Drei Akkorde

Drei Akkorde

Magst du sie etwa?

Die Stimme von Sascha, meinem besten Freund, ertönte hinter mir und ließ mich fast zusammenzucken. Der Besen in meiner Hand geriet ins Schwingen, woraufhin Sascha laut den Flur entlang schrie und damit die Aufmerksamkeit der Mitschüler auf sich zog:

Max, bist du verrückt?! Wofür denn das?!

Für eine Entschuldigung war es zu spät. Die Klasse lachte, ließ die Arbeit fallen, und aus dem Lehrerzimmer lugte Frau Olga Nagel hervor.

Was ist das für ein Chaos? Wir haben Unterricht!

Die 9b, die für ihren Klamauk gleich eins auf den Deckel von ihrer Lieblingsgeschichtslehrerin bekam, griff eilig zu den Besen und tat so, als wäre nichts gewesen.

Mit Frau Olga Nagel war nicht zu spaßen. Es blieb nie nur bei einem Elternabend als Strafe für Unfolgsamkeit oder Streiche. Unsere Klassenlehrerin hatte eine ganz eigene, raffinierte Methode, die man an keiner Uni lernt: Sie konnte eine Stunde lang monotone Standpauken halten, ohne Rücksicht auf Widerspruch. Da hielten selbst die schlimmsten Rabauken nach fünf Minuten den Mund, und nach zehn wollten sie am liebsten nach Hause. Wer je eine halbe Stunde mit Frau Nagel im Mathezimmer verbracht hatte, wagte es nie wieder, sie zu provozieren.

Gleichzeitig war sie für die, die ihr Respekt entgegenbrachten, alles: Königin, Gott und Hauptmann. Sie konnte jedes Problem lösen von Noten bis zu Streitereien und schaffte es sogar, die hartnäckigsten Gegner zu versöhnen. Ihre Unterstützung war nicht nur ein Wort, sondern eine Tat, und das wusste die ganze Schule.

Besonders, seit Lena Peters, deren Mutter sie verlassen hatte, bei Frau Nagel unterkam. Lena sollte eigentlich ins Heim kommen, aber Frau Nagel fand: Ein Kind gehört nicht ins Heim. Lenas Mutter hatte sie und ihren Stiefvater verlassen, da war Lena erst in der fünften Klasse. Seitdem lebte Lena bei Frau Nagel, wurde beste Freundin ihrer Zwillinge und sah sie längst als ihre echte Mutter an eine, die nie verrät und nie im Stich lässt.

Wie Frau Nagel es schaffte, Lena davon zu überzeugen, dass sie keine Schuld an der Trennung ihrer Mutter trug, wusste niemand. Aber Lena, die das lange glaubte, beruhigte sich und nahm sich vor, ihre eigenen Kinder nie so zu verlassen. Es gibt eben wenige wie Frau Nagel, und nicht jedem ist ein solches Schicksal vergönnt.

Erst habt ihr Frau Liebe zur Weißglut gebracht, jetzt seid ihr an mir dran? Olga Nagel kniff die Augen zusammen, fegte über den sowieso schon sauberen Flur und überlegte: Soll ich einfach mal eine Klassenstunde machen

Nein!

Alle schrien das so laut im Chor, dass im Chemieraum etwas zu Bruch ging, und die Sonja, auf die ich Maxim schon eine ganze Weile starrte, drehte sich zu den Fenstern um und ließ den Ball ihrer Gegner durch.

Die 9a stöhnte, weil sie wusste, dass sie verlieren würden, und Sonja schaute verwirrt zur Volleyballfläche wie hatte sie nur den Ball verfehlen können?

Ich sprang vom Fensterbrett, bekam direkt einen Klaps gegen den Kopf von dem beleidigten Sascha, und grinste entschuldigend, während er sich die gerötete Wange rieb.

Sorry! War keine Absicht!

Ja ja! Keine Absicht! Und das vor den Mädels!

War wirklich keine Absicht!, verteidigte ich mich, aber Sascha hatte seinen Ärger bereits vergessen.

Schon gut, ich verzeihs dir! Du hast doch wieder nach Sonja geguckt, stimmts? Ich würd für sie auch einen Besen schwingen!

Verlegen senkte ich den Blick.

Ich…

Worüber ich seit Wochen nachgrübelte und nachts nicht schlafen konnte, konnte ich nur Sascha anvertrauen.

Ich hab ein Lied geschrieben, gestand ich plötzlich, aber… sie wird es eh nie erfahren…

Wieso? Sascha setzte sich aufs Fensterbrett und warf einen Blick auf die unverschlossene Tür zum Lehrerzimmer.

Weil ich weder singen noch Gitarre spielen kann. Selbst wenn ichs wollte, könnte ichs nicht vortragen.

Na und?! Ich brings dir bei!, stieß Sascha mir in die Seite. Er wusste genau, dass ich kitzlig war.

He!

Und den Text hast du selbst gemacht? Oder irgendwo abgeschrieben?

Selbst!, empörte ich mich und zog einen zerknitterten Zettel aus der Hosentasche. Hier!

Vielleicht waren die Zeilen keine große Poesie, aber ehrlich waren sie, mit allem, was ich für Sonja empfand: ihre Art zu gehen, ihr warmes, offenes Lächeln. All das, was ich fühlte, wenn ich sie ansah und sie nicht einmal ahnte, dass ich überhaupt existierte.

Bloß ein Junge aus der Parallelklasse. Nichts Besonderes.

Sascha riss mir das Blatt aus der Hand, ohne zu fragen.

Na, was haben wir denn da? Goethe, oder eher Schiller?

Blödmann! Schiller hat keine Liebeslieder geschrieben! Oder kaum!, versuchte ich mir das Blatt zurückzuholen, aber Sascha hielt es fest wie eine Klammer.

Na, das weiß ich doch! Unsere Frau Meier hätte mir den Kopf abgerissen, hätte ich Heinrich Böll mit Wilhelm Busch verwechselt!

Jetzt musste ich lachen. Frau Meier, unsere Deutschlehrerin, war für uns ein Idol. Niemals schimpfte sie bei schlechtem Benehmen bei ihr herrschte stets absolute Ruhe. Keiner wollte während ihrer Stunde nachsitzen, denn Frau Meier nahm dann nicht nur die versäumte Lektion durch, sondern alles seit der fünften Klasse. Und wehe, man antwortete nicht!

Aber über Literatur sprach sie so lebendig, dass keiner zu atmen wagte selbst ein Kochbuch hätte sie so erzählen können, dass jeder Regisseur eine Verfilmung geplant hätte.

Der Unterricht war nie langweilig: Wir durften alles fragen, teils auch per Zettel, und sie antwortete stets direkt. Manche Mütter stritten sich darüber bei Elternabenden mit dem Direktor, aber Frau Meier blieb dabei: Besser offen reden, als zu schweigen, bis es zu spät ist.

Zu Frau Meier ging ich mit meinen Gefühlen, als ich mich endlich traute, sie auszusprechen.

Sie verstand mich.

Liebe, Maxim, ist etwas Wunderschönes!

Wirklich?

Absolut. Da bin ich mir ganz sicher.

Aber wie soll ichs ihr sagen?

So, wie es ist. So einfach wie Wasser trinken. Aber nur, wenn du sicher bist, dass der Moment richtig ist.

Ich bin nicht sicher…

Dann schweig noch. Trag es in dir, bis du spürst, dass es raus muss.

Ich hab Angst…

Das ist okay!

Warum?!

Weil das heißt, du bist nicht dumm, Maxim. Dumme Menschen denken nicht über die Folgen nach, kluge schon. Deine Angst ist verständlich. Wenn du Angst hast, ist es vielleicht noch nicht wirkliche Liebe ein ähnliches Gefühl vielleicht, aber eben noch nicht ganz.

Warum?

Weil Liebe keine Angst kennt. Sie ist lebendig, sie geht einfach ihren Weg. Du musst ihr wachsen lassen.

Ich weiß nicht…

Vertrau darauf: Wenn deine Angst weg ist, wirst dus merken. Warte einfach.

Ich überlegs mir…

An Max Lied schrieb ich fast ein Jahr! Die Worte wollten sich einfach nicht fügen. Sie kamen nicht, wenn ich sie brauchte, sie halfen mir nicht, das auszudrücken, was ich Sonja sagen wollte. Ein endloser Kampf mit mir selbst aber aufgeben kam nicht in Frage.

Irgendwann kamen die richtigen Worte, und das Chaos in mir beruhigte sich etwas. Nun hielt Sascha meinen Songtext in Händen, und ich hatte Angst.

Ich schob die dunklen Gedanken beiseite und nickte Sascha zu, dass er lesen durfte, was meinem Herzen entsprang.

Beim ersten Vers hörte Sascha auf zu lachen, beim Refrain runzelte er die Stirn, und am Ende gab er mir das Blatt wortlos zurück.

Gibs ihr!

Spinnst du?!

Gibs ihr. Sonst war alles umsonst.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Also ging ich einfach zu Sonja, die gerade aus dem Sportunterricht kam, und gab ihr das Blatt. Meine Erklärung war verworren und stotternd, aber Sonja nahm es. Sie lächelte, als sie zum Physiksaal eilte.

Und ich fühlte mich, als hätte ich plötzlich Flügel! Leichtfüßig lief ich die Treppe zur Umkleide hinunter, schnappte meine Jacke und stürmte hinaus und wartete nur noch darauf, dass mein Handy im Hosentasche vibrierte und mir signalisierte, dass meine Gefühle vielleicht nicht ganz unbeantwortet blieben.

Und mein Handy spielte tatsächlich eine Melodie doch kein Schwanengesang, sondern eher ein düsterer Marsch.

Leute! Max ist ja richtig Poet! Schreibt Songs! Seht selbst!

Im Parallelklassen-Chat prangte das Foto des zerknitterten Blattes, die Likes und Sprüche sammelten sich darunter.

Manche lachten, einige schwiegen lieber, und am aktivsten war einer, von dem ich das am wenigsten erwartet hätte.

Sascha…

Am liebsten hätte ich das Handy auf den Boden geworfen. Der Verrat schnitt so tief, dass ich zunächst wie gelähmt war; erst nach einer Weile bemerkte ich, dass das kurze Video, worin Sascha meinen Text kommentierte, noch in der Schule aufgenommen worden war, genau vor dem Lehrerzimmer dort, wo wir heute noch mit Besen heirumblödelten, ohne zu wissen, wie schnell sich alles ändern kann.

Zurück zur Schule dauerte es nur ein paar Minuten. Sascha wartete immer noch auf dem Fensterbrett vor dem Lehrerzimmer, schmunzelte über die Kommentare, die unter seinem Post auftauchten.

Warum? Mehr brachte ich nicht heraus.

Ach komm mal runter! Es war doch nur ein Spaß!, sprang Sascha herunter und hielt mir sein Handy unter die Nase. Jetzt bist du berühmt! Jetzt wird’s Sonja bestimmt zu schätzen wissen, was? Sonja?

Er redete zu der Person, die hinter mir stand. Ich drehte mich nicht um ich wusste auch so, dass Sonja gemeint war.

Ich stieß Sascha beiseite und lief zur Treppe, drehte mich noch einmal um: Sonja zuckte gleichgültig die Schultern und wandte sich ab, ohne ihn oder mich einem weiteren Blick zu würdigen.

Das zerknitterte Blatt auf dem Boden sagte mehr als tausend Worte.

Wie ich aus der Schule raus und wohin ich lief ich sah nur noch auf den Boden und wusste es nicht. Ich erwachte erst, als ich am Flussufer außerhalb der Stadt stand.

Wie ich dort hingekommen war keine Ahnung. Erst als ich auf die Uhr sah und mein Handy aus der Tasche zog, erschrak ich richtig: Meine Mutter, die sich an dem Tag frei genommen hatte, um mit mir zum Zahnarzt zu fahren, hatte mich jede fünf Minuten angerufen und ich hatte nichts bemerkt.

Mama…, tippte ich auf ihren Namen.

Oh Gott! Maximilian! Alles in Ordnung?!

Ihre Stimme war so voller Sorge, dass ich sofort zurück nach Hause rannte.

Vor weniger als einem Jahr waren wir allein, seit Papa beschlossen hatte, dass sein erwachsener Sohn und die alte Ehefrau gegen eine neue Version austauschbar seien.

Wie genau es damals zwischen meinen Eltern lief, weiß ich nicht. Sie fanden, ein Kind soll nicht die Schwächen der Erwachsenen miterleben. Sie sagten mir nur, das ginge mich nichts an und dass ich weder Vater noch Mutter verlieren würde.

Das stimmte teilweise: Papa bestand auf Kontakt, Mama ließ es zu. Aber ich sah, wie schwer ihr das alles fiel, versuchte sie zu schonen, wann immer ich konnte.

Zahnarzt? An dem Tag waren wir zu spät. Mama schimpfte nicht. Sie merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Erzählst du es mir?, fragte sie, ohne große Hoffnung auf Antwort.

Doch an diesem Abend wollte ich kein typischer Teenager sein. Etwas zerbrach in mir, seit ich meinen zerknüllten Songtext auf dem Boden sah.

Mama… Wie hast du das damals geschafft? Verzeih die Frage, aber wie konntest du Papas Verrat überwinden?

Die Augen meiner Mutter verdunkelten sich, und ich bereute meine Frage fast, doch sie schwieg nicht.

Mit Mühe, mein Sohn. Wenn dich der liebste Mensch hintergeht, der, dem du am meisten vertraust… dann ist es einfach nur schwer.

Am meisten?

Fast, Maximilian. Manchmal traut man nicht mal sich selbst ganz. Und vertraut nur zu einem Teil, auch den Engsten. Mir ist es sehr schwer gefallen, und auch jetzt ist es nicht immer leicht. Aber ich habe dich und war viele Jahre froh. Das ist das Wichtigste.

Und jetzt? Ist dein Leben nicht mehr schön?

Doch, Kind! Sie lächelte aufmunternd. Ich LEBE, verstehst du? Du bist da, das ist das Größte. Ich atme, meine Beine, meine Arme, mein Herz alles da. Und alles andere… Wenn es gegangen ist, dann sollte es wohl so sein. Dann kommt auch wieder was Neues.

Glaubst du, da kommt noch was, Mama?

Alles hat sein Gleichgewicht, mein Sohn irgendwo kommt immer was dazu, wenn anderswo was fehlt! Und jetzt lass uns reden. Wenn du willst…

In ihrer Stimme lag soviel Schmerz und Hoffnung, dass ich mich öffnete.

Wer liebt mich schon so wie sie? Niemand. Das wusste ich ganz sicher. Also vertraute ich ihr alles an und sie verstand.

Mama hörte so aufmerksam zu wie nie. Immer waren wir beschäftigt aber an diesem Abend saßen wir einfach zusammen und redeten. So, wie schon lange nicht mehr.

Nichts hinderte uns, einander zuzuhören. Wir hatten denselben Schmerz und mussten einen Weg finden, damit umzugehen.

Weißt du, Mama, sie drehte sich einfach um und ging weg! Ohne ein Wort!

Da verstehe ich sie sogar. Wenn ihre Gefühle verletzt wurden, konnte sie nicht anders.

Aber sie warf meinen Text weg!

Das war wohl Enttäuschung. Oder Gleichgültigkeit. Im ersten Fall hättest du noch Chancen, im zweiten nicht.

Wie finde ich das raus?

Frag sie.

So einfach?

Warum kompliziert machen? Oft macht man sich Probleme, wo längst alles vertrocknet ist…

Aber warum?

Das kann dir keiner sagen. Sie suchen hundert Gründe weiterzumachen, aber keinen, um aufzuhören und neu anzufangen.

Das versteh ich nicht!

Weil der direkte Weg immer der schwerste scheint. Und ohne Schwierigkeiten wird das Leben öde. Aber jetzt: Versprich mir bloß eines. Egal, was du von ihr hörst tu erstmal NICHTS. Schlaf eine Nacht drüber.

Das kann ich dir versprechen.

Gut so. Und jetzt ab ins Bett! Morgen ist Samstag, und wir haben eine wichtige Aufgabe.

Was denn?

Wir müssen für dich eine Gitarre kaufen.

Wozu?!

Du wirst sehen. Und ich such dir einen guten Lehrer. Frag nicht, ich erklärs später.

Der Plan war genial einfach. Nachdem Sonja auf meine Nachfrage nur mit Kopfschütteln antwortete und über ihren Grund schwieg, schlug Mama vor:

Sing dein Lied!

Wie jetzt?! Nach all dem Spott? Nein!

Doch! Sonst wirst du ewig denken, dass man deine erste Liebe mit Füßen getreten und dich bloßgestellt hat. Dabei war das alles gar nicht so schlimm. Niemand außer Sascha hat über dich gelacht, und schon am nächsten Tag hatte jeder das Lied vergessen. Stimmts?

Tatsächlich: Schon am folgenden Tag gab es in der Klasse ganz andere Aufreger. Ein Video von einer Katze, die auf einem Baum festsitzt. Die Feuerwehr musste sie holen das war das Ereignis des Tages. Mein zerknittertes Lied wurde, wenn überhaupt, nur noch heimlich belächelt, und das auch auf Anraten von Sascha, der sich plötzlich auch in Sonja verguckt hatte.

Der Grund für Saschas Verrat war schlicht Eifersucht. Er wollte die Konkurrenz loswerden, indem er mich lächerlich machte. Und beinahe wäre es ihm gelungen hätte ich nicht den Mut gehabt, für meine Liebe oder zumindest für mein Recht, von ihr zu sprechen, einzustehen.

Und als ich am Abiball mit der Gitarre auf die Bühne trat, hatte ich keine Angst mehr. Mama hatte Recht: Lässt du jemand anderen über dich bestimmen, wird es schwer, je wieder Kraft zu schöpfen.

Ja, ich spielte unsicher Gitarre nur drei Akkorde konnte ich. Die Melodie war einfach, der Text manchmal holperig, die Stimme zitterte. Aber ich sang und im Saal war es plötzlich völlig still.

Alle hörten zu.

Frau Meier tupfte sich verstohlen die Augen, Frau Nagel schluchzte ungeniert und drückte Lena, Mama strahlte stolz und sang mit den Lippen mit. Sonja saß grimmig und schweigsam, Sascha senkte den Blick.

All das sah ich nicht.

Ich sang.

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Homy
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