Echte Ritter
Antje hämmerte flink mit den Fingern auf der Schreibmaschine. Das hatte sie gelernt dieses flinke Hämmern in einem Tippekurs an der Volkshochschule. Ihre Lehrerin, Frau Schröder, lobte sie oft, meinte, dass Antje ein wahrer Glücksfall für jeden Chef werden würde. Und darauf war Antje stolz. So viele Wörter pro Minute, noch dazu fehlerfrei! In Deutsch hatte sie auch nie schlechte Noten. Kein Sehr gut, ganz ehrlich, das Zeugnis lag ja direkt daneben, aber trotzdem Antje war ein ziemlich pfiffiges Mädchen.
So sah es zumindest Opa Kaspar, ein zerzauster, großer Kerl mit zotteligen, grauen Bart und Augen so blau wie der Chiemsee. Wenn Opa Kaspar seine Enkelin in München besuchte, brachte er immer einen großen Sack voller süßer, riesiger Äpfel mit, so groß wie seine Faust. Zucchini brachte er auch, aber die mochte Antje nicht sonderlich. Meist sortierte sie sie stillschweigend auf dem Teller aus und steckte sie heimlich Lotte zu. Lotte war der Hund ein ehemaliger Straßenmischling den Antje, pitschnass, struppig und völlig verirrt, mit nach Hause geschleppt und ihren Eltern das Bleiben abgeschwatzt hatte. Bitte, Mama, Papa, die Arme kann doch nichts dafür… Am Ende durfte Lotte bleiben. Was tut man nicht alles, wenn die Tochter einen so niedlichen Hundeblick aufsetzt!
Antjes Kindheit war voller interessanter Leute. Zum Beispiel kam die Logopädin Frau Wagner regelmäßig. Die unterhielt sich mit Antje, neben der Sprachtherapie, oft über Männer. Dabei ging es aber nie um irgendwas Anrüchiges um Gottes willen! Vielmehr sprach Frau Wagner von Ritterlichkeit, von Heldentaten, davon, dass ein echter Kavalier immer der Dame die Tür offenhalte, höflich sei und sie vor allen Unglücken beschütze.
Mit Unglück meinte sie nicht kleingeschriebene Rechnungen, vollgepackte Einkaufstüten oder matschige Pfützen auf dem Weg nein, echte Männer bewegen sich auf einem höheren Level, wie in den Romanen. Ja, er darf schon mal mit Freunden einen trinken gehen, während die Frau geduldig, gestylt und mit Kerzenlicht auf ihn wartet das Abendessen in vollem Gange und Smalltalk immer auf gehobenem Niveau.
Mein Mann, Antje, ist genau so! Ein feiner Kerl, wirklich! Ehrenmann, charmant, hat Geschmack, kocht und isst gern und spielt fantastisch Volleyball, schwärmte Frau Wagner, vergrub die Füße in den ausgelatschten Pumps. Ich halte ihn von den trivialen Alltagssorgen fern. Müll? Mach ich. Hütte aufräumen, Holz hacken alles kein Problem. Ich fahre sogar selbst Auto. Die Queen macht das doch auch, wieso nicht ich? So bin ich auch eine Lady. Und ich vergöttere meinen Mann.
Antje kuschelte sich dann an Hund Lotte und hörte gebannt zu all diesen Geschichten über echte Männer, Kavaliere, Ritter. Lotte hörte auch immer mit, manchmal bellte sie laut, wenn Frau Wagner zu sehr ins Schwärmen geriet.
Dann schreckte die Lehrerin immer aus ihrem Tagtraum hoch und wusste plötzlich wieder, dass sie eigentlich zum Üben gekommen war…
Ob Antjes Vater wohl so war, wie Frau Wagner schilderte? Ja, stellte Antje zufrieden fest. Er führte ihre Mutter ins Theater aus, trällerte Operetten beim Duschen, war immer fröhlich und ein bisschen wie ein großes Kind.
Antje sah aber nie, wie er abends im Auto saß, die Schläfen gerieben, als würde der Kopf gleich platzen. Wie die Gedanken darin hämmernd pochten, aber: Die Mädels dürfen das nicht merken, sollen sich nicht sorgen. Also riss er sich zusammen, setzte ein Lächeln auf und ging nach oben. Ihre Mutter, Erika, bemerkte zwar die blutunterlaufenen Augen, hakte aber nicht nach sie wartete, bis das Licht ausging und sie im Bett lagen. Dann erzählte er ihr alles. Und Antje, tief schlafend in ihrem Zimmer, ahnte nichts davon, dass der Papa schon viele Beruhigungstropfen getrunken hatte und dennoch nicht zur Ruhe kam nach all den stressigen Meetings
So wuchs Antje auf, umgeben von schönen Menschen, Puppen, antiken Stühlen und Porzellan mit Goldrand. Sie lernte, wie der Mann ihrer Träume sein sollte, beschloss, später zu studieren, vielleicht sogar auf die Schauspielschule zu gehen und einen Schauspieler oder Sänger zu heiraten. Die sind ja alle charmant, eloquent, echte Ritter, können schöne Dinge sagen und sich außergewöhnlich kleiden!
Die Schauspielschule lehnte Antje ab mangels Talent, hieß es. Das traf sie sehr, immerhin hatte Opa immer bei ihren improvisierten Theaterstücken im Wohnzimmer geklatscht und die Mutter gemeint: Antje, du bist ne geborene Schauspielerin! Nur der Vater blieb immer ruhig. Und Antje erfuhr nie, dass sie nur durch die Bemühungen ihres Papas keinen Platz bekam er wollte nicht, dass seine Tochter ihr Leben lang in fremde Rollen schlüpfte. Das, so sagte er, sei was für Leute, die viel durchgemacht hätten unsere Antje ist viel zu behütet. Die kann kein echtes Leiden darstellen.
Na ja, kein Weltuntergang, beschlossen Antje und ihre Mama. Antje bewarb sich an der Pädagogischen Hochschule. Sie mochte Kinder, spielte im Hof immer mit den Kleinen Fangen und baute im Winter Schneemänner. Danach brachte sie die rotbackige Rasselbande zum großen Tisch zu Hause, wo sie Mamas Apfelkuchen servierte wie eine richtige Dame.
Als der Bewerbungsstress vorbei war, blieb an der Hochschule nur noch ein Abendplatz frei. Also fing Antje als Sekretärin bei einem alten Bekannten ihres Vaters an, Herrn Gernot Schulze.
Herr Schulze war oft bei ihnen daheim, kannte Erika, Antjes Mutter, gut und setzte Antje sogar als kleines Mädchen noch auf den Schoß. Sie vertraute ihm und fühlte sich fast wie eine Nichte behandelt.
Antje enttäuschte ihn nie. Sie tippte zuverlässig und schnell, stellte keine unnötigen Fragen, machte kaum Fehler und kam nie zu spät.
Nun, Antje So, so, brummte Herr Schulze, während er das frisch getippte Blatt betrachtete. Geben Sie mir mal bitte einen Stift Ach was, ich hab ja selber einen. Ja, ja Er schrieb Anmerkungen dazu, runzelte manchmal die Stirn dann fürchtete Antje, es läge an ihr. Doch oft folgte dann doch ein Lächeln: So lassen wir das. Sie machen die Korrekturen, dann klingt das noch besser. Und wie wäre es mit einer Tasse Tee, Antje?
Herr Schulze stand dann behäbig auf und machte sich selbst einen Tee. Er mochte es gar nicht, wenn ihm jemand bediente das erinnere zu sehr an Untertanengeist, sagte er.
Anfangs war Antje bei der Teefrage immer gleich aufgesprungen und klapperte mit Besteck in einem Eisenbahn-Untersetzer, aber einmal hatte Herr Schulze sie deswegen so streng ermahnt, dass Antje fortan keine Hilfsdienste mehr anbot.
So arbeitete sie ruhig im Vorzimmer, kickte heimlich die Schuhe unter dem Schreibtisch aus und wartete auf eine Ansage. Nebenher studierte sie, ging mit Freundinnen auf dem Sendlinger-Tor-Platz flanieren oder fuhr mit der Mama wie immer nach Prien am Chiemsee, ins selbe Gästezimmer von Frau Bruckner, wo Antje immer Aprikosen aus dem eigenen Garten bekam.
Aber dann, ganz ohne es zu ahnen, wurde Antjes Leben durcheinandergebracht: Sie wurde zum Geburtstagsbankett von Herrn Schulze eingeladen und lernte dabei seinen Neffen kennen, Jörg.
Jörg groß, etwas schlaksig, aber mit breiten Schultern, kein Schwächling. Die schlanke Figur stand ihm sogar. Und, das Wichtigste: Er war einfach genau so, wie Frau Wagner immer über Ritter erzählt hatte.
Antje saß am Tisch, nestelte an einer Haarsträhne und starrte Jörg an. Der kümmerte sich rechts und links um die Damen, schenkte Sekt ein, reichte Teller mit fantastischem Lachs und Witzchen, hielt brillante Trinksprüche. Die älteren Frauen schmolzen dahin bei seiner rauchigen Stimme, Herr Schulze schüttelte zwar den Kopf, als ob er tadeln wolle, aber Antje merkte: Er war stolz auf den Neffen! So einen hat nicht jeder Chef!
Antje fühlte sich ein wenig fehl am Platz zwischen den verheirateten Frauen und deren Ehemännern, als hätte sie bei den Großen nichts zu suchen.
Darf ich bitten?, hörte sie auf einmal Jörg hinter sich und wunderte sich, wie lange er wohl schon quasi neben ihr stand.
Äh ja, klar, stotterte sie und sah Herrn Schulze einen zustimmenden Blick zuwerfen.
Tanzen konnte sie das hatte Mama ihr beigebracht. Jörg hingegen latschte ihr ein paar Mal auf die Füße, lachte verlegen und sagte: So Tänze kann ich gar nicht. Ich mags lieber modern. Und, Antje, warst du schon mal in Paris?
Er drehte sie im Kreis, der ganze Raum wurde langsam schwindelig, und Antje musste kichern. Nein, Paris kannte sie nicht, nur den Bodensee und Binz an der Ostsee.
Jörg lachte, versprach, Antje bringe ihr gleich noch einen Kompott.
Sie schaute ihm zu, wie er am Buffet den Damen zulächelte, und plötzlich war ihr klar: Das ist er, der echte Ritter! Und sie war verliebt. Kein Durchschnittsmann mit Zigarettengeruch, kein Busfahrer. Nein Jörg, der Held!
Frau Wagner hatte recht: gepflegt, charmant, vorausschauend und aufmerksam…
Sie tranken Kompott, aßen Trauben Jörg holte einen riesigen Teller voll süßer Weintrauben und erzählte witzige Geschichten von Reisen: über Pariser Enten und Nebel über der Themse in London. Und Antje musste die ganze Zeit lächeln, fühlte sich wie mitten im Tanz.
Gegen neun bestellte Jörg ein Taxi.
Zuerst fuhren sie schweigend, dann fragte Jörg, wo Antje studiere.
Sie piepste: Pädagogik, abends. Ob das Jörg gefiel? Konnte sie nicht sagen.
Und du?, wagte sie zu fragen.
Bauingenieurwesen. Langweilig, ehrlich gesagt. Ihr Pädagogen habts besser. Ich fand Schule immer toll. Und du?
Doch, vielleicht mochte ichs auch. Gehört halt dazu
Dann quatschten sie über Bücher (Jörg mag Lyrik, vor allem Rilke, Antje steht auf Romane Marke Fontane, versteht aber meist nur die Hälfte), entdecken, dass sie beide als Kinder Hunde und gigantische Äpfel hatten.
Beide voller Idealismus, überzeugt, eines Tages werde bei ihnen alles besser und schöner als bei den Alten. Keine lauten Küchenstreits, keine Vorwürfe, keine Missverständnisse. Ihr Leben würde eine perfekte, neue Generation begründen!
Der Taxifahrer grinste. Es ist schön, jung zu sein und an das pure Glück zu glauben
Antje wollte noch etwas erzählen, aber das Taxi hielt vor ihrem Haus. Jörg begleitete sie zum Eingang, küsste höflich ihre Hand.
Danke dir, murmelte Antje verlegen.
War doch ein schöner Abend, Antje! Gute Nacht!, antwortete er und verschwand, bevor sie noch recht reagieren konnte.
Erst als sie die Augen wieder aufschlug, war nur noch eine Rose da jene aus der Vase vom Bankett, die Jörg wohl einfach mitgenommen hatte
Na und? Für mich!, dachte Antje und steckte sie stolz ein.
Zuhause erwartete sie ihre Mutter im Hausflur, gähnte: Antje, hast du Hunger?
Doch Antje schlich direkt in ihr Zimmer, trug die halb verwelkte Rose wie eine Auszeichnung herein und zog die Türe zu
Den Freundinnen erzählte sie nur wenige Details über Jörg.
Und, was ist er für einer?, hakte die langbeinige Bettina nach. Sie hatte sofort gepeilt, dass Antje verliebt war.
Ein ein Ritter, Mädels! Ein echter Ritter, genau so hab ich mir meinen zukünftigen Mann vorgestellt. Da war leises Seufzen. Tragische Heldinnen hätte sie spielen können, der Vater lag mit seiner Einschätzung falsch…
Wars denn romantisch? Habt ihr euch geküsst?, stichelte Lisa, die im knallgelben Kleid immer wie ein Küken aussah.
Ja… also, nein, stotterte Antje. Wir haben getanzt und Kompott getrunken. Er hat mich nach Hause gebracht und meine Hand geküsst.
Lisa seufzte wehmütig. Sie träumte auch von Tanzen, Kompott und großen Gesten.
Die anderen Mädchen lächelten still. Nur Sabine, ein kantiges Sportass vom Basketball, sagte: So ein Quatsch! Der veräppelt dich nur! Solche Typen laufen haufenweise rum, schleimen und verschwinden dann einfach! Viel heiße Luft, da ist nichts dahinter. Lauf lieber bei uns mit, im Verein, da gibts echte Menschen!
Um ihre Worte zu untermauern, klopfte Sabine fest auf die Fensterbank. Antje zuckte zusammen es tat ihr weh, als hätte Sabine direkt sie getroffen.
Lisa zog die Schultern hoch. Sie wollte lieber ein bisschen träumen, von schönen Momenten und großen Gefühlen. Lass sie reden, Sabine ist nur neidisch. So was erlebt sie halt nie…!
Ich will kein Deko-Objekt sein. Mein Job ist, euch Aschenputtel zu warnen. Jetzt beginnt eh gleich die Vorlesung!, lachte Sabine und marschierte voraus.
Den ganzen Abend dachte Antje an nichts anderes als daran, wie Jörg ihre Hand nahm und ihr etwas Unerhörtes ins Ohr flüsterte. Sie glühte dabei wie eine Tomate, fühlte ihr Herz hupfen und ihre Knie zittern.
Frau Pasing, fragte Professor Müller, gehts Ihnen nicht gut? Vielleicht möchten Sie mal kurz raus an die frische Luft?
Antje schüttelte den Kopf und begann, eifrig mitzuschreiben
Jörg tauchte lange nicht mehr bei Herrn Schulze auf Antje hatte sich gerade an den Alltag gewöhnt. Jeden Tag auf dem Weg nach Hause träumte sie, ihn zufällig zu treffen, vielleicht am Eisladen Doch dann war es immer nur ein anderer.
Einmal, als sie gerade für Herrn Schulze ein Dokument abtippte, telefonierte Frau Michel die zweite Chefsekretärin und tuschelte am Hörer: Jörg? Ach hör auf, der will heiraten? Ich lach mich schlapp… Interessanter Junge, aber ich hab ihn im Restaurant gesehen mit der na du weißt schon, der kleinen Pasing. Süß, tänzelnd! Ach, was, das kannst du vergessen!
Antje schaute auf, ein Kloß steckte im Hals: Was ist los?
Ach nichts, Jörg will angeblich heiraten, sagt seine Mutter. Du, konzentrier dich lieber aufs Tippen!
Antje merkte, wie die Tränen stiegen, das Kinn bebte, ihre Hände tippten hektisch. Ihr Herz sackte ab Sabine hatte doch recht gehabt! Wie konnte sie so naiv sein?
Herr Schulze kratzte am Hals das Hemd juckte, der Sakko klebte. Noch schnell diesen Vortrag halten, dann nach Hause, endlich Wochenende.
Als er auf die Bühne trat, goss er sich Wasser ein, alle beobachteten ihn gespannt, als müsste jetzt ein Paukenschlag kommen. Nichts, nur sein üblicher, trockener Bericht.
Somit war der Märzplan, las er. Und dann, versteckt zwischen den Geschäftszeilen:
Und Jörg ich liebe dich! Du bist, wie Frau Wagner sagte, ein wahrer Ritter. Aber du heiratest das bricht mir das Herz…
Herr Schulze stolperte, blätterte panisch, hörte auf zu lesen, wurde rot, knallte die Fäuste auf das Rednerpult: So ein Unsinn!, rief er und verließ die Halle wie von der Tarantel gestochen.
Im Vorzimmer saß Antje, allein, die Tränen liefen. Frau Michel hatte sie dabehalten, sie solle warten. Sie hörte die Wespe am Fenster brummen, aber sie nahm sie kaum wahr.
Herr Schulze stürmte herein, stolperte über den Teppich, beugte sich über Antje: Was sollen die Rittergeschichten in meinem Vortrag?! Was hast du da abgetippt?! Wütend, enttäuscht, peinlich berührt. Nach einer bedrückenden Stille sprang Antje auf, rannte hinaus, fort, raus in den Regen, mitten in die Pfützen, egal was um sie herum geschah.
In der U-Bahn beruhigte sie sich langsam, wischte sich mit dem Pullover das Gesicht ab. Wie konnte das nur passieren? Was für eine Blamage! Morgen werde alle lachen, sie muss wohl kündigen
Zuhause fragte Mama vorsichtig: Willst du nicht zum Bäcker, frische Luft schnappen? Aber Antje schüttelte den Kopf, trank kalten Tee, schlang sich fester in die Strickjacke und ging einkaufen, einfach, um etwas zu tun.
Im Laden stand sie ratlos vorm Regal, wusste gar nicht mehr, welchen Laib Brot sie daheim immer aßen. Schließlich griff sie zum Bauernbrot, dann doch zum normalen Weizen aber eigentlich war es egal, Hauptsache, irgendwas.
Auf dem Rückweg prallte sie mit jemandem zusammen groß, breitschultrig. Sie sah auf.
Jörg?, flüsterte sie, lief sofort knallrot an.
Wenn Antje sich schämte, glühten die Ohren feuerrot. Der Vater fand das immer amüsant, die Mutter auch, aber Antje mochte es gar nicht. Auch jetzt, als Jörg sie sanft an den Schultern drehte.
Antje, ich hab den Vortrag gelesen. Ganz großes Kino! Du solltest Bücher schreiben
Er grinste, und Antje wollte am liebsten einfach weglaufen.
Ihr fiel auf, dass Jörg eine schmutzige Arbeitskleidung trug, mit Farbflecken und Staub darauf. Warum bist du so angezogen?
Praktikum auf dem Bau. Ziemlich dreckig heute. Ein Ritter sollte wohl höflicher aussehen, oder?, zwinkerte er. Sie gingen nebeneinander her, Antjes Brottüte schaukelte.
Wer von der Baustelle kommt, darf auch mal schmutzig sein. Dann wischt die Dame das Gesicht mit dem parfümierten Taschentuch ab, lachte Antje.
Na dann, los bitte! Die Füße tun eh schon weh, schon wollte er sich auf eine Bank setzen, aber Antje zog ihn kichernd weiter.
Tut mir leid wegen Herrn Schulze. Ich glaube, ich muss kündigen. Jetzt lacht doch jeder über mich!, seufzte sie und kickte einen Kieselstein.
Ach was. Mir hats gefallen war richtig literarisch. Du hast Talent! Weißt du was? Komm doch mit zu uns, nur Oma ist daheim. Ich dusche schnell, dann wird zu Mittag gegessen und wir reden. Komm, zu Oma Gertrud!
Warum sie alle Gertrud riefen, obwohl sie Anna hieß, wusste keiner.
Drinnen rief Jörg ein lautes: Oma Gertrud, wir sind daaa!, und die Großmutter begann gleich, den Tisch zu decken. Als sie Antje sah, lachte sie: Na, hast du schon das Kochen gelernt, Kindchen?
Ach, ich kann keinen Eintopf, keine Pfannkuchen…, gestand Antje verlegen.
Was soll’s!, schnaubte Jörg. Ritter wollen Fleisch, und viel Kartoffeln! Kannst du etwa keine Bratkartoffeln machen?!
Er tat beleidigt, aber Oma Gertrud winkte ab: Ach, Kind, das muss man alles erst lernen! Du auch, Jörg, Meister auf dem Bau, aber Backsteine setzen kannst du kaum. So ist das. Kommt, trinkt Tee und lasst euch nicht verrückt machen. Heutige Ritter sind handfest, bodenständig, Nichtraucher vielleicht Mein Mann hat gern geraucht, aber war trotzdem ein guter.
Antje nickte und musste bei dem Bild von Jörg auf einem hölzernen Steckenpferd lachen…
Sie war keine echte Lady, verstand nicht, wofür man im Restaurant drei Gabeln braucht, konnte die Haare kaum stylen, wischte manchmal die Hände am Kleid ab. Ihr allererster Eintopf bestand quasi aus Wasser, die Kartoffeln wurden schwarz. Doch Jörg, wie ein wahrer Kerl, sagte nie etwas, sondern wartete geduldig, bis sie alles lernte. Den Vortrag für die Sachsendorfer Freunde hob er bis heute auf. Hätte sie damals nicht diesen Fehler gemacht, hätte er ihr nie einen Antrag gemacht!
Heiraten wollte er eigentlich gar nicht, hatte den Eltern nur irgendetwas erzählt Tja, dann kam alles ins Rollen und Antje outete sich prompt, landesweit.
So kam es zum Bund fürs Leben, aber erst nach beider Abschluss. Sie renovierten gemeinsam die Wohnung, Antje schüttete dabei Kleister über ihren Mann der brummte, aber schimpfte nicht. Alltag eben.
Beim ersten Versuch, Sülze zu machen, überschüttete Jörg das Gelbe mit Pfeffer, aber Antje aß dazu mehr Brot und klagte nicht.
Keiner war mehr affektiert oder spielte große Rollen. Die Ritter von heute waren eben Leute wie du und ich, und auch die Ladies scheuten vor nassen Lappen und schmutzigen Händen nicht zurück. Für große Feste war sowieso keine Zeit
Im Sommer rannten sie barfuß durch den Gemüsegarten, im Winter wälzten sie sich im Schnee, lachten gemeinsam über ihre kleinen und größeren Sorgen.
Antje entdeckte eine neue, echte Welt.
Mama, fragte sie einmal Erika: Warum wart ihr damals so auf Politur und glatte Fassaden aus? Warum gabs immer nur schöne Szenen und kaum echte Nähe?
Tja, Kind. Wir sind im Schatten der Nachkriegszeit groß geworden da waren Sorgen überall, alle haben gejammert, bei Kaffee oder auf der Parkbank. Wir wollten für dich einfach ein unbeschwertes, fröhliches Zuhause. Weil wir dich lieben.
Endgültig verabschiedete Antje sich vom Kindsein, als ihr Vater krank wurde. Krankenhaus, der Vater leichenblass der Schock saß tief. Von da an war kein Platz mehr für Märchen von Rittern und Damen. Hauptsache, Vati wird wieder gesund
Er wurde es, nicht mehr so munter wie früher, aber er wartete tapfer auf Enkel und reiste zur Reha. Opa Kaspar auch, längst alt, aber zäh. Die Äpfel brachten nun die Enkel zum Opa, machten Kompott und brachten Winterkuchen nach Omas Rezept zu den Nachbarn.
Einige Jahre nach der Hochzeit traf Antje auf der Straße Frau Wagner wieder. Ob sie ihren Ritter gefunden habe, fragte die. Ja, und wie! Heiratsantrag auf Knien, Liebesbrief, all das, erzählte Antje.
Und? Was ist er von Beruf?, fragte Frau Wagner selig.
Bauingenieur.
Wie? Kein Künstler?, staunte Frau Wagner.
Doch, ein Künstler auf der Baustelle! Alles andere braucht kein Blech und keine Rüstung…, lachte Antje.
Ach, wohin steuert die Welt… Aber vielleicht ist das ja besser so. Meiner sitzt nur noch faul auf dem Sofa und lässt sich bedienen. Und ich dachte immer ach na ja alles Gute dir, Antje! Sie verschwand, und Antje lächelte.
Wie gut, dass Jörg kein Märchenritter ist, sondern ein normaler Typ. Mit ihm darf sie selbst sein, braucht keine Rolle zu spielen, muss nichts vormachen. Das ist hundertmal besser als Traumprinzen, die perfekte Frauen wollen am Ende nur ein Drama.
Also, Antje machte sich an ihre kleinen, alltäglichen Aufgaben. Und war dabei vielleicht glücklicher als jede Lady aus einer alten Erzählung.




