Nicht meine Stiefel

Nicht meine Stiefel

Hans, hast du gegessen?

Er antwortete nicht. Saß am Tisch und starrte in den Teller, den ich ihm vor zwanzig Minuten hingestellt hatte. Die Kartoffeln waren längst kalt. Die Frikadellen auch. Ich stand in der Küchentür und betrachtete seinen Nacken. Ein ganz normaler Nacken, nichts Auffälliges, mit ein wenig ergrauten Schläfen, die er immer verabscheut hatte. Die Ohren standen ein wenig ab. Ein vertrauter Nacken, den ich seit einunddreißig Jahren kannte.

Hans…

Was.

Keine Frage, eher ein Laut. Wie Luft, die ausgeatmet wurde.

Möchtest du jetzt essen?

Ich habe keinen Hunger.

Ich trat heran, nahm den Teller. Die Kartoffeln waren tatsächlich ganz kalt. Ich schüttete sie ins Spülbecken, ließ das Wasser laufen. Die Frikadellen wickelte ich in Alufolie und legte sie in den Kühlschrank. Die ganze Zeit saß er da und sah auf den Tisch. Auf einen leeren Tisch, auf dem nichts mehr stand.

Das ging nun schon die dritte Woche so.

Ich erinnere mich noch, wann es begann. Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, aber es war ein Mittwoch. Mitte Februar, mit diesem grauen, bedrückenden Wetter. Er kam von der Arbeit etwa eine Stunde später als sonst, zog sich im Flur ganz leise aus. Ich bemerkte es kaum. Normalerweise ruft er schon zur Tür herein: Gisela, ich bin daheim! Immer, einunddreißig Jahre lang. Selbst wenn wir uns gestritten hatten oder tagelang nicht miteinander redeten, rief er das immer. Es war seine Art. Und diesmal? Stille. Ich schaute vorsichtig aus der Küche. Er stand vor der Garderobe und starrte seine Jacke an. Schaute einfach nur, als wüsste er nicht, ob er sie aufhängen sollte oder nicht.

Hans? Warum kommst du so spät?

Ich hatte zu tun.

Irgendetwas passiert?

Nein.

Ich glaubte ihm. Was sollte schon sein? Neuer Chef auf der Arbeit, viel zu tun. Ich stellte ihm einen Teller hin. Er aß. Nichts Besonderes. Er schwieg nur etwas mehr als sonst, aber das schob ich auf die Müdigkeit.

Am nächsten Tag wiederholte es sich. Und am darauffolgenden genauso. Und eine Woche später immer noch.

Ich wollte lange nicht wahrhaben, dass etwas nicht stimmte. Das ist so bei uns Frauen, besonders nach fünfzig, wenn man schon so vieles mitgemacht hat. Man redet es sich schön: Er ist eben müde, das Alter, die Arbeit. Man erklärt es sich selbst. Um sich zu beruhigen. Denn wenn man anfängt zu merken, muss man etwas tun aber was?

Doch irgendwann konnte ich nicht mehr wegsehen.

Eines Nachts wachte ich auf. Drei Uhr, draußen dunkel. Hans lag nicht neben mir. Ich blieb liegen, lauschte Stille. Ich stand auf, ging in die Küche. Da saß er, im Dunkeln, vor dem ausgeschalteten Fernseher. Schwarzer Bildschirm. Und er schaute auf diesen Bildschirm. Hände auf den Knien, Rücken kerzengerade. Als würde er auf etwas warten.

Hans. Es ist drei Uhr nachts.

Er drehte sich um. Schaute mich an, als käme ich aus einer ganz anderen Welt. Als sei er weit, weit weg in sich selbst und ich stünde plötzlich vor ihm.

Geh schlafen, sagte er.

Was machst du hier?

Nichts. Geh schlafen.

Ich ging nicht. Blieb stehen, legte meine Hand auf seine Schulter. Die war kühl. Er saß im T-Shirt, es war Februar, bitterkalt. Er regte sich nicht, als ich ihn berührte. Früher legte er immer seine Hand auf meine, ganz automatisch. Jetzt nicht.

Was ist los?

Nichts. Ich kann nicht schlafen.

Du hast noch nie schlecht geschlafen.

Es gibt für alles ein erstes Mal.

Ich ging zurück ins Bett. Starrte lange an die Decke. Er kam um fünf Uhr, legte sich wortlos daneben, berührte mich nicht. Ich hörte, wie er lag und nicht einschlief. Wir beide taten so, als schliefen wir.

Da wusste ich: Es stimmt etwas nicht. Etwas, das ernst ist.

In den nächsten Tagen grübelte ich viel. Ich wälzte alles hin und her. Das ist kein schönes Beschäftigung: Denn die Gedanken wandern immer in dunkle Ecken. Ich bin keine dumme junge Frau mehr, die alles rosig sieht. Ich bin Gisela Bauer, sechsundfünfzig Jahre alt, einunddreißig Jahre verheiratet. Ich weiß, was das Leben bedeutet.

Das erste, was einem einfällt: Eine andere Frau.

Ich schämte mich für den Gedanken. Denn Hans? Hans doch nicht! In einunddreißig Jahren gab es keinen einzigen Anlass dafür. Aber wenn ein Mann plötzlich schweigt, nichts isst und nachts in einen schwarzen Bildschirm schaut, dann malt sich der weibliche Verstand die wildesten Dinge aus. Daran lässt sich nichts ändern.

Ich beobachtete ihn genauer. Das Handy! Früher ließ er es einfach irgendwo liegen, ich sammelte es manchmal in der Wohnung ein. Jetzt hatte er es immer in der Tasche. Das fiel mir auf. Aber sonst? Kein fremder Parfümgeruch. Keine Anrufe spät am Abend. Keine Ausreden. Im Gegenteil, er kam sogar pünktlicher nach Hause. Setzte sich, schwieg.

Untreue verwarf ich wieder oder doch fast. Ganz los wird man solche Gedanken ehrlich gesagt nie.

Dann: Krankheit.

Davor hatte ich Angst. Aber ich dachte darüber nach. Er würde im April sechzig. Männer in dem Alter Herzprobleme vielleicht, oder Schlimmeres, worüber man kaum zu sprechen wagt. Mir fiel auf, dass er ewig nicht beim Arzt war. Männer gehen selten zum Arzt, solange sie nicht dazu gezwungen werden. Und wenn sie es dann endlich tun…

Wusste er vielleicht etwas, sagte es aber nicht, um mich nicht zu erschrecken? Das wäre ganz in seinem Wesen.

Ich fragte vorsichtig:

Hans, warst du eigentlich mal wieder beim Arzt, so zur Kontrolle?

Ich bin gesund.

Woher willst du das wissen, wenn du nicht hingehst?

Gisela, ich bin gesund. Lass mich.

Dieses Lass mich sagte er nicht böse, ganz ruhig. Trotzdem traf es mich. So hatte er noch nie mit mir gesprochen. Oder fast nie.

Das dritte: Geld.

Wir lebten immer gut, nicht im Überfluss, aber solide. Hans war Meister bei einer Möbelfabrik, ich leitete die Buchhaltung der örtlichen Klinik. Zwei Kinder, beide verheiratet, eine Enkelin Marie, drei Jahre. Das Haus war längst abbezahlt, das Auto alt, aber funktionierte. Wir kamen klar.

Aber dann fragte ich mich: Vielleicht Schulden? Hat er irgendwo einen Kredit aufgenommen? Ich prüfte unser gemeinsames Konto alles normal. Sein Konto konnte ich nicht einsehen, und ihn direkt darauf ansprechen wagte ich nicht. Wahrscheinlich hätte er wieder Lass mich gesagt oder einfach geschwiegen. Er konnte so schweigen, dass es mehr schmerzte als jede Beschimpfung. Nur anders eben.

So vergingen weitere Tage. Ich hielt mich auf Arbeit aufrecht. Unsere Chefbuchhalterin, Frau Stein, fragte einmal:

Gisela, du bist heute so blass. Ist alles in Ordnung?

Ja, Frau Stein. Habe einfach schlecht geschlafen.

Der Mann? fragte sie trocken, wie es Frauen in unserem Alter können.

Nein, nein. Alles gut.

Sie nickte nur. Sie wusste schon: Wenn jemand sagt, alles gut, stimmt meistens das Gegenteil. Aber sie bohrte nicht nach, und das rechne ich ihr hoch an.

Zu Hause gab ich mir Mühe, alles normal aussehen zu lassen. Ich kochte, putzte, fragte Hans nach seiner Arbeit. Er antwortete nur noch mit einsilbigen Worten. Gut. Ja. Geht. Ich stellte Fragen, er gab diese kurzen Antworten, und wir lebten wie zwei Fremde in derselben Wohnung. Das fühlte sich seltsam an. So war es früher nie. Selbst wenn wir uns heftig zankten, war da Spannung, Bewegung Leben eben. Jetzt nur noch Watte.

Einmal fuhr er mich richtig an.

Ich hatte ihn gebeten, den Wasserhahn zu reparieren, der seit einer Woche tropfte. Ich hatte es schon mehrfach angesprochen, er nickte immer, machte aber nichts. An jenem Abend sagte ich noch einmal:

Hans, der Wasserhahn tropft immer noch.

Er sah auf. In seinen Augen lag etwas Müdigkeit, Zorn, ich wusste nicht recht.

Gisela. Jetzt nicht.

Aber er tropft schon eine Woche!

Ich habe gesagt: Jetzt nicht!

Er schlug mit der Hand auf den Tisch, nicht fest, aber ich zuckte zusammen. Nicht wegen des Schlages, sondern weil Hans Bauer noch nie gegen einen Tisch geschlagen hatte. Das war nicht er.

Wir schwiegen beide. Er ging ins Schlafzimmer. Ich stand da und hörte, wie der Hahn weiter tropfte.

Später nahm ich leise einen verstellbaren Schlüssel aus der Schublade, schraubte am Hahn herum nicht so gut wie er, aber immerhin, es tropfte nicht mehr.

In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen. Ich dachte nach: Was ist das nur? Wo ist mein Hans? Der Hans, der lacht, wenn es nicht passt. Der alle alten deutschen Filme auswendig kann und sie in den unpassendsten Momenten zitiert. Der sonntags Pfannkuchen bäckt und sie immer etwas zu salzig macht. Der mich aus dem Büro anruft, einfach nur, um zu fragen: Na, wie gehts? Wo ist der?

Dieses Gefühl da ist ein Mensch neben dir, aber doch ist er weg. Das ist schlimmer als jeder Streit, schlimmer als wenn er verreist wäre und fehlt. Wenn er fehlt, ist es wenigstens klar. Aber so: Da ist er, atmet, bewegt sich, antwortet aber er ist nicht da.

Ehekrise. Dieses Wort kam spät in jener Nacht in meinen Kopf. Ich war fast verblüfft: Ach, so heißt das also. Nur verstand ich nicht, warum wir hatten doch immer ein gutes, normales Leben. Was hatte sich geändert?

Nichts, äußerlich nichts. Das war der Punkt. Und das war das Schlimmste.

Noch ein Abend blieb mir im Gedächtnis.

Ich kam um sechs heim, seine Jacke hing nicht an der Garderobe also war er noch nicht da. Ich zog mich um, ging in die Küche, stellte den Wasserkessel auf. Holte etwas aus dem Kühlschrank, begann zu kochen. Dann hörte ich, wie leise die Tür aufging. Ich schaute hinaus.

Er zog die Schuhe aus, wortlos, wie immer in diesen Wochen.

Da bist du ja, sagte ich. Möchtest du essen?

Er antwortete nicht, ging nur an mir vorbei in die Küche. Er öffnete das Schränkchen über dem Kühlschrank, wo eine Flasche Korn stand. Die hatten wir eigentlich für Gäste sie stand bestimmt seit Silvester dort. Er nahm sie heraus.

Mir wurde flau. Irgendwas Unheilvolles stieg in mir auf.

Er stellte die Flasche auf den Tisch, dazu ein Glas. Setzte sich und starrte an die Wand.

Ich wartete. Er öffnete die Flasche nicht, schenkte nichts ein. Er saß einfach da. Schaute nur an die Wand. Tat gar nichts.

Das war… ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es war beängstigend, auf eine eigene Weise. Weil er eindeutig die Flasche aus einem bestimmten Grund herausgeholt hatte, und jetzt saß er da und tat… nichts. Wie als würde er mit sich selbst ringen.

Ich trat vorsichtig heran, nahm das Glas vom Tisch und stellte die Flasche zurück ins Schränkchen.

Er beobachtete mich, protestierte nicht.

Ich schenkte ihm Tee ein. Stellte die Tasse vor ihn. Er saß da.

Hans, sagte ich ruhig. Ich weiß nicht, was los ist. Aber du bist hier, ich bin hier. Alles andere kriegen wir hin.

Er schaute mich lange an. Ich sah in seinen Augen etwas, das ich lange nicht gesehen hatte. Schmerz vielleicht? Schuld? Überforderung?

Geh schlafen, Gisela, sagte er leise.

Und du?

Ich komme gleich.

Ich ging hinaus. Er ließ sich nicht zum Reden zwingen, das wusste ich. Aber ich wusste auch, dass es so nicht weitergehen durfte. Etwas musste geschehen.

Es kam anders, als ich dachte.

Es war Freitag. Ich zog mich an, band im Flur meinen Schal. Hans schlief noch, er schlief in letzter Zeit morgens länger, was früher nie vorkam. Ich betrachtete mein Spiegelbild. Ich hatte das Gefühl, seit drei Wochen laufe ich umher mit dem Gedanken, dass etwas zerbrochen ist. Dass ich danebenstehe und nicht weiß, wie ich es reparieren kann. Und dabei ist er mir doch der nächste Mensch egal, was passiert.

Ich fasste einen Entschluss.

Ich schrieb eine Nachricht an Frau Stein: Frau Stein, ich brauche heute kurzfristig frei. Sie antwortete sofort: Mach dir keine Sorgen, Gisela. Bleib zu Hause. Sie ist eine kluge Frau.

Ich verließ das Haus wie gewöhnlich, lief über den Hof, blieb fünf Minuten draußen stehen, dann kehrte ich zurück.

Leise schloss ich wieder auf, zog die Schuhe lautlos aus und betrat den Flur.

Da sah ich sie sofort: fremde Stiefel.

Damenstiefel, dunkelbraun mit kurzem Absatz. Sorgfältig an die Wand gestellt. Nicht meine ich kenne meine Stiefel. Das waren nicht meine.

Ich stand im Flur und starrte auf diese Stiefel. Einfach nur so.

Dann hörte ich Stimmen aus der Küche. Eine Frauen- und eine Männerstimme. Die Frau weinte. Der Mann flüsterte beruhigend.

Ich brauchte eine Sekunde, um zur Entscheidung zu kommen. Nur eine. Ich ging in die Küche.

Dort saßen zwei. Mein Hans. Und Irmgard, die Frau seines besten Freundes Klaus. Irmgard weinte, vergrub das Gesicht in ihren Händen. Hans saß ruhig neben ihr, berührte sie nicht, war einfach da. Vor ihnen standen zwei Tassen Tee. Eine offene Packung Butterkekse lag daneben.

Hans hob den Kopf und sah mich.

Er erschrak nicht. Stand nicht auf. Er sah mich einfach so an wie jemand, der ertappt wurde, dem es aber fast eine kleine Erleichterung ist.

Irmgard hob den Kopf. Gerötete, verschwollene Augen, das Taschentuch ganz durchnässt.

Wir schwiegen ein paar Sekunden drei, fünf, eine Ewigkeit.

Dann sagte Irmgard:

Gisela… Es tut mir leid. Ich wusste nicht wohin.

Ich antwortete ihr nicht. Ich sah Hans an.

Erklär es mir, sagte ich.

Er stand auf, ging zum Fenster. Draußen war Februar, grau, kein Schnee, nur Tristesse.

Hans.

Ja, sagte er. Ich erkläre es.

Er drehte sich zu mir um. Irmgard schaute auf den Tisch, Hans zu mir.

Gestern… Klaus ist überfallen worden. Drei Männer vor dem Büro. Sie sagten: Sag deinem Freund, er soll den Mund halten. Klaus liegt jetzt im Krankenhaus.

Ein scharfer Schmerz durchzog mich. Klaus Hartmann. Dreißig Jahre Freundschaft. Ich kannte ihn, seit ich Hans kannte. Fast.

Was heißt: Den Mund halten? fragte ich.

Hans senkte den Kopf, rieb sich das Gesicht ein typischer Zug, wenn es schwer wird.

Ich habe Anfang Februar eine Meldung geschrieben. Über den neuen Abteilungsleiter.

Und?

Er stiehlt, Gisela. Systematisch. Aus dem Lager, bei den Materialien. Ich habe alles mitbekommen, mitgeschrieben, drei Wochen alles notiert. Dann geschrieben.

Wohin geschrieben?

An die Werksleitungssicherheit. Und an die Buchhaltung.

Ich schwieg. Wartete.

Und Klaus Hans sprach langsam, jedes Wort ein Kampf er wusste von Anfang an davon. Ich habe ihm als Freund davon erzählt. Ich dachte, er ist mein Freund.

Hans.

Er hat dem neuen Chef alles verraten. Zwei Monate lang. Er hat ihm gesagt, was ich sammle, was ich erzähle, was ich plane. Zwei Monate lang.

Die Küche war ganz still. Nur der Kühlschrank brummte.

Man hat mich gekündigt sagte Hans. Vor drei Wochen. An dem Tag, als ich abends zu spät kam. Fehlbestand im Lager. Ich habe nichts genommen, Gisela, das weißt du. Aber die Unterlagen waren fertig. Sogar Zeugen gab es alles sauber eingefädelt.

Drei Wochen hast du geschwiegen, sagte ich.

Ja.

Drei Wochen warst du, als würdest du leben. Hast so getan, als gingst du arbeiten. Und hast geschwiegen.

Ja.

Wo warst du den Tag über?

Er zögerte.

Manchmal im Park. Manchmal in der Bibliothek. Einmal bin ich nur mit dem Bus gefahren. Einfach so, irgendwohin.

Ich sah ihn an. Meinen Mann. Bald sechzig. Feinmechaniker, der Beste. Goldene Hände, sagten alle. Einunddreißig Jahre zusammen. Und er fuhr drei Wochen lang Bus, nur, um irgendwohin zu fahren damit ich es nicht merke.

Warum? fragte ich.

Er rieb sich noch einmal das Gesicht.

Erinnerst du dich an 1998? Als man mich gekündigt hatte?

Natürlich erinnerte ich mich. Die Kinder waren klein, das Geld knapp. Ich arbeitete an zwei Stellen. Hans suchte lange Arbeit. Ich sah, wie schwer es für ihn war, als Mann nicht für die Familie sorgen zu können.

Ja, ich erinnere mich.

Du hast damals nie etwas Schlechtes gesagt. Aber ich habe deine Augen gesehen, wenn du ans Fenster gegangen bist. Dieses Gesicht. Ich wollte nie wieder, dass du so schaust.

So war das.

Einunddreißig Jahre. Und er erinnerte sich an meinen Blick am Fenster damals. Und fuhr jetzt drei Wochen Bus, damit ich nicht wieder so schaue.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sah ihn nur an. Das ergraute Haar an den Schläfen, das er nie mochte. Die Hände auf dem Tisch.

Klaus wusste… dass du gefeuert wurdest?

Ja. Er rief am nächsten Tag an, fragte, wie es mir geht. Ich sagte es ihm. Er sagte, es sei ungerecht. Dass er mitfühlt.

Er schwieg. Das Wort mitfühlt blieb in der Luft hängen.

Zwei Monate hat er dich verraten, sagte ich leise.

Zwei Monate, ja.

Ich blickte zu Irmgard. Sie saß mit gesenktem Kopf. Sie wusste es. Sie war gekommen, weil sie alles wusste.

Irmgard, hast du es über Klaus gewusst?

Irmgard hob langsam den Blick.

Gestern, als das passiert ist, hat er es mir erzählt. Im Krankenhaus. Er sagte: Ich habe an Hans schuldig gemacht. Sag es ihm. Deswegen bin ich hergekommen.

Lange Stille.

Und selbst kommt er nicht, sagte Hans ganz leise.

Hans, er liegt im Krankenhaus, sagte Irmgard.

Das meine ich nicht.

Über Klaus sprachen wir da nicht weiter. Das ist ein Knoten, den löst kein Gespräch sofort auf.

Ich stand auf, kochte Tee. Das hilft, wenn man ratlos ist. Nicht wirklich helfen, aber etwas tun, sich bewegen. Tee kochen, Tassen holen. Das Leben geht weiter.

Also, sagte ich an der Theke, du hast jetzt keine Arbeit mehr.

Ja.

Schon länger.

Drei Wochen.

Zurück zur Möbelfabrik kannst du nicht.

Nein.

Gut.

Ich stellte die Tassen hin. Holte den losen Tee, wie wir ihn immer trinken. Hans hatte schon beim ersten Date gesagt, dass er keinen Beuteltee mag. Ich habe gelacht, aber später selbst den losen lieben gelernt.

Ich stellte drei Tassen auf den Tisch. Für Hans, für Irmgard, für mich.

Ich setzte mich.

Hör zu, sagte ich Hans. Ganz genau.

Ich höre.

Du bist Meister erster Klasse, Möbeltischler, Schreiner, seit dreißig Jahren gefragt. Deine Hände sind Gold wert. Jeder, nicht nur die Fabrik, braucht so einen wie dich. Weißt du das?

Er schwieg.

Weißt du das?

Ja, sagte er widerwillig.

Gut. Erinnerst du dich, als Herr Bertram dir vor zwei Jahren angeboten hat, die Werkstatt für Möbelrestaurierung zusammen aufzubauen?

Hans blickte auf.

Ja.

Du hast abgelehnt, weil es zu riskant sei, damals war die Arbeitsstelle sicherer.

Gisela…

War der richtige Entschluss damals, ich klage nicht. Die Kinder waren noch nicht durch, das Haus noch nicht abbezahlt. Aber jetzt ist die Zeit eine andere. Die Kinder sind versorgt. Haus ist bezahlt. Wir sind zu zweit. Ich arbeite. Wir sind nicht mehr bei anno 1998.

Er sah mich an. Ich spürte, wie sich in ihm etwas regte, ganz langsam, als käme etwas in ihm in Bewegung.

Ist Herr Bertram da noch dran?

Weiß ich nicht. Wir sprachen lange nicht.

Ruf ihn an. Heute noch oder morgen.

Gisela. Vielleicht hat er längst andere Partner…

Ruf an und finde es heraus.

Das geht nicht von heute auf morgen, da braucht man Werkstatt, Maschinen, alles…

Hans.

Ja?

Hast du je gesehen, dass ich etwas nicht organisiert kriege, wenn ich es will?

Pause. Ein leichtes Lächeln. Das erste Mal seit Wochen. Ganz klein, kaum sichtbar, aber da.

Nein, räumte er ein.

Also. Ab jetzt trinken wir Tee und denken. Und dann machen wir eine Liste. Die ganze Nacht, wenn es sein muss.

Die ganze Nacht, wiederholte er.

Drei Wochen hast du alleine gedacht. Jetzt denken wir zusammen. Wie immer. Wie es sein sollte.

Irmgard schniefte leise.

Ich sah zu ihr hinüber.

Irmgard, geht es dir wegen Klaus schlecht?

Ja.

Wird er behandelt?

Ja. Brüche, aber sie sagen, es ist nicht schlimm. Ein Monat, dann ist alles verheilt.

Gut. Ein Monat dann klärt ihr das. Aber das ist eure Sache.

Ich weiß nicht, ob ich… , begann sie.

Ich auch nicht, sagte Hans einfach. Im Moment weiß ich es auch nicht.

Wir schwiegen. Aber es war nun ein anderes Schweigen. Nicht wie in den letzten Wochen. Ein Schweigen, in dem alles gesagt war. Ein ganz friedliches Schweigen.

Irmgard sagte, sie wolle sich hinlegen. Ich war froh, dass sie ging. Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil ich mit Hans allein sein wollte.

Als sie gegangen war, saßen wir noch eine Weile ruhig zusammen.

Bist du wütend? fragte er.

Auf dich?

Ja.

Ich überlegte.

Ja, aber nicht so wie du denkst.

Wie denn?

Ich ärgere mich, weil du drei Wochen alles alleine getragen hast. Weil du meintest, ich halte das nicht aus. Weil du mich unterschätzt hast.

Ich habe dich nicht unterschätzt.

Doch. Du hast geglaubt, ich gehe daran kaputt.

Er schüttelte den Kopf.

Nein. Ich hatte Angst nicht um dich. Ich hatte Angst um mich selbst.

Was?

Ich hatte Angst, dass ich zerbreche, wenn du meine Augen siehst. Nicht wie 1998 jetzt. Dass ich dann endgültig nicht mehr weiterkann, wenn du siehst, wie schlecht es mir geht. Verstehst du?

Ich verstand. Menschen sind seltsam. Man hält durch, solange man alleine ist. Wenn dann aber ein naher Mensch hinsieht, lässt man los. Weil man dann kann.

Ja, ich verstehe, sagte ich.

Ich wollte nicht zerbrechen.

Und jetzt?

Er schaute auf seine Hände.

Jetzt ist es nicht mehr so furchteinflößend.

Dieses nicht mehr so furchteinflößend habe ich mir gemerkt. Es war der erste Satz, der wieder echtes Leben hatte, seit Wochen.

Gut so, sagte ich. Dann lass uns gemeinsam nachdenken.

Wir überlegten zuerst das Nötigste. Geld. Wir hatten ein kleines Polster auf der Seite, über die Jahre zusammengespart für Notfälle. Hans brummelte, es sei ihm unangenehm, mein Erspartes anzugreifen. Ich sagte: unser Erspartes, nicht meines. Er verzog das Gesicht, stimmte aber zu.

Mein Gehalt aus der Klinik reichte, es würde knapp, aber ausreichend sein. Keine Extras mehr, aber es würde reichen.

Dann: Herr Bertram.

Herr Christoph Bertram. Ein alter Kollege von Hans, vor fünfzehn Jahren hatten sie zusammengearbeitet. Bertram hatte sich dann eine kleine Werkstatt aufgebaut, Möbelrestaurierung das war gefragt, alte Schränke, Kommoden, Vitrinen. Hans hatte damals ein paar Mal geholfen. Vor zwei Jahren bot Bertram an, Hans solle einsteigen; Hans hatte abgelehnt.

Ruf ihn an, noch heute, sagte ich.

Es ist zu spät.

Nicht zu spät es ist erst neun. Ruf an.

Hans zögerte, stand doch auf, nahm das Telefon, ging ins Wohnzimmer. Ich hörte durch die geschlossene Tür seine Stimme, erst leise, dann lauter, schließlich ein aufrichtiger Lacher.

Er kehrte nach zwanzig Minuten zurück.

Und? fragte ich.

Bertram freut sich. Die Werkstatt läuft, es gibt viele Aufträge, aber zu wenig Hände. Ich kann ab Montag anfangen. Erst im Angestelltenverhältnis, vielleicht später eine Beteiligung.

Gut, sagte ich.

Das Gehalt ist nicht wie in der Fabrik.

Hans.

Ja.

Wichtig ist erst einmal: wieder anfangen. Alles Weitere regeln wir danach. Du schaffst das.

Er setzte sich mir gegenüber, die Teetasse zwischen beide Hände genommen. Blaue Tasse mit weißen Eisbären, die hatten wir vor zwanzig Jahren im Urlaub auf Sylt gekauft. Warum ich mich daran erinnere? Manche Dinge geben Halt. Eine Tasse, zwanzig Jahre zusammen das verbindet.

Gisela, sagte er.

Ja.

Es tut mir leid, dass ich geschwiegen habe.

Du hast es nun gesagt. Heute.

Nach drei Wochen.

Hans. Vergiss die drei Wochen. Nicht, weil es nicht wichtig ist, sondern weil anderes jetzt wichtiger ist.

Er sah mich lange an.

Bist du böse wegen Klaus? Dass ich ihm damals alles erzählt habe?

Die Frage überraschte mich.

Ich überlegte.

Du hast ihm vertraut.

Ich hab ihm vertraut. Dreißig Jahre.

Du hast gehandelt, wie man mit einem Freund handelt. Er aber nicht. Das war nicht dein Fehler.

Ich hätte es merken müssen.

Wie denn? Dreißig Jahre Freundschaft. Nicht ein Jahr, nicht zwei.

Trotzdem…

Hans. Hör auf. Menschen tun manchmal Dinge, die man nicht erwartet. Das tut weh. Aber du bist nicht schuld, dass du jemandem geglaubt hast.

Er schwieg.

Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat… flüsterte er. Was hatte er davon? Was wollte er von diesem Chef?

Keine Ahnung, sagte ich ehrlich. Vielleicht bekam er etwas versprochen. Vielleicht dachte er, er wäre sicherer so. Wir werden das nie genau wissen.

Dreißig Jahre…

Ja.

Letzten Sommer waren wir noch zusammen angeln.

Ich weiß.

Forelle haben wir gefangen.

Ich erinnere mich. Ihr habt uns etwas davon mitgebracht.

Ja. Forelle. Angeln und jetzt das.

Er sprach nicht weiter. Musste er auch nicht. Das schmerzte am meisten: Nicht der Verlust der Arbeit, nicht die Falle, sondern dass der Mensch, mit dem du Forelle gefangen hast, plötzlich nicht mehr derselbe ist.

Verrat, sagte er.

Ich nickte.

Verrat. Und das wird lange wehtun.

Geht das vorbei?

Der Schmerz wird vergehen. Irgendwas bleibt, aber du kommst darüber hinweg. Wir beide schaffen das.

Er blickte wieder auf die Tasse.

Es ist komisch, weißt du? Ich bin wütend auf ihn. Aber ich denke auch daran, dass er jetzt im Krankenhaus liegt.

Das ist nicht merkwürdig. Das ist normal.

Es hilft mir trotzdem nicht.

Ich weiß.

Wir schwiegen. Es war schon elf Uhr. Draußen dunkelte es. Februar war fast vorbei. Bald wäre März.

Dann holte ich mein Notizbuch, das ich immer in der Küche habe, und einen Kugelschreiber.

Wir schreiben jetzt auf, sagte ich. Schritt für Schritt.

Was?

Was zu tun ist.

Hans sah aufs Notizbuch, nahm den Stift.

Ich schreib mal, sagte er.

Gut.

Erstens: Morgen bei Bertram nochmal anrufen und alles klären.

Ja. Zweitens.

Arbeitsbescheinigung. Nachsehen, was drin steht. Es könnte ein blöder Eintrag sein.

Ein Anwalt. Kennst du einen?

Vielleicht unser Nachbar, Herr Schneider, der hilft oft aus. Ich frage ihn.

Gut. Schreib das auf.

Er schrieb. Ich sah auf seine Hände, wie sie den Stift hielten. Die gleiche Sorgfalt wie beim Hobeln oder Nägel einschlagen.

Drittens: Geld, sagte er.

Geld reicht im Moment. Du fängst bei Bertram an, dann kommt wieder Gehalt herein. Wir schaffen das.

Wir schaffen das, wiederholte er, als prüfe er das Wort.

Hans. 1998 haben wir es auch geschafft. Mit zwei Kindern, Hypothek und all dem. Wir schaffen das jetzt auch.

Er nickte und schrieb: Geld Kontrolle keine Panik.

Ich musste bei keine Panik schmunzeln.

Viertens, sagte er. Der Chef. Meine Meldung. Die ist nicht einfach verschwunden.

Wo ist sie?

In der Werksleitungssicherheit. Und eine Kopie in der Buchhaltung.

Also ist da alles noch dokumentiert.

Jetzt liegt es an denen. Ich habe mein Teil getan. Was draus wird…

Du könntest auch zu anderen Behörden gehen, Anzeige erstatten…

Könnte ich. Aber im Moment habe ich dafür keine Kraft. Vielleicht später.

Okay, das schreiben wir noch nicht auf. Vielleicht irgendwann später.

Den vierten Punkt ließ er frei, eine leere Zeile im Notizbuch. Die würden wir später noch ausfüllen.

Wir sprachen noch lange darüber. Über Bertram, wie eine Möbelrestaurationswerkstatt als Geschäft läuft. Hans wurde immer lebendiger, erklärte, dass es immer mehr Leute gibt, die ihre alten Schränke und Kommoden erhalten wollen. Wenn man sorgfältig arbeitet, empfiehlt sich das schnell weiter. In Berlin nehmen Werkstätten hohe Preise, mit Internet kommt Kundschaft. Bertrams Neffe hilft mit der Webseite.

Ich hörte nur zu und unterbrach ihn nicht. Er sprach wieder, voller Leben, mit Gesten. Mein Hans, wie ich ihn vermisst hatte.

Gegen eins machte ich noch einmal Tee. Er trank.

Wir sollten schlafen, sagte er.

Sollten wir, stimmte ich zu.

Doch wir gingen nicht. Er erzählte noch von Restaurationsmethoden, von alten Beschichtungen. Ich fragte neugierig nach, weil ich echtes Interesse hatte. Es war sein Handwerk, seine Leidenschaft.

Dann kam er auf eine Kommode zu sprechen, an der er vor fünf Jahren arbeitete. Privatkunde. Die Kommode war noch aus der Kaiserzeit, mit versteckten Fächern, die die Besitzer gar nicht kannten. Hans entdeckte sie beim Auseinandernehmen. Darin waren uralte Dokumente. Er kontaktierte danach sogar Historiker. Eine ganze Geschichte…

Ich hörte zu und dachte: ja, das ist er, mein Hans Bauer.

Warum bist du damals nicht in die Selbstständigkeit gegangen? fragte ich. Nach dem Auftrag?

Gewohnheit, meinte er. Das Werk, die Kollegen, die Sicherheit. Ich hatte Angst, es nicht alleine zu schaffen.

Und jetzt?

Jetzt sehe ich das anders.

Wieso?

Weil ich nichts mehr zu verlieren habe, sagte er, mit einer schwermütigen, aber doch echten Heiterkeit. Wenn man nichts mehr zu verlieren hat, wird es leichter, etwas zu wagen.

Ich ersparte ihm Sprüche von wegen wenn eine Tür zugeht…, solche Phrasen waren jetzt unwichtig.

Wir wurden ruhiger. Die Stimmen wurden leiser, er sprach langsamer, geriet manchmal schon ins Nuscheln. Ich sah, wie seine Lider schwer wurden. Kopf auf die Hände gelehnt.

Er schlief am Tisch ein.

Ich blieb sitzen, betrachtete ihn im Schlaf. Sein Gesicht, die Hände, das Notizbuch mit den vier Punkten, die offene fünfte Zeile.

Ich stand auf, ging hinaus in den Flur. An der Garderobe hing eine karierte Decke, die wir im Winter immer griffbereit haben. Ich nahm sie, deckte Hans vorsichtig damit zu. Er wachte nicht auf, zuckte nur leicht.

Ich schaltete das Hauptlicht aus, ließ die kleine Lampe überm Herd an. Es wurde fast dunkel, aber nur fast.

Ich schenkte mir den letzten Tee ein und setzte mich ans Fenster.

Draußen dämmerte es schon. Noch kein wirklicher Morgen, aber zu spüren, dass die Nacht nicht mehr so dicht war. Der erste Märzmorgen. Wir hatten gar nicht gemerkt, wie der Februar vorbeizog.

März. Das ist schon was anderes.

Vom Dach tropfte es. Erstes Tauwetter, kaum hörbar aber für mich doch. Tropf, tropf, tropf. Kein Schnee, kein Sturm mehr. Wasser. Leben.

Ich saß am Fenster, hielt die heiße Tasse in den Händen und hörte dem Tropfen zu.

Woran ich dachte? An Irmgard in unserem Gästezimmer, deren Ehemann im Krankenhaus liegt und die noch schwere Gespräche vor sich hat. Daran, dass Hans Arbeitszeugnis wahrscheinlich einen schlechten Eintrag enthalten wird, dass ich darum kämpfen muss. Der Chef in der Fabrik ist bestimmt noch nicht weg, mit seinen Verbindungen. Klaus über den konnte ich noch nicht nachdenken.

Ich dachte darüber nach, dass einunddreißig Jahre viel sind. Über solche Zeiten sieht man sich manchmal nicht mehr wirklich. Man nimmt sich gegenseitig als feste Größe, wie eine Wand, wie das Mobiliar. Hört auf, zu fragen, zu schauen.

Hans und ich? Auch wir haben es wohl manchmal aus den Augen verloren. Jeder zieht sein Ding durch ich meine Buchhaltung, er die Werkstatt. Wir treffen uns beim Abendbrot, reden über Kartoffeln und tropfende Wasserhähne. Das Leben läuft vertraut, berechenbar.

Und dann kommt etwas wie jetzt. Und man erkennt, dass unter aller Routine etwas Echtes ist. Dass er meine Augen am Fenster von 1998 noch kennt. Dass ich weiß, woher die Tasse mit den Eisbären stammt.

Ich sage nicht, dass jetzt alles gut wird. Wer weiß das schon? Vielleicht klappt es bei Bertram nicht, das Arbeitszeugnis ist nicht zu retten, der Chef hat zu viel Einfluss. Klaus die Geschichte wird uns länger beschäftigen.

Das Leben bleibt unvorhersehbar.

Aber gerade jetzt, um vier Uhr in der ersten Märznacht, schläft Hans, zugedeckt mit unserer Decke, am Küchentisch. Draußen das Tauwetter. In seinem Notizbuch vier Punkte und eine leere Zeile.

Das ist kein Ende und kein Anfang. Es ist einfach das, was jetzt ist.

Das Tropfen draußen wurde lauter. Vielleicht bildete ich mir das nur ein. Vielleicht war es einfach nur ruhiger geworden in mir.

Ich dachte an unsere Tochter Kathrin. Sie lebt bei ihrem Mann, Marie ist bei ihnen. Ich sollte morgen anrufen. Einfach so, um zu sagen: Hallo, wie gehts euch? Nicht erklären, noch nicht. Erst, wenn wir selbst klarer sehen.

Ich dachte an unseren Sohn Matthias schon lange in München, ruft sonntags an. Ein guter Junge, aber beschäftigt. Auch später.

Ich dachte an Herr Bertram. Ob er sich sehr verändert hat? Fünfzehn Jahre ist es her, dass er uns besuchte, Hans traf ihn nur noch allein. Zeit, ihn neu kennenzulernen.

Ich dachte an Möbelrestaurierung, an alte Kommoden mit Geheimfächern. Das gefiel mir. Etwas Altes, Angeschlagenes, wiederherstellen nicht neu, sondern so, dass es wieder seinen eigenen Charakter zeigt. Das gefiel mir wirklich.

Hans bewegte sich im Schlaf. Die Decke rutschte ein wenig, ich ging und deckte ihn wieder zu.

Dann setzte ich mich erneut ans Fenster.

Tropfen. März. Dunkelheit, aber eine, die schon ein bisschen heller war.

Hans Notizbuch lag noch offen auf dem Tisch, der Stift daneben. Ich nahm ihn, überlegte kurz. Schrieb nichts auf die leere Zeile. Legte den Stift zurück.

Manche Zeilen muss man frei lassen. Für später. Irgendwann wird man wissen, was hineingehört.

Draußen tropfte das Wasser. Der März war gerade angebrochen.

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Homy
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