwürdig musterte, als wäre sie ein Gespenst.

Na, ich sehe sicher schrecklich aus, dachte Maria traurig. Wärs nicht leichter, sich in den Rhein zu stürzen? Ein Sprung, den Knopf in der Faust und er bleibt für immer bei mir auf dem Grund

Doch Marie konnte zu gut schwimmen, um das ernsthaft zu erwägen. Außerdem: Wenn sie nicht zur Arbeit ginge, müsste wieder Andrea die Stunden vertreten die bekäme das Honorar. Und die Schulhefte? Nahm sie die mit ins Wasser? Da steckten die Klassenarbeiten drin Das konnte sie doch nicht machen. Also blieb nichts als zur Arbeit zu gehen. Sie erwischte gerade noch den Bus, wedelte sich mit Semakins Klassenheft Luft zu und bemerkte erst jetzt, dass sie ihre Bluse vergessen hatte. Das Jackett war zwar zu, der Rock saß, aber

Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter sie eines Morgens in den Kindergarten brachte, sie aus dem Mantel half und feststellte, dass sie der Hektik halber den Rock vergessen hatte, so dass alle die wollenen Leggings sahen, die Mutter mit Strümpfen darüber trug. Mutti war schrecklich peinlich berührt, doch Maria verstand damals nicht, was daran so schlimm war.

Nun war sie selbst in so einer misslichen Lage. Klar, jetzt wusste sie, warum die Alte im Aufzug so empört war. Und der Typ vom zwanzigsten hatte ihr sogar zugezwinkert

Schnell zog sie sich die Tüte vor die Brust, auch wenn eigentlich ohnehin nichts zu sehen war.

Feuerrot stürmte Marie in die Schule, unterschrieb in der Anwesenheitsliste und wollte sich in ihr Lehrerzimmer retten, wo ein Kittel für die Chemieversuche lag. Mit dem Kittel drüber würde es niemand sehen.

Frau Ehrlich! Da habe ich Sie aber erwischt! hörte sie die Stimme von Rektorin Valerie König. Kommen Sie mal mit.

Ich kann gerade nicht! rief Maria aus der Entfernung. Erst kurz in mein Büro, dann komme ich zu Ihnen, ja?

Maria Elisabeth, sofort in mein Büro! knurrte Valerie streng.

Maria wagte nicht zu widersprechen, trottete zur Chefin. Die Tüte schlug an ihre Beine, als Sichtschutz taugte sie nicht mehr.

Haben Sie sich beeilt? fragte die Rektorin, während sie Unterlagen sortierte. Ja, ich sehe es. Also liegt Ihnen Ihre Arbeit am Herzen, nicht wahr?

Doch, Frau König. Nur Viktor er

Nimm das hier unterbrach Valerie, reichte ihr eine Bluse mit einer großen Schleife am Kragen. Passt dir zwar nicht, bist zu schmal, aber im Rock siehts erträglich aus. Dreh dich um und zieh dich um.

Errötend zog Maria die Bluse über.

Naja, so schlecht sieht das gar nicht aus Valerie betrachtete sie aus dem Augenwinkel.

Hab ich bei Vanillesirup gekauft murmelte Maria entschuldigend, so als müsste sie erklären, warum sie Spitzenunterwäsche trug. Weil naja, weißt schon

Weil Viktor das mag. Ich weiß. Inzwischen weiß das ganze Lehrerzimmer, was dein Viktor mag. Soll ihn doch der Schlag treffen sagte Valerie leise, aber Maria bekam es mit.

Was?

Ich meinte: Möge er gesund bleiben!

Sie denken falsch von ihm, Frau König! Viktor ist ein Guter! Das war alles ein Missverständnis! Sie werden sehen, er ruft an und sagt, dass dass

dass du ihm den Knopf zurückgeben sollst. Machs nicht, klar? sagte Valerie scharf.

Warum? Maria war den Tränen nahe, zupfte an der Schleife.

Weil er lange suchen wird, bis er so einen Knopf wiederfindet. Den Anzug schmeißt er nicht weg, dafür war er zu teuer, richtig? Und du hast den Ersatzknopf? Wirf ihn weg. Und nun lass ihn laufen mit Anzug ohne Knopf! Valerie verstummte, sah auf Maria und dann lachten beide los. Valerie lachte zurückhaltend, Maria dagegen voller Erleichterung, aus tiefster Seele. So lacht man, wenn nach großem Unglück plötzlich alles leicht erscheint als wäre nie etwas gewesen. So lachte Maria einmal mit ihrer Mutter, als sie sich ihre neue Jacke zerriss und dachte, es gäbe großen Ärger. Mama aber zuckte nur die Schultern: Ach, die Jacke! Ich hab mal meinen Pelzmantel zerrissen Und sie lachten beide so herzlich, bis der Vater kam und sie Tanten nannte

So lachte Marie also jetzt, stellte sich vor, wie Viktor ihr stolzer, tadellos gekleideter Viktor in Herrenausstattereien nach genau ihrem verlorenen Knopf bettelt, aber niemand ihm hilft. Er schimpfte ja immer, die Welt sei herzlos

Ihr seid nicht verheiratet, richtig? fragte Valerie plötzlich.

Nein. Viktor meinte, wir sollten es erstmal ohne Trauschein probieren Was, wenn wir doch nicht zusammenpassen Und ich hab’s so versucht Maria drückte die Tüte an den Bauch.

Umso besser. Er passt zu uns nicht. Er passt zu dir nicht, kapiert? Will er zurück, sag ihm, Tante Valerie hat entschieden er passt nicht. Und jetzt los, du hast noch drei Stunden zu geben, und die Zusatzkurse.

Ja, Frau König

Marie starrte mélancholisch aus dem Fenster, während die Oberstufenschüler ihre Chemiearbeit schrieben.

Chemie, dachte sie, ist eigentlich faszinierend! Moleküle tanzen, bewegen sich, und auf einmal zack, sind sie verbunden, Familie! Prozesse verbinden sie, sie können nicht ohne einander. Oder doch? Wie fühlt man sich als Molekül, das plötzlich alleine ist?

Erst wie ein angebissenes Apfelstück, dann wächst es wieder zu, antwortete jemand auf ihre Gedanken. Offenbar hatte sie den Monolog laut gesagt.

Maria nickte ihm verlegen zu.

Danke, Felix. Schreib weiter, bitte.

Der Junge senkte den Blick. In Chemie verstand er rein gar nichts, aber kluge Sprüche liebte er. Und seine schöne Lehrerin.

Da schaute Julia Peter, die Sportlehrerin, zur Tür herein.

Marie! Maaaaarie! rief sie stumm mit den Lippen. Schreib weiter, Nora! rief sie laut.

Maria ging zu ihr. Julia schüttelte begeistert ihre Hand und gratulierte.

Aber wozu, Julia?

Zu Viktor! Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin. Ich habs nie gesagt, aber der hat dir nicht gutgetan! Du hast dich nur noch um ihn gedreht! Jetzt bist du frei du wirst sehen, in ein paar Tagen verstehst du, wie guts dir tut. Komm heute zum Volleyballspielen!

Nein, ich will nicht, Marie zog kalt ihre Hand weg. Entschuldigung, ich habe Unterricht.

Schon gut. Hübsche Bluse übrigens! Daumen hoch, dann weg.

Felix schaute denktief auf Marie, kaute auf dem Kuli herum, seufzte. Ach, wär er doch zehn Jahre älter…

Kaum in der Lehrerzimmer, waren alle still, rührten in den Tassen, jemand kaute laut einen Zuckerwürfel, die Biologielehrerin Lena flüsterte ins Telefon.

Hallo, ja, Schatz, hab gegessen. Klar, Liebling, nicht zu anstrengend. Und bei dir? Gehts?

Man schloss Lena aus, tröstete stattdessen die schniefende Marie.

Kopf hoch! Du findest noch was Besseres! … Alles liegt noch vor dir! von überall Zuspruch.

Man streichelte ihre Schulter, bot ihr Kekse an, die sie nicht mal mochte alle bemühten sich, zu trösten.

Viktor hatten sie einmal gesehen, beim Weihnachtsfest. Schön? Ja. Aber überheblich, ein Pfau mit hochgezogener Braue. Marie wirbelte um ihn herum: Noch ein Wasser, Kuchen? Bist du müde? Komm, lieber ein neuer Teller! … Sie bemutterte ihn wie einen preisgekrönten Stier auf der Landesschau. Er musterte alles nur abwertend.

Für ihn hatte Marie ein tolles Angebot an einer anderen Schule ausgeschlagen, einer Gymnasialetage mit Bio und Chemie als Schwerpunkt. Viktor hatte gesagt, sie würde zuhause alles vernachlässigen, keine Kuchen mehr backen, und das wolle er nicht

Das Kollegium war voll Sorge und nun war sie befreit! Und doch trauerte sie.

Jetzt reichts! fuhr Maria die Kolleginnen an, wie eine Kanone in Mainz. Es gibt keinen Besseren! Ich will keinen Besseren! Was nimmt ihr euch überhaupt raus? Ihr wisst doch gar nichts! Kaffee am Morgen zu machen, ein glattes Hemd, ein feines Frühstück für den Liebsten das ist nicht Nichts! Meine Seele ist zerrissen, schmerzt! Und diese Kekse, ich mag sie gar nicht! Und überhaupt: Menschen essen. Nicht kutschern.

Sie knallte die Tür zu

Das war grob, ja, aber egal! Die hatten alles entwertet, was sie mit Viktor erlebt hatte!

Versteckt in ihrem Laborraum, rief Marie Viktor an, lauschte den langen Tönen, legte dann auf. Er war zu sich nach Hause gezogen, seine Adresse kannte sie. Sie konnte einfach hinfahren aber sie hatte keine Kraft.

Sie schlenderte ewig langsam heim, blieb an jeder Auslage haften, verpasste einen Bus nach dem anderen.

Doch irgendwann ist jeder Weg zu Ende. Marie betrat den Hausflur, rief den Aufzug und begann, in ihrer Tasche nach Schlüsseln zu fummeln.

Die Schussel! stampfte sie. So eine Schussel! Tür zugezogen, Schlüssel auf der Kommode liegenlassen

Aber das ist ja ein Grund! Sie konnte zu Viktor gehen, er hatte noch einen Schlüssel, vielleicht schaffte sie es, ihn umzustimmen. Vielleicht würde er begreifen, dass Maria das Beste war, was ihm passierte.

Viktor wohnte in einem Hochhaus in der Kronprinzenstraße. Marie war ein paar Mal dort gewesen, meist trafen sie sich aber bei ihr.

Welche Wohnung wars? Welche? murmelte sie, tippte auf die Klingeln. Ach ja, sechsundsiebzig!

Sie wollte eben klingeln, da kamen zwei Ältere raus: Viktors Eltern. Sie erkannte sie, mied jede Begrüßung, wollte keinen Smalltalk.

Maria huschte in den Aufzug, fuhr hoch

Und bekam Angst. Was sollte sie sagen? Würde sie wieder betteln? Lieber kochen vorschlagen, ein klärendes Gespräch führen? Irgendwie!

Marie stellte sich vor, wie nicht passende Moleküle sich bemühen, festzuklammern Was würde daraus? Quatsch! hätte Felix geantwortet. Sie gab ihm gedanklich eine Fünf und drückte den Klingelknopf.

Kurz Stille, dann Stimmen, das Schloss klickte.

Viktor? Ich bin ja nicht die Portierin! Deine Eltern sind eben erst gegangen, ich bin bereit! lispelte es, und vor ihr stand Janna, minimal begleitet.

Janna?

Marie?

Marie schluckte. Sie wollte weglaufen, war aber wie angewurzelt, Tränen über die Wangen.

Oh … das ist jetzt blöd gelaufen Marie, reg dich nicht auf! Passiert. Wir sind Freundinnen! Du hast es nicht geschafft, jetzt darf ich es versuchen. Marie, du warst wohl einfach nicht Nicht Janna klimperte mit den Wimpern.

Nicht dumm genug, um dein Leben zwischen Kaffee ans Bett, Duschtropfen putzen, Würstchen drehen und Teppiche schrubben zu verbringen! platzte es aus Marie heraus. Na los, nimm ihn, Viktor gehört jetzt dir, dein Prachtexemplar, das besonderen Service braucht. Aber pass auf: Ein Fehler, und du bist auch weg vom Fenster. Und zum Schwimmen fehlt dir dann die Kraft du bist erledigt. Aber keine Sorgen, man überlebt. Ich bin nur hier, um Bitte gib mir meine Wohnungsschlüssel zurück! Sie setzte die Hände in die Hüften, merkte aber, dass sie ja noch die Bluse der Chefin trug, machte gleich wieder zu.

Janna nickte, stöckelte los, brachte die Schlüssel. Sie mochte keinen Streit, fürchtete die Nachbarn Maria schimpfte ja nicht mal! Na, Glück gehabt!

Danke. Und weißt du, Janna: Viktor will jeden Abend hören Es kommt der graue Wolf und beißt dir in die Seite. Sags ihm unbedingt, dann streichle den Rücken und tuckere die Decke fest…

Das hasste Viktor, aber Janna konnte es ja nicht wissen Kleine Bosheit, die sich Maria nicht verkneifen konnte.

Janna nickte, murmelte die Anweisung, schloss die Tür.

Maria ging auf die Straße, schaute sich um und beschloss, nach Hause zu laufen. Möwen jaulten klagend, ein Boot pflügte die Spree auf, ein Ausflugsdampfer voller Lachen zog vorbei, eine Stimme aus dem Lautsprecher erzählte. Aus der Bäckerei zog der Duft von Zimt und Vanillecreme. Marie merkte, wie hungrig sie war. Heim jetzt!

Sie schlug den Weg zur Lindenstraße ein, blieb auf der Brücke stehen, zog den Knopf aus der Tasche, drehte ihn in den Fingern und warf ihn in die Spree.

Sollen dich die Fische fressen! flüsterte sie, lächelte und ging weiter

Daheim buk sie Pfannkuchen, deckte gemütlich den Tisch, stellte Marmeladengläser raus, schaltete eine Lieblingskomödie an. Sie hatte ganz vergessen, wie es ist, in Ruhe zu essen, ohne ständig aufspringen zu müssen, weil Viktor gerade jetzt Parmesan, Sauce, Salz oder Ketchup verlangte

Jetzt war Marie ihr eigener Viktor, servierte, wenn sie wollte, oder eben nicht.

Und auf dem beschlagenen Spiegel im Badezimmer malte sie ein lachendes Gesicht und wischte es nicht weg. Weil ihr jetzt danach war.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: