Verschwundene Schatten

Verschwundene Schatten

Komm her, Annika! Sofort! Ich warte auf dich! Du musst die Wahrheit erfahren.

Ein kurzes, merkwürdiges Schreiben von ihrer Tante hatte Annika zutiefst beunruhigt.

Tante Ruth, die Annika stets nur Mama Ruth nannte, war sonst bekannt für ihre langen, ausführlichen Briefe auf Papier nie per E-Mail , wie sie es schon tat, als Annika selbst noch gar nicht geboren war.

Ich bin doch ein alter Dussel, mein Anni!, knurrte Tante Ruth und tippte ungelenk auf dem Laptop herum, den ihre Nichte ihr geschenkt hatte. Mich umerziehen? Viel zu spät! Wozu auch? Da steckt doch kein Leben drin, in so was! Am liebsten nehm ich meinen Füller, setz mich hin und kritzle dir einen echten Brief! So wie meine Mutter sie mir geschrieben hat, als ich zum Studieren in die Stadt ging. Einen ganzen Schulheft-Brief, dazu ein Päckchen mit lauter Leckereien. Immer genug für uns alle, wir Mädchen sind zu dritt zur Post gelaufen, weil wir wussten: Da ist wieder Festtag. Es war eigentlich nichts Besonderes mal Bonbons, mal Plätzchen, mal eingemachtes Gulasch , aber es schmeckte, als kämes vom Himmel! Und die Pastete, die sie machte! Und die Marmelade! Die ganze WG stand Schlange und war neidisch auf mich. Nicht wegen der Pakete das war üblich. Eltern kamen oft zu Besuch. Aber solche Briefe, als würde man ein Buch lesen, die schrieb keiner keiner hatte Zeit. Ich bin mit den Heften herumgelaufen, als wärs ein Schatz. Da stand unsere ganze Familiengeschichte drin, alle Gedanken meiner Mutter, ihre Sorgen und ihre Freude. Und ich war ihre einzige überlebende Tochter.

Warum einzige?

Sie hatte vier Kinder, Annika. Drei Mädchen, ein Junge.

Was ist mit den anderen passiert?

Ach, das dauert lange zu erzählen. Mein Bruder ist nach dem Unfall in Würgendorf gestorben Er war jung, verstand von nichts, und ein Onkel besorgte ihm dort Arbeit. Für Mutter war es schwer nach Vaters Tod, also nahm sie die Hilfe an. Hat sie es später bereut? Ich weiß es nicht. Sie hat ihm nie Vorwürfe gemacht. Als die Tochter dann zu ihr gebracht wurde, hat sie das Kind großgezogen als wärs das eigene. Zusammen sind wir aufgewachsen, Gabi und ich. Ich hatte zu niemandem ein engeres Verhältnis.

Wieso denn?

Ich war der Nachzügler, Annika. Meine Schwestern waren viel älter, als ich geboren wurde, hatten eigene Familien. Mutter schämte sich ein wenig, mich so spät zu bekommen und war doch überglücklich Vater war schon gestorben, als sie feststellte, dass ich unterwegs war.

Und was ist mit deinen Schwestern passiert, Mama Ruth?

Es gab einen Brand, mein Kind. Einen schlimmen Die Schwestern wohnten im Doppelhaus, das sie von ihrer Mutter geerbt hatten. Die Männer wollten alles umbauen, damits allen gut geht gemeinsames Wohnen ist praktisch, die Kinder wachsen zusammen auf. Aber der Elektriker war betrunken oder unachtsam, legte ein Kabel falsch. Mitten in der Nacht ging das Haus in Flammen auf. Nur Gabi und die Jüngste konnten sich retten sie schliefen zusammen, weil meine Schwester Gabi über Nacht eingeladen hatte. Gabi wachte durch Brandgeruch auf, riss das Kind ans Fenster, sprang hinaus. Sie schrie, lockte Nachbarn heran, rannte zurück aber ins Inferno ließ man sie nicht mehr

Mein Gott

Ja, Annika. Zuerst holte meine Mutter die Enkelin zu sich, dann kam auch die andere Großmutter, die ihren einzigen Sohn verloren hatte, und flehte sie an, das Mädchen ihr zu überlassen. Sie hatte ja niemanden mehr. Mutter willigte ein, bestand aber darauf, dass sie in der Nähe blieben. So kamen wir zusammen. Oma Anneliese und Nastja kennst du doch. Den Kontakt haben wir nie verloren.

Und Gabi? Wo ist sie hin? Warum weiß ich so wenig von ihr?

Ach, Annika, das erzähle ich dir ein anderes Mal! Jetzt hilf mir, in den Keller zu gehen; ich habe Marmelade für dich vorbereitet. Damit du mit deinen Freundinnen abends Tee trinken kannst.

Oft schon hatte Annika dieses Gespräch angefangen, nie verstanden, wieso ihre Tante gerade von Gabi, zu der sie einmal das engste Verhältnis hatte, schwieg. Über alle anderen erzählte sie, waren auch die Tränen dabei, wenn sie an Bruder oder Schwestern dachte doch an Gabi? Kein Wort. Fotos von Gabi sah Annika im Haus nicht nur ein paar Kindheitsbilder, auf denen zwei kesse, dunkeläugige Mädchen unzertrennlich Arm in Arm standen.

Noch als Jugendliche verschlang Annika Krimis und fragte sich irgendwann ungebremst, ob die geheimnisvolle Gabi am Ende ihre Mutter sei. Dass sie Ruths Nichte war, wusste sie, aber von den Eltern hatte sie keine Vorstellung. Nachdem Tante Ruth die Familiengeschichte erzählt hatte, konnte Annika eins und eins zusammenzählen. Außer Gabi gab es keine andere Möglichkeit.

Doch Ruth schwieg, weigerte sich, Annika Antworten zu geben.

Alles zu seiner Zeit. Und das ist nicht meine Geschichte. Bitte frag nicht, du wirst es schon im richtigen Moment erfahren. Denkst du, du kannst mich verletzen? Du bist und bleibst meine Tochter! Ich hab dich geliebt wie mein eigenes Kind. Niemand ist mir näher!

In diesen Momenten fühlte sich Annika schuldig, bat Ruth um Verzeihung und das Thema versank im Alltag. Es gab immer dringendere Fragen zu lösen, und die Vergangenheit konnte warten, denn Ruth hatte Recht: Annika hatte eine Mutter, und eine bessere hätte sie sich nicht wünschen können.

Tante Ruth hatte Annika in Bonn ein Zimmer gemietet, damit sie nicht im Studentenwohnheim verwildert, sondern sich aufs Studium konzentriert. Jede Woche kam sie zu Besuch, brachte Milch, Quark, all die Leckereien, für die Studentinnen kein Geld übrig hatten.

Mit Geld kann ich nicht dienen, aber ich versorge dich, damit du was Ordentliches im Magen hast, lächelte Ruth, wenn sie die mitgebrachten Köstlichkeiten aus ihrer Tasche zauberte.

Und wie wütend war sie, als Annika im dritten Studienjahr das erste eigene Gehalt nach Hause brachte und ihr geben wollte!

Ruth war empört: Du kaufst dir davon was Schönes! Ich brauch nichts! Nur, dass du gesund und glücklich bist, das ist mir das Wichtigste! Und das Geld hebst du gefälligst auf. Beleidige mich nie wieder so!

Annika kaufte ihrer Tante daraufhin eine wunderschöne Tischdecke, strickte und häkelte wochenlang Bordüren dazu und legte alles an Weihnachten auf den Tisch ihres Elternhauses.

Tante Ruth staunte so, dass der Kater von der Bank fiel: Was ist das denn für ein Kunstwerk?! Hast du das selbst gemacht?! Goldene Hände hast du, mein Mädchen, goldene!

Annika wollte ihr sagen, dass sie diese Hände Ruth zu verdanken hatte, die ihr mit Geduld Nadelarbeit beibrachte, die unzählige Male erklärte, wie man Schritt für Schritt näht und lachte, wenn Annika vor Anstrengung pustete.

Das wird schon! Gib dir nur Zeit!

Das war Ruths Lieblingsspruch. Sie sagte ihn, als Annika fürs Abi paukte, immer wieder während des Studiums, schlug auf den Tisch, wenn Annika zögerte, ob sie das erste eigene Modeatelier aufmachen sollte.

Wovor hast du Angst? Wers nicht versucht, bleibt dumm! Los!

Heute stand Annika fest auf eigenen Beinen, führte eine Kette von Änderungsschneidereien in der Stadt, und auch ein kleines Modehaus, in dem Kleidung nach Maß für anspruchsvolle Kunden entstand.

Leicht war der Anfang nicht. Annika weinte vor Glück, als Ruth ein geerbtes Grundstück verkaufte und einen Teil des Ertrags brachte: Kauf gute Maschinen, sprich mit einem Fachmann. Spar nicht am Falschen. Weiß nicht, ob das Geld reicht, aber dann sag Bescheid! Du brauchst ein Ladenlokal, wos viele Leute gibt am besten neben der Haltestelle dann läufts am besten! Und vor allem: das Gewissen, Annika! Denk an dein Gewissen! Gute Arbeit bringt Kunden zurück, schlechte Arbeit lässt dich auf dem Trockenen sitzen. Merk dir das!

Annika merkte sich jeden Rat. Sie stellte alle Schneiderinnen selbst ein und vertraute niemandem sonst.

Bringt sie. Ich schau, was sie kann.

An diesem Grundsatz hielt Annika streng fest: Zu leicht macht man Fehler, und dann kommt man nicht mehr raus.

Dann begegnete sie Andreas und die Liebe kam. Eine Familie entstand. Die Geschäfte gingen langsam aufwärts, weil ihr Mann sich um alles Kaufmännische kümmerte, während Annika kreativ sein konnte.

Nun florierte das gemeinsame Unternehmen, Annika war Mutter zweier Mädchen Ruth allerdings verweigerte seit jeher den Umzug zur Nichte, bestand darauf, im Dorf zu bleiben, wo alles ihr gehörte.

Meine Zeit kommt auch noch, Annika. Solange ich kann, versorge ich mich selbst. Hier ist alles von mir. Und meine Toten sind bei mir. Vielleicht nur als Schatten, aber immer nah Und du, du hast dein eigenes Leben, und ich bin stolz darauf.

Annika drängte nie, erinnerte Ruth gelegentlich, dass ihr Zimmer im großen neuen Haus immer für sie bereitstand, wusste aber: Überreden zwecklos.

Dann kam der Brief

Annika erschrak zutiefst. Sie war sicher, dass die Wahrheit, von der Ruth schrieb, mit Gabi zu tun hatte. Aber warum ausgerechnet jetzt?

Das Haus von Ruth empfing Annika an diesem regnerischen Herbstabend abweisend, verschlossen. Wie ahnend, dass sich große Dinge vollziehen würden, stand es grau und schwer im herbstlichen Garten, seine Fensterläden blinzelten müde in die Dämmerung.

Annika öffnete vorsichtig das Gartentor, streichelte im Vorbeigehen den bellenden Hunde Max, und zählte die Stufen der Veranda:

Eins, zwei, drei

Ruth stand schon in der Tür, die Hände am Schürzenband abwischend.

Da bist du endlich Ich habe Streuselkuchen gebacken.

Mama Ruth

Später, Annika. Alles später. Wasch dir die Hände, ich deck schon mal den Tisch.

Hektisch lief Ruth durch die Küche, betrachtete Annika von der Seite voller Stolz.

Neue Frisur, steht dir!

Mit langen Haaren kam ich nicht mehr klar Keinen Nerv

Annika rollte eine Teigkugel über den Tisch und wartete. Sie wusste: Drängeln hatte bei Ruth noch nie etwas gebracht.

Da!, Ruth stellte einen Steinguttopf mit sauren Gurken auf den Tisch. Lust drauf?

Annika schnappte nach Luft. Dass sie schwanger war, wusste nicht mal Andreas.

Woher

Ich weiß es!, schnitt Ruth das Wort scharf ab. Oder bist du mir nicht meine Tochter?

Ruths dunkle Augen blickten sie durchdringend an. Es war soweit.

Ist meine Zeit gekommen, Mama Ruth?, fragte Annika leise.

Ja, nickte Ruth und stellte eine alte hölzerne Schatulle auf den Tisch. Mach auf.

Annika kannte die dunkle, mit Messingbeschlägen verzierte Truhe, war immer abgeschlossen gewesen. Sie stammte noch von Ruths Großmutter. Was dort drin war, wusste Annika nicht. Einmal hatte sie in ihrer Kindheit beobachtet, wie Ruth einige Papiere dort einschloss. Schatzstücke hatte Annika in der Kiste nie vermutet nur langweilige Papiere!

Doch diese Papiere würden ihr nun endlich das lang ersehnte Rätsel offenbaren.

Also Gabi ist wirklich meine Mutter?, Annika blätterte mit zitternden Fingern durch die vergilbten Briefe, geschrieben in einer fremden Handschrift.

Ja. Du bist klug, Annika, das hast du längst verstanden.

Aber warum Annika rang um Fassung.

Warum sie dich zurückließ? Es gab Gründe, Kind. Ich erzähle alles. Bitte unterbrich mich nicht. Es fällt mir schwer.

Warte, Mama Ruth! Ist sie ist sie noch am Leben?! Annika umklammerte einen Brief. Das Papier riss zwischen ihren Fingern.

Nein, mein Liebling Gabi ist schon lange tot

Ruth weinte hemmungslos, und Annika wusste nicht, wie sie trösten könnte.

Der Abend senkte sich, die Schatten krochen immer näher an den Tisch, über den die Schreibtischlampe mit ihrem handgeknüpften Schirm, den Annika selbst einst als Schülerin gebastelt hatte, ein mildes Licht warf. Die Schatten schienen zu lauschen, als Ruth, in ihr Wolltuch gehüllt, leise und unaufhörlich sprach, aus Angst, nicht alles sagen zu dürfen.

Deine Mutter, Annika, war immer tapfer. Kletterte auf Dächer, sprang wie die Jungs, aber dumm war sie nie. Für sie hatte Leben stets einen Wert. Eltern, Bruder, Schwester sie verlor sie alle viel zu früh. Bei dem Unfall in Würgendorf war sie nicht dabei. Gabi war als Kind oft krank, der Vater schickte sie zur Erholung zu ihrer Großmutter ans Meer. Als sie zurückkommen wollte, war das Haus leer, alle fort. Sie kam dann zu meiner Mutter, die versprach, sich um Gabi zu kümmern. Gabi war keine Besucherin bei uns, sondern wurde meine Schwester, meine zweite Hälfte. Wir verließen uns blind aufeinander bis die Liebe kam

Was war?

Alles, Annika! Wir verliebten uns beide in denselben Jungen, ohne es zu merken.

Das ist ja wie im Roman!, staunte Annika.

Ja, aber nicht so romantisch Sobald wir es merkten, gingen wir beide auf Abstand. Leider hatte er längst ein Auge auf Gabi geworfen

Und dann?

Er war kein guter Mensch. Wir wussten es nicht! Die Liebe macht blind, Annika Sie sieht mit dem Herzen, wo der Verstand geboten wäre

Was hat er getan? Annika ahnte Schlimmes.

Er hat sie vergewaltigt. Hat sie am Fluss aufgelauert, wo Gabi abends schwimmen ging, und tat, was man nie verzeihen kann. Drohte ihr, wenn sie etwas sagte, würde er sie im ganzen Dorf beschämen!

Das hätte man doch nie geglaubt!

Ob mans geglaubt hätte wer weiß. Gabi entschied, zu schweigen. Nicht um ihrer selbst willen. Sie dachte an mich. Wer hätte mich noch geheiratet, wenn die Schwester als Schande galt? Schlechte Nachrede klebt, Annika

Was dann?

Sie vertraute sich meiner Mutter an, bat sie aber zu schweigen. Dann ging sie in die Stadt, suchte Arbeit in einer Fabrik. Dort erfuhr sie, dass du unterwegs warst. Die Ärzte verboten ihr, abzutreiben es drohten Komplikationen, sie würde nie wieder schwanger werden können. Also entschied sich Gabi für dein Leben, aber nicht dafür, dich großzuziehen. Sie brachte es nicht fertig, zu verzeihen, was ihr angetan wurde

Und der Täter? Annika brachte das Wort Vater nicht über die Lippen.

Gerechtigkeit kam auf ihre Weise. Ein halbes Jahr nach allem ertrank er in demselben Fluss betrunken, ins tiefe Wasser geraten. Die Mutter tobte, beschuldigte Gabi, doch niemand wollte davon noch reden. Als ich mit dir in den Armen ins Dorf zurückkam, halfen mir die Leute, wie sie konnten.

Und meine Mutter?

Gabi zog nach Norden, heiratete, aber das Glück war ihr nicht vergönnt. Eine schlimme Krankheit Sie kämpfte, verlor den Kampf. Vor ihrem Tod ließ sie mich rufen, bat, dich zu ihr zu bringen. Du warst ganz klein, hast dich gleich auf ihren Schoß gesetzt, als ob du es gewusst hättest. Wir blieben über einen Monat, dann schickte sie uns heim. Sie hatte Angst, dass du dich erschreckst, wenn sie in Schmerzen lag.

Annika ordnete schweigend die Briefe sorgfältig.

Jeden Tag, weißt du jeden Tag hat sie geschrieben

Sie wollte alles über dich wissen

Die Tränen fanden ihren Weg, Annika weinte leise, schlug den Blick auf ein Foto, das Ruth ihr reichte.

Ein fremdes Bild. Eine schlanke, blasse Frau hält ein kleines Mädchen auf dem Arm. Sie Annika.

Mehr gemeinsame Fotos habe ich nicht, Annika. Aber glaub mir sie hat dich geliebt! Ohne Reue, ohne Vorbehalt! Sie hätte dich, wenn sie Zeit gehabt hätte, wieder zu sich genommen, wäre dir eine wunderbare Mutter gewesen. Aber das Schicksal

Warum jetzt, Mama Ruth?, fragte Annika mit rauer Stimme. Die Frage ließ sie seit dem Brief nicht los.

Ich hatte einen Traum, Annika. Ich sah deine Mutter, so klar wie dich jetzt. Sie saß genau da, sah mich an, nicht böse nur traurig… Dann lächelte sie und sagte: Ich bekomme eine Enkelin, Ruth! Es wird Zeit! Da wusste ich es, da hab ich dir geschrieben und das Foto gesucht. Sieh doch mal genau hin fällt dir was auf?

Annika blickte auf das Bild ihrer Mutter und erstaunte über ihre Ähnlichkeit.

Wie ein Spiegelbild, Annika! Das Schicksal hat dich bewahrt, du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Du hast Glück, mein Kind du und deine Kinder!

Das liegt nicht am Schicksal!, entgegnete Annika mit fester Stimme. Was aus mir geworden wäre, wenn du mich nicht großgezogen hättest? Im Heim? Niemals hätte ich gelernt, meine Kinder zu lieben, meine Familie zu schützen. All das hast du mir gegeben. Erinnerst du dich, wie du meintest, Menschen müssten wie Nadel und Faden zusammenhalten, um Schönheit zu schaffen? Das ist deine Lehre! Dafür danke ich und Gabi danke ich, dass sie mich geboren hat. Aber meine Mutter bist du, Mama Ruth!

Annikas zarte Finger wischten Ruth die Tränen von der Wange. Und die Schatten, die in den Ecken der alten Stube wohnten, zogen sich unmerklich zurück für sie war kein Platz mehr.

Trinken wir Tee? schluchzte Ruth und küsste Annikas Hand.

Und essen Streuselkuchen! Wir sind hungrig, Mama Ruth!, sagte Annika, sammelte behutsam die Briefe, legte sie zurück und schloss die Schatulle, um Platz für das Gebäck zu machen. So ist es richtig!

Annika strich über die feinen Muster der Holzschatulle und räumte sie entschlossen vom Tisch ein Zeichen für Ruth, dass die Vergangenheit vergessen werden konnte.

Das Leben ging weiter mit neuen AufgabenMax legte sich schnurrend auf Ruths Pantoffel, während draußen der Regen an die Fensterscheiben trommelte und das alte Haus sich füllte mit dem Duft von Tee, Streuselkuchen und einer Wärme, die nicht vom Ofen stammte. Annika lachte leise, ihre Erschütterung wich einem Gefühl heilsamer Ruhe.

Weißt du, Mama Ruth, ich glaube, niemand verschwindet wirklich aus unserem Leben. Sie bleiben als Schatten auf den Dingen, die wir lieben und als Licht in den Menschen, die wir weiter schenken.

Ruth griff nach Annikas Hand und drückte sie fest. Die Uhr schlug acht, draußen brach für einen Moment der Regen auf und irgendwo im Garten klopfte ein verspäteter Eichelhäher ans Fenster, als wolle auch er noch um Einlass bitten.

Annika ließ Ruth nicht los. Sie atmete tief durch, als würde jeder Atemzug Raum schaffen für all das Neue, das jetzt kommen durfte. Sie lächelte erst für ihre Töchter, die sie morgen wieder umarmen würde, dann für Gabi, deren Schatten sie nicht mehr ängstigte, und zuletzt für Ruth, ihre wahre Mutter, ihre Freundin, ihre Heimat.

Komm, sagte Ruth da leise, morgen zeige ich dir den alten Quittenbaum im Garten. Da hängen noch ein paar Früchte, süß wie das Leben. Wir holen sie uns, wie früher.

Annika nickte, strich Ruth durchs Haar, und zum ersten Mal seit so vielen Jahren fühlte sie: Nichts war verloren. Dunkelheiten kommen und gehen, aber die Liebe bleibt lautlos und hell, wie ein Licht hinter zugezogenen Gardinen.

Die Schatten waren verschwunden. Und für Annika begann ein neuer Tag.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Verschwundene Schatten
Ich hasse dich nicht