Man muss aushalten
Hannah! Na los! Geh ihm nach! Schau doch, was das für ein Regen ist! Er friert sich noch was ab, kommt ins Krankenhaus! Nun! Gerda blickte unruhig aus dem Fenster, schaute nach ihrem Bruder, Hans.
Wenn er durchgefroren ist, kommt er schon von allein, erwiderte Hannah trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich bin erschöpft, gerade erst aus München mit dem Zug angekommen, und soll nun quer durch die Stadt laufen und den Vater suchen? Der ist ja erwachsen, der findet selbst zurecht!
Ach, wie sehr Hannah ihren Vater verachtete! Bis ins Mark, bis in die geballten Fäuste hinein. Es sind Jahre vergangen, doch verzeihen konnte sie ihm nie, obwohl Tante Gerda sie immer wieder ermahnte, dass es sich nicht ziemt, so lange nachtragend zu sein Wenn Hanna gekonnt hätte, hätte sie ihn angeschrien, die Augen zugekniffen und auf ihn eingeschlagen, ohne aufzuhören. Und Hans, ihr Vater, hätte alles stillschweigend ertragen, weil das eben so sein soll aushalten.
Gerda und Hans, richtige Geschwister, wuchsen getrennt auf. Ihre Eltern trennten sich, als Gerda sieben und Hans vier Jahre alt war.
Gerda nahm die Mutter mit in ein anderes Dorf, heiratete neu. Der Stiefvater schien Gerda nicht besonders zu mögen, aber er zeigte es nicht offen. Er lobte sie, wenn es sein musste, schimpfte, wenn sie was ausgefressen hatte. Anfangs war sie sich nicht sicher: Liebt er sie, oder duldet er sie bloß? Zärtliche Worte gab es keine, Basteln war nicht sein Ding, Zwinkern kannte er nicht also wohl nicht sein Fall, die kleine Gerda.
Doch eines Wintertages Gerda war zehn kam sie von der Schule, ging mit anderen Kindern zum Dorfteich. Ende Februar, Sonne wärmt schon, aber der Frost ist noch so bissig, dass die Hände in den Fäustlingen taub werden und die Nase abzufallen droht doch die Kinder lachten, liefen herum, bewarfen sich mit Schneebällen, rutschten die Hänge hinunter, auf Büchern und Täschchen, auf allem, was glitt.
Dann wollten sie aufs Eis. Gerda brach ein. Niemand begriff, warum gerade dort das Eis so rissig war, wieso da ein Loch klaffte aber als sie plötzlich komplett unterging, brachte keiner auch nur einen Ton heraus, die Kinder starrten nur entsetzt.
Eiskaltes Wasser stach ihr ins Gesicht, füllte die Augen, sie meinte, die müssten platzen vor Schmerz. Schreien wollte sie, aber wusste, das bringt nichts! Sie strampelte, aber die Füße in den Winterstiefeln schwer wie Holzblöcke. Sie hätte sie gern ausgezogen, aber die klebten förmlich an den Beinen. In den Ohren rauschte es, um sie herum blubberten Luftblasen nach oben.
Gerda reckte das Kinn, sah Licht, die Sonne stand genau über ihr, ihre Strahlen wie gespannte Wollfäden, sternförmig aus ihrem glühenden Zentrum.
Ach, wenn ich da jetzt hinaufkäme! Ein bisschen Wärme! schoss es ihr durch den Kopf, dann erinnerte sie sich an ihren Bruder, daran, wie sie im Sommer über die Wiese gerannt waren, die Mutter unter der Birke saß und ihnen Kränze flocht. Hans, der Kleine, kaum zu sehen im Gras; einmal hatte sie richtig Angst gehabt, er sei weg, rief und suchte, aber Hans schlich sich von hinten an, sprang ihr auf den Rücken Gerda spürte noch seine kleinen, festen Hände, die warme Haut und das vorsichtige Kichern.
Was wird aus ihm, wenn ich nicht mehr bin?! durchzuckte es Gerda, sie trat kräftiger, schaffte es, die Stiefel endlich loszuwerden, strebte zum Licht da stieß ein scharfer Schmerz in ihren Rücken, sie war an einem Ast hängen geblieben, Pochen zwischen den Schulterblättern, alles wurde dumpf und schließlich dunkel.
Achim, der nach der Nachtschicht noch im Unterhemd im Bett lag, rannte, als die Kinder wild schreiend hereinstürmten: Gerda ist eingebrochen! Am Teich! Sie ist untergegangen! Einer, der kleine Paul, schluchzte: Achim, hilf ihr! Bitte, rette sie!
Ohne zu zögern, fuhr Achim in die Stiefel, sprang die Haustür hinaus, durch den Hof, riss das Tor auf.
Ich muss es schaffen! Schnell! Es muss gehen! pochte es in seinem Kopf, Achim schnaufte und schwang die Fäuste durch die Luft. Laufen war schwer, die alte Kriegsverletzung machte sich bemerkbar damals, ein Splitter steckte noch in seinen Muskeln. Kein Problem, altes Weib, mich kriegst du nicht! dachte Achim, preschte zum Teich.
Das Loch im Eis, pechschwarz, unruhig, darin ein Bündel Gerda. Er sprang hinterher, packte sie, wuchtete sie aufs Eis, während schwarze Flecken ihm vor Augen tanzten, die Hände taub wurden, wie damals 1943, als er Serge aus dem brennenden Panzer geholt hatte.
Serge arbeitet heute mit Achim an der Traktorstation, kennt Motoren wie seinen eigenen Körper, flink, kräftig, nur das Gesicht gezeichnet vom Feuer. Achim hatte ihn damals getragen, mit den Zähnen gepackt, ihn herausgezogen. Serge weinte erste Schlacht, erste Verwundung… Los, Junge, du schaffst das, hörst du, du fällst nicht! hatte Achim geredet, bis alles gut war…
Auch heute muss alles gut werden!
Gerda lag schon auf dem Eis, Achim zog sich hoch, warf ein Bein auf die feste Schicht, dann das andere, stand endlich.
Gerda war schwer von der nassen Jacke. Die Knöpfe wollten nicht aufgehen. Achim schabte sich die Finger wund, die Haut platzte, aber er sagte nichts; nur rötliche Flecken auf dem Eis wurden mehr. Er zog ihr den Pelz aus, nahm sie auf den Arm, schüttelte sie voller Sorge beim Anblick ihrer blässlichen, blaugefrorenen Lippen.
Nein! Neiiiin! Gerda! Ziege! brüllte er, lief wie ein Bär mit dem Kind durchs Dorf, kopflos, verzweifelt.
Gerda röchelte plötzlich, musste sich übergeben. Achim legte ihren Kopf an seine Schulter, strich ihr über den Rücken, dann rannte er heim. Die Kinder stürmten hinterher, Paul voraus, um den Sanitätern zu sagen, dass Gerda zwar fast ertrunken, aber wieder atmet.
Im Bett, noch immer schluchzend, begann Gerda damals erst zu begreifen, wie sehr ihr Stiefvater sie in Wirklichkeit liebte schweigsam vielleicht, doch mit ganzem, verwundeten Herzen.
Hans blieb beim Vater. Der heiratete bald eine ernste Frau mit markanten Augenbrauen. Sie zogen in ein Zimmer, das früher wohl von Nonnen oder Klosterschülern bewohnt worden war: Backsteinwände, niedrig, fast wie im Keller. Nachts glaubte Hans, das Flüstern der früheren Bewohner zu hören, leise klimpernde Kreuze, Weihrauchduft in der Luft. Oder bildete er sich das ein? Als kleiner Junge war er verstört, verstand nicht, warum die Mutter ihn nicht mitgenommen hatte und warum diese neue Mutter, Olga, ihn nie an die Hand nahm, kein Schlaflied sang, nicht auf seine Kratzer pustete, sondern immer nur sagte: Hans, musst du eben aushalten. Gott hat gelitten, wir sollen auch. Schlaf jetzt. Dreh dich um und schlaf!
Olga bekreuzigte sich, Andreas, Hans Vater, schimpfte sie dafür, schlug manchmal zu, aber Olga kauerte sich einfach auf den Boden, zuckte zusammen und schwieg.
Und sie schlug auch Hans, wenn sie allein zuhause waren. Bald lernte Hans sich zu verstecken kletterte durchs Fenster in den kleinen Garten, wo die Nonnen Rudbeckien hinterlassen hatten, groß und gelb leuchtend wie Sonnen. In der Erde wucherte wilde Erdbeere, mit dunklem Laub und saftigen roten Früchten. Hans merkte sich genau, wo die Beeren reiften, schlich sich, wenn Olga nicht da war, heran und naschte sie heimlich im Schatten. Olga schimpfte später über seinen klebrigen Mund.
Was hab ich denn getan, Tante? piepste Hans, dünn, blass, halb verhungert.
Völlerei ist das! Man muss sich beherrschen! klärte ihn Olga auf.
Andreas schien das alles nicht zu merken, schuftete irgendwo in der Werkhalle, kam abends spät und roch nach Öl, Metallspänen, Schweiß und Bier. Manchmal schrie er nachts, als sei er wieder im Krieg. Hans wollte dann weglaufen, wollte zu Gerda, sie sollte ihn halten, ihren warmen Atem in seine blonden Haare hauchen und irgendetwas über Tauben und Brotkrumen singen Doch Olga fuhr ihn nur an, er solle gefälligst aushalten.
So hielt Hans aus. Als die altmodischen, schiefen Schuhe drückten, die ihnen Nachbars geschenkt hatte, als er Süßes wollte, aber Olga verbot, Bonbons oder Zucker zu kaufen, als sie den Honig, den Nachbars brachten, für Notzeiten verbarg.
Er wartete, bis Olga weg war, kroch zum Schrank und stibitzte Honig, tauchte den Finger ein und leckte mit zugekniffenen Augen doch der Vater erwischte ihn, schlug ihn für Diebstahl.
Ich hatte so eine Lust darauf flüsterte Hans voller Angst, ertappt auf dem Hocker vorm Schrank.
Der Vater knallte die knarzende Tür zu, das Glas schepperte, Teller klirrten. Hans fiel vom Hocker, es tat weh. Aber er schwieg, hielt aus. Was blieb ihm sonst? Hoffen, dass Gerda ihn irgendwann abholen würde
Hans sah seine Schwester nach der Trennung der Eltern nur noch selten.
Gerda, nimm mich mit dir! murmelte Hans, während sie Leckereien auf den Tisch stellte. Ich will mit dir und Mama leben! sagte er, blickte zur Mutter. Die biss sich auf die Lippen, blickte zur Seite.
Das geht nicht, Hannschen. Bei Mama ist bald ein Baby unterwegs, unsere Hütte ist winzig, und da wohnen ja noch Papas Eltern… Du musst noch durchhalten, Hans, dann bist du groß genug und kannst gehen, ja? Hans
Gerda, Papa schlägt mich! flüsterte Hans noch leiser. Es tut so weh, am Rücken! Hol mich raus! Hast du einen guten Vater?
Gerda nickte. Sie hatte den besten Papa der Welt. Er nennt sie Ziege, bringt von der Kirmes Bändchen, Perlen und vor allem Bücher mit. Er liebt, wenn Gerda ihm vorliest
Warte, ich frag die Mama! sagte sie, tuschelte mit der Mutter, doch die wiegte nur den Kopf.
Wir haben das alles schon entschieden, Gerdalein. Das geht nicht anders.
Hans begriff nie, worin er seiner Schwester unterlegen war, warum ihn die Mutter nicht zu sich holte, warum sie nie die Arme nach ihm ausstreckte.
Aber Gerda hatte gesagt, er solle aushalten dann würde er das tun
Jahre später hatte Andreas Parteikarriere gemacht, gemeinsam mit Olga zogen sie auf die Schwanthalerhöhe. Wieder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, gemeinsam genutzter Flur, fremde Menschen ringsherum, aber immerhin kein Keller mehr, kein Klostermief in der Luft. Für Hans richteten sie eine Ecke ab, abgeteilt mit einem gelb geblümten Vorhang.
Hans kam auf eine andere Schule, war aber unauffällig, fleißig, das war alles.
Du hast ein Hirn aus Stahl, Hans! klopfte ihm der Vater auf die Schulter. Du kommst weit!
Und Hans kam weiter: Abitur, dann Studium an der TU. Ins Wohnheim hätte er ziehen können, sich endlich emanzipieren, die Vorhänge abreißen, neue Kraft tanken aber Olga wurde krank, und wie sollte er sie im Stich lassen? Sie hat ihn doch aufgezogen! Andreas war dauernd unterwegs, jetzt fuhr er einen hohen Beamten herum, der schickte Hans ab und zu Anzuggutscheine, half ihm mal zu Möbeln. Nun hatte die Familie schicke neue Schränke, Nachbarn kamen neidisch gucken. Aber Olgas Schmerzen tauchten alles in Dunkelheit. Hans pflegte sie, fühlte sich verpflichtet.
Sie sollten ins Krankenhaus! Mit dem Magen ist nicht zu spaßen! meinte die Nachbarin, brachte Brühe. Nehmen Sie zumindest ein paar Löffel!
Es geht schon, mein Körper nimmt nichts mehr an. Muss eben aushalten! wandte sich Olga ab. Sogar die Suppe stank nach Tod
Hans ertrug ihre Launen, das Gestöhne, wie sie ihm die Finger ins Fleisch drückte, die Zähne aufeinanderbiss.
Am Ende, kurz vor ihrem Tod, trat sie nach ihm aus, zischte, es sei alles seine Schuld.
Hans zuckte zusammen, sah sie erschrocken an.
Ja! Wegen dir! Wozu hat Andreas dich nur mitgebracht?! Du hast uns alles weggegessen, alles war nur für dich, ich bekam nur Krümel! spie sie ihm entgegen. Du Satansbraten! Geh weg! Wie lang muss ich das noch aushalten?
Hans war damals zweiundzwanzig. Achtzehn Jahre lang hatte man ihn gehasst, verhungern lassen, ihm eingeredet, er sei das personifizierte Übel auf zwei dürren Beinen
Nach Olgas Beerdigung sagte Andreas, er verreise.
Die Ecke ist jetzt deine, pass auf dich auf! rief er noch über die Schulter. Oder mach, was du willst!
Und ging. Hans fragte sich immer, ob der Vater ihn je geliebt hatte. Wenn nein, warum hat er ihn dann behalten? Wenn ja, warum nie etwas gesagt? Es wäre doch so leicht gewesen: Du, Hans, ich lieb dich, so, wie ichs eben kann! Sei ein guter Kerl, freu dich am Leben!
Er sagte nichts. Stieß nicht mal auf die Nachbarn an zum Abschied.
Erst Jahre später begann Hans zu ahnen, dass sein Vater längst gebrochen war. Suchte, suchte, hätte nur stehen bleiben, Luft holen, den Sohn ansehen müssen. Hans spricht es erst am Grab aus: Dass er immer wartete, dass der Vater ihm endlich sagt, dass er stolz auf ihn ist, dass er aufhört zu schlagen. Immer nur hoffen und aushalten.
Zu Vaters Beerdigung kommt auch Gerda. Sie ist erwachsen, will bald heiraten.
Es ist jetzt vielleicht nicht angebracht, aber Hans, kommst du zu meiner Hochzeit? Ich würde dir gerne Peter vorstellen, der ist wirklich wundervoll!
Hans nickt. Er weiß, Peter muss gut sein, ja, er wird kommen.
Gerda sieht aus wie die Mutter gleiche Augen, eckige Wangenknochen, dunkle, geflochtene Haare, große, kräftige Hände, und das Muttermal am rechten Handgelenk
Beim Abschied umarmte sie Hans, hauchte ins Ohr, wie einst als Kind, doch beide wussten, sie sind sich fremd geworden, jeder hat sein Leben
Zur Hochzeit fuhr Hans dann doch nicht, war sich nicht sicher, kam sich fehl am Platz vor, oder es gab was zu tun Er sandte ein Glückstelegramm.
Dann begann für Hans eine neue Lebensphase. Er entdeckte, was es heißt, Frau und Partnerschaft zu haben.
Sonja, Studentin an seiner Uni, tauchte eines Tages mit Notizheften in seiner Wohnung auf, angeblich brauchte sie Mitschriften. Ihr gefiel das große, helle Zimmer, der hohe Schreibtisch. Hans tigerte hinter ihr her, erklärte schüchtern, wie es dazu kam, so eine Wohnung zu haben
Hänschen, ich bleib ein paar Tage hier, ja? Bei uns ists so eng, das Wasser eiskalt, ich verkühle mich sonst! Ich bin doch ganz schmal, nehme nicht viel Platz ein! plapperte Sonja, doch plötzlich fing sie an zu weinen:
Weißt du, ich kann das Heimgedöns nicht mehr aushalten! Ich bin aus dem Kinderheim, immer nur fremde Zimmer, nie eine eigene Tasse, alles gehörte immer allen ich will jetzt normal leben, Hans!
Sie schluchzte, schmiegte sich an ihn, streichelte ihn, sagte liebe Worte, von denen Hans rot wurde. Sonja liebt ihn, und deshalb ist das schon richtig so! Sie liebt ihn, kommt ihm nah, ist zärtlich, ganz anders als andere
Nach einem Monat heirateten sie. Einfach standesamtlich, danach gleich zurück in den Alltag: Hans zur Arbeit, zum Glück vermittelte der väterliche Freund ihm im Fuhrpark eine Stelle, Sonja zum Studium.
Hans wechselte auf Abendkurse, arbeitete tagsüber in der Werkstatt. Verdiente eigenes Geld endlich! Seine Familie, seine Frau liebt ihn. Ob er Sonja ebenfalls liebte, wusste er selbst nicht recht. Sie war die erste, hatte viele Fehler, doch Hans beschloss, er könne das schon aushalten.
Sonja setzte sich durch, alle Nachbarn achteten auf sie, man rauchte nicht mehr in der Küche, sprang zur Seite, wenn Sonja mit ihrem runden Bauch durchkam.
Wollt ihr, dass ich ein missgebildetes Kind bekomme?! stieß sie den Nachbarn an. Raucht gefälligst draußen! Und ihr auch! knallte sie die Küchentür vor der Schuldigen zu, war aber im nächsten Moment schon freundlich:
Jetzt, wo wir schon zusammen sind, geben Sie mir bitte etwas von Ihrer Bratkartoffel! Sie duftet so köstlich!
Und der eingeschüchterte Nachbar gab ihr etwas ab, wusch Sonjas Teller ab, war fast devot.
Hans! Geh weg, du stinkst! meckerte Sonja nachts.
Womit denn, Sonja? Ich war doch grad im Bad, hab meine Sachen im Flur gelassen! flüsterte Hans, versuchte, sie zu umarmen.
Fisch! Du riechst nach Fisch! Weg, du machst mich krank! Hände weg!
Wohin denn bloß? raufte Hans perplex die Haare.
Mir egal, schlaf auf der Küchenbank!
Sonja drehte sich zur Wand und schlief, Hans zog sich an, torkelte in die Küche, döste auf dem Stuhl, schlief halb im Sitzen. Egal man muss eben durchhalten. Wenn das Baby da ist, wird alles normal
Sonja bekam die Tochter zu früh, regte sich auf: zu winzig, Zahnfleisch tut beim Stillen weh. Im Krankenhaus warf sie dem Personal vor, schmiss sich immer wieder die Zigarette in den Hals, wusch das Baby mit Abscheu, verzog das Gesicht.
Halt doch ihren Kopf! Der Nacken ist ganz weich! rief die Schwester entsetzt, nahm das Baby. Gib her, ich mach das! Sonst bringst du sie noch um!
Mein Kind! Her mit ihr! fauchte Sonja. Oder Nimm sie, bring sie dahin, wo ihr sie alle hinlegt!
Andere Mütter warfen mitleidige Blicke auf die runzlige, rote Marie, die stiefmütterlich in die Decke gewickelt wurde.
Warum kriegen solche Frauen Kinder? raunten sie hinter Sonjas Rücken. Die ist ein Teufel
Als Hans Frau und Tochter nach Hause brachte, hatte er Angst vor dem Baby. Es wimmerte, das Gesicht verkniff sich komisch, sah unheimlich aus.
Sonja Was mache ich mit ihr? flüsterte er, als Sonja nach drei Tagen erklärte, zu einer Freundin zu gehen. Sie muss doch gefüttert und gewickelt werden
Na, dann mach mal. Ich saß neun Monate hier, eingesperrt wie im Käfig. Jetzt reichts mir. Komm zurecht! winkte Sonja ab. Guck, wickel die Kleine, und deine Hose hat sie jetzt auch gleich nass gemacht! kicherte sie, tippte Hans auf die Nase und verschwand, schön geschminkt.
Hans trug Marie wie eine Glasfigur, wiegte sie, schaute sich hilflos um. Er beschloss, auszuhalten. Sonja sei eben erschöpft, braucht Abwechslung.
Wir halten durch, Marie! versuchte er die Kleine zu beruhigen.
Hans wurde kein guter Vater. Das Wickeln übernahm Nachbarin Irene, das Kind wurde mit der Flasche groß. Sonja? Sonja band sich die Brust ab, wollte keine Milchkuh sein. Dann kam übler Milchstau, zweimal Krankenhaus, dabei traf sie den jungen, aussichtsreichen Assistenzarzt, der in der Drei-Zimmer-Wohnung seiner Eltern lebte, Gitarre spielte und mit Frauen umgehen konnte.
Zwei Jahre lang hielt Sonjas Affäre sie schloss das Studium ab, ließ einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, machte Hans eine Szene und schrie, er solle eine eigene Wohnung besorgen.
Wer gibt mir die denn, Sonja? entgegnete Hans leise. Ich hab noch keinen Abschluss, das dauert. Halte aus. Aber Marie kann jetzt in die Krippe, dann hast dus leichter
Sonja verzog das Gesicht.
Nein, mein Lieber! Du hast es dann leichter! Ich bin weg! Sie stieß die Tochter beiseite.
Wohin? fragte Hans verdutzt. Zu deiner Freundin? Aber Marie Ich muss zur Uni
Du bist erbärmlich, Hans, ein Schwächling und ein Trottel! Sonja lachte, Mit dir kann man Seile drehen! Aber das ist zu langweilig. Halt weiter aus. Ich bin für immer weg!
Wohin denn? Du hast ja keinen Koffer Hans zuckte mit den Schultern. Nimm meinen.
Hans wurde kein guter Vater. Trösten, spielen, Geschichten erzählen das konnte er nicht. Nur aushalten und Marie das beibringen.
Marie weinte vor Bauchweh, er bat sie auszuhalten, rief keinen Notarzt. Sie wollte nicht in der Krippe bleiben, klammerte sich an ihn wie ein Äffchen, aber er schob sie sanft beiseite: Halt durch
Hans wurde bemitleidet: Allein, Frau weggelaufen, Kind sitzen gelassen, Hans schlägt sich so durch, sagt immer nur: Egal, wir halten das aus!
Marie kam nur am Wochenende nach Hause, saß am Teppich, spielte, interessierte sich kaum für Hans. Montags ging sie brav wieder los. Im Sommer fuhr ihre Gruppe aufs Land, Hans packte alles, brachte Marie zum Bus und bat sie, auszuhalten bald würde er kommen.
Und er kam, brachte Naschzeug, Kuchen von der Nachbarin, Spielzeug, aber Marie war gleichgültig, wandte sich rasch ab.
Marie! rief Hans der kleinen, krummbeinigen Tochter hinterher, aber sie sah nicht zurück.
So lebten sie weiter. Als Marie zur Schule kam, freute Hans sich fast nun ist sie groß, macht alles allein.
Mit dem Schreiben haperte es, Mathe ging grade so, aber Geduld fehlte; sie sprang lieber herum, spielte, als fleißig Buchstaben zu üben.
Die Lehrer schimpften, riefen Hans zu Gesprächen, wollten einen Ausschuss einberufen, aber als sie sahen, dass er alleinerziehend war, taten sie es doch nicht. Arme Aufgabe
Hans erduldete alles, biss die Zähne zusammen, hoffte weiter, irgendwann könne seine Gerda ihn retten. Von sich aus rief er sie nie an, wollte sie nicht stören…
Marie, neun Jahre alt, kam eines Tages zu früh nach Hause, warf sich aufs Bett, kauerte sich zusammen und wimmerte leise.
Was hast du denn? Irene schaute herein. Bist du krank?
Nein, wohl verdorben. Ich halte durch! murmelte Marie.
Na sieh zu! Und wenn was ist, ruft einen Arzt! Ich hab Nachtschicht, der Vater muss sich kümmern.
Irene ging, Marie krümmte sich weiter, fröstelte, die Zähne klapperten
Hans kam spät nach Hause viel auf der Arbeit zu tun, jetzt ist er Ingenieur. Nach der Besprechung traf er Sonja, die ebenfalls in der Firma arbeitete, spielte wieder die Verlassene, schmiegte sich an seine Hand. Hans Herz schlug, in ihm alles schwankte. Sonja liebt ihn! Wieder!
Er kam um elf, wirr im Kopf, legte sich sofort hin. Marie stöhnte, redete etwas von Bauchschmerzen, Fieber.
Halte durch, hast wohl was Falsches gegessen! sagte er nur. Bald kommt Sonja am Wochenende, bringt Kuchen mit.
Papa, es tut sehr weh! rief Marie abermals. Bitte ruf einen Arzt!
Ach, Kind, jetzt doch nicht! Wer ruft nachts um zwölf schon einen Arzt? Schlaf, halte aus, es geht vorbei. Hans schlief ein, vor Augen Sonjas nackte Gestalt, wie beim ersten Mal, sie raunte ihm Schmutziges zu…
Er wachte davon auf, dass ihn jemand kräftig ins Gesicht schlug, so wie seine Stiefmutter es tat.
Aufstehen, Hans! Marie stirbt! brüllte Irene. Sie ist fast zu weit gegangen! Was bist du für ein Vater, was für ein Mensch?!
Gerda kümmerte sich täglich um ihre Nichte, badete, fütterte sie Sie machte sich bittere Vorwürfe, nicht früher ins Leben des Kindes eingegriffen zu haben, aber Hans hatte nie geschrieben, nie etwas erzählt! Alles in Ordnung, ein wenig aushalten, dann wirds schon das war alles, was man von ihm hörte.
So, Marie, pack die Sachen, morgen fährst du nach Hause, ihr werdet entlassen, sagte die Krankenschwester. Freust dich bestimmt schon?
Doch Marie fing an zu weinen. Sie wollte nicht, freute sich nicht. Sie würde es ihrem Vater nie verzeihen, dass er ihr nicht geholfen hatte, sondern nur sagte, sie solle aushalten…
Tochter Marie, was ist denn los? Hans stand ratlos an der Schwelle.
Geh weg! Geh weg! Tante Gerda, schick ihn raus! schrie Marie. Wegen dir hatte ich solche Schmerzen, es tut immer noch weh! Geh!
Sie zog zu Tante Gerda. Hans hatte nichts dagegen. Er hatte genug gelitten: Marie mit ihrem zerrissenen Blinddarm, Sonja lockt ihn und stößt ihn wieder weg. Gerda schaut nur streng, tadelt ihn. Dabei hat sie auch ihren Hans sitzen lassen, damals Er muss zur Ruhe kommen, zu sich finden
Hans lebte von da an allein, heiratete nicht mehr. Wozu auch? Genug mit Aushalten. Wenigstens hat er sein eigenes Zimmer, nur seinen Job. Doktorarbeit auch durchgestanden, schwierig zwar, aber zumindest geschafft!
Jenen Herbst überredete Gerda Marie, ihren Vater zu besuchen und ihm von einem wichtigen Ereignis zu erzählen.
Hol ihn ab, Marie. Sieh, da hockt er auf der Bank. Willst du ihn denn für immer meiden? Das ist doch dein Vater, ein Teil von dir… begann Gerda wieder, doch Marie blickte sie kalt an.
Die presste die Lippen aufeinander, griff nach dem Mantel und rannte hinaus.
Gerda sah, wie Marie durch das trübe Regenwetter lief, sich die Tropfen vom Gesicht wischte, die Brauen wütend zusammenzog.
Da bist du ja! stampfte sie empört, als sie Hans entdeckte. Komm heim, Zeit zum Essen.
Hans hob langsam den Kopf, lächelte, als hätte er einen Engel gesehen.
Marie Mariele… flüsterte er. Du musst nicht draußen bleiben, ist zu kalt. Geh lieber heim…
Ich bin deinetwegen hier! Los, aufstehen! Papa, was machst du denn! Marie zog ihn am Arm Richtung Eingang.
Warum bist du gekommen, Tochter? Wenn es meinetwegen ist, musst du nicht, ich komme schon klar. Nein, ich halte nicht mehr aus, ich lebe einfach. Quäl dich nicht, Kind, sagte er, starrte den Fußboden an, zog den nassen Mantel aus.
Ich bin nicht deinetwegen da, Vater. Ich Ich wollte nur sagen, dass ich heirate. Du solltest es wissen.
Hans erstarrte, schluckte. Tatsächlich Marie ist ganz erwachsen, heiratet Was ist er jetzt Schwiegervater? Und der Bräutigam? Was, wenn Hans ihn nicht leiden kann? Wie soll er all diese Gefühle nur aushalten?
Aber das kommt erst noch. Jetzt sitzen sie: Gerda, Marie und Hans am Tisch, trinken Tee und schweigen.
Marie seufzt, schaut sich um. Nichts hat sich hier verändert, die alten Tapeten sind immer noch genau so eingerissen, hängt wie eh und je. Und der Vater? Er hat sie einfach ignoriert
Heute kam Marie nicht ihretwegen, sondern ihretwegen selbst. Bevor man was Neues beginnt, muss das Alte zu Ende gehen, vergeben, den Vater vielleicht neu lieben lernen.
Du weißt, Marie, dein Vater Hans war nicht schuld, dass ihn seine Mutter nicht wollte, Stiefmutter und Vater auch nicht. Er ist Opfer von sich selbst und der Vergangenheit. Vielleicht bin ich die Schuldige, wer weiß Er ist noch immer der Junge, der auf dem Hocker saß und heimlich Honig naschte, einfach, weil er schon so lange ausgehalten hat Er lebt, wie er kann und tut das heute noch. Ich verlange nicht, dass du ihn liebst, Mariechen, aber ich wünsche, ihr verlierst euch nicht, wie ich ihn einst Gerda streichelte ihre Nichte. Nun ist es eben so
Marie nickte. Es war schwer, aber vielleicht gibt sie ihm noch eine Chance. Um ihretwillen. Und um Tante Gerda willen.





